Ausgabe 423
Gesellschaft

"Alle erschießen, fertig"

Von Minh Schredle
Datum: 08.05.2019
Pünktlich zum Tag der Pressefreiheit landet eine Morddrohung im Mailpostfach: Regelmäßig attackieren Rechtsextremisten die Redaktion der linken "Beobachter News". Chefredakteur Alfred Denzinger will nicht klein beigeben.

Drohbriefe, zerstochene Autoreifen, Farbanschläge auf die Wohnhäuser – solche Attacken sind Alfred Denzinger und die Redaktion der "Beobachter News" fast schon gewohnt. Nun allerdings haben die Angriffe eine neue Qualität. "Die Denzinger-Mischpoke töten", ist eine Mail vom 03. Mai, dem Tag der Pressefreiheit, überschrieben. In der Nachricht schildern anonyme Rechtsextremisten, wie sie den Chefredakteur des linken Onlinemagazins "wegen feindlicher Agitation gegen das deutsche Volk" verbrennen und seine ganze Familie "der Ausrottung anheimstellen" wollen.

"Es ist klar, was sie bezwecken", sagt Denzinger, "aber das werden sie nicht erreichen: Ich höre nicht auf." Die bewegungsnahen "Beobachter News" aus Rudersberg berichten regelmäßig über rechte Umtriebe im Südwesten, was vielen Faschisten, Rechtsextremen und Neonazis ein Dorn im Auge ist. Kürzlich, nur zwei Tage nach der Morddrohung, dokumentierten sie beispielsweise, wie Wahlkämpfer der AfD in Fellbach ihren eigenen Infostand zerlegen, um sich als Opfer der Antifa zu inszenieren und den vermeintlichen Übergriff auf eine Ebene mit dem industriellen Massenmord an Millionen von Menschen zu stellen. "Wir sind die Juden von heute!", schreien sie, und die Filmaufnahmen der "Beobachter News" bilden dieses ab, ebenso wie den offensichtlich angetrunkenen älteren Herrn, der empört auf linke Demonstranten zeigt und der Polizei empfiehlt: "Alle erschießen, fertig" – ohne dass sich die Ordnungshüter genötigt sähen, einzuschreiten. 

Der Text ist schlimm, die Kommentare sind viel schlimmer 

Mitte April berichtete der SWR über politisch motivierte Kriminalität gegen Fotografen und Journalisten, auch Denzinger kam – als unmittelbar Betroffener – mit einem Statement zu Wort. Für die Übergriffe auf Pressevertreter macht er dort auch die Hetze verantwortlich, wie sie auf rechtsradikalen und -extremen Plattformen betrieben wird. Die Politik könne laut Denzinger dafür Sorge tragen, dass den Portalen untersagt wird, so etwas zu verbreiten. 

Die Reaktionen selbiger Plattformen ließen nicht lange auf sich warten. Sie veröffentlichten, in bewährter Manier, zwei Tage später einen Hetzartikel über Denzinger, verbunden mit abenteuerlichen Unterstellungen und kreativen Einordnungen ("der linkslastige SWR"). "Der Text selbst war schlimm", sagt der Betroffene, "aber die Kommentare darunter waren noch viel schlimmer." Unter anderem wird er dort zum "Anal Zäpfchen der Relotius Presse [sic!]" erklärt, was unter all dem geistigen Unrat, der sich in den Kommentarspalten entlädt, noch eine der geschmackvolleren Beleidigungen darstellt. Ein anderer schildert hier seine Vernichtungsphantasien und erläutert ausgiebig seinen Wunsch, Denzinger bis zu seinem Lebensende Zwangsarbeit verrichten zu lassen. Die Moderation schreitet erst ein, als jemand Privatadresse des Journalisten postet: Denn die "muss hier nicht veröffentlicht werden. Sie ist auf seiner Seite schnell auffindbar. Mod".

Die aktuelle Morddrohung bringt Denzinger mit dieser Veröffentlichung in Verbindung. Nun sind Polizei und Staatsanwaltschaft aktiv geworden, "der Staatsschutz ist zuversichtlich, dass sich die Täter ermitteln lassen", wie Denzinger berichtet. Er selbst ist aber skeptisch, bis Resultate vorliegen. Vier mal wurde sein Wohnhaus bereits zum Opfer von Farbanschlägen, die "Autonomen Nationalisten" im Rems-Murr-Kreis haben per Graffiti aufgerufen, Denzinger zu jagen. Auch andere Redaktionsmitglieder der "Beobachter News" wurden bereits bedroht, einer von ihnen erhielt erst kürzlich eine anonyme Warnung respektive Drohung über Facebook zugestellt: "du solltest dir polizei schutz besorgen." 

Obwohl sich zahlreiche Vorfälle auflisten lassen, hatten die Ermittlungsbehörden bislang noch kein einziges Mal Erfolg dabei, die Täter ausfindig zu machen. Denzinger hat allerdings den Eindruck, dass die staatlichen Behörden ernsthafter um Aufklärung bemüht sind – seit die Angriffe auf ihn und die Redaktion der "Beobachter News" größere mediale Aufmerksamkeit erhalten. Nicht nur der SWR und die "Waiblinger Kreiszeitung" berichteten. Auch überregional findet der Fall Verbreitung, dank Artikeln in der "Frankfurter Rundschau", dem "Neuen Deutschland" und in "Menschen machen Medien", einer Zeitschrift der Deutschen Journalisten Union (dju). Deren Bundesgeschäftsführerin Cornelia Berger betont: "Die dju versichert den angegriffenen Kolleg*innen, die aktiv gegen Rechts auftreten, ihre uneingeschränkte Solidarität."


Gefällt Ihnen dieser Artikel?
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!

0 Kommentare verfügbar

Keine Kommentare gefunden!

Neuen Kommentar schreiben

KONTEXT per E-Mail

Durch diese Anmeldung erhalten Sie regelmäßig immer mittwochvormittags unsere neueste Ausgabe unkompliziert per E-Mail.JETZT ANMELDEN

Letzte Kommentare:
















Die KONTEXT:Wochenzeitung lebt vor allem von den kleinen und großen Spenden ihrer Leserinnen und Leser.
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!