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"Zusammen Leben Festival"

Gemeinsam geht es besser

"Zusammen Leben Festival": Gemeinsam geht es besser
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Am 19. und 20. Juni findet erstmals ein bundesweites Festival zum gemeinschaftlichen Bauen und Wohnen statt. Ausgerechnet in Stuttgart, obwohl die Stadt alles andere als ein El Dorado für Baugruppen und Wohnprojekte ist.

Eine Gruppe junger Menschen versuchte Ende 2016, das leerstehende Offizierskasino der früheren Reiterkaserne am Römerkastell in Stuttgart-Bad Cannstatt in ein Wohnprojekt unter dem Dach des Mietshäuser Syndikats zu verwandeln. Der Bund wollte die alte Villa mit herrlichem Blick über das Neckartal abstoßen. Doch die Zeit war knapp. Eine Petition forderte die Stadt auf, den Bau zu erwerben. 11.000 Unterschriften kamen in einer Woche zusammen, doch die Stadt stellte sich taub. Die Villa ging an den Investor Christoph Gröner und steht heute immer noch leer.

Nicht nur in Stuttgart, in der ganzen Republik wird bisher immer wieder Investoren bei der Vergabe von Grundstücken und Baurecht Vorrang eingeräumt. Mit verheerenden Folgen. Wohnraum ist Mangelware, die Mieten werden zunehmend unbezahlbar. An vielen Orten haben sich deshalb Menschen zusammengeschlossen, um selbst aktiv zu werden. Acht Organisationen des gemeinschaftlichen Wohnens veranstalten nun in Stuttgart das "Zusammen Leben Festival". Es soll ein erster Schritt sein, um sich zu vernetzen und mehr Gehör zu verschaffen.

Dorothea Heintze, Journalistin, Moderatorin und Mitorganisatorin des Festivals, gehört zum Vorstand des Netzwerks Immovielien, das sich für mehr Gemeinwohlorientierung in der Immobilien- und Quartiersentwicklung einsetzt. Immovielien, so definiert der Verein, sind Immobilien für viele beziehungsweise "die von Vielen für Viele entwickelt und gestaltet werden. Sie entstehen in einem gemeinschaftlichen Prozess und aus einer gemeinwohlorientierten Haltung heraus." 58 Projekte sind auf der Website des Vereins gelistet: von Kiel bis Freiburg, von Greifswald bis Luxemburg.

Das Wissen selbst angeeignet

Heintze hat seit 2021 eine Art Blog, die Kolumne "Wohnlage" im evangelischen Magazin "Chrismon", in der sie vorbildliche Projekte vorstellt und die Fallstricke der Wohnungspolitik beleuchtet. Ihr Wissen hat sie sich selbst angeeignet – angefangen mit einer Baugruppe in der Hamburger Hafencity, wo sie heute noch wohnt. In ihrem ersten Beitrag für "Chrismon" beschreibt sie, wie anstrengend das war: endlose Sitzungen mit 50 Personen, in denen über Kleinigkeiten gestritten wurde, statt endlich zur Sache zu kommen.

Als das Haus fertig gebaut war und die Baugemeinschaft glücklich zusammenlebte, stellte sie fest, dass sie dabei ein Menge Wissen angesammelt hatte – über Baugemeinschaften, Genossenschaften, Erbpacht und die zahllosen Schwierigkeiten, mit denen jedes Wohnprojekt zu tun hat. Sie wurde Vorständin der Genossenschaft Gröninger Hof, die das gleichnamige Hamburger Parkhaus in ein Wohnhaus mit 90 bezahlbaren Wohnungen, Büros, Gastronomie und Gemeinschaftsräumen umwandeln will. Das Problem: Der Beton ist marode. Das Parkhaus muss nun doch größtenteils abgerissen werden, auf den Fundamenten ensteht ein Neubau.

