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Uni-Projekt Tübinger Hausbesetzungen – Schelling

Raum für Selbstbestimmung

Uni-Projekt Tübinger Hausbesetzungen – Schelling: Raum für Selbstbestimmung
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Teilhabe, Solidarität und Selbstverwaltung – das sind die Grundpfeiler des alternativen Wohnprojekts Schellingstraße 6 in Tübingens Südstadt, kurz Schelling genannt. Als leerstehendes Gebäude einer Kaserne geriet das Haus Anfang der 1980er-Jahre in den Fokus studentischen Protests.

Dort, wo früher die Maschinengewehre standen, stehen jetzt Bücher im Regal. Wäscheständer, ein Sofa und eine angemalte Schaufensterpuppe mit Sauerstoffmaske stehen in einem langen Flur. Die Küche am Ende des Gangs ist das Herzstück der Wohnung – ein knallroter Kühlschrank und alte Holzmöbel, gefüllt mit bunt zusammengewürfeltem Geschirr, Kochbüchern und Stapeln an alten Zeitungen. Wir befinden uns in der "Bahamas", einer der Wohngemeinschaften im Erdgeschoss des Vorderhauses des Wohnprojekts Schellingstraße 6, meistens einfach Schelling genannt. Hier vermischen sich die Überbleibsel französischen Militärs mit dem Chaos einer zwölfköpfigen Groß-WG.

Uni-Projekt Tübinger Hausbesetzungen

Seit 1968 wurden in Tübingen Häuser besetzt. Die Münzgasse 13, die Schellingstraße 6 oder die Ludwigstraße 15, sie alle wurden – oft mithilfe des Mietshäuser Syndikats – dem Immobilienmarkt entzogen. Die Tübinger Verwaltung hat bei alldem eine rühmliche Rolle gespielt, denn im Gegensatz zu anderen Städten, die besetzte Häuser oft brachial räumen ließen, galt dort ab Ende der 1970er die "Tübinger Linie": Das Studentenwerk hat häufig die Trägerschaft für die Häuser übernommen, die Wohnraum boten oder aktuell noch bieten in einer Unistadt, in der günstiges Wohnen Mangelware ist. 

Elias Raatz, Tübinger Autor, Journalist und Medienwissenschaftler, hat 2025 zusammen mit dem Journalisten Lucius Teidelbaum ein Buch geschrieben über das Tübinger Epplehaus – einst besetzt, heute ein selbstverwalteter Jugendclub. Als Gastdozent am Institut für Medienwissenschaften hat er in Kooperation mit dem Tübinger Experten Marc Amann und der Kontext-Wochenzeitung im vergangenen Wintersemester ein ganzes Journalistik-Seminar zu Tübingens ehemals oder noch heute besetzten Häusern angeboten. Herausgekommen sind acht sehr gut recherchierte und geschriebene Texte, die die ganz eigenen Geschichten der einzelnen Häuser beschreiben und von den Träumen, Gedanken und Erfahrungen der Besetzenden und Bewohner:innen erzählen. Demnächst werden sie in ein zweites Buch gegossen. In den kommenden Wochen veröffentlichen wir jede Ausgabe einen gekürzten Beitrag daraus. Bereits erschienen: 

•  Menschenrecht auf Wohnen verteidigen
•  "Wir hol'n jetzt unser Haus!"
•  Gefängnisgitter im Keller 
•  Ein Zuhause gegen alle Widerstände  (red)

Ingo, der nur beim Vornamen genannt werden möchte, wohnt seit mehr als 40 Jahren hier. Wie viele andere war Ingo spontan Teil der Besetzung der Schelling geworden. Etwa 15 Studierende hatten die Besetzung auf dem leerstehenden Kasernenareal vorbereitet und konnten am 18. Juni 1980 während eines Mensafests in der Wilhelmstraße kurzfristig etwa 300 bis 400 Menschen für ihre Hausbesetzung in der Südstadt mobilisieren, wo zuvor einer von ihnen über die Kasernenmauer gesprungen war und das Schloss an der Tür des Stabsgebäudes geknackt hatte. Ingo war damals 20 Jahre alt: "Ich habe nicht kapiert, was da abging. War total Grün hinter den Ohren."

