KONTEXT:Wochenzeitung
KONTEXT:Wochenzeitung

25 Jahre Literaturhaus Stuttgart

Feiern als Widerstand

25 Jahre Literaturhaus Stuttgart: Feiern als Widerstand
|

Datum:

Das Literaturhaus Stuttgart feiert in diesem Jahr sein 25-jähriges Bestehen. Die Hälfte dieser Zeit hat Stefanie Stegmann Regie geführt. Im Interview empfiehlt sie, der Schwere der Gegenwart mit etwas Schwebelust zu begegnen.

Frau Stegmann, ist Ihnen angesichts der Weltlage überhaupt nach Feiern zumute?

Ja, mir ist zum Feiern zumute. Vielleicht kann ich da auf meine Erfahrungen in der Ukraine zurückgreifen. Ich habe zwei Jahre in dem Land gelebt und verfolge seit Ausbruch des großen Krieges die Situation, stehe mit den Kolleg:innen vor Ort in Austausch und sehe, dass es dort auch eine Art Trotzhaltung gibt: Feiern als Widerstand – als Gemeinschaft, die Kraft spenden kann. Es ist niemand geholfen, wenn wir mit hängenden Schultern und geneigtem Kopf durch die Straßen ziehen.

Feiern aus Trotz?

Natürlich feiern wir die 25-jährige Geschichte des Literaturhauses, weil das etwas Schönes ist, das man auch bejubeln kann: dass eine Stadt ein Haus hat, das sich um die Vermittlung von Literatur, von Form, Ästhetik und Inhalten kümmert. Und dass dieses Haus nicht mehr wegzudenken ist aus der Stadt, obwohl Literaturhäuser noch so jung sind im Vergleich zum Theater oder Kino. Aber wir ziehen uns nicht in unser Jubelkabinett zurück, entkoppeln das Feiern nicht von den Fragen der Gegenwart und tun so, als gäbe es die Welt und ihre Herausforderungen nicht. 

Ihr Jahresthema heißt "Schweben. Ein Kontrastprogramm in schweren Zeiten". Da müssten Sie aber aufpassen, nicht den Boden unter den Füßen zu verlieren.

Der Literaturwissenschaftler Joseph Vogl spricht in seinem Essay "Meteor. Ein Versuch über das Schwebende", der Anfang und Ausgangspunkt unseres Jahresthemas war, von versteinerten Weltlagen, in denen wir uns befinden. 

Die Weltlage ist im Moment nicht sehr ermutigend: Trump, AfD, Kriege in der Ukraine und im Nahen Osten, Klimawandel, extreme Ungleichheit ...

Vogls Essay ist eine Einladung, nicht selbst zu versteinern, in Bewegung zu bleiben, eine gewisse Denkoffenheit zu behalten oder wieder neu zu beginnen, ohne in Beliebigkeit zu verfallen: Geistige Lockerungsübungen nennen wir das in unserem ganzjährigen Programm aus Lesungen, Gesprächen, Ausstellungen, einem Magazin, einer Reihe Frühstücksseminare und vielem mehr. 

Stefanie Stegmann, 1974 in Lübbecke/Nordrhein-Westfalen geboren, leitet seit Anfang 2014 das Literaturhaus Stuttgart. Sie hat Germanistik und Kunst studiert und 2005 an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg im Fach Kulturwissenschaftliche Geschlechterstudien promoviert mit einer Arbeit zum Thema "Wissenschaft und ihr Outfit" über die "Effekte von Habitus, Fachkultur und Geschlecht". Danach und bis zu ihrer Berufung nach Stuttgart leitete sie das Literaturbüro Freiburg im Breisgau.  (dh)

Aber durch Lockerungsübungen allein wird man den neuen Rechten wohl nicht entgegentreten können.

Wir müssen uns mit der Radikalisierung der Politik und Gesellschaft auseinandersetzen und tun das ja auch. Dazu gehört etwa unsere anderthalbjährige Reihe zu Hannah Arendt. Im Juli spricht Jason Stanley über rechte Geschichtsfälschungen. Wir haben aktuell eine Ausstellung mit 15 Lyriker:innen, von Brasilien bis Indien und Südkorea, die sich in der Collagetechnik mit dem Freundschaftsbegriff von Hannah Arendt auseinandersetzten. In unserem Riverside-Salon im Januar sind wir zum Beispiel der Frage nachgegangen: Taugt Arendts Totalitarismustheorie noch?

Was ist das, ein Riverside-Salon?

Hannah Arendt hat in New York am Riverside gewohnt. Sie hat dort Freunde, Intellektuelle, Bekannte zu Salon-Diskussionen eingeladen. Wir haben daraus ein Nachmittagsformat gemacht, das zwar etwas mehr voraussetzt als die breiter gefassten Abendveranstaltungen, aber das Publikum nach einem kleinen Impuls sofort einlädt, mitzureden. Dazu gibt es wie bei Hannah Arendt Portwein und Obst. Der nächste und letzte Salon findet im Herbst mit Marie Luise Knott statt. 

