Jwd: die Skulptur "Tag und Nacht" an ihrem aktuellen Standort. Foto: Joachim E. Röttgers

Jwd: die Skulptur "Tag und Nacht" an ihrem aktuellen Standort. Foto: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 309
Zeitgeschehen

Das versteckte Mahnmal

Von Oliver Stenzel
Datum: 01.03.2017
Was passierte mit dem Mahnmal für die Daimler-Zwangsarbeiter, das bis 2006 vor dem alten Mercedes-Benz-Museum stand? Eine Mitarbeiterin bohrt nach. Jetzt soll es beim neuen Museum aufgestellt werden. Aber nicht davor, sondern weit abseits.

Im Dritten Reich galt die Firma Daimler-Benz nicht nur als "nationalsozialistischer Musterbetrieb", sie war vor allem ein kriegswichtiges Unternehmen wegen ihrer Rüstungsproduktion. Diese hielten ab 1942 Tausende Zwangsarbeiter aus den besetzten Gebieten aufrecht. 1944 sollen es über 46 000 gewesen sein, mehr als die Hälfte aller Angestellten des Unternehmens. Bis Daimler anfing, an sie zu erinnern, vergingen mehr als 40 Jahre.

Bettina Stadtmüller. Foto: Joachim E. Röttgers
Bettina Stadtmüller. Foto: Joachim E. Röttgers

Über die NS-Vergangenheit der Firma wusste Bettina Stadtmüller, als sie 2003 bei der Daimler AG als Mitarbeiterin im Media- und Datamanagement begann, nicht viel. Bis sie 2013 im Intranet des Unternehmens einen Artikel darüber las, wie die eigene Geschichte in der Zeit des Nationalsozialismus aufgearbeitet worden sei, illustriert mit einem Foto des Mahnmals zur Erinnerung an die Zwangsarbeiter bei Daimler – vor dem früheren Mercedes-Benz-Museum, das schon 2007 abgerissen wurde. Und wo das Mahnmal schon lange nicht mehr stand. "Ich habe mich zunächst einfach gefragt: Wo ist das Ding eigentlich abgeblieben?", erzählt Stadtmüller. So begann ihre Suche.

Der Einweihung des Mahnmals 1989 waren einige Jahre vorausgegangen, in denen das Unternehmen wegen seines Umgangs mit der braunen Vergangenheit schwer unter Druck geraten war. Denn in den Publikationen zur 100-jährigen Jubiläumsfeier der Firma im Jahr 1986 kam dieser Teil der Geschichte kaum vor. Und schon 1983 war der Historiker Ulrich Herbert, der über Zwangsarbeit bei der Firma forschen wollte, abgewiesen worden – es gebe in den Archiven dazu keine Dokumente, hieß es.

Dass sich das Unternehmen irgendwann doch zu einem anderen Umgang mit seiner Geschichte entschloss, lag am zunehmenden öffentlichen Druck, unter anderem durch mehrere kritische Artikel im "Spiegel", und nicht zuletzt auch am ab 1987 neuen Vorstandsvorsitzenden Edzard Reuter, der 1935 als Siebenjähriger mit seiner Familie vor den Nazis in die Türkei geflohen war. Die Firma öffnete ihre Archive und gab die Studie "Zwangsarbeit bei Daimler-Benz" in Auftrag, die bei ihrem Erscheinen 1994 vom einst abgewiesenen Ulrich Herbert als die bislang "umfangreichste und genaueste Darstellung" des Themas bei einem deutschen Unternehmen gelobt wurde. Außerdem überwies der Konzern 1988 einen Betrag von 20 Millionen DM an die Conference on Jewish Material Claims Against Germany, das Deutsche Rote Kreuz und das Maximilian-Kolbe-Werk. Zur Entschädigung von Zwangsarbeitern folgte zwölf Jahre später zudem die Beteiligung an der Stiftungsinitiative der deutschen Wirtschaft.

