KONTEXT Extra:
Lindenhof kriegt eine Million vom Land

Das Theater Lindenhof ist ein Unikum in der baden-württembergischen Bühnenlandschaft, ein Regionaltheater in dem nicht einmal 1000 Seelen zählenden Dorf Melchingen, das mit Aufsehen erregenden Inszenierungen, etwa 2016 einem Stück mit syrischen Geflüchteten, immer wieder weit ins Land hinaus wirkt. Seit langem allerdings stehen in dem 1981 gegründeten Theater umfangreiche Umbauarbeiten an, um die Standards für Zuschauer und Schauspieler auf ein zeitgemäßes Niveau zu heben, unter anderem einen barrierefreien Zugang zu gewährleisten.

Für dieses Vorhaben gibt es nun eine Förderung von einer Million Euro vom Land. Am Freitag überreichte Peter Hauk (CDU), Minister für den ländlichen Raum, Lindenhof-Intendant Stefan Hallmayer den Zuschussbescheid. Eine stattliche Summe, Hallmayer ist dennoch "nicht überrascht" über die Höhe. "Wir hatten ja Anträge in bestimmten Höhen gestellt, das ist alles vorbesprochen worden." Schon bisher wird das Theater von den Landkreisen Tübingen, Reutlingen und Zollernalb, der Sitzgemeinde Burladingen und vom Land gefördert, insofern entsprächen auch der Finanzierungsmix für den Umbau dieser Konstruktion. Trotzdem ist der Intendant ungeheuer froh über die jetzt bewilligte Landesförderung, denn immerhin habe es über acht Jahre von den ersten Plänen bis jetzt gedauert, die Umbaufinanzierung sicher zu stellen. "Es hat schon viel Überzeugungsarbeit bedurft", sagt Hallmayer, und auch nach dem Wechsel vom früheren zuständigen Minister Alexander Bonde (Grüne) zu Peter Hauk nach der Landtagswahl 2016 habe man wieder neuen Anlauf nehmen müssen. "Aber wir haben gemerkt, dass von allen Fraktionen eine außergewöhnliche Wertschätzung für das Theater da war."

Nun kann sofort mit dem Bauen begonnen werden, "der Bagger ist schon da", so Hallmayer. An den auf 2,5 Millionen Euro veranschlagten Baukosten beteiligen sich auch die angrenzenden Landreise und die Gemeinde Burladingen, und mit 750 000 Euro Eigenmitteln auch die Stiftung Theater Lindenhof. "Einen Teil davon haben wir schon", sagt Hallmayer, "für einen Teil wollen wir noch Unternehmen als Partner werben." (23.7.2017)


Fahrverbote: Unterstützung aus Bayern

Es wird immer enger für Dieselfahrzeuge. Seit Monaten kämpft Winfried Hermann hinter den Kulissen gegen eine Aushöhlung des Konzepts zur Luftreinhaltung in der Landeshauptstadt und damit auch für Beschränkungen an Feinstaubtagen. Jetzt hat der grüne Landesverkehrsminister Unterstützung ausgerechnet aus Bayern bekommen. Eine „Karte des Grauens“ nennen nicht nur Umweltschützer das Gutachten zur Luftqualität in München. Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU), so der Vorwurf der Deutschen Umwelthilfe (DUH), hat es über drei Wochen zurückgehalten. Jetzt wurde es publik und offenbart, dass an 260 (!) Straßen im Stadtgebiet der Stickoxid-Grenzwert von 40 Mikrogramm pro Kubikmeter überschritten wird. Darunter sind ein Viertel aller Hauptstraßen oder 123 von 511 Kilometern. An 50 Messstellen liegen die Werte sogar über 60 Mikrogramm pro Kubikmeter. Schon Anfang 2017 - nach einer Klage der DUH - ist der Freistaat nicht nur dazu verpflichtet worden, das Gutachten zu veröffentlichen, sondern auch ein Maßnahmenpaket zur Verbesserung vorzulegen.

