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Sportfotografie

Torwart vor Landschaft

Sportfotografie: Torwart vor Landschaft
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Künstlerisch wertvolles Kontrastprogramm für alle, die die WM eher halbherzig verfolgen. Wenn überhaupt. Unser Kolumnist hat den neuen Bildband von Hans van der Meer durchgeblättert – und sich Seite für Seite mehr verliebt.

Lass dir bitte von niemandem erzählen, Fußball wäre ein einfaches Spiel, bei dem 22 Leute dem Ball hinterherrennen. Es sind halt nur 21. Immer gibt's einen, der bleibt, wo er ist. Egal, wo der Ball gerade rumspringt. Was soll der Torwart auch machen, wenn seine Mannschaft aufs Tor der anderen spielt? Also wartet er. Und wartet und wartet. Drum heißt er so. Torwart. Schon Theo Lingen trällerte davon, dass er im Tor steht. Wohlgemerkt: Er spielt nicht, er steht. 

Nur vereinzelt sprechen Trainerschein-Streber mit A-Lizenz von einer Torspielerin oder einem Torspieler. Dieses bemühte Gequatsche dürfen wir getrost überhören. Ebenso wie die Tatsache, dass die großen Trainer mittlerweile darauf achten, dass ihr Torwart aktiv mitspielt. Erst recht seit der Rückpassregel. Sozusagen elfter Feldspieler. Aber mal ehrlich: Seit jeher sind die meisten Torhüter rumspaziert. Mal nach hier, mal nach da. Halt grad' wie sie wollten. Der Maiersepp hat einst während eines Bundesligaspieles eine Ente gejagt. Erfolglos. Nur in der Bierliga gab's welche, die sich an den Pfosten gelehnt haben. Gern mal stilecht mit Kippe.

Männer, die auf Bälle warten

Vielleicht rauchen die Herren Profitorhüter heute noch. Dem Nübel oder dem Donnarumma würde ich sowas zutrauen. Schaut ja keiner hin, wenn sich das Geschehen in die andere Hälfte verlagert. Dann stehst du als Torwart mutterseelenallein in einem vollbesetzten Stadion und niemand, wirklich niemand schert sich um dich. Im Fernsehen bist du erst recht weg vom Fenster. Erst dann, wenn der Ball in deine Nähe kommt, wirst du wieder wahrgenommen. Zwischendrin hättest du genügend Zeit, kurz ein paar Dinge zu erledigen. Kurz einen Drink nehmen oder geschwind Signal-Messages von der Russenmafia checken, wenn dein Telefon hinterm Tor liegt. Nur eines solltest du dir verkneifen: pinkeln. Das merken die Kameras. Der Vollpfosten, der Jahre später mit der Motorsäge das Dach seines Nachbarn verbessert hat, hat das einst ausprobiert. Uriniert gegen Unirea Urziceni. Hinter der Werbebande im Neckarstadion. Kannst du noch heute auf Youtube anschauen. Aber bitte, diese Lehmann-Aktion ist wirklich eine Ausnahme. 

Eine weitere Ausnahme gibt's noch – und die ist große Kunst. Jetzt will ich dir nicht so intellektuell daherkommen, als wär' ich der leibhaftige Feuilledings. Aber ich will dir schon erklären, warum ich immer wieder auf die Torhüterfotos von Hans van der Meer starre. Natürlich hat es ein wenig mit Fußballromantik zu tun. Aber vor allem damit, dass man solche Fotografien in der Insta-Epoche kaum noch sieht. Tatsächlich fotografiert van der Meer komplett oldschool. Kein Zoom. Kein Serienbildauslöser. Kein Photoshop. Und auch keine Drohne. Eine Leiter reicht.

Als Sportfotograf würdest du ihm wahrscheinlich den Vogel zeigen. Aber darum geht's ihm nicht. Es geht ihm darum, auf einem Foto die ganze Szene abzubilden – und nicht nur das, was auf dem Platz passiert. Van der Meer orientiert sich dabei an der frühen Sportfotografie. Damals, ungefähr in den Fünfzigerjahren des letzten Jahrhunderts, fotografierte man das Spielfeld stets inklusive Umgebung – und nicht nur Zoom auf einen Zweikampf oder den Schuss des Stürmers. Die Faszination dieser Bilder hat der holländische Fotograf wiederentdeckt. Darum arbeitet er mit einen fast historischen Apparat, einer Fuji 6x9 Mittelformatkamera, wenn du es genau wissen willst. Nicht weil er Fotonostalgiker ist. Einfach deshalb, weil die Filme, die man in die Kamera spannt, so riesig sind, dass selbst bei Landschaftsaufnahmen der Grashalm im Vordergrund genauso scharf wird wie der Berg im Hintergrund. 