Die Gedenktafel zur Skulptur im Oktober 2003. Foto: Joachim E. Röttgers
Die Gedenktafel zur Skulptur im Oktober 2003. Foto: Joachim E. Röttgers

Und Daimler entschied sich zum Aufstellen eines Mahnmals für die Zwangsarbeiter, die in den Kriegsjahren für das Unternehmen schuften mussten. Verwendet wurde zwar ein nicht speziell zu diesem Zwecke erstelltes Kunstwerk, sondern die bereits 1982 entstandene und erst jetzt von Daimler aufgekaufte Skulptur "Tag und Nacht" des Bildhauers Bernhard Heiliger. Aber sie wurde mit einer zusätzlichen Gedenktafel versehen und direkt vor dem Museum im Werk Untertürkheim aufgestellt, an einem äußerst prominenten Ort also, an dem nicht nur alle Museumsbesucher, sondern auch Besucher, die zum Vorstand kamen, vorbeimussten.

Eingeweiht wurde das Mahnmal am 10. Januar 1989, und in den Worten Edzard Reuters bekannte sich das Unternehmen damit zur Einsicht, dass die heutige Generation verantwortlich dafür sei, "was aus solchen Erbschaften in der Geschichte wird." Passend dazu die Widmung auf der Gedenktafel: "In Erinnerung an die Zwangsarbeiter im Zweiten Weltkrieg und zur Mahnung, den Frieden zu erhalten und die Würde freier Menschen zu verteidigen." Diese Mahnung ist in den vergangenen Jahren im Unternehmen etwas aus dem Blickfeld geraten – im Wortsinne. Denn an einem prominenten Ort steht das Mahnmal seit 2006 nicht mehr. Ursprünglich hieß es noch, dass es direkt vor dem neuen, 2006 eingeweihten Mercedes-Benz-Museum aufgestellt werden sollte. Dorthin gelangte es bislang nicht.

Ohne Gedenktafel ist die Skulptur kein Mahnmal mehr

Bettina Stadtmüller stieß bei ihrer Suche schnell auf den neuen Standort: den Park des Geländes "Puritas" im Werk Untertürkheim, auf dem hintersten Winkel des Firmengeländes. Sie fand die Skulptur, aber nicht die Gedenktafel. Nach einer Anfrage bei Daimler-Kunstbesitz fand sie dann auch die Tafel: etwa zwölf Meter von der Skulptur entfernt und von einem Gebüsch bedeckt. Doch durch die räumliche Trennung von Skulptur und Tafel ist es kein Mahnmal mehr. "Das Gebüsch wurde zwar mittlerweile entfernt und der Grünstreifen umgestaltet, aber die Tafel ist eben immer noch zwölf Meter weg und alles andere als gepflegt."

Die Sache ließ Stadtmüller nicht mehr los, sie schrieb Artikel darüber in der IG-Metall-Betriebszeitung "Scheibenwischer" und initiierte mit Unterstützung von Betriebsräten, Vertrauensleuten und Jugendvertretung im November 2015 ein Schreiben an den Daimler-Personalvorstand Wilfried Porth, unterschrieben von den Betriebsratsvorsitzenden, in dem eine Aufstellung des Mahnmals vor dem neuen Museum angemahnt wurde. Porth antwortete: Es bestünde aus Unternehmenssicht großes Interesse daran, das Mahnmal wieder öffentlich zu machen, nur hänge die Wahl des Alternativstandorts noch von einer Reihe von Baumaßnahmen ab, weshalb dies noch etwas Zeit beanspruchen werde. Immerhin werde aber als "Zwischenlösung" ein Hinweisschild zum jetzigen Standort angebracht werden. "Im Mai 2016 gab es dann tatsächlich ein Blech-Hinweisschild", so Stadtmüller, doch mittlerweile sei dieses Schild schon wieder verschwunden, an diesem Ort ist jetzt eine Baustelle.

