KONTEXT:Wochenzeitung
KONTEXT:Wochenzeitung

Rechtsextreme Umtriebe

Rechtsaußen-Priester mögen die AfD

Rechtsextreme Umtriebe: Rechtsaußen-Priester mögen die AfD
|

Datum:

Die antidemokratische und antijüdische Piusbruderschaft, die ihren Deutschlandsitz in Stuttgart hat, hält trotz Verbot des Papstes eine Priesterweihe ab. Die AfD will nicht nur in Sachen "Remigration" von der FPÖ lernen. Und in Stuttgart ermittelt der Staatsschutz zu einem mutmaßlich rechtsextremen Angriff.

Stuttgart: Sitz der Piusbruderschaft, Priesterweihe gegen den Willen des Papstes, AfD als Teil des Christentums

Was die Mitglieder der ultratraditionalistischen und erzkonservativen Priesterbruderschaft St. Pius X (FSSPX, lateinisch Fraternitas Sacerdotalis Sancti Pii X., kurz: Piusbruderschaft) vereint, ist eine extreme Ablehnung der modernen Gesellschaft und ihrer Freiheiten. Die Priestervereinigung ist keine Splittergruppe. In ihren Reihen sind weltweit 773 Priester, 264 Seminaristen, 145 Brüder und 250 Schwestern in über 60 Ländern auf fünf Kontinenten aktiv, Tendenz steigend. Der deutsche Distrikt der FSSPX ist dabei einer der größten und aktivsten Distrikte weltweit. Er umfasst etwa 60 Priester, mehrere Brüder und Schwestern sowie rund 70 Priorate, Kapellen und Schulen. Seit 1984 dient das Priorat St. Athanasius in Stuttgart-Feuerbach als Sitz des deutschen Distrikts, eine weitere wichtige Einrichtung des Distrikts ist das Priesterseminar in Zaitzkofen bei Regensburg. Im Juni weihten die Piusbrüder dort vor rund 2.000 Anhängern fünf junge Männer zu Priestern. Vor Ort bereiten sich rund 50 Männer, zumeist aus Ländern Nord- und Osteuropas, als Seminaristen auf die Priesterweihe vor.

Die Themenreihe "kurz und rechts" des Rechtsextremismus-Experten Anton Maegerle beleuchtet seit Ausgabe 793 alle zwei Wochen rechtsextreme Entwicklungen in Baden-Württemberg – und manchmal auch darüber hinaus.  (red)

Gegen das ausdrückliche Verbot von Papst Leo XIV. hat die Piusbruderschaft außerdem im schweizerischen Écône (Kanton Wallis), dem Hauptsitz ihres Priesterseminars, am 1. Juli eine Messe zur Weihe von vier Bischöfen abgehalten. An der Veranstaltung nahmen mehrere Tausend Menschen teil. Ein Mitglied der Piusbruderschaft bezeichnete die Bischofsweihe zum Auftakt der jetzigen Messe als "notwendige Verteidigung des Glaubens". Jede Strafe und jeden Tadel, der gegen diesen Schritt verhängt werde, werte man als ungültig. Tatsächlich hat der Vatikan nach den unerlaubten Bischofsweihen postwendend die Exkommunikation der Bischöfe der Piusbruderschaft festgestellt und stuft die Gemeinschaft als ganze "schismatisch" ein, also als von der katholischen Kirche abgespalten.

Die Priesterbruderschaft wurde 1970 vom französischen Erzbischof Marcel Lefebvre gegründet und betrachtet sich als Gegenbewegung zu den Reformen des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962 bis 1965). Dieses sollte die Kirchenliturgie zeitgemäßer machen. Das moderne Kirchenverständnis, wonach die katholische Kirche eine "Gemeinschaft der Gläubigen" von Priestern und Laien ist, lehnt die Piusbruