Aber warum empfahl die Verwaltung die Evangelikalen überhaupt? Ob es im Vorfeld Gespräche mit ICF gab, welche Unterlagen die Verwaltung geprüft hat, wie ICF Jugendarbeit von Missionierung trennt und welche Positionen zu queeren Jugendlichen berücksichtigt wurden – all das beantwortete die Stadtverwaltung auf Kontext-Anfrage nicht. Das sei "Gegenstand der politischen Beratung", der man "zum jetzigen Zeitpunkt nicht vorgreifen" könne.
Mission im Vereinszweck
Die schriftliche Begründung der Stadt im Ausschuss ist knapp. ICF habe im Februar den Antrag gestellt, sei seit 2005 in der Kinder- und Jugendarbeit tätig, erreiche wöchentlich 250 Kinder und rund 80 Jugendliche. Dazu kommen noch Sommercamp und ein Musical für Kinder. Mit diesen Aktivitäten, der Satzung und der Gemeinnützigkeit seien die formalen Voraussetzungen erfüllt.
Die religiös-missionarische Ausrichtung blieb der Verwaltung indes nicht verborgen. Der Vereinszweck werde unter anderem verwirklicht durch die "Verbreitung und Förderung der biblischen Botschaft", missionarische Veranstaltungen, Gemeindegründung und Gemeindeaufbau, christliche Seelsorge und Schulungen zum christlichen Leben, zitiert die Stadt aus der ICF-Satzung.
"Jugendhilfe ist kein Missionsfeld", sagt dagegen Matthias Pöhl von FundiWatch. Die Anerkennung als Träger der freien Jugendhilfe sei "mehr als ein formaler Verwaltungsakt": ein "Vertrauensvorschuss des Staates". Deshalb müsse vor einer Entscheidung nachvollziehbar geprüft werden, ob ICF Karlsruhe seine Angebote so organisiert, dass Kinder und Jugendliche nicht in Glaubensunterweisung, Gemeindebindung oder Missionierung hineingezogen werden. Es gehe nicht darum, christliche Jugendarbeit pauschal auszuschließen, sondern um die besondere Verantwortung öffentlicher Jugendhilfe. Dabei geht es auch um Geld und Anerkennung: Wer als Träger der Jugendhilfe anerkannt ist, kann eine dauerhafte öffentliche Förderung beantragen, hoheitliche Aufgaben wie eine Inobhutnahme übernehmen und in Gremien der Jugendhilfe mitwirken.
Gebet oder Jugendhilfe?
In der eigenen Selbstdarstellung heißt es, bei ICF Kids sollen Kinder "Jesus Christus als ihren besten Freund kennenlernen". Sie hören Bibelgeschichten, beten und sprechen in Kleingruppen über Glaubensfragen. Jugendliche werden über Youth-Angebote, Camps, Konfirmation, Smallgroups und Mitarbeit angesprochen.
Für eine Freikirche ist das erwartbar. Für städtisch geförderte Jugendhilfe aber ist entscheidend, ob Kinder teilnehmen können, ohne in Gebet, Bekenntnis, Taufe, Konfirmation, Smallgroups (Hauskreisen) oder Mitarbeit hineingeführt zu werden. Ob das bei der ICF gewährleistet wäre, wird in der städtischen Vorlage nicht thematisiert.
Kontext wollte von ICF Karlsruhe wissen, wie die Gemeinde die Kritik an ihr einordnet. Würde sie als anerkannter freier Träger auf Mission von Kindern und Jugendlichen verzichten? Wie steht sie zur Homosexualität? Könnte sie garantieren, dass queere Jugendliche nicht diskriminiert werden? Trotz mehrfacher Nachfrage blieben die Fragen unbeantwortet.
Öffentlich tritt die Gemeinde zurückhaltender auf als andere ICF-Standorte. Auf der Karlsruher Website erscheint Ehe zwar ebenfalls nur als Verbindung zwischen Mann und Frau. Was das für queere Menschen konkret bedeutet, bleibt aber offen.
Andere ICF-Gemeinden werden deutlicher: ICF München schreibt auf seiner Webseite, Sexualität gehöre im "biblischen Kontext" in die Ehe zwischen Mann und Frau. Homosexualität werde nicht als Teil des biblischen Ideals verstanden. Für Leitungsaufgaben werde ein entsprechender Lebensstil erwartet. Öffentliche Distanzierungen von ICF Karlsruhe zu solchen Positionen sind bisher nicht erkennbar.
Seelsorge mit Dämonenbild
Fragen wirft auch das Seelsorgeangebot auf. ICF Karlsruhe bietet auf seiner Webseite im Bereich "Hilfe & Beratung" Sozo an, das sei Gebetsseelsorge. Auf der Website ist von "innerer Heilung", "Befreiung" und "Wiederherstellung deiner Identität", "Wiederherstellung der Kommunikation mit Gott" die Rede, ein Sozo dauert demnach anderthalb bis zwei Stunden.
Entwickelt wurde Sozo im Umfeld der Bethel Church im kalifornischen Redding. In Lehrmaterialien aus diesem Umfeld tauchen Begriffe wie "deliverance" und "demonic strongholds" auf, also Befreiung und dämonische Festungen. Die Sozo-Mitgründerin Dawna De Silva ordnet Homosexualität in eigenen Lehrmaterialien dem Bereich "sexual sin", also der Sünde zu. Die evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen warnt, dass Teilnehmende in diesem "Behandlungsprozess einem hohen Maß an Willkür ausgesetzt" seien.
Das heißt nicht, dass ICF Karlsruhe Sozo genau so praktiziert. Umso nötiger wäre es zu wissen, ob die Karlsruher Sozo Minderjährigen, queeren Menschen oder psychisch belasteten Personen anbieten. Gibt es Schutzstandards, Beschwerdewege, Hinweise auf professionelle Beratung und eine klare Abgrenzung von jeder Praxis, die auf Veränderung sexueller Orientierung zielt?
Weitere Träger im ICF-Umfeld
Ein weiteres Projekt im Umfeld von ICF Karlsruhe ist die Kinder- und Jugend-Arche Karlsruhe. Sie sitzt auf demselben Gelände wie ICF, die Arche-Gründerin ist leitende ICF-Pastorin. Die Arche ist seit Anfang 2025 als freier Träger anerkannt und betreibt Angebote mit Mittagessen, Hausaufgabenhilfe, Nachmittagsprogramm, Ferienangeboten und Fahrdiensten. Der Kommunalverband für Jugend und Soziales Baden-Württemberg (KVJS), der die Jugend- und Sozialämter der Kommunen berät, teilte auf Anfrage mit, zur Arche Karlsruhe liege keine Betriebserlaubnis vor.
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