Während der Gröninger Hof, wenn alles klappt, nächstes Jahr fertig werden soll, ist Heintze schon wieder einen Schritt weiter. Seit einem Jahr ist sie im Vorstand des Vereins Immovielien und damit Mitorganisatorin des Festivals. Warum findet das ausgerechnet in Stuttgart statt? Weil die Wagenhalle dafür die besten Voraussetzungen bietet, sagt Dorothea Heintze. 

Festival mit Workshops, Vorträgen, Ausstellungen

Im Mittelpunkt des Festivals steht ein Fachtag am 19. Juni: Vorträge und Podiumsgespräche, unter anderem mit der Bundestagsabgeordneten Hanna Steinmüller (Grüne). Er war innerhalb von vier Stunden ausgebucht. Mehr als 300 Personen sind wegen des Branschutzes im Projektraum nicht zugelassen. Aber die Veranstaltung wird nun per Livestream auf der Festivalwebsite übertragen.

Darüber hinaus bietet das Festival ein unglaublich dichtes Programm: Mehr als 60 Workshops finden an den zwei Tagen statt, dazu weitere Vorträge und Kurzvorträge, Pitches genannt, vier Ausstellungen, Lesungen, ein Film und ein "Markt der Möglichkeiten" mit 40 Ständen, an denen sich Wohnprojekte, Initiativen und Verbände vorstellen. Die Künstler:innen der Wagenhalle nutzen die Gelegenheit für ein buntes Rahmenprogramm. Parallel bietet sich Gelegenheit, zehn bestehende Wohnprojekte in Stuttgart kennenzulernen.

Das Exkursionsprogramm hat der Architekt Kurt Kühfuß organisiert, der mit dem Verein Wabe seit mehr als vierzig Jahren das gemeinschaftliche Bauen und Wohnen vorantreibt. Ein frühes Projekt war die Fabrik Heslach: sieben Wohnungen in Selbstverwaltung gegenüber dem Hallenbad, zustande gekommen im Kontext der Hausbesetzerbewegung. Heute freuen sich die Bewohner:innen über die Initiative "Solidarische Nachbarschaft Schoettle-Areal" gleich nebenan. Der Verein Wabe ist allerdings nicht mehr aktiv, heute laufen die Fäden im Netzwerk für gemeinschaftliches Bauen und Wohnen Stuttgart zusammen.

Bei "Wolke 2" am Killesberg zeigen sich die Grenzen

Das jüngste Projekt, das im Rahmen des Festivals besucht werden kann und auch in einer Ausstellung vorgestellt wird, ist das Haus "Wolke 2" am Killesberg. Exemplarisch zeigt sich hier, wie eng die Grenzen sind, die dem gemeinschaftlichen, gemeinwohlorientierten Bauen und Wohnen in Stuttgart gesetzt werden. Seit dem Umzug der Messe auf die Fildern im Jahr 2007 wird der frühere Messeparkplatz nicht mehr benötigt. Gegenüber hat der österreichische Investor das Quartier "Killesberghöhe" gebaut. Ihm wollte die Stadt zuerst auch das Areal an der "Roten Wand", dem ehemaligen Parkplatzgelände, überlassen. Für ein Modezentrum, das nie zustande kam.

2014, sieben Jahre später, wurde endlich ein städtebaulicher Wettbewerb ausgeschrieben. Der Siegerentwurf ist bis heute die Grundlage der Planungen, doch zunächst einmal wurden dort Geflüchtete in Containern untergebracht. Der Wettbewerb sah einen langen Riegel, auch mit Sozialwohnungen vor, der die dahinter liegenden fünf "Wolkenhäuser" vom Straßenlärm abschirmen sollte – den Straßenlärm selbst zu reduzieren, schien der Stadt undenkbar. Der Investor Archy Nova aus Bietigheim ist durchaus sozial und ökologisch orientiert. Doch die Baukostensteigerungen machten ihm einen Strich durch die Rechnung. Und die Stadt zeigt kein Entgegenkommen. Nun geht der Fall vor Gericht. Das kann dauern.