Wie sich die Bilder gleichen: Seehofer und sein Südschienen-Partner Winfried Kretschmann (Grüne) möchten Fahrverbote für Dieselfahrzeuge verhindern. Die Realisten hingegen, darunter vorsichtig auch Münchens SPD-OB Dieter Reiter, halten diese Maßnahme angesichts des Ausmaßes der Luftverschmutzung ohnehin für nur noch schwer abzuwenden. Und Winfried Hermann wiederholt gebetsmühlenhaft, dass Fahrverbote nicht vom Tisch sind. Die EU weiß er an seiner Seite: Am Freitag wurde bekannt, wie die zuständige EU-Industriekommissarin Elzbieta Bienkowska alle manipulierten Fahrzeuge radikal aus dem Verkehr ziehen will – nicht irgendwann, sondern schon 2018. Zugleich nimmt die Polin die nationalen Prüfbehörden ins Visier und findet klare Worte: Die hätten versagt. (21.7.2017)


Der doppelte Martin

Wo war Martin Schulz am Montagabend? Die "Stuttgarter Zeitung" behauptet, der Kanzlerkandidat sei bei ihr gewesen. Bei "StZ im Gespräch". Die "Stuttgarter Nachrichten" schreiben, Schulz sei bei ihnen gewesen. Beim "Treffpunkt Foyer". Recherchen von Kontext haben ergeben, dass der Spitzengenosse tatsächlich bei beiden war. Zur gleichen Zeit am gleichen Ort bei den gleichen Besuchern. Gesagt hat er auch das Gleiche, nur die Überschriften waren anders. Bei der StZ greift Schulz die Kanzlerin scharf an, bei den StN bläst er zur Aufholjagd, und die Chefredakteure dürfen auf den Titelblättern verschieden von vorne gucken. Fritz Kuhn wiederum, der Oberbürgermeister, klatscht in beiden Zeitungen gleich. Es ist einfach immer wieder schön zu sehen, dass eine Gazette so tut als wäre sie zwei. Das ist wichtig, wegen der Presse- und Meinungsvielfalt. (18.07.2017)


Landesregierung zu Fahrverboten: Aus Ja wird Jein

Vier Tage vor dem nächsten Termin am Stuttgarter Verwaltungsgericht in Sachen Feinstaub steigt die Nervosität. "Bei der Diskussion um den Luftreinhalteplan steht der Gesundheitsschutz der Bürger im Vordergrund und das Gebot, die Luft, die wir alle atmen, sauber zu halten", sagt Andreas Schwarz, Fraktionschef der Grünen um Landtag. Und doch muss er zusehen, wie seiner Partei die schärfste Maßnahme, die Möglichkeit, Straßen an Feinstaubtagen für den Verkehr zu sperren, aus der Hand geschlagen wird. Bereits Anfang Juli hatte Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) darüber informiert, dass er streckenbezogene Fahrverbote für rechtlich nicht zulässig hält, wenn durch die Kombination dieser Straßen de facto eine Fahrverbotszone gebildet wird. Dementsprechend sah der Anwalt des Landes jetzt die Notwendigkeit, dem Verwaltungsgericht im Vorfeld des Verfahrens am kommenden Mittwoch mitzuteilen, dass am Instrument der Fahrverbote nicht weiter festgehalten wird.

Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) will im Kabinett am Dienstag dagegen durchsetzen, im Luftreinhalteplan einen solchen Rückzieher nur für den Fall festzuschreiben, dass die Nachrüstung älterer Diesel-Fahrzeuge jenes Minus an Emission bringt, das auch Fahrverbote bringen würden. "Der Luftreinhalteplan, wie er von beiden Koalitionspartnern und den betroffenen grün- und CDU-geführten Ministerien vorgesehen ist", erläutert auch Schwarz, "macht noch einmal klar: Verkehrsbeschränkungen würde es dann geben, wenn die Nachrüstung verschleppt wird oder nicht die erwartete Wirkung bringt." Und der Kirchheimer Abgeordnete, der die Fraktion seit gut einem Jahr führt, spielt den Ball zurück an Dobrindt: Jetzt sei der Bund in der Pflicht, denn der müsse "dringend alle technischen und rechtlichen Fragen zur Nachrüstung für verbindlich erklären und die Blaue Plakette einzuführen, denn sie ist das beste Mittel, um allgemeine Fahrverbote zu vermeiden". (15.7.2017)


AfD fühlt sich durch bunte Ballons angegriffen

Eine anonyme Dienstaufsichtsbeschwerde gegen den Rektor des örtlichen Schulverbunds sorgt seit gestern erneut für Turbulenzen in Burladingen. In einem Schreiben behauptet ein anonymer Verfasser, im Namen von zwölf weiteren Eltern zu sprechen, die sich gegen eine Luftballon-Aktion der Burladinger Schulen aussprechen. "Letztlich ging es hier um eine politische Aktion, die gegen die AfD gerichtet war", so der Text, das sei ein "klarer Missbrauch der Kinder für politische Zwecke".

Was war passiert? Am 28. Juni hatten sich mehrere Schulen, Kindergärten, das Theater Lindenhof und mehrere Privatpersonen an der Aktion "Burladingen ist bunt" beteiligt. Mit bunten Luftballons warben die Burladinger für Offenheit und Toleranz in ihrer Stadt, die derzeit gegen ihr rechtes Image kämpft (Kontext berichtete), erst recht seitdem der umstrittene Bürgermeister Harry Ebert Sympathiebekundungen für die AfD verlautbaren lässt. An der Aktion beteiligt waren alle drei Rektoren des Schulverbunds. Doch nur gegen Michael Linzner richten sich die anonymen Vorwürfe.

Für den zuständigen Schulamtsdirektor Gernot Schultheiß in Albstadt ein ungewöhnlicher Fall. Noch nie habe ihn eine anonyme Dienstaufsichtsbeschwerde erreicht, so Schultheiß gegenüber Kontext: "So habe ich ja niemanden, dem ich antworten kann." Ungewöhnlich auch, dass das Schreiben an das Kultusministerium in Stuttgart ging, an die beiden Lokalzeitungen und an das Tübinger Regierungspräsidium. Dringenden Handlungsbedarf sieht Schultheiß allerdings nicht. Kein Kind sei gefährdet, auf keinem der Ballons sei gestanden, "gegen die AfD", das ganze habe in der Pause statt gefunden und keiner habe die Kinder gezwungen, einen Ballon steigen zu lassen. Im übrigen sei Linzner seit Jahrzehnten als engagierter und erfolgreicher Lehrer bekannt, der für seine Überzeugungen stehe und kein Blatt vor den Mund nehme. "Interessant ist", schreibt der Schwarzwälder Bote, "dass Michael Linzner am Wochenende bei der Schulentlassungsfeier Kritik an Bürgermeister Harry Ebert geäußert hatte, weil dieser kurzfristig abgesagt hatte."

Die AfD-Landtagsfraktion sah sich heute zu einer Pressemitteilung herausgefordert: "Die Luftballon-Aktion, an der Michael Linzner als treibende Kraft beteiligt war, richtete sich laut anonymem Hinweis gezielt gegen die AfD". Schulamtsdirektor Gernot Schultheiß sieht auch dies gelassen: "Sicher nutzen das manche nur, um auf sich aufmerksam zu machen." Initiiert hat die Aktion übrigens nicht der Rektor, sondern die Burladinger Bürgerin Tipsy Peucker. (13.7.2017)

Dazu: Rechtsabbiegen in Burladingen, Kontext-Ausgabe 323


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Jwd: die Skulptur "Tag und Nacht" an ihrem aktuellen Standort. Foto: Joachim E. Röttgers

Jwd: die Skulptur "Tag und Nacht" an ihrem aktuellen Standort. Foto: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 309
Zeitgeschehen

Das versteckte Mahnmal

Von Oliver Stenzel
Datum: 01.03.2017
Was passierte mit dem Mahnmal für die Daimler-Zwangsarbeiter, das bis 2006 vor dem alten Mercedes-Benz-Museum stand? Eine Mitarbeiterin bohrt nach. Jetzt soll es beim neuen Museum aufgestellt werden. Aber nicht davor, sondern weit abseits.

Im Dritten Reich galt die Firma Daimler-Benz nicht nur als "nationalsozialistischer Musterbetrieb", sie war vor allem ein kriegswichtiges Unternehmen wegen ihrer Rüstungsproduktion. Diese hielten ab 1942 Tausende Zwangsarbeiter aus den besetzten Gebieten aufrecht. 1944 sollen es über 46 000 gewesen sein, mehr als die Hälfte aller Angestellten des Unternehmens. Bis Daimler anfing, an sie zu erinnern, vergingen mehr als 40 Jahre.

Bettina Stadtmüller. Foto: Joachim E. Röttgers
Bettina Stadtmüller. Foto: Joachim E. Röttgers

Über die NS-Vergangenheit der Firma wusste Bettina Stadtmüller, als sie 2003 bei der Daimler AG als Mitarbeiterin im Media- und Datamanagement begann, nicht viel. Bis sie 2013 im Intranet des Unternehmens einen Artikel darüber las, wie die eigene Geschichte in der Zeit des Nationalsozialismus aufgearbeitet worden sei, illustriert mit einem Foto des Mahnmals zur Erinnerung an die Zwangsarbeiter bei Daimler – vor dem früheren Mercedes-Benz-Museum, das schon 2007 abgerissen wurde. Und wo das Mahnmal schon lange nicht mehr stand. "Ich habe mich zunächst einfach gefragt: Wo ist das Ding eigentlich abgeblieben?", erzählt Stadtmüller. So begann ihre Suche.