Bevor ich auf die Torhüter zurückkomme, lass mich bitte noch einen Satz loswerden. Und zwar einen vom Künstler selbst. Der sagt: "Ich will dem Betrachter nicht befehlen, wo er hinschauen soll. Meine Idee ist, dass die Leute genau so schauen können, wie ich die Szene beobachtet habe." Genau das ist nämlich der große Unterschied zu den Fotos, wie du sie heute überall siehst. Du musst schon zugeben: Seit ein paar Jahren arbeiten 99 Prozent der professionellen Fotos mit Schärfe und Unschärfe. Damit du nicht lange suchen musst – und schnell weiterscrollen kannst. Einer wie van der Meer empfindet es als Bevormundung der Betrachtenden. 

Das gegenüberliegende Ende der Weltmeisterschaft

Jetzt zurück zum Sport. Also dem echten Fußball, der möglichst weit weg ist von der Championsleague oder dieser WM, die sich nicht mal mehr die Mühe gibt, so zu tun, als hätte sie mit der ursprünglichen Idee von Fußball was zu tun. Denn seine Motive findet van der Meer am anderen Ende dieser längst beckhamisierten Glamourwelt. Genauer gesagt in den Kreisklassen Europas: also Caragh (Irland), Bartkowo (Polen), Oxenhope (England), Zalk (Niederlande) und Torp (Norwegen), um dir eine konkrete Vorstellung zu geben.

Jetzt nicht, dass du denkst: Hauptsache schlechter Fußball. Die Sportplätze, die auf den Bildern so normal aussehen, hat der Künstler nach anderen Kriterien ausgesucht. Du wirst nämlich kein einziges Foto finden einer durchschnittlichen Multifunktionssportanlage, zum Beispiel so einer mit Aschenbahn, die nach Schema F vom örtlichen Bauunternehmer hingestellt wurde. Van der Meer hat mal gesagt, er würde nicht nur das Spiel lieben, sondern auch Spielfelder, denen man ansieht, welche Mühe sich die Leute gemacht haben, um sie anzulegen. Wo es hinter der Seitenlinie morastig, wild oder sonst holprig wird. Wo die Landschaft überhaupt keine ebene Fläche anbietet, um einen halbwegs brauchbaren Sportplatz einzurichten. Wo gegraben oder aufgeschüttet werden muss. Dort ist der Oldschool-Fotograf auf seine Klappleiter geklettert – und wir dürfen annehmen, dass viele Rumpelkicker sich gefragt haben, was der merkwürdige Holländer dort auf seinem Hochsitz wohl treibt. 

Die richtige Antwort wäre gewesen: Torhüter fotografieren. Du machst dir besser selbst ein Bild davon. Ich kann dir den Bildband wärmstens ans Herz legen. "Torhüter" ist jetzt neu erschienen bei Hartmann Books in Stuttgart. Was ich nicht verschweigen will: Du könntest "Torhüter" durchaus als Abfallprodukt sehen. Sämtliche Aufnahmen stammen aus den Jahren 1995 bis ungefähr 2012. Damals sind schon zwei Bände erschienen, allerdings mit Spielszenen. Aber wie es halt so ist: Manchmal kommen dir erst im Währenden die besten Ideen. Das hat wahrscheinlich jeder von uns schon erlebt. 

So ist es auch van der Meer ergangen. Da sitzt er hoch droben auf seiner Position. Bildausschnitt, Schärfe, Belichtung – alles perfekt eingerichtet. Aber gekickt wird gerade in der anderen Hälfte. Natürlich hat der Fotograf auch mal den Auslöser gedrückt, wenn der Torhüter mutterseelenallein in der Landschaft steht. Aber wie gesagt: Bei van der Meer kannst du dir selbst aussuchen, wo dein Blick hinwandert: auf den Torwart, auf die Autoreifen, die Kirche oder den Bergrücken im Hintergrund.

Und wenn du den Band ein zweites Mal anschaust: Ich würde wetten, dass du nochmal was entdeckst, was dir beim ersten Mal nicht aufgefallen war. Das Einzige, was du nicht sehen wirst, ist ein Torwart beim Pinkeln. So eine schlechte Blase hat nur der Lehmann.


Hinweis: Van der Meer weist in einem erklärenden Text darauf hin, dass in den Jahren, in denen er die Landschaften der Fußballamateure erforschte, der Fußball der Frauen in den Anfängen steckte. Erst 2012 bei seinem letzten Auftrag habe er den Fußball der Frauen einmal gewürdigt. 

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