Julia Gerner sitzt in ihrem Ladengeschäft in Heidelberg unweit der Altstadt. Hier verkauft sie nachhaltigen Schmuck aus recyceltem Material. Seit 2020 oder 2021, so genau weiß sie das nicht mehr, dekoriert Gerner ihr Schaufenster anlässlich des Pride Month im Juni mit Barbies und anderen Puppen, die einen CSD darstellen und mit Plakaten und Glitzer durch ihr Schaufenster laufen.
Das zieht ganz verschiedene Arten von Blicken auf sich. "Manche Touris machen Fotos", erzählt Gerner Kontext. Einige freuen sich. Aber es gibt auch die anderen, die "mit dem Kopf schütteln" und ihren "Unmut in den Laden rufen". Gerner ist es wichtig, als queere Person mit queer geführtem Unternehmen sichtbar zu sein. Doch der teils offene Hass, der ihr entgegenschlägt, ist eine Belastung.
2024 war sie wegen der Schaufensterdeko einer digitalen Hasskampagne ausgesetzt. Eine Frau lief vorbei, filmte die Puppen und postete den Clip bei TikTok. Das reichte, um den den queerfeindlichen und antifeministischen Mob zum Kochen zu bringen: In der Folge kam es zu Hasskommentaren bis hin zu Vergewaltigungs- und Morddrohungen. Die Adresse des Ladens wurde geteilt mit dem Aufruf, "einen Molly reinwerfen". Besonders im Fokus des Hasses stand laut Gerner eine Barbie, die ein Schild mit der Aufschrift "support trans kids" hielt. Am zweithäufigsten wurde ein weiteres Schild kommentiert, auf dem stand: "CSD statt AfD".
Die Ladeninhaberin wurde daraufhin gezwungenermaßen zur Expertin, wie sie gerichtsfeste Screenshots anlegen kann. Dazu hatte ihr eine Beratungsstelle geraten. Mit ihrer Angst blieb sie weitestgehend allein. Und dass, obwohl sie ein schützendes Umfeld hat. Doch nicht alle Menschen konnten nachvollziehen, wie sehr die digitale Gewalt sie in ihrem Alltag verfolgte. Die Ladentür ließ sie in diesen Tagen verschlossen und öffnete nur, wenn Menschen aussahen wie Kund:innen. Auf ihrem Weg nach Hause hatte sie Angst verfolgt zu werden, wurde immer misstrauischer.
Für Gerner war das eine komische Situation: Viele ihrer Freund:innen und ihre Familie nutzen TikTok nicht, auf Instagram sind sie in anderen Bubbles unterwegs – und so haben sie das Ausmaß des Hasses nicht aus erster Hand miterlebt. Gleichzeitig war da aber auch die Angst, dass vielleicht ihre Nichten zufällig auf die Kommentare stoßen würden, in denen Gerner vorgeworfen wurde, sie sei pädophil und wolle mit den Barbies Kinder in den Laden locken, um sie dann zu missbrauchen. Ein altes queerfeindliches Narrativ.
Im Netz und auf den Straßen häufen sich die Vorfälle
Die Schmuckdesignerin ist froh, dass sie ihr Gesicht reflexhaft hinter ihrer Arbeitslampe versteckte, als die Täterin das Schaufenster filmte, sonst wäre auch ihr Gesicht im Netz gelandet. Man merkt ihr an, dass ihr diese Vorstellung noch Jahre später Angst macht. Gerner erstattete Anzeige, die Aussage vor Gericht sei schwierig gewesen, weil sie der Person gegenüberstehen musste, die den ganzen Hass gegen sie ausgelöst hat. Das Urteil wurde ihr nie mitgeteilt. Auf Nachfrage von Kontext schreibt die Staatsanwaltschaft Heidelberg, das Verfahren wurde "gegen Zahlung einer Geldauflage in Höhe von 500,00 Euro eingestellt".
Nach dem Pride Month, berichtet Gerner, sei es für sie jedes Mal erleichternd, die Dekoration im Schaufenster im Juli wieder wegzuräumen. Einen Monat lang zeigt sie die Puppen und Barbies zwar immer noch, Schilder mit Bezug auf Kinder lässt sie inzwischen weg. Das sei bitter, aber die Angst vor einer weiteren Welle Hassgewalt ist zu groß.
Die Angriffe gegen die Schmuckdesignerin spielten sich größtenteils im Netz ab. Doch auch auf den Straßen Heidelbergs kommt es zu queerfeindlicher und antifeministischer Gewalt. Einer feministischen Aktivistin wurde zweimal kurz hintereinander eine Hassbotschaft auf die Haustüre geschrieben. Bei einer FLINTA*-Demo im Mai 2025 haben Männer aus den Kneipen der Unteren Straße Teilnehmende mit Alkohol beschüttet und angepöbelt. Eine Gedenktafel für Magnus Hirschfeld, den von den Nazis verfolgten Sexualwissenschaftler und queeren Aktivisten, wurde aus der Wand gerissen.




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