Kurz nacheinander trafen beim Daimler-Vorstand Ende 2016 Briefe vom DGB Baden-Württemberg und von der KZ-Gedenkstätte Neckarelz ein, die beide eine Aufstellung des Mahnmals vor dem neuen Museum forderten. Daraufhin schien sich das Unternehmen dann schließlich doch genötigt, klarer Position zu beziehen: Man plane, "im nächsten Jahr die Skulptur in unmittelbarer Nähe des neuen Mercedes-Benz-Museums aufzustellen", heißt es in beiden Antwortschreiben aus dem Dezember. Aus der geplanten Aufstellung 2017 ist nun bereits "das erste Quartal 2018" geworden, so Ute Wüest von Vellberg, Daimler-Pressesprecherin für die Bereiche Integrität und Recht.

Ob die beharrlichen Nachfragen dazu geführt haben, dass endlich Bewegung in die Sache gekommen ist? Dass der Standort auf dem Puritas-Gelände "von vornherein als Interimsposition gedacht" gewesen sei, betont jedenfalls Wüest von Vellberg. Auf jeden Fall gibt es nun endlich einen neuen, definitiven Standort für das Mahnmal – allerdings ist der im Vergleich zum ersten eine ziemliche Enttäuschung. Zwar in der Nähe des Museums, aber nicht vor dessen Eingang, sondern etwa 200 Meter entfernt an einer Stelle nahe des Neckarufers, die momentan noch an eine Reihe von Sportplätzen grenzt, anstelle derer aber bald ein Großparkplatz entstehen soll. Hier kommt man allenfalls zufällig vorbei.

Warum erst jetzt, und warum gerade hier? Bei Daimler will man die Verwunderung darüber nicht verstehen. Man habe nach einem geeigneten Standort gesucht, der den Anforderungen der Skulptur, die ja sehr groß sei, technisch entspreche, und der auch gut zugänglich sei, so Pressefrau Wüest von Vellberg. Den habe man nun gefunden.

Und diese Suche hat 10 Jahre gedauert? Es sei, betont Wüest von Vellberg, nun mal eine Skulptur, die eine große Fläche brauche, und die man nicht gut auf einer Schräge aufstellen könne – das Museum liege ja auf einem Hügel. Außerdem sei es vor dem Museum "sehr eng".

Daimler: Vor dem Museumseingang ist kein Platz

Sehr eng? Vor dem Mercedes-Benz-Museum? Wüest von Vellberg zählt auf: Auf der einen Seite die Niederlassung, viel Busverkehr davor, die vorbei führende Bundesstraße, und man brauche die Fläche auch für die vielen Besucher, die ins und aus dem Museum kämen. Da müsse man sehen, wie man alle Anforderungen organisatorisch unterbringe, und "die Kunst ist sicher nicht der erste Punkt, den Sie da organisatorisch unterbringen müssen."

Aber sollte man das Mahnmal nicht als integralen Bestandteil des Museums, des Erinnerns sehen, der eine entsprechend prominente Platzierung verdient? Das hänge auch von der Fläche ab, die man zur Verfügung habe, so Wüest von Vellberg. Und mit dem Thema Nationalsozialismus werde sehr bewusst umgegangen im Rahmen des Museums, "auch wenn nicht die Bernhard-Heiliger-Skulptur direkt dazu zählte, also nicht Teil des Museums war."

Also keine Chance auf einen Standort direkt vor dem Museum? "Die neue Stelle ist in unmittelbarer Nähe des Museums", sagt Wüest von Vellberg. Aber direkt am Eingang könne man keine Skulptur aufstellen, das sei absolut unmöglich, wenn man sich die Gegebenheiten ansehe.