Der Einweihung des Mahnmals 1989 waren einige Jahre vorausgegangen, in denen das Unternehmen wegen seines Umgangs mit der braunen Vergangenheit schwer unter Druck geraten war. Denn in den Publikationen zur 100-jährigen Jubiläumsfeier der Firma im Jahr 1986 kam dieser Teil der Geschichte kaum vor. Und schon 1983 war der Historiker Ulrich Herbert, der über Zwangsarbeit bei der Firma forschen wollte, abgewiesen worden – es gebe in den Archiven dazu keine Dokumente, hieß es.

Dass sich das Unternehmen irgendwann doch zu einem anderen Umgang mit seiner Geschichte entschloss, lag am zunehmenden öffentlichen Druck, unter anderem durch mehrere kritische Artikel im "Spiegel", und nicht zuletzt auch am ab 1987 neuen Vorstandsvorsitzenden Edzard Reuter, der 1935 als Siebenjähriger mit seiner Familie vor den Nazis in die Türkei geflohen war. Die Firma öffnete ihre Archive und gab die Studie "Zwangsarbeit bei Daimler-Benz" in Auftrag, die bei ihrem Erscheinen 1994 vom einst abgewiesenen Ulrich Herbert als die bislang "umfangreichste und genaueste Darstellung" des Themas bei einem deutschen Unternehmen gelobt wurde. Außerdem überwies der Konzern 1988 einen Betrag von 20 Millionen DM an die Conference on Jewish Material Claims Against Germany, das Deutsche Rote Kreuz und das Maximilian-Kolbe-Werk. Zur Entschädigung von Zwangsarbeitern folgte zwölf Jahre später zudem die Beteiligung an der Stiftungsinitiative der deutschen Wirtschaft.

Die Gedenktafel zur Skulptur im Oktober 2003. Foto: Joachim E. Röttgers
Die Gedenktafel zur Skulptur im Oktober 2003. Foto: Joachim E. Röttgers

Und Daimler entschied sich zum Aufstellen eines Mahnmals für die Zwangsarbeiter, die in den Kriegsjahren für das Unternehmen schuften mussten. Verwendet wurde zwar ein nicht speziell zu diesem Zwecke erstelltes Kunstwerk, sondern die bereits 1982 entstandene und erst jetzt von Daimler aufgekaufte Skulptur "Tag und Nacht" des Bildhauers Bernhard Heiliger. Aber sie wurde mit einer zusätzlichen Gedenktafel versehen und direkt vor dem Museum im Werk Untertürkheim aufgestellt, an einem äußerst prominenten Ort also, an dem nicht nur alle Museumsbesucher, sondern auch Besucher, die zum Vorstand kamen, vorbeimussten.

Eingeweiht wurde das Mahnmal am 10. Januar 1989, und in den Worten Edzard Reuters bekannte sich das Unternehmen damit zur Einsicht, dass die heutige Generation verantwortlich dafür sei, "was aus solchen Erbschaften in der Geschichte wird." Passend dazu die Widmung auf der Gedenktafel: "In Erinnerung an die Zwangsarbeiter im Zweiten Weltkrieg und zur Mahnung, den Frieden zu erhalten und die Würde freier Menschen zu verteidigen." Diese Mahnung ist in den vergangenen Jahren im Unternehmen etwas aus dem Blickfeld geraten – im Wortsinne. Denn an einem prominenten Ort steht das Mahnmal seit 2006 nicht mehr. Ursprünglich hieß es noch, dass es direkt vor dem neuen, 2006 eingeweihten Mercedes-Benz-Museum aufgestellt werden sollte. Dorthin gelangte es bislang nicht.

Ohne Gedenktafel ist die Skulptur kein Mahnmal mehr

Bettina Stadtmüller stieß bei ihrer Suche schnell auf den neuen Standort: den Park des Geländes "Puritas" im Werk Untertürkheim, auf dem hintersten Winkel des Firmengeländes. Sie fand die Skulptur, aber nicht die Gedenktafel. Nach einer Anfrage bei Daimler-Kunstbesitz fand sie dann auch die Tafel: etwa zwölf Meter von der Skulptur entfernt und von einem Gebüsch bedeckt. Doch durch die räumliche Trennung von Skulptur und Tafel ist es kein Mahnmal mehr. "Das Gebüsch wurde zwar mittlerweile entfernt und der Grünstreifen umgestaltet, aber die Tafel ist eben immer noch zwölf Meter weg und alles andere als gepflegt."