Am gleichen Abend veröffentlichten die Initiator*innen der Besetzung unter dem Namen "Tübinger Stadtmusikanten" ein Flugblatt, in dem sie dort selbstbestimmtes und kollektives Wohnen für Schüler*innen, Studierende, Auszubildende, Jungarbeiter*innen und Arbeitslose forderten. Im Mannschaftsgebäude der alten Kaserne wollten sie zudem die Einrichtung eines autonomen Kultur- und Stadtteilzentrums umsetzen. In den folgenden Tagen unterstützten weitere Initiativen die Besetzung und es kamen Forderungen hinzu, etwa Wohnraum nur für Frauen in einem der Wachgebäude auf dem Gelände einzurichten. 

Die größte Motivation für die Besetzung der Schelling war die katastrophale Wohnsituation der Achtzigerjahre: 1978 zählte die Stadt Tübingen 24.548 Wohnungen (ohne Studierendenwohnräume), während 62.825 Menschen nach Wohnraum suchten. Die Situation für Studierende war ähnlich, nur 60 Prozent der circa 20.000 Eingeschriebenen wohnten in Tübingen selbst.

Ursprünglich wurde das Gebäude auf dem Gelände der Thiepval-Kaserne von 1873 bis 1875 für die Württembergische Armee erbaut. Die französische Armee übernahm alles nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und verließ die Kaserne 1978 mit dem Ende der Besatzungszeit. Anschließend stand das Gebäude für knapp zwei Jahre leer – ein aus Sicht der damaligen Hausbesetzer*innen nicht tragbarer Zustand. 

Insgesamt blieben die Besetzer*innen ungefähr fünf Monate im Stabsgebäude und richteten sich dort ein. Während dieser Zeit begannen Verhandlungen zur Frage, wie das Gelände künftig genutzt werden sollte. Daran beteiligt waren der damalige Universitätspräsident Adolf Theis, Vertreter*innen der Parteien im Gemeinderat, die Besetzer*innen und das Studierendenwerk A.d.ö.R. (Anstalt des öffentlichen Rechts). Sie alle hatten Interesse am Stabsgebäude der Kaserne, das zum damaligen Zeitpunkt noch im Besitz des Bundesvermögensamts war. 

Wer kommt in die Thiepval-Kaserne?

Während der Verhandlungen machte das Studierendenwerk schnell klar, dass unter seiner Trägerschaft nur Studierende Platz im Stabsgebäude der Thiepval-Kaserne haben sollten. Doch das widersprach dem Konzept der Besetzer*innen, Solidarität mit allen wohnbedürftigen Personen in Tübingen zu zeigen und sozial gemischt zu wohnen. Jedoch würde das Studierendenwerk die Kosten der Renovierung nur dann decken, wenn nur Studierende ins Gebäude einziehen.

Nach einem Monat Verhandlung erhielt das Studierendenwerk die Kontrolle über drei Viertel des Stabsgebäudes, Lehrlinge wohnten im selbsternannten "Ghetto" im ersten Stockwerk auf der Ostseite unter Trägerschaft des Martinswerks und mussten selbst für die Renovierung aufkommen. Dass letztendlich das Studierendenwerk das Gebäude erhielt und nicht mehr Forderungen der Besetzer*innen durchgesetzt wurden, lag auch an der strategischen Entscheidung des Studierendenwerks, die Verhandlungen vor allem in die Semesterferien zu legen. Zu dieser Zeit sind die meisten Studierenden nicht an der Universität – so war es auch der Großteil der Besetzer*innen nicht. 

Als Ergebnis der Verhandlungen wurde zudem beschlossen, dass das alte Wachgebäude Wohnraum für alleinerziehende Frauen und Frauen ohne Kinder bieten sollte – so ist es auch heute noch. Das große Mannschaftsgebäude der Kaserne wurde schließlich als Notunterkunft für 500 bis 700 Asylsuchende geöffnet, die unter schlimmsten Bedingungen in den kleinen Räumen leben mussten.

Wo einst junge Männer gedrillt wurden, um für den Kaiser und später für Hitler zu kämpfen, wurde 1980 ein Raum für Widerstand und Selbstbestimmung geschaffen. Die Besetzer*innen der Schelling trugen nicht nur Möbel hinein, sondern auch eine neue Bedeutung. Vom Moment der Besetzung an, so ist Ingo überzeugt, wurde dieses Gebäude durch den Zusammenhalt der Hausgemeinschaft ein Zeichen für Solidarität und Gemeinschaft: "Damit in diesem Gebäude nie wieder Menschen zum Töten ausgebildet werden."