In den östlichen Bundesländern machen sich Kulturveranstalter Sorgen um ein Neutralitätsgebot, das die AfD fordert. Sie befürchten, Fördermittel zu verlieren.

Wir unterliegen als Verein grundsätzlich keinem Neutralitätsgebot. Doch wenn man die letzten 25 Jahre unserer Programmarbeit anschaut: Die einzelnen Abende sind nicht immer neutral. Aber wir haben traditionell-konservative ebenso wie liberale Autor:innen im Programm, wir heißen palästinensische, orthodoxe jüdische, aktivistische, queere aber auch Akteure aus den demokratischen Parteien bei uns willkommen: Wo mein persönliches Herz schlägt, das weiß ich, aber das ist für die Programmarbeit nicht maßgeblich.

Macht Ihnen Angst, was da im Osten passiert?

Natürlich. Auch die Situation in der Ukraine, in Russland, in den USA und in einigen europäischen Ländern, in denen sich autoritäre Strukturen entwickeln oder längst verfestigt haben, macht mir Sorge. Das Literaturhaus ist ja Teil des Netzwerks der deutschsprachigen Literaturhäuser, dazu gehören auch die Häuser in Leipzig, Halle und Rostock. Der Druck ist dort schon größer. Es gibt Anfragen der AfD nach der Programmgestaltung, nach der Ausrichtung, nach Verwendung der Fördergelder. 

Kürzungen und Streichungen sind derzeit an der Tagesordnung, manchmal ist nicht ganz klar, ob aus politischen oder andern Gründen. Auch Sie müssen mit Kürzungen leben. Das Literaturfestival wurde gestrichen und den Zuschuss zu ihrem laufenden Programm hat die Stadt wie bei allen anderen um sechs Prozent gekürzt.

Ja, und das ist spürbar. Aber wir müssen dennoch differenzieren: Wir sind ein eingetragener Verein. Die Stadt Stuttgart finanziert uns mit bisher 430.000, jetzt noch 415.000 Euro jährlich. Dazu kommen noch 60.000 Euro vom Land und weitere Mittel vom Kultusministerium für das Literaturpädagogische Zentrum.

Festival "Die Macht der Sprache"

Am 25. und 26. Juni veranstaltet das Literaturhaus erstmals das Festival "Die Macht der Sprache" für Kinder und Jugendliche. Es richtet sich an Schulklassen vom dritten Grundschuljahr bis kurz vor dem Abitur. "Wir haben uns auf die Ausschreibung des Förderprogramms 'Kinder- und Jugendliteratursommer' der Baden-Württemberg-Stiftung beworben, bei der es um Mut und Zuversicht ging", erklärt Laura Hornstein vom Literaturpädagogischen Zentrum, die das Festival organisiert. "Für uns ist wichtig, dass Jugendliche Literatur erleben in einer Art, die über den Deutschunterricht hinausgeht. Nicht allein analysieren, rezipieren, interpretieren, sondern die Sprache selber produktiv nutzen, für den Selbstausdruck, für die Meinungsäußerung, um überhaupt teilhaben zu können am Diskurs."  (dh)

Den weitaus größten Teil aber müssen wir jedes Jahr selbst einwerben. Andere Kulturveranstalter trifft es härter, weil sie prozentual deutlich mehr kommunale Förderung erhalten. Wenn wir eigene Projektschwerpunkte wie das "Schweben" oder die Reihe "Ach! Hanna Arendt" setzen, akquirieren wir dafür eigens Mittel bei Stiftungen, in Ministerien und andernorts, und können auf diese Weise kreativ das Programm gestalten. Das bedeutet eine grundsätzlich größere Unabhängigkeit von kommunaler Förderung.

Ein Vorteil, wenn die öffentliche Hand spart.

Wenn die Stadt uns sechs Prozent ihrer Förderung kürzt, sind das ungefähr 25.000 Euro, aber es wäre naiv zu glauben, es bliebe bei diesen sechs Prozent. 

Warum?

Es versuchen nun natürlich alle, die Drittmittelakquise zu steigern, um die Kürzungen aufzufangen. Das spüren auch wir, wenn wir von den Stiftungen zu hören bekommen: "Tut mir leid, Frau Stegmann, den Antrag können wir frühestens in acht Wochen bearbeiten, wir kommen gerade gar nicht hinterher, wir werden überschüttet mit Anträgen".

Sie sind aber auch Sachkundige Bürgerin im Kulturausschuss des Gemeinderats und sprechen damit nicht nur für das Literaturhaus.

Ich bin schon einige Jahre dabei und darf in dieser Funktion gar nicht für das Literaturhaus sprechen – die Sachkundigen Bürger sind ein beratendes Gremium, das die Politik in Kulturförderfragen und in der Aufstellung der kulturellen Landschaft der Stadt berät.

Und was machen Sie, wenn die Stadt den Kulturbereich noch viel stärker kürzt?