Die Sache ließ Stadtmüller nicht mehr los, sie schrieb Artikel darüber in der IG-Metall-Betriebszeitung "Scheibenwischer" und initiierte mit Unterstützung von Betriebsräten, Vertrauensleuten und Jugendvertretung im November 2015 ein Schreiben an den Daimler-Personalvorstand Wilfried Porth, unterschrieben von den Betriebsratsvorsitzenden, in dem eine Aufstellung des Mahnmals vor dem neuen Museum angemahnt wurde. Porth antwortete: Es bestünde aus Unternehmenssicht großes Interesse daran, das Mahnmal wieder öffentlich zu machen, nur hänge die Wahl des Alternativstandorts noch von einer Reihe von Baumaßnahmen ab, weshalb dies noch etwas Zeit beanspruchen werde. Immerhin werde aber als "Zwischenlösung" ein Hinweisschild zum jetzigen Standort angebracht werden. "Im Mai 2016 gab es dann tatsächlich ein Blech-Hinweisschild", so Stadtmüller, doch mittlerweile sei dieses Schild schon wieder verschwunden, an diesem Ort ist jetzt eine Baustelle.

Kurz nacheinander trafen beim Daimler-Vorstand Ende 2016 Briefe vom DGB Baden-Württemberg und von der KZ-Gedenkstätte Neckarelz ein, die beide eine Aufstellung des Mahnmals vor dem neuen Museum forderten. Daraufhin schien sich das Unternehmen dann schließlich doch genötigt, klarer Position zu beziehen: Man plane, "im nächsten Jahr die Skulptur in unmittelbarer Nähe des neuen Mercedes-Benz-Museums aufzustellen", heißt es in beiden Antwortschreiben aus dem Dezember. Aus der geplanten Aufstellung 2017 ist nun bereits "das erste Quartal 2018" geworden, so Ute Wüest von Vellberg, Daimler-Pressesprecherin für die Bereiche Integrität und Recht.

Ob die beharrlichen Nachfragen dazu geführt haben, dass endlich Bewegung in die Sache gekommen ist? Dass der Standort auf dem Puritas-Gelände "von vornherein als Interimsposition gedacht" gewesen sei, betont jedenfalls Wüest von Vellberg. Auf jeden Fall gibt es nun endlich einen neuen, definitiven Standort für das Mahnmal – allerdings ist der im Vergleich zum ersten eine ziemliche Enttäuschung. Zwar in der Nähe des Museums, aber nicht vor dessen Eingang, sondern etwa 200 Meter entfernt an einer Stelle nahe des Neckarufers, die momentan noch an eine Reihe von Sportplätzen grenzt, anstelle derer aber bald ein Großparkplatz entstehen soll. Hier kommt man allenfalls zufällig vorbei.

Warum erst jetzt, und warum gerade hier? Bei Daimler will man die Verwunderung darüber nicht verstehen. Man habe nach einem geeigneten Standort gesucht, der den Anforderungen der Skulptur, die ja sehr groß sei, technisch entspreche, und der auch gut zugänglich sei, so Pressefrau Wüest von Vellberg. Den habe man nun gefunden.

Und diese Suche hat 10 Jahre gedauert? Es sei, betont Wüest von Vellberg, nun mal eine Skulptur, die eine große Fläche brauche, und die man nicht gut auf einer Schräge aufstellen könne – das Museum liege ja auf einem Hügel. Außerdem sei es vor dem Museum "sehr eng".

Daimler: Vor dem Museumseingang ist kein Platz

Sehr eng? Vor dem Mercedes-Benz-Museum? Wüest von Vellberg zählt auf: Auf der einen Seite die Niederlassung, viel Busverkehr davor, die vorbei führende Bundesstraße, und man brauche die Fläche auch für die vielen Besucher, die ins und aus dem Museum kämen. Da müsse man sehen, wie man alle Anforderungen organisatorisch unterbringe, und "die Kunst ist sicher nicht der erste Punkt, den Sie da organisatorisch unterbringen müssen."

