Selbst unter Kleinstbetrieben in Stuttgart fand Kevin Schmidt nur eine Handvoll, die im Zweiten Weltkrieg keine Zwangsarbeiter:innen einsetzten. Angeblich. Der Heidelberger Historiker jedenfalls hat daran Zweifel. "Wenn diese Unternehmer tatsächlich zu keinem Zeitpunkt Zwangsarbeiter beschäftigten, stellen sie damit eine Ausnahme dar", sagt Schmidt. In der Regel wurden zwischen 1939 und 1945 auch in kleinen Betrieben wie Bäckereien, Metzgereien oder Gasthöfen Zwangsarbeiter:innen eingesetzt. In Großbetrieben wie Daimler oder Bosch sowieso, dort teils zu Tausenden, oder in jeweils kleinerer Zahl in privaten Haushalten. Und, was häufig vergessen wird, auch Kommunen beschäftigten sie.
Schmidts Forschungsergebnisse bestätigen einmal mehr, wie allgegenwärtig Zwangsarbeit während des Kriegs im nationalsozialistischen Deutschland war, dass es ein Phänomen war, dass eigentlich niemand übersehen konnte. Daraus folgt aber nicht, dass es für Stuttgart grundlegend erforscht ist. Während es für einige wenige Firmen sehr gute und umfassende Studien gibt, gab es bislang noch keinen Versuch, Zwangsarbeit in der Stadt in allen ihren Facetten darzustellen.
Diese Lücke ist nun kleiner geworden. Mit einem Promotionsstipendium der Stadt Stuttgart hat Kevin Schmidt vier Jahre lang zu dem Thema geforscht, hat verschiedenste Quellen aus Archiven gesichtet – neben dem Stadtarchiv etwa aus mehreren Standorten des Landesarchivs Baden-Württemberg, aus dem Wirtschaftsarchiv Hohenheim oder dem Militärarchiv Freiburg. Bereits im Mai vergangenen Jahres gab er seine Arbeit ab, im März 2026 erfolgte die Veröffentlichung im Verlag Regionalkultur, am heutigen Mittwoch, 24. Juni, schließlich wird sein Buch "Kriegswirtschaft und Zwangsarbeit in Stuttgart" im Stadtarchiv Stuttgart öffentlich präsentiert.
Erst spät ein Forschungsthema geworden
Dass es beim Thema NS-Zwangsarbeit riesige Lücken gibt, ist kein exklusives Stuttgart-Problem. Bis Mitte der 1980er-Jahre stand es im Schatten der Holocaustforschung. Erst mit Ulrich Herberts Pionierarbeit "Fremdarbeit" von 1985 begann sich dies allmählich zu ändern. Was Stuttgart betrifft, so sticht bis heute die sorgfältig recherchierte Arbeit "Zwangsarbeit bei Daimler-Benz" von Barbara Hopmann, Mark Spoerer, Birgit Weitz und Beate Brüninghaus, 1994 erschienen, heraus. Was für diese Studie zutrifft, trifft auch auf viele andere zu: Wenn es um die Erforschung ihrer NS-Geschichte geht, mussten viele Unternehmen erst zum Jagen getragen werden. Etwas Bewegung brachten ab 1998 die Debatten um Entschädigungszahlungen für Zwangsarbeiter:innen, manche Firmen traten nun mit selbst beauftragten Studien zu ihrer Unternehmensgeschichte die Flucht nach vorn an, die Mehrheit allerdings betrachtete das Problem mit Zahlungen in den von der rot-grünen Bundesregierung initiierten Stiftungsfonds als erledigt an.
Wie sehr Unternehmen auf ihrer NS-Geschichte den Deckel halten wollten, zeigt sich beispielhaft an Porsche. Die Firma sah sich erst durch einen Aufsatz von Ulrich Viehhöver in dem von Hermann G. Abmayr herausgegebenen Band "Stuttgarter NS-Täter" von 2009 genötigt, eine Aufarbeitung anzukündigen. Und fast ganz im Schatten blieb bislang der Einsatz von Zwangsarbeiter:innen bei der Stadt Stuttgart, Kleinfirmen oder privaten Haushalten.
Druck, dies zu ändern, kam immer wieder aus der Zivilgesellschaft, und manchmal kamen aus der auch eigene Veröffentlichung: Etwa die einen guten Überblick bietende Broschüre "Ehemalige Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter in Stuttgart", 1997 von der IG Metall und der VVN/BdA veröffentlicht. Eine umfassende Darstellung, die wissenschaftlichen Kriterien genügte, blieb aus.




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