Dann ermuntert uns das, dem etwas entgegenzusetzen. Den Slogan des letzten Herbsts, an Kultur, Bildung und Sozialem zu sparen, kostet zu viel, würde ich immer noch stark machen wollen. Die Frage, was man sich leisten will und was nicht, verliert nicht an Aktualität. Kultur ist eine freiwillige Leistung. Trotzdem wissen auch die Politiker:innen, was es in der Konsequenz für das Stadtleben bedeutet, in den Bereichen Kultur, Bildung und Soziales zu kürzen. Wir sehen es schon jetzt bei den Beratungsstellen. Oder schauen wir auf die Frauenhäuser: 60 Prozent der Frauen, die überhaupt erstmal diesen Schritt gehen, zum Hörer zu greifen und um Hilfe zu bitten, werden abgewiesen, weil die Häuser überbelegt sind. Das war der Status quo schon vor den Kürzungen, es ist schrecklich. 

Das Regierungspräsidium fordert, die Stadt soll die freiwilligen Leistungen radikal zurückfahren.

Der Haushalt muss genehmigt werden, das ist klar. Es ist nicht die Aufgabe der Sachkundigen, Entscheidungen zu fällen, sondern mit der Politik im Gespräch zu bleiben, die Prozesse einzuschätzen, aber uns immer für die Kultur einzusetzen. Und ich sehe durchaus auch die Notwendigkeit, dass, wenn in allen Bereichen gekürzt wird, auch in der Kultur gekürzt werden muss. Aber wir als Sachkundige müssen auch darauf hinweisen: Was sind die Konsequenzen? Was bedeutet es, wenn bestimmte Projekte, Einrichtungen, Vereine so deutlich gekürzt werden, dass ihre Existenz bedroht ist? Der Aufbau einer kriterienbasierten Kulturförderung ist ja derzeit in Arbeit, um die anstehenden Kürzungen der nächsten Doppelhaushalte besser begleiten zu können und um andere Instrumente zur Hand zu haben als eine pauschale prozentuale Kürzung. 

Wer entwickelt die?

Ein Teil der Kriterien wurde aus dem mehrjährigen Prozess "Kultur im Dialog" und seiner Auswertung durch die Verwaltung entwickelt. Darüber hinaus sind die institutionell geförderten Einrichtungen ebenfalls aufgefordert, Kriterien mitzuentwickeln. Hinzu kommt eine Arbeits- und Steuerungsgruppe zur Entwicklung der Kriterien, begleitet von der Verwaltung. Wie die Kriterien dann für jede Einrichtung Anwendung finden sollen, ist neben anderen Fragen noch offen. Am Ende des Wegs und in letzter Instanz entscheidet dann der Gemeinderat über die Vergabe der Mittel. Die Rhetorik in der Stadt ist im Moment: Diese Kriterien entwickeln wir, um die Kultur zu stärken. Aber natürlich geht es auch darum, die Kürzungen zu priorisieren. Das wird noch eine ziemliche Herausforderung.

Aber der Kulturbereich liegt bei einem Prozent des Haushalts. Was kann man da sparen?

Diese Frage versuchen wir auch immer wieder zu vermitteln. Natürlich sind die Ausgaben für Kultur insgesamt überschaubar. Da stellen wir schon die Frage: Die Summen, die man da einspart, zerstören so viel – steht das noch im Verhältnis? Trotzdem können wir auch nicht verlangen, als einziger Bereich von den Kürzungen ausgenommen zu werden. Das wäre den anderen Bereichen gegenüber ebenso wenig zu vermitteln.

Wir brauchen Sie!

Kontext steht seit 2011 für kritischen und vor allem unabhängigen Journalismus – damit sind wir eines der ältesten werbefreien und gemeinnützigen Non-Profit-Medien in Deutschland. Unsere Redaktion lebt maßgeblich von Spenden und freiwilliger finanzieller Unterstützung unserer Community. Wir wollen keine Paywall oder sonst ein Modell der bezahlten Mitgliedschaft, stattdessen gibt es jeden Mittwoch eine neue Ausgabe unserer Zeitung frei im Netz zu lesen. Weil wir unabhängigen Journalismus für ein wichtiges demokratisches Gut halten, das allen Menschen gleichermaßen zugänglich sein sollte – auch denen, die nur wenig Geld zur Verfügung haben. Eine solidarische Finanzierung unserer Arbeit ermöglichen derzeit 2.500 Spender:innen, die uns regelmäßig unterstützen. Wir laden Sie herzlich ein, dazuzugehören! Schon mit 10 Euro im Monat sind Sie dabei. Gerne können Sie auch einmalig spenden.


Gefällt Ihnen dieser Artikel?
Unterstützen Sie KONTEXT!
KONTEXT unterstützen!

Verbreiten Sie unseren Artikel
Artikel drucken


0 Kommentare verfügbar

Schreiben Sie den ersten Kommentar!

Kommentare anzeigen  

Neuen Kommentar schreiben

KONTEXT per E-Mail

Durch diese Anmeldung erhalten Sie regelmäßig immer Mittwoch morgens unsere neueste Ausgabe unkompliziert per E-Mail.

Letzte Kommentare:






Die KONTEXT:Wochenzeitung lebt vor allem von den kleinen und großen Spenden ihrer Leserinnen und Leser.
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!