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Uni-Projekt Tübinger Hausbesetzungen – Münze 13

Gefängnisgitter im Keller

Uni-Projekt Tübinger Hausbesetzungen – Münze 13: Gefängnisgitter im Keller
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Seit rund 50 Jahren steht die Münze 13 in Tübingen für mehr als nur ein Dach über dem Kopf. Sie ist ein alternatives Wohnprojekt, politischer Raum und sozialer Treffpunkt.

Es war ein ruhiger Sonntagabend, als am Abend des 27. Februar 1977 Studierende in die Münzgasse 13 eindrangen und von innen die Fenster öffneten. Wenig später wurde den ersten Passant:innen klar: Etwa 60 Studierende und Nicht-Studierende aus der linken Szene hatten in Tübingen ein Haus besetzt. Eines mit einer langen Geschichte.

Uni-Projekt Tübinger Hausbesetzungen

Seit 1968 wurden in Tübingen Häuser besetzt. Die Münzgasse 13, die Schellingstraße 6 oder die Ludwigstraße 15, sie alle wurden – oft mithilfe des Mietshäuser Syndikats – dem Immobilienmarkt entzogen. Die Tübinger Verwaltung hat bei alldem eine rühmliche Rolle gespielt, denn im Gegensatz zu anderen Städten, die besetzte Häuser oft brachial räumen ließen, galt dort ab Ende der 1970er die "Tübinger Linie": Das Studentenwerk hat häufig die Trägerschaft für die Häuser übernommen, die Wohnraum boten oder aktuell noch bieten in einer Unistadt, in der günstiges Wohnen Mangelware ist. 

Elias Raatz, Tübinger Autor, Journalist und Medienwissenschaftler, hat 2025 zusammen mit dem Journalisten Lucius Teidelbaum ein Buch geschrieben über das Tübinger Epplehaus – einst besetzt, heute ein selbstverwalteter Jugendclub. Als Gastdozent am Institut für Medienwissenschaften hat er in Kooperation mit dem Tübinger Experten Marc Amann und der Kontext-Wochenzeitung im vergangenen Wintersemester ein ganzes Journalistik-Seminar zu Tübingens ehemals oder noch heute besetzten Häusern angeboten. Herausgekommen sind acht sehr gut recherchierte und geschriebene Texte, die die ganz eigenen Geschichten der einzelnen Häuser beschreiben und von den Träumen, Gedanken und Erfahrungen der Besetzenden und Bewohner:innen erzählen. Demnächst werden sie in ein zweites Buch gegossen. In den kommenden Wochen veröffentlichen wir jede Ausgabe einen gekürzten Beitrag daraus. Bereits erschienen: 

•  Menschenrecht auf Wohnen verteidigen
•  "Wir hol'n jetzt unser Haus!"  (red)

Im Jahr 1683 wurde das Gebäude zum ersten Mal bezogen. Das sogenannte Martinianum-Stipendium der Martin-Fickler'schen-Stiftung richtete sich seit Ende des 17. Jahrhunderts an bedürftige Studierende. Das Stipendium umfasste nicht nur die Übernahme der Studiengebühren, sondern auch Wohnraum für die Stipendiaten und so beauftragte die Stiftung den Bau eines Wohnheims in der Münzgasse 13. 1923 übernahm die sogenannte Studentenhilfe das Haus. Zehn Jahre später wehten Hakenkreuzflaggen an der Fassade, denn 1933 zog die Gestapo dort ein, führte Verhöre durch und organisierte Deportationen. Nach der Befreiung Deutschlands durch die Alliierten wurde in Tübingen ein Vorgänger des heutigen Studierendenwerks gegründet. Dabei handelte es sich um einen staatlich unabhängigen, selbstverwalteten Verein (e.V.), in dessen Eigentum das Haus überging. Die Verwaltung übernahm das Land Baden-Württemberg. 1945 mietete die Polizei das Gebäude. Nach ihrem Auszug Ende der 1970er-Jahre herrschte Stillstand und das Gebäude stand leer.

