Dort, wo früher die Maschinengewehre standen, stehen jetzt Bücher im Regal. Wäscheständer, ein Sofa und eine angemalte Schaufensterpuppe mit Sauerstoffmaske stehen in einem langen Flur. Die Küche am Ende des Gangs ist das Herzstück der Wohnung – ein knallroter Kühlschrank und alte Holzmöbel, gefüllt mit bunt zusammengewürfeltem Geschirr, Kochbüchern und Stapeln an alten Zeitungen. Wir befinden uns in der "Bahamas", einer der Wohngemeinschaften im Erdgeschoss des Vorderhauses des Wohnprojekts Schellingstraße 6, meistens einfach Schelling genannt. Hier vermischen sich die Überbleibsel französischen Militärs mit dem Chaos einer zwölfköpfigen Groß-WG.
Uni-Projekt Tübinger Hausbesetzungen
Seit 1968 wurden in Tübingen Häuser besetzt. Die Münzgasse 13, die Schellingstraße 6 oder die Ludwigstraße 15, sie alle wurden – oft mithilfe des Mietshäuser Syndikats – dem Immobilienmarkt entzogen. Die Tübinger Verwaltung hat bei alldem eine rühmliche Rolle gespielt, denn im Gegensatz zu anderen Städten, die besetzte Häuser oft brachial räumen ließen, galt dort ab Ende der 1970er die "Tübinger Linie": Das Studentenwerk hat häufig die Trägerschaft für die Häuser übernommen, die Wohnraum boten oder aktuell noch bieten in einer Unistadt, in der günstiges Wohnen Mangelware ist.
Elias Raatz, Tübinger Autor, Journalist und Medienwissenschaftler, hat 2025 zusammen mit dem Journalisten Lucius Teidelbaum ein Buch geschrieben über das Tübinger Epplehaus – einst besetzt, heute ein selbstverwalteter Jugendclub. Als Gastdozent am Institut für Medienwissenschaften hat er in Kooperation mit dem Tübinger Experten Marc Amann und der Kontext-Wochenzeitung im vergangenen Wintersemester ein ganzes Journalistik-Seminar zu Tübingens ehemals oder noch heute besetzten Häusern angeboten. Herausgekommen sind acht sehr gut recherchierte und geschriebene Texte, die die ganz eigenen Geschichten der einzelnen Häuser beschreiben und von den Träumen, Gedanken und Erfahrungen der Besetzenden und Bewohner:innen erzählen. Demnächst werden sie in ein zweites Buch gegossen. In den kommenden Wochen veröffentlichen wir jede Ausgabe einen gekürzten Beitrag daraus. Bereits erschienen:
• Menschenrecht auf Wohnen verteidigen
• "Wir hol'n jetzt unser Haus!"
• Gefängnisgitter im Keller
• Ein Zuhause gegen alle Widerstände (red)




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