Aber sollte man das Mahnmal nicht als integralen Bestandteil des Museums, des Erinnerns sehen, der eine entsprechend prominente Platzierung verdient? Das hänge auch von der Fläche ab, die man zur Verfügung habe, so Wüest von Vellberg. Und mit dem Thema Nationalsozialismus werde sehr bewusst umgegangen im Rahmen des Museums, "auch wenn nicht die Bernhard-Heiliger-Skulptur direkt dazu zählte, also nicht Teil des Museums war."

Also keine Chance auf einen Standort direkt vor dem Museum? "Die neue Stelle ist in unmittelbarer Nähe des Museums", sagt Wüest von Vellberg. Aber direkt am Eingang könne man keine Skulptur aufstellen, das sei absolut unmöglich, wenn man sich die Gegebenheiten ansehe.

Daimler-Pressesprecherin: "Unmöglich", hier die Skulptur aufzustellen. Foto: Joachim E Röttgers
Daimler-Pressesprecherin: "Unmöglich", hier die Skulptur aufzustellen. Foto: Joachim E Röttgers

Eine Meinung, die nicht überall geteilt wird. "Das Mahnmal gehört an den Haupteingang des Museums, wo die Leute reingehen", ärgerte sich etwa der ehemalige Daimler-Betriebsrat Gerd Rathgeb bei einer Veranstaltung der Hotel-Silber-Initiative im Februar, bei der es auch um das Mahnmal ging. "Es ist schon ein Skandal erster Ordnung, dass so ein Mahnmal erst so spät aufgestellt wurde", so Rathgeb, "es ist ein zweiter Skandal, dass man es nur kurze Zeit später über zehn Jahre ins Abseits gestellt hat, und dass man es jetzt wieder an einen Platz stellt, der nicht in Ordnung ist, das ist der dritte Skandal." Daimler habe überhaupt erst durch die Rüstungsproduktion für die Nazis und die Zwangsarbeiter im Krieg überlebt, ist Rathgeb überzeugt, "wenn der Krieg nicht gekommen wäre, wäre Daimler in den 30er Jahren bankrottgegangen."

120 Orte, die mit Zwangsarbeit bei Daimler zu tun haben

"Ich bin ja schon froh, dass das Mahnmal jetzt in die Öffentlichkeit kommt", sagt Stadtmüller, die mittlerweile Betriebsrätin bei der Daimler-Zentrale ist. Immerhin, an dem geplanten Standort finden sich Spuren aus der braunen Vergangenheit von Daimler: In unmittelbarer Nähe befanden sich von 1945 bis etwa 1954 die Lager für die DP-Lager, Barackensiedlungen für die so genannten "Displaced Persons" (DPs – Sammelbegriff für ausländische Zivilpersonen, die sich durch Kriegseinwirkung außerhalb der Heimat aufhielten), zu denen auch ehemalige Zwangsarbeiter der Firma zählten. Die Geschichte dieses speziellen Ortes kennen allerdings nur wenige, genau wie die vieler anderer, wie Stadtmüller erfuhr, als sie mehr über Zwangsarbeit bei Daimler und Orte, die damit zu tun haben, wissen wollte.

"Anfangs dachte ich, im Internet gäbe es sicher schon eine Übersicht solcher Orte, die man schnell anklicken könnte", erzählt sie. "War aber nicht so! Ich habe gar nichts gefunden." Seitdem recherchiert sie selbst und hat mittlerweile rund 120 Standorte in ganz Baden-Württemberg gefunden, die allein mit Zwangsarbeit im Werk in Untertürkheim zu tun haben – ob verschiedene Zwangsarbeiterlager und -unterkünfte, Orte von Betriebsverlagerungen oder den von russischen Kriegsgefangenen gebauten Schutzstollen "Rübezahl" in Stuttgart-Wangen.

All dies hat Stadtmüller bislang privat, in ihrer Freizeit gemacht, würde sich aber freuen, wenn das Unternehmen selbst solche Recherchen in die Hand nähme. Ihr Engagement wurde noch größer dadurch, dass sie während ihrer Suche auch Bezüge zu ihrer Familiengeschichte entdeckte. Ihre Familie väterlicherseits kommt aus den Niederlanden, "meine Großmutter wurde 1942 von der Straße weg zur Zwangsarbeit nach Deutschland verschleppt", erzählt Stadtmüller. Traumatisiert sei die Großmutter 1945 zurückgekommen, unfähig, sich um ihre Kinder zu kümmern. "Diese Ereignisse haben unterschwellig Auswirkungen bis hinein in die Gegenwart, auf mich und meine Generation", so die Daimler-Betriebsrätin, "deswegen ist für mich das Vergangene nicht vorbei und nicht vergessen." 


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