Für junge Menschen in Tübingen verschärfte sich der Wohnraummangel in den 1970er- und 1980er-Jahren zusehends. Trotzdem blieb die Münzgasse 13 ungenutzt. Grund war ein juristisches Tauziehen zwischen dem Studierendenwerk e.V. und dem Land Baden-Württemberg: Die Universität Tübingen wollte das Haus kaufen und dort das Institut für Erziehungswissenschaften unterbringen, nach dem Auszug der Polizei wurden die Nutzungsrechte sogar recht zügig übertragen. Gleichzeitig verstand sich jedoch das Studierendenwerk e.V. als Rechtsnachfolger der ehemaligen Studentenhilfe und leitete daraus einen Anspruch auf das Haus ab, um wieder ein Wohnheim für rund 40 Studierende einzurichten. Trotz der formalen Zuweisung an die Universität blieb die tatsächliche Nutzung wegen dieser Unstimmigkeiten aus. Dem Haus mit rund 50 Zimmern drohte weiterhin der Leerstand. Doch dann ging alles ganz schnell.

Besetzung der Münzgasse 13

Mit der ersten Besetzung 1977 wollten die Besetzer:innen nicht nur die Wohnungsnot lindern. Sie forderten auch, im Erdgeschoss der Münze 13 ein Kommunikationszentrum für die außerparlamentarische Opposition einzurichten mit einem Büro für Bürgerinitiativen. Stattdessen richteten sie in der Münze 13 vorübergehend ein Fachschafts-Büro ein, später entstand im Erdgeschoss die bis heute existierende Hauskneipe "Blauer Salon".

Zum Zeitpunkt der Besetzung verfügte das Institut für Erziehungswissenschaft zwar über die Nutzungsrechte für die Münzgasse 13, dennoch entschieden sich Polizei und Universität gegen eine Räumung. Gewalt käme nicht in Frage, hieß es, die Wohnungsnot sei zu groß und vor allem die Rechtslage im Streit zwischen Land und Studierendenwerk e.V. zu unklar. Im Haus selbst war die Angst vor einer Räumung immer präsent. Nachts wechselte sich eine Wache stündlich ab, um sicherzustellen, dass niemand unbemerkt eindringen konnte.

Die neuen Bewohner:innen wollten die Münzgasse 13 zügig renovieren. Sie waren sogar dazu bereit, Miete an das Studierendenwerk e.V. zu zahlen. Dennoch blieben einige rechtliche Fragen rund um das Gebäude noch einige Zeit ungeklärt. Während sich im Hintergrund ein juristisches Durcheinander abzeichnete, machten die Besetzer:innen ihr Haus bewohnbar und nannten sich fortan Münze 13. Im Erdgeschoss begannen Malerarbeiten, Schlafplätze entstanden, wo zuvor Büros und Flure waren. Im März 1977, rund einen Monat nach der Besetzung, zog James Hope in die Münze 13 ein, die auch heute noch sein Zuhause ist: "Ich suchte ein Zimmer und die Münze kam mir gerade recht. Ich hatte und habe viele Bücher, das stört hier niemanden. Ich mochte, dass es mal etwas anderes war und wir auch politisch so aktiv waren und es als antifaschistisches Zentrum bis heute sind. Beim Einzug war es besonders spannend, das Haus erstmal kennenzulernen, denn unten im Keller gab's noch Gefängnisgitter, dort, wo später viele Bands ihre Konzerte spielten." 

Die eigentlichen Probleme aber waren die weiterhin ungeklärten Besitzverhältnisse. Am 7. März 1977 entschied das Amtsgericht Tübingen, dass die Besetzer:innen bleiben dürften. Land und Universität hätten nicht überzeugend darlegt, warum die Münze 13 geräumt werden müsse. Der Verbleib war allerdings an Bedingungen geknüpft: Ein Mietvertrag mit dem Studierendenwerk e. V musste geschlossen werden. Zudem waren bauliche Veränderungen durch das Gericht untersagt. Im April 1977 entschied schließlich das Landgericht Tübingen, das Land sei als Rechtsnachfolger des Reichsstudentenwerks anzusehen. Damit verlor das Studierendenwerk e.V. zwar seine Rechte am Gebäude, nicht aber die Nutzungsmöglichkeit – das Land schloss mit dem Verein nämlich einen Mietvertrag. So blieb der Verein bis in die 1990er-Jahre formal für die Verwaltung des Hauses zuständig, und über ihn zahlten die Bewohner:innen ihre Miete. In vielen Fragen verwaltete sich die Münze 13 künftig jedoch selbst. 