Läuft man heute hinter dem Tübinger Hauptbahnhof am ehemaligen Kasernengelände entlang, entdeckt man zwei verschiedene Welten zwischen dem selbstverwalteten Wohnprojekt Schelling im ehemaligen Stabsgebäude und den schicken Einzelwohnungen auf dem restlichen Thiepval-Gelände. Die "Bonzen", wie Ingo seine Nachbarn nennt. 

Die verrückte Idee des Hauskaufs

Um die Schelling langfristig selbstverwalten zu können und das Haus dem hart umkämpften Wohnungsmarkt zu entziehen, keimte bei Ingo und zwei Mitbewohnern um das Jahr 2000 eine Idee auf: Warum nicht einfach das Gebäude kaufen? "Total verrückt", reflektiert er heute. Doch das ewige Hin und Her mit dem Studierendenwerk sei so nervenzehrend gewesen, dass es sich wie die "einzige reale Alternative" anfühlte. Denn 1999 hatte der Bund als Eigentümer des denkmalgeschützten Kasernengebäudes verkündet, es verkaufen zu wollen. Für die "Schellingsträssler", wie sie damals in der Presse genannt wurden, die einmalige Chance, ein für alle Mal den Schritt in die Autonomie zu schaffen.

Doch 110 Studierende, Auszubildende und Arbeiter*innen davon zu überzeugen, gemeinsam irgendwie das Geld aufzutreiben, um ein altes, sanierungsbedürftiges Kasernengebäude zu kaufen, war anfangs eine große Herausforderung. "Dafür zu sorgen, dass wir Bewohner alle an einem Strang ziehen, war fast schwieriger als der Hauskauf selbst, denn viele hatten Angst, immerhin war das eine echte Mammutaufgabe. Nach unserer hausinternen Entscheidung kam eine brutal anstrengende Zeit. Wir haben jede freie Sekunde, die wir nicht geschlafen oder gearbeitet haben, mit Überlegen, Organisieren und Verhandeln verbracht." (Ingo)

In der Schelling hatte man indes vom Mietshäuser Syndikat aus Freiburg gehört. Dieses beteiligt sich an Wohnprojekten und unterstützt die Kaufabsicht der jeweiligen Bewohner*innen. Daher streckten auch die Bewohner*innen der Schelling ihre Fühler gen Breisgau aus. 2001 gründete die Hausgemeinschaft einen eigenen Verein, der wiederum eine gemeinsame GmbH mit dem Syndikat gründete. Diese GmbH sollte dann Grundstück und Gebäude in der Schellingstraße 6 erwerben. 

"Die gehen hier nicht freiwillig raus"

Über insgesamt fünf Jahre zogen sich die weiteren Verhandlungen. Bereits 2001 wurde das Hauptgebäude der Thiepval-Kaserne an eine Investorengemeinschaft zum Bau von Büros und Eigentumswohnungen verkauft. Es gingen zwei Angebote für das Stabsgebäudes beim Bund ein, neben dem der Bewohner*innen auch eins vom Studierendenwerk. Der verantwortliche Mitarbeiter bei der Oberfinanzdirektion Günther Danziger sagte damals gegenüber dem "Schwäbischen Tagblatt", die Schellingsträßler*innen hätten "bisher als einzige ein akzeptables Angebot" abgegeben, das Angebot des Studierendenwerks sei dagegen "inakzeptabel niedrig". So einigte man sich im Dezember 2003 auf einen Kaufpreis für das Stabsgebäude und umliegende Gelände in Höhe von 950.000 Euro. 

Fast fünf Jahre, nachdem der Bund den geplanten Verkauf des Kasernengeländes bekanntgegeben hatte, kam es im Februar 2004 zur endgültigen Einigung. Im August 2004 wurde der Kauf der Schelling mit einem feierlichen Notartermin im Innenhof besiegelt. 

Die finalen Kosten beliefen sich auf insgesamt zwei Millionen Euro. Das Geld konnten die Bewohner*innen dank Unterstützung des Mietshäuser Syndikats aus Banken- und Privat-Krediten sowie Bürgschaften zusammenbekommen: "Dass unsere verrückte Idee letztendlich Wirklichkeit wurde, war ein unbeschreibliches Gefühl, so eine Erleichterung. Wir haben erstmal drei Tage lang Party gemacht. Was von dieser Erfahrung bis heute blieb, ist das Gefühl, dass sich der Zusammenhalt in unserer Gemeinschaft wirklich auszahlt. Das ist echt etwas Besonderes." (Ingo)

