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Wird ein Prellbock gehoben

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 Fotos: Martin Storz 

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Vor genau zehn Jahren, am 2. Februar 2010, wurde die Versetzung eines arbeitslosen Prellbocks als Baubeginn des Projekts Stuttgart 21 inszeniert. Die angereiste Polit-Prominenz hatte sich vermutlich auf schöne Anpacker- und Gewinner-Bilder gefreut. Stattdessen trübten Tausende S-21-Gegner lautstark die Feierlaune.

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Es war ein großer Tag für Prellbock 049, vermutlich sein größter. Politprominenz aus Stadt, Land und Bund war am 2. Februar 2010 gekommen, um zu feiern, wie er von seinem angestammten Platz im Stuttgarter Hauptbahnhof angehoben und ein gutes Stück weiter östlich, Richtung Bad Cannstatt, wieder aufgestellt wurde. Peter Ramsauer war da, Begründer der noch andauernden Tradition dünnbrettbohrender CSU-Bundesverkehrsminister, Bahnchef Rüdiger Grube, Baden-Württembergs Ministerpräsident Günther Oettinger, Stuttgarts Oberbürgermeister Wolfgang Schuster (beide CDU), der anfangs "Mister Stuttgart 21" genannte Projektsprecher Wolfgang Drexler (SPD) und noch so manch andere Honoratioren mehr, insgesamt 400 geladene Gäste. Und das, obwohl der alte Prellbock schon 40 Jahre ungenutzt rumstand, seine Versetzung also nicht wirklich etwas änderte.

So gesehen ein lehrbuchtaugliches Stück Symbolpolitik, das an jenem 2. Februar über die Bühne von Bonatzbau und Bahnsteigen ging. Die anwesende Prominenz mag auch davon ausgegangen sein, hier auf ein Gewinnerthema zu setzen, als anpackend und visionär zugleich wahrgenommen zu werden. Sie trafen indes nicht auf jubelndes und blumenwerfendes Volk, wie man es von royalen Hochzeiten kennt, nein, mehrere Tausend S-21-Gegner waren in die Bahnhofshalle geströmt, um die Inszenierung mit Pfeifen, Vuvuzelas und "Lügenpack"-Rufen zu stören. Ein Gewinner war Günther Oettinger schon davor mit seinem Engagement für S 21 nicht geworden. Zwar war es im wesentlichen sein Verdienst, dass das kapazitätsmindernde und sauteure Projekt 2007 mit dem "Memorandum of Understanding" wiederbelebt wurde, ebenso das Zustandekommen der Finanzierungsvereinbarung im Juli 2009.

Oettingers Empfehlung: "lachen und fröhlich sein"

Aber schon im Oktober 2009 war Oettingers Zeit als Landesvater besiegelt und er begleitete das Prellbockschwenken nurmehr als kommissarischer MP, gerade mal noch acht Tage im Amt, ehe Stefan Mappus übernahm – und sich Oettinger zu seiner von Angela Merkel verordneten Anschlussverwendung in Brüssel trollte. Nichts mehr zu verlieren also, weswegen der gewohnt betonfrisierte Ditzinger am 2. Februar kritische Journalisten auch die Empfehlung entgegen haspelte: "lachen und fröhlich sein!"

Solche Nonchalance war Bahnchef Rüdiger Grube nicht zu eigen, als er von Reportern des ZDF-Magazins "Frontal 21" auf ein Gutachten des Bundesrechnungshofs angesprochen wurde, das bereits 2008 enorme Kostenrisiken für das Projekt prognostiziert hatte. Er wisse gar nicht, "warum Sie mir so eine dreiste Frage stellen", blaffte Grube, und das Gutachten kenne er im Übrigen nicht (im Video links ab Minute 4:10).

Putzig im Rückblick: Jenes Gutachten ging damals von mindestens 5,3 Milliarden Euro Projektkosten aus, Grube hoffte, mit 4,1 Milliarden auszukommen. Heute sind wir bei 8,3 Milliarden. Und damals, als Prellbock 049 angehoben wurde, glaubten die Projektbetreiber noch, die neue Tiefhaltestelle 2019 in Betrieb nehmen zu können. Inzwischen wird Ende 2025 angepeilt, zumindest von Optimisten, und zwei Bauabschnitte sind immer noch nicht planfestgestellt. Von daher könnte man heute Oettingers Worte auch als Rat zum Galgenhumor interpretieren: Immer schlimmer wird's eh. Also lachen und fröhlich sein.


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