Auch Baden-Württembergs Innenminister Manuel Hagel vergießt über dieses Erbe seines Amtsvorgängers keine Freudentränen. Am 21. Juli erklärte er im Interview mit der "Schwäbischen Zeitung", bei der Suche nach Alternativen sei man von "einem marktreifen und einsatzfähigen Produkt aktuell leider noch ein ganzes Stück entfernt", und "angesichts der aktuellen Sicherheitslage" könne die Polizei nicht warten. Hagel betonte allerdings auch: "Der in der letzten Legislatur abgeschlossene Vertrag läuft fünf Jahre; er wird, wenn es nach mir geht, auch nicht verlängert." Das klingt zunächst erleichternd, zumindest soll das Desaster befristet werden – bis einem einfällt, dass es beim Vertragsabschluss mit Palantir ja auch nicht nach dem Innenminister ging, sondern nach einem ohne Rücksprache agierenden Staatssekretär.
Palantir-Gründer Peter Thiel, einer der frühesten prominenten Trump-Supporter, erklärte 2009, er glaube nicht mehr daran, dass Freiheit und Demokratie kompatibel seien. Das Zitat ist bekannt, die Begründung weniger. "Die Ausweitung des Wahlrechts auf Frauen, so Thiel, und die wachsende Zahl an Sozialleistungsempfängern hätten ein Wahlvolk hervorgebracht, das die ihm bevorzugte, radikal libertäre Wirtschaftsordnung nicht wählen würde", fasst die Ökonomin Francesca Bria in einem Beitrag für die "Zeit" zusammen – und folgert: "Thiel kritisiert also nicht, dass die Demokratie korrumpiert worden sei. Ihn stört, dass sie funktioniert."
Bei Geschäften in und mit Baden-Württemberg konnten solche Störgefühle vermieden werden, weil die Demokratie nicht funktioniert hat. Sie zeichnet sich aus durch Checks & Balances, durch von der Mehrheit getragene Entscheidungsfindungen nach vorangegangener Debatte. Diese Prinzipien sind bei den Geschäften mit Palantir ausgebootet worden – das ist so oder so schlimm, aber dass davon offene Demokratieverächter profitieren, macht den Ablauf nur umso zynischer. Mit der EnBW, einem zu 98 Prozent öffentlichen Unternehmen, ist ein Deal entstanden, ohne dass die Öffentlichkeit, die Landesregierung oder der Aufsichtsrat etwas davon mitbekommen haben. Später folgt der Alleingang eines Staatssekretärs, der die polizeilichen Daten von einem Bundesland mit elf Millionen Einwohner:innen betrifft. Vorbei am Parlament, vorbei an der Koalition, vorbei am Kabinett, vorbei am eigenen Ministerium.
An einer solchen Vergabe festzuhalten, ist nicht nur eine Schande für die Demokratie – es ist auch eine Gefahr für die innere Sicherheit. Kostengünstig kommt Baden-Württemberg da nicht mehr raus. Theoretisch gäbe es noch Gelegenheit, einen Fehler einzuräumen und zu korrigieren, bevor weitaus drastischere Folgeschäden entstehen können. Noch ist Palantirs Gotham nicht bei der Polizei im Einsatz. Zugleich ist diese Hoffnung zum jetzigen Zeitpunkt wahrscheinlich naiv. In Baden-Württemberg hat es eine gewisse Tradition, ein Desaster kommen zu sehen – und trotzdem durchzuziehen, weil ein Vertrag nunmal ein Vertrag ist.
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