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Uni-Projekt Tübinger Hausbesetzungen – Javadi-Haus

Tod im Würgegriff

Uni-Projekt Tübinger Hausbesetzungen – Javadi-Haus: Tod im Würgegriff
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Am 19. August 1987 wurde Kiomars Javadi 18 Minuten lang von einem Supermarktlehrling gewürgt. Er starb. Angeblicher Auslöser: ein Diebstahlversuch. War die eigentliche Ursache Rassismus? Zwei Jahre später ehrt eine Hausbesetzung den Getöteten.

Im Mai 1986, während des Ersten Golfkriegs, floh Kiomars Javadi aus dem Iran, um seinem Einzug in die Armee zu entgehen. Über die Türkei gelangte er in die damalige DDR und schließlich von Ostberlin in die Bundesrepublik nach Karlsruhe. Von dort schickte man ihn in ein Sammellager für Asylsuchende nach Tübingen. In der Thiepval-Kaserne (Kontext berichtete) zwischen Hegel- und Schellingstraße bewohnte Javadi mit seiner Frau Marjan, die kurze Zeit später nachkam, und einem weiteren Ehepaar ein Zimmer. 

Uni-Projekt Tübinger Hausbesetzungen

Seit 1968 wurden in Tübingen Häuser besetzt. Die Münzgasse 13, die Schellingstraße 6 oder die Ludwigstraße 15, sie alle wurden – oft mithilfe des Mietshäuser Syndikats – dem Immobilienmarkt entzogen. Die Tübinger Verwaltung hat bei alldem eine rühmliche Rolle gespielt, denn im Gegensatz zu anderen Städten, die besetzte Häuser oft brachial räumen ließen, galt dort ab Ende der 1970er die "Tübinger Linie": Das Studentenwerk hat häufig die Trägerschaft für die Häuser übernommen, die Wohnraum boten oder aktuell noch bieten in einer Unistadt, in der günstiges Wohnen Mangelware ist. 

Elias Raatz, Tübinger Autor, Journalist und Medienwissenschaftler, hat 2025 zusammen mit dem Journalisten Lucius Teidelbaum ein Buch geschrieben über das Tübinger Epplehaus – einst besetzt, heute ein selbstverwalteter Jugendclub. Als Gastdozent am Institut für Medienwissenschaften hat er in Kooperation mit dem Tübinger Experten Marc Amann und der Kontext-Wochenzeitung im vergangenen Wintersemester ein ganzes Journalistik-Seminar zu Tübingens ehemals oder noch heute besetzten Häusern angeboten. Herausgekommen sind acht sehr gut recherchierte und geschriebene Texte, die die ganz eigenen Geschichten der einzelnen Häuser beschreiben und von den Träumen, Gedanken und Erfahrungen der Besetzenden und Bewohner:innen erzählen. Demnächst werden sie in ein zweites Buch gegossen. In den kommenden Wochen veröffentlichen wir jede Ausgabe einen gekürzten Beitrag daraus. Bereits erschienen: 

•  Menschenrecht auf Wohnen verteidigen
•  "Wir hol'n jetzt unser Haus!"
•  Gefängnisgitter im Keller
•  Ein Zuhause gegen alle Widerstände
•  Raum für Selbstbestimmung  (red)

In der Kaserne warf man Menschen aus unterschiedlichen Kulturen mit teils schweren persönlichen Schicksalen in eine neue Welt, in der sie mit bis zu zehn Personen pro Zimmer auf engstem Raum zusammenleben mussten. Oft litten sie unter psychischen oder psychosomatischen Krankheiten als Folge ihrer Flucht oder einer in ihrer Heimat erlebten Traumatisierung. Trotz vieler Bemühungen, vor allem seitens der Tübinger Stadtgesellschaft, prägten Langeweile, Hoffnungslosigkeit, Depression, Alkohol- und Drogenkonsum den Alltag.