Ein enger Austausch ist in der Schelling unumgänglich, denn bei gemeinschaftlichen Entscheidungen herrscht das Konsensprinzip. Das bedeutet: Entschieden wird nicht nach der Mehrheit, sondern es wird verhandelt, bis alle Beteiligten mit der Lösung einverstanden sind. Alle 14 Tage finden sich die Bewohner*innen in einem Plenum zusammen, welches nach einem Rotationsprinzip organisiert wird. Dabei ist jeweils eine andere WG an der Reihe, die Sitzung zu moderieren und zu protokollieren. Besprochen werden dabei von Anschaffungen über finanzielle Angelegenheiten bis hin zu Party-Planungen alle Themen, die die Hausgemeinschaft betreffen. 

"So ein Plenum kann bei uns schonmal locker zwei Stunden dauern", erzählt Hanna, die nur beim Vornamen genannt werden möchte. 2020 ist sie mit ihrer Tochter in die Schelling eingezogen: "Ich musste aus meiner damaligen WG raus, dabei war die Wohnungssuche die Hölle. Ich hatte über 40 WGs angeschrieben und nur Absagen bekommen. Eine Mutter mit Kind wollte niemand. Nur in der Schelling war man offen für uns." (Hanna)

Gelebter Widerstand gegen den Kapitalismus

Tatsächlich ist die Schelling ein Anker in der linksalternativen Szene Tübingens. Im Keller des ehemaligen Stabsgebäudes befindet sich mit dem Infoladen eine Informationsstelle für politisch Interessierte, die als Treffpunkt für politische Gruppen dient, aber auch als Archiv von Büchern, Zeitschriften und Flyern rund um Themen wie Antifaschismus, Sexismus, Antirassismus oder Militarismus. Hinzu kommt, dass sich verschiedene linkspolitische Gruppen regelmäßig in der Hausbar, ebenfalls im Keller der Schelling, treffen. Der dortige Umsonstladen mit allerlei gebrauchten Gegenständen und die selbstorganisierte Fahrradwerkstatt in der Hofeinfahrt auf das Schelling-Gelände werden darüber hinaus auch von ganz unterschiedlichen Personen genutzt. Doch auch wenn alles in der Schelling auf den ersten Blick harmonisch wirkt, ist das Zusammenleben mit 110 Menschen nicht immer einfach – und schon gar nicht konfliktfrei.

"Auch wenn wir versuchen, Hierarchien zu vermeiden, ist es in der Realität natürlich schwer, das auch so umzusetzen", reflektiert Hanna. Aus diesem Grund gibt es seit 2024 den "Arbeitskreis Konflikt (AK Konflikt)". Seine Mitglieder agieren streitschlichtend und versuchen durch Einzel- und Gruppengespräche das Problem zu klären oder einen zufriedenstellenden Kompromiss zu finden.

Ingo weiß, dass alternatives Wohnen ein Stück weit Idealismus ist. Mit Blick auf etwaige zukünftige Besetzungen prognostiziert er einen stetigen Verlust des gesellschaftlichen Rückhalts für linke Projekte: “Ich glaube nicht, dass die Solidarität aus Besetzungszeiten angesichts der zunehmenden Polarisierung heute noch die gleiche wäre. Aber ich habe trotzdem Hoffnung. Denn vor 45 Jahren hätte auch niemand gedacht, dass wir es als Schelling so lange schaffen.”

Für einen Moment schaut Ingo nachdenklich zu Boden, während er auf der alten Holzbank aus Kasernenzeiten sitzt und die Sonne durchs Fenster eine leichte Staubschicht auf dem Gewürzregal beleuchtet. Dass er sich nicht vorstellen könne, jemals aus der Schellingstraße 6 auszuziehen, erzählt er dann noch – und das tat er auch nie. Kurz nach unserem Gespräch mit ihm ist Ingo am 3. Januar 2026 an Krebs verstorben. Ob ihm sonst noch etwas wichtig wäre, uns über die Schelling zu erzählen, fragen wir ihn damals noch. Daraufhin zitiert er mit ruhiger Stimme Ernst Bloch: "'Heimat ist, worin noch niemand war.' Heimat ist nicht ein Ort, sondern liegt in der Zukunft. Da, wo wir uns wohlfühlen, wo wir alle hinwollen. Sehnsucht ist der große Antrieb dafür. Und meine Heimat, mein Sehnsuchtsort, das ist die Schelling."

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