Das einzige, was bislang zustande kam, sind zwei der Wolkenhäuser, von Baugemeinschaften erbaut. Das Haus "Wolke 2" ist seit März bewohnt, drumherum sieht es noch etwas unfertig aus. Das liegt daran, dass die Baugruppe die Erschließung mit Wasser- und Abwasseranschlüssen und einen Teil der Tiefgarage neu planen und selbst übernehmen musste, als es bei Archy Nova nicht mehr weiterging. Dazu kam, dass sie auch den Baugrund erwerben mussten, und natürlich sind auch sie von den Baukostensteigerungen betroffen.

Flexibel geplant: Aus einer Wohnung mach drei

Preisgünstig sind die Wohnungen so nicht geworden. Der Quadratmeterpreis stieg von 6.400 auf acht- bis zehntausend Euro. Einige aus der Baugruppe sind abgesprungen, erzählt Marianne Müller, Architekturprofessorin an der Kunstakademie, die eine kleine Wohnung in der obersten Etage ihr Eigen nennt. Die anderen hätten, nachdem sie jahrelang so viel Herzblut in das Projekt investiert hatten, immer wieder überlegt: Wo können wir noch sparen? Wo kriege ich Geld her? Auf der Suche nach Privatkrediten haben sie sich in der Familie und im Freundeskreis umgehört. Alle, die heute hier wohnen, haben es irgendwie hingekriegt.

Der Architekt Sebastian Heinemeyer hat das Haus so flexibel wie möglich geplant. Bis zu 27 Wohnungen verteilen sich auf die vier Geschosse, lassen sich aber zu größeren Einheiten zusammenlegen. Die Anschlüsse für Küchen und Bäder sind da, wenn aber zwei oder drei Wohnungen zu einer zusammengefasst werden, werden diese Räume für andere Zwecke genutzt. So können Eltern, wenn die Kinder einmal aus dem Haus sind, einen Teil der Wohnung abtrennen und vermieten oder verkaufen.

Aktuell wohnen nur 16 Parteien in "Wolke 2". Es sind einige Familien mit mehreren Kindern dabei, wie schon an den vielen Schuhen im Treppenhaus zu erkennen ist. Die Bewohner stammen aus verschiedenen Ländern, von Mexiko bis Russland und China. Durch die gemeinsamen Planungen sind sie eine richtige Hausgemeinschaft geworden, sagt Marianne Müller. Über eine Whatsapp-Gruppe tauschen sie sich aus. Es gibt einen Gemeinschaftsraum im Erdgeschoss, den sie Orangerie nennen, einen Garten davor und eine Dachterrasse sowie eine Werkstatt und eine Waschküche. Das stärkt den Zusammenhalt und senkt die Kosten.

Hamburg fördert, Stuttgart schließt

Das Haus ist klimaneutral. Wärme und Strom liefern die photovoltaisch-thermischen (PVT) Kollektoren auf dem Dach, eine Kombination von Photovoltaik und Solarthermie. Die Stadt Stuttgart hat das Projekt aus dem Klima-Innovationsfonds gefördert, die Kunstakademie den Prozess wissenschaftlich begleitet. Eine Ausstellung in der Wagenhalle, konzipiert von Studierenden der Akademie, zeigt, wie alles zusammenhängt. 

Aber Müller sagt auch: "Stuttgart ist nicht die beste Stadt für Baugemeinschaften." Berlin subventioniert Grundstücke für Baugruppen. Die Stadt Hamburg ist Kooperationspartner des Festivals, sie unterstütze Baugemeinschaften, weiß Dorothea Heintze zu berichten. In Stuttgart muss dagegen die Beratungsstelle für gemeinschaftliches Wohnen (buk.S) im Herbst ihre Pforten schließen, weil die Stadt ihr den Zuschuss gestrichen hat, wie Kühfuß moniert. Das Festival unterstützt die Stadt Stuttgart mit keinem Cent.


Das Festival ist ausgebucht. Doch der Fachtag am Freitag, dem 19. Juni von 10 bis 16 Uhr wird per Livestream auf der Festivalwebsite übertragen.

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