Daimler-Pressesprecherin: "Unmöglich", hier die Skulptur aufzustellen. Foto: Joachim E Röttgers
Daimler-Pressesprecherin: "Unmöglich", hier die Skulptur aufzustellen. Foto: Joachim E Röttgers

Eine Meinung, die nicht überall geteilt wird. "Das Mahnmal gehört an den Haupteingang des Museums, wo die Leute reingehen", ärgerte sich etwa der ehemalige Daimler-Betriebsrat Gerd Rathgeb bei einer Veranstaltung der Hotel-Silber-Initiative im Februar, bei der es auch um das Mahnmal ging. "Es ist schon ein Skandal erster Ordnung, dass so ein Mahnmal erst so spät aufgestellt wurde", so Rathgeb, "es ist ein zweiter Skandal, dass man es nur kurze Zeit später über zehn Jahre ins Abseits gestellt hat, und dass man es jetzt wieder an einen Platz stellt, der nicht in Ordnung ist, das ist der dritte Skandal." Daimler habe überhaupt erst durch die Rüstungsproduktion für die Nazis und die Zwangsarbeiter im Krieg überlebt, ist Rathgeb überzeugt, "wenn der Krieg nicht gekommen wäre, wäre Daimler in den 30er Jahren bankrottgegangen."

120 Orte, die mit Zwangsarbeit bei Daimler zu tun haben

"Ich bin ja schon froh, dass das Mahnmal jetzt in die Öffentlichkeit kommt", sagt Stadtmüller, die mittlerweile Betriebsrätin bei der Daimler-Zentrale ist. Immerhin, an dem geplanten Standort finden sich Spuren aus der braunen Vergangenheit von Daimler: In unmittelbarer Nähe befanden sich von 1945 bis etwa 1954 die Lager für die DP-Lager, Barackensiedlungen für die so genannten "Displaced Persons" (DPs – Sammelbegriff für ausländische Zivilpersonen, die sich durch Kriegseinwirkung außerhalb der Heimat aufhielten), zu denen auch ehemalige Zwangsarbeiter der Firma zählten. Die Geschichte dieses speziellen Ortes kennen allerdings nur wenige, genau wie die vieler anderer, wie Stadtmüller erfuhr, als sie mehr über Zwangsarbeit bei Daimler und Orte, die damit zu tun haben, wissen wollte.

"Anfangs dachte ich, im Internet gäbe es sicher schon eine Übersicht solcher Orte, die man schnell anklicken könnte", erzählt sie. "War aber nicht so! Ich habe gar nichts gefunden." Seitdem recherchiert sie selbst und hat mittlerweile rund 120 Standorte in ganz Baden-Württemberg gefunden, die allein mit Zwangsarbeit im Werk in Untertürkheim zu tun haben – ob verschiedene Zwangsarbeiterlager und -unterkünfte, Orte von Betriebsverlagerungen oder den von russischen Kriegsgefangenen gebauten Schutzstollen "Rübezahl" in Stuttgart-Wangen.

All dies hat Stadtmüller bislang privat, in ihrer Freizeit gemacht, würde sich aber freuen, wenn das Unternehmen selbst solche Recherchen in die Hand nähme. Ihr Engagement wurde noch größer dadurch, dass sie während ihrer Suche auch Bezüge zu ihrer Familiengeschichte entdeckte. Ihre Familie väterlicherseits kommt aus den Niederlanden, "meine Großmutter wurde 1942 von der Straße weg zur Zwangsarbeit nach Deutschland verschleppt", erzählt Stadtmüller. Traumatisiert sei die Großmutter 1945 zurückgekommen, unfähig, sich um ihre Kinder zu kümmern. "Diese Ereignisse haben unterschwellig Auswirkungen bis hinein in die Gegenwart, auf mich und meine Generation", so die Daimler-Betriebsrätin, "deswegen ist für mich das Vergangene nicht vorbei und nicht vergessen." 


Gefällt Ihnen dieser Artikel?
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!
botMessage_toctoc_comments_9210
KONTEXT per E-Mail:  

Durch diese Anmeldung erhalten Sie regelmäßig immer mittwochs um 9 Uhr unsere neueste Ausgabe unkompliziert per E-Mail. Datenschutz-Hinweis

Letzte Kommentare:












Ausgabe 394 / Loderndes Warnsignal / Philipp Horn / vor 12 Stunden 59 Minuten
So So! Wer es glaubt!




Die KONTEXT:Wochenzeitung lebt vor allem von den kleinen und großen Spenden ihrer Leserinnen und Leser.
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!