Ein Supermarktlehrling auf Diebesjagd

Kiomars Javadi betrat am 19. August 1987 gegen 16.30 Uhr das Lebensmittelgeschäft der Firma Pfannkuch in der Karlstraße 3. Er packte Shampoo, Tiefkühlgerichte, Weinbrand und Rindsrouladen in einen Einkaufswagen. Als er den Wagen in Richtung des Hinterausgangs schob, bemerkte ihn eine Mitarbeiterin, sie deutete Javadis Verhalten als versuchten Diebstahl. Bereits früher am selben Tag habe er im Supermarkt stehlen wollen, behauptet eine Pfannkuch-Angestellte in einem späteren Gerichtsverfahren. "Nicht böse sein", soll er gesagt haben, als er ihr zwei Shampoo-Flaschen zurückgab.

Am Nachmittag ließ Javadi nun seinen vollen Wagen im Laden stehen, nahm sich stattdessen eine Bierdose aus dem Regal und wollte sie an der Kasse bezahlen. Dort stellte ihn der Metzger zur Rede und sagte, er könne die frischen Rindsrouladen nicht zurückgeben. Dem anschließend geäußerten Vorwurf, er habe klauen wollen, widersprach Javadi. Allerdings hatte er nicht genügend Geld für den gesamten Einkauf bei sich.

Als sich Javadi nach diesem Wortwechsel weigerte, in das Hinterzimmer des Supermarktes mitzukommen, wurde er von einem Lehrling bei Pfannkuch gepackt und mitgezerrt. Den Lehrling verband bereits eine Reihe von Diebstahlsversuchen mit dem Laden. Seit Beginn seiner Ausbildung häuften sich die angezeigten Diebstähle im Lebensmittelgeschäft: Von den insgesamt 35 geschnappten Ladendieben der vergangenen vier Jahre machte er allein über die Hälfte innerhalb seiner einjährigen Lehrzeit dingfest und verzichtete dabei sogar auf die 50 Mark Fangprämie seines Arbeitgebers. Zwölf der 19 durch den Lehrling Ertappten waren Asylbewerbende.

Was genau an diesem 19. August 1987 im Hinterzimmer des Supermarkts geschah, bleibt unklar. Pfannkuch-Angestellten behaupteten, Javadi habe gedroht und dem Lehrling einen Stoß vor die Brust versetzt, woraufhin der Filialleiter die Polizei rief. Dass die Gewalt von Javadi ausging, ist zweifelhaft, schließlich gab der Lehrling später zu, "einen Gummiknüppel fachgerecht in der Hand gehalten" zu haben, welchen er sich, nachdem ihn ein früherer Ladendieb einmal überwältigt hatte, extra angeschafft hatte. Javadi konnte sich aus dem Hinterzimmer befreien und floh in den Hinterhof des Lebensmittelgeschäfts. Dort wurde er eingeholt und von Lehrling und Filialleiter zu Boden geworfen. Als der Metzger dazukam, biss ihn Javadi in den Finger. Schlussendlich lag der mutmaßliche Dieb mit dem Gesicht nach unten auf dem Boden, vom Lehrling festgehalten und gewürgt, während der Filialleiter ihm die Beine verdrehte.

Ein langsamer Tod unter Zeugen

Der Hinterhof des Supermarkts führte direkt auf die Wöhrdstraße, wo mehr als ein Dutzend Schaulustige das Geschehen mitbekamen. Mehrere Passant*innen riefen dem Lehrling zu, er solle Javadi loslassen, doch ohne Erfolg. Im Hinterhof versammelten sich nun einige Menschen, auch sechs bis sieben weitere Pfannkuch-Mitarbeitende, von denen manche den Umstehenden gedroht haben sollen. Von den vielen Beobachtenden schritt niemand ein. 

Erst als nach 18 Minuten durchgehenden Würgens die Polizei eintraf, ließ man von Javadi ab. Der zuständige Gerichtsmediziner sagte später aus, Javadi sei bereits nach vier bis sechs Minuten an Atemnot und Herzstillstand verstorben. Zudem wäre es völlig ausgeschlossen, dass Lehrling und Filialleiter den Todeskampf Javadis nicht bemerkt hätten. Ob tot oder nicht machte für die angerückte Polizei keinen Unterschied. Sie legte dem Getöteten Handschellen an, bis schließlich ein Krankenwagen kam.