Studierendenwerk kämpft gegen Studierendenwerk

Diese Regelung bestand rund zehn Jahre, in den 1980er-Jahren aber kam es erneut zu Auseinandersetzungen. Der Zustand des Gebäudes verschlechterte sich zunehmend. Das Studierendenwerk e.V. beantragte eine Generalsanierung und wollte öffentliche Zuschüsse. Doch dagegen gab es Widerstand und zwar von einem weiteren Studierendenwerk, dem Studierendenwerk AdöR (Anstalt des öffentlichen Rechts), das 1975 auf Grundlage des baden-württembergischen Studentenwerksgesetzes gegründet worden war. Ziel war es, das bislang staatlich unabhängige und selbstverwaltete Studierendenwerk e.V. abzulösen und die studentische Sozialfürsorge in staatliche Trägerschaft zu überführen. 

Der "Blaue Salon"

Die Hausbar der Münze 13, der "Blaue Salon" oder schlicht der "Blaue", ist seit Jahren als ein Ort für subkulturelle Veranstaltungen und als beliebter Treffpunkt der linksalternativen Szene etabliert. In den Jahren nach der Besetzung war er für seine wildere Party- und Drogenszene bekannt, danach hauptsächlich als niederschwellige Location für linksalternative Events und Treffpunkt der Tübinger Punk-Szene. Mittlerweile ist der "Blaue" ein Kulturträger innerhalb der lokalen Subkultur. Es finden neben klassischem Barbetrieb auch unterschiedliche Veranstaltungen statt, etliche bekannte Bands haben bereits im Haus Konzerte gespielt. In den vergangenen Jahren kamen vermehrt auch queere Events dazu.  (red)

Mitte der 1980er-Jahre wurde der Sanierungsantrag des Vereins durch die AdöR abgelehnt, die ihrerseits eine Sanierung beantragte mit dem Ziel, das Gebäude anschließend zu übernehmen. Nach einigem Hin und Her entstand dann folgendes Konstrukt: Dem Studierendenwerk AdöR gehörte das Haus zwar, die Verwaltung des Gebäudes sollte jedoch beim Studierendenwerk e.V. verbleiben. Die Mieten wurden wie bisher an den Verein gezahlt, der die Gelder dann gesammelt an die AdöR übergab. Der Verein agierte als eine Art Puffer zwischen Mieter:innen und AdöR, so dass neben Studierenden auch weiterhin Nicht-Studierende in der Münze 13 wohnen konnten. Dieses System ist bis heute etabliert. 

Für viele Bewohner:innen des Hauses ist, egal ob damals oder heute, die Entscheidung zum Einzug in die Münze 13 mit dem Wunsch nach mehr Gemeinschaft und Solidarität verwoben. Die heutige Ärztin Eva Donata Danner, die nur Günni genannt wird, lebt seit 2013 in der Münze und beschreibt es so: "Ausschlaggebend war auch die besondere Atmosphäre des Gebäudes, seine ästhetische Vielfalt, die künstlerische Prägung und die im Inneren gelebte Diversität. Wenn ich mir ausmale, wie viel die Wände und der Boden bei uns im Haus schon gesehen haben, wie viele Leute hier gelernt, gelitten, gelacht, gestorben, gevögelt haben. Das beeindruckt mich einfach immer wieder sehr."

Offenstehende, bunte Türen zu den Schlafzimmern prägen lange Flure, an denen sich Küchen und Badezimmer befinden. In der Küche des zweiten Stocks stehen alte Möbel, die Wände der Flure sind bemalt, überall hängen Fotos. Die Mieter:innen in der Münze 13 unterstützen sich gegenseitig im Alltag, der miteinander gelebt wird. Bewohner James Hope erzählt, dass seine Mitbewohner:innen ihn wegen seines hohen Alters pflegerisch begleiten. Er wäre wohl schon lange tot, würden sie sich nicht um ihn kümmern, erzählt er. Als sich Hope vor kurzem den Traum einer Reise in seine ehemalige Heimat Australien erfüllte, begleiteten ihn zur Unterstützung zwei Bewohner:innen, darunter Günni. Solidarität gilt in der Münze als zentrale Säule des Zusammenlebens.

Im Ehrenamt für sozialverträglichen Wohnraum

Heute ist die Münze 13 in sechs Arbeitskreise aufgeteilt, die sich um Finanzen, Sanierungsarbeiten, Öffentlichkeitsarbeit, Konflikte, Buchhaltung und Verhandlungen kümmern. Außerdem gibt es dreimal im Monat eine Hausversammlung für alle Bewohner:innen. Es sei Pflicht, an einem Arbeitskreis teilzunehmen und sich so aktiv einzubringen. 

