Frau Stegmann, ist Ihnen angesichts der Weltlage überhaupt nach Feiern zumute?
Ja, mir ist zum Feiern zumute. Vielleicht kann ich da auf meine Erfahrungen in der Ukraine zurückgreifen. Ich habe zwei Jahre in dem Land gelebt und verfolge seit Ausbruch des großen Krieges die Situation, stehe mit den Kolleg:innen vor Ort in Austausch und sehe, dass es dort auch eine Art Trotzhaltung gibt: Feiern als Widerstand – als Gemeinschaft, die Kraft spenden kann. Es ist niemand geholfen, wenn wir mit hängenden Schultern und geneigtem Kopf durch die Straßen ziehen.
Feiern aus Trotz?
Natürlich feiern wir die 25-jährige Geschichte des Literaturhauses, weil das etwas Schönes ist, das man auch bejubeln kann: dass eine Stadt ein Haus hat, das sich um die Vermittlung von Literatur, von Form, Ästhetik und Inhalten kümmert. Und dass dieses Haus nicht mehr wegzudenken ist aus der Stadt, obwohl Literaturhäuser noch so jung sind im Vergleich zum Theater oder Kino. Aber wir ziehen uns nicht in unser Jubelkabinett zurück, entkoppeln das Feiern nicht von den Fragen der Gegenwart und tun so, als gäbe es die Welt und ihre Herausforderungen nicht.
Ihr Jahresthema heißt "Schweben. Ein Kontrastprogramm in schweren Zeiten". Da müssten Sie aber aufpassen, nicht den Boden unter den Füßen zu verlieren.
Der Literaturwissenschaftler Joseph Vogl spricht in seinem Essay "Meteor. Ein Versuch über das Schwebende", der Anfang und Ausgangspunkt unseres Jahresthemas war, von versteinerten Weltlagen, in denen wir uns befinden.
Die Weltlage ist im Moment nicht sehr ermutigend: Trump, AfD, Kriege in der Ukraine und im Nahen Osten, Klimawandel, extreme Ungleichheit ...
Vogls Essay ist eine Einladung, nicht selbst zu versteinern, in Bewegung zu bleiben, eine gewisse Denkoffenheit zu behalten oder wieder neu zu beginnen, ohne in Beliebigkeit zu verfallen: Geistige Lockerungsübungen nennen wir das in unserem ganzjährigen Programm aus Lesungen, Gesprächen, Ausstellungen, einem Magazin, einer Reihe Frühstücksseminare und vielem mehr.




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