Die Staatsanwaltschaft ermittelte wegen Körperverletzung mit Todesfolge, doch bereits am folgenden Tag ordnete der zuständige Staatsanwalt an, die festgenommenen Täter wieder aus der Untersuchungshaft freizulassen. Die Supermarktmitarbeiter wurden in anderen Pfannkuch-Filialen weiterbeschäftigt. Eine Stellungnahme gab es nicht. Im Prozess gegen die Täter kam es nach zehneinhalb Monaten zur Gerichtsverhandlung. Richter Rolf Dippon nahm dabei lediglich unvereidigte, aber einheitliche Zeugenaussagen von Angestellten in die Beweisaufnahme auf. Obwohl Javadi kein Diebstahl nachgewiesen werden konnte, wurde sein Verhalten vom Gericht als Auslöser für den Würgegriff betrachtet. Rassismus als Tatmotiv wurde nicht als Grund anerkannt. Auch fragte Richter Dippon nicht nach dem Gebrauch des Knüppels durch den Supermarktlehrling, dafür jedoch nach dem Biss Javadis, der später folgte. Schließlich wurden der Filialbesitzer und der Lehrling zu 18 Monaten Freiheitsstrafe auf Bewährung verurteilt. 

"Wenn dieser Tote ein Deutscher gewesen wäre ..."

Drei Tage nach Javadis Tod demonstrierten über 2.000 Tübinger*innen bei einem Schweigemarsch gegen Rassismus und Ausländerfeindlichkeit. Der damalige Oberbürgermeister Eugen Schmid beschrieb die Woche nach dem schicksalhaften Supermarktbesuch als eine "von höchster kommunalpolitischer Brisanz". Es hätten sich "alle politischen Richtungen in wenigen Tagen vereinigt" und er habe "die Last der ganzen deutschen Geschichte in der Gegenwart" spüren können. Im "Schwäbischen Tagblatt" kritisierten über 120 Leserbriefe das aktuelle gesellschaftliche Klima und die Bedingungen für Asylsuchende.

Javadis Fall sorgte auch deutschlandweit für Aufsehen. Sein Tod fiel in die Zeit der 1980er-Jahre, in der viele Geflüchtete nach Deutschland kamen und die allgemeine Stimmung in Gesellschaft, Politik und Medien sukzessive rassistischer wurde. In einem Gedicht schreibt der österreichische Lyriker Erich Fried: "Wenn dieser Tote ein Deutscher gewesen wäre, dann wäre er nicht tot in der Hand seiner Greifer geblieben, weil man mit Mitbürgern bekanntlich freundlicher umgeht als mit so fremdem dahergelaufenem Pack. Wenn dieser Tote ein Deutscher gewesen wäre, hätten sie sich erinnert, dass er ein Mensch war."

Im Zusammenhang mit den bundesweiten Studierendenprotesten im Herbst 1988 demonstrierten im Dezember in Tübingen rund 8.000 Studierende gegen die sich verschlechternden Studien- und Lebensbedingungen. Aus Unzufriedenheit mit der Form der bisherigen regionalen Proteste besetzte eine Gruppe im Januar 1989 die leerstehende ehemalige Neurologische Klinik der Universität Tübingen. Eine "Luxusbesetzung", denn es gab eine gute Infrastruktur, einen Wasseranschluss pro Zimmer, Toiletten auf jedem Flur, große Bäder und eine eingerichtete Küche. Die Besetzer*innen wollten aufzeigen, wie viel möglicher Wohnraum von der Universität genutzt und anschließend nicht wieder freigegeben werde.

Die Aktion der Besetzer*innen war durchdacht: Am 19. Januar 1989 kamen um 15.45 Uhr etwa 50 Studierende ins Haus, legten ihre mitgebrachten Schlafsäcke auf die Krankenbetten und hängten Banner an der Außenfassade auf. Das Gebäude benannten sie nach dem Getöteten.

Im Javadi-Haus kamen Menschen aus sehr verschiedenen Lebenslagen und mit unterschiedlichen Bedürfnissen zusammen: Arbeiter*innen, Arbeitslose, Alleinerziehende, Studierende, Jobber*innen, Pflegekräfte, Schüler*innen. Wer morgens zur Arbeit musste, führte eine Art Doppelleben – wie der ehemalige Besetzer Holger Herzog: "Ich wachte frühmorgens im besetzten Haus auf und ging anschließend zur Arbeit als Betriebselektriker. Dort wusste niemand, dass ich in einem besetzten Haus lebte. Was tagsüber im Haus geschah, erfuhr ich nur aus Erzählungen. Abends nahm ich dann an den Plena teil."