Der Wunsch der Bewohner:innen, die Münze 13 selbst zu erwerben, ist über die Zeit gewachsen. Im Jahr 2015 beschlossen sie, das Haus dem Studierendenwerk AdöR abzukaufen. Doch das reagierte nicht. Trotz Demonstrationen, Aufrufen, Briefstürmen und Postkarten, Gesprächen mit Gemeinderatsfraktionen bis hin zum Gang ins Finanzministerium habe sich über Jahre hinweg nichts an der Situation geändert, berichtet Günni: "Die ersten paar Jahre haben die unsere Briefe gar nicht beantwortet, man hat uns ja komplett geghostet. Da gab es für uns dann nur noch einen letzten Ausweg, es brauchte Nachdruck. Wir wollen was Gutes machen, wir wollen sozialverträglichen Wohnraum erhalten, wir wollen kein Haus, das uns unterm Arsch wegbröselt. Wir sind Leute, die freiwillig, ehrenamtlich in ihrer Freizeit da Arbeit reinstecken, damit es sozialverträglichen Wohnraum gibt."

Offiziell hatte die Münze 13 zum 44. Jahrestag der Besetzung am 27. Februar 2021 eine große Kulturveranstaltung im Haus angekündigt. Die Bewohner:innen hatten diesen Tag sorgfältig geplant: Banner lagen bereit, Reden und Sketches waren einstudiert. Während sich draußen vor dem Haus die ersten Menschen versammelten, war die Stimmung im Inneren angespannt. Das Hausfest wurde schließlich von der markanten Stimme Rio Reisers eröffnet: "Doch die Leute im besetzen Haus riefen: 'Ihr kriegt uns hier nicht raus!'" (Ton Steine Scherben: Rauch-Haus-Song). 

Was bis dahin nur die Bewohner:innen wussten: An diesem Tag wird die Münze 13 zum zweiten Mal besetzt. Um ihre Forderung durchzusetzen, mit dem Studierendenwerk AdöR ins Gespräch über die Zukunft der Münze 13 zu kommen, wurden die Mietzahlungen eingestellt. Das zeigte Wirkung: Erstmals seit Langem gab es wieder Verhandlungen mit dem Land und der AdöR, die vom Tübinger Baubürgermeister Cord Soehlke moderiert wurden. 2022 standen Land und Studierendenwerk der Übernahme der Münze 13 durch ihre Bewohner:innen schließlich positiv gegenüber. Voraussetzung des Finanzministeriums war jedoch die Vorlage eines Sanierungs- und Finanzierungskonzepts. Dafür suchte sich die Münze 13 Unterstützung beim Mietshäuser Syndikat. 

Selbstorganisierte Hausprojekte mit Syndikats-GmbH

Das Mietshäuser Syndikat ist ein Verbund selbstorganisierter Wohnprojekte, der aus dem Wunsch heraus entstanden ist, Häuser dem Immobilienmarkt zu entziehen und in Selbstverwaltung zu überführen. Viele der bisherigen Projekte des Syndikats begannen als Hausbesetzungen und mündeten später in gemeinschaftlich organisierten Hauskäufen.

Formal ist das Mietshäuser Syndikat eine GmbH, genauso wie für jedes einzelne Hausprojekt eine eigene GmbH gegründet wird. Kommt es zur Aufnahme eines neuen Projekts in den Verbund, beteiligt sich die Syndikats-GmbH als Gesellschafterin an der jeweiligen Hausbesitz-GmbH. Auch die Münze 13 gründete für den geplanten Kauf eine eigene GmbH, an der das Mietshäuser Syndikat beteiligt ist.

Über Kredite, Fördermittel und Direktkredite sollen die zweieinhalb Millionen Euro für das Gebäude, die Sanierung und Nebenkosten finanziert werden. Ende 2025 fehlten laut der hauseigenen Homepage nur noch 50.000 Euro. Wenn alles klappt, geht für die Bewohner:innen ein langersehnter Wunsch in Erfüllung. 

"Dann haben wir ein schönes, saniertes Haus, wo uns die Sicherungen nicht durchschmoren, die Heizung nicht immer mal wieder fast in die Luft fliegt, dann gehören wir uns selbst, haben keine Angst mehr, um den Erhalt vom Haus kämpfen zu müssen", sagt Günni.

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