Die neuen Hausbewohner*innen verband die Erfahrung, dass der derzeitige Wohnungsbau, der vor allem auf Kleinfamilien zugeschnitten war, isoliere und alternative Lebensformen ausschließe. Der Name Javadi-Haus sollte zugleich Raum für politisch Verfolgte aus anderen Ländern markieren. So entstand die Idee eines Ortes, an dem gemeinsames Leben, Arbeiten und politische Aktivitäten möglich seien. Ein Lebensraum, der in Tübingen fehlte und dessen Notwendigkeit die Besetzung sichtbar machen sollte. Die Bewohnenden richteten Gemeinschaftsräume ein, von der EFA-Küche (Essen für alle) bis hin zu einem Frauenzimmer, auch einen einfachen Gymnastikraum gab es. Abends füllte sich das Haus regelmäßig mit Besucher*innen. "Doch uns waren auch geschützte Räume wichtig, zu denen die Öffentlichkeit keinen Zugang hatte", betont Holger Herzog. 

Ein anonymer Besetzer beschrieb das Haus später als kulturpolitisches Zentrum, in dem sich oft hundert Menschen trafen: "Neben den Gruppen, Initiativen und Fachschaften, die im Haus tagten, öffnete nachmittags das Besetzer*innen-Café, es machten Leute miteinander Musik, einige übten an einem Theaterstück. Es gab außerdem Video- und Radiosendungen über andere Besetzungen und an den meisten Abenden Feste mit Kabarett, Konserven- und Livemusik." Dieses Kulturprogramm sollte nicht nur informieren, sondern auch die Grenzen zwischen politischer Aktion, Alltag und kulturellem Leben aufheben.

Showdown im Hörsaal

Die Besetzung des Javadi-Haus dauerte insgesamt 16 Tage, in denen mit allerlei Presseerklärungen ein intensiver Kampf um die öffentliche Meinung geführt wurde. Akute Wohnungsnot und diverse Studierendenstreiks verhinderten anfangs eine umgehende Räumung, doch schon am Tag nach der Besetzung, am 20. Januar 1989, lehnte der Universitätspräsident Adolf Theis Verhandlungen ab und argumentierte mit der Notwendigkeit des Klinikgebäudes zur Rettung von Menschenleben. Die neuen Hausbewohner*innen beharrten auf ihrer Position, nicht die Besetzung, sondern die Streichung von Betten und eine "menschenverachtende, profitorientierte Personalpolitik" würden zum Pflegenotstand führen. 

Dann kam es zu einem öffentlichen Aufeinandertreffen: Am Abend des 2. Februars 1989 erreichte die Diskussion um das Javadi-Haus im Hörsaal der Alten Physik zwischen Unidirektor Theis, der Univerwaltung, dem Universitätskanzler Georg Sandberger und den Besetzer*innen ihren Höhepunkt. Alle Seiten bestanden auf ihren Argumenten. Schließlich drohte Theis mit einer polizeilichen Räumung binnen eines Tages, sollten die Besetzer*innen nicht freiwillig abziehen. 

Am 3. Februar 1989 gegen 15 Uhr stellte die Stadt dem Haus Heizung, Wasser und Strom ab. Am darauffolgenden Tag rückten um acht Uhr 200 Göppinger Bereitschaftspolizisten, Wasserwerfer, Räumungsbagger, Gefangenentransport, Krankenwagen und 35 Kräfte vom Sondereinsatzkommando an. Im Angesicht dieser Übermacht verließen die Besetzer*innen das Gebäude.

Im Anschluss bewachte die Polizei das Gebäude rund um die Uhr, während die Universität an ihren Plänen festhielt, es als Notstation für die Hautklinik, als Ambulanz für die Augenklinik und zu Räumen für die Zahnklinik umzubauen. 

Trotz allem blickt Holger Herzog positiv auf die Besetzung zurück: "Die Besetzung des Javadi-Haus war ein entscheidender Wendepunkt, weil sie sowohl neue Impulse für die Tübinger Wohnungspolitik setzte als auch den Aufbau einer bis heute wirksamen sozialen und politischen Infrastruktur ermöglichte. Als erste länger als 24 Stunden andauernde Besetzung seit 1981 wurde sie zur Grundlage für weitere Initiativen wie spätere Haus- und Wagenburgbesetzungen, neue Wohnprojekte und selbstverwaltete Räume. Gleichzeitig brachte sie Menschen mit unterschiedlichen politischen sowie gesellschaftlichen Hintergründen zusammen und stärkte eine solidarische Praxis im Kampf gegen Faschismus, Rassismus, Sexismus und staatliche Repression."

"18 Minuten Zivilcourage"

Auch mit der Räumung des Gebäudes verschwand der Name Kiomars Javadi nicht von der Bildfläche. Im Jahr 1991 veröffentlichte Rahim Shirmahd, ein Freund Javadis, der zur selben Zeit wie dieser als iranischer Geflüchteter in Tübingen ankam, einen Dokumentarfilm über dessen Geschichte. In "18 Minuten Zivilcourage" rekonstruierte er den Tathergang mithilfe von Augenzeug*innen und Gerichtsprotokollen. Rahim Shirmahd: "Jeder Mensch betrachtet die Welt durch seine eigene Wahrnehmung, seine Erfahrungen und seine inneren Maßstäbe. Doch ich wollte sichtbar machen, dass Menschen, Institutionen und Machtstrukturen vieles beeinflussen und steuern können – die Wahrheit jedoch nicht dauerhaft manipulierbar ist. Für mich ist das eine zentrale Aussage dieses Films."

Am 25. September 2025 wurde in Tübingen eine Gedenktafel sowie ein Stromverteilerkasten mit einem Porträt von Kiomars Javadi eingeweiht. Der Gedenkort befindet sich in der Wöhrdstraße 2 neben dem Haus, in dem sich früher der Supermarkt Pfannkuch befand. Auf Javadis Geschichte wurde Gemeinderätin Krishna Sara Helmle der AL/Grüne durch einen Artikel im "Schwäbischen Tagblatt" aufmerksam. Auf ihre Initiative hin entschied der Gemeinderat, eine Tafel im Hinterhof vom Ort des Geschehens anzubringen. 

"Es ist wichtig, dass das Gedenken damit nicht aufhört", sagt Helmle. "Das ist auch im Prozess immer wieder angeklungen. Das habe ich als Anstoß für mich mitgenommen. Ich möchte, dass der Fall Javadi weiterhin im Gespräch bleibt und dass wir Anlässe finden, das Thema Zivilcourage lebendig zu halten, zum Beispiel in Form eines Trainings oder eines Preises für Zivilcourage, Aktivitäten im Rahmen der Internationalen Wochen gegen Rassismus oder weiteren Stadtführungen."

Tübingens Sozialbürgermeisterin Gundula Schäfer-Vogel findet die Gedenktafel sehr angemessen. Zur Einweihung kamen auch viele Menschen. Schäfer-Vogel stellte dabei das Thema Zivilcourage in den Fokus ihrer Ansprache. "In Zeiten, wo die Haltung gegen 'Fremde' wieder kippt, ist es gut, so einen Gedenkort zu haben", resümierte sie.

Der Fall Kiomars Javadi ist kein abgeschlossenes Kapitel der Tübinger Stadtgeschichte. Sein Tod im Sommer 1987, dessen juristische Aufarbeitung, die gesellschaftlichen Reaktionen und die unterschiedlichen Formen des Gedenkens zeigen vielmehr, wie sehr sich Fragen von Rassismus, Verantwortung und Zivilcourage durch die Jahrzehnte ziehen. Die Auseinandersetzung mit Javadi war nie nur Rückschau, sondern stets auch ein Spiegel der jeweiligen Gegenwart. Denn die Frage, die Kiomars Javadis Geschichte stellt, bleibt aktuell – nicht nur, wie wir der Toten gedenken, sondern wie wir auch heute mit jenen umgehen, die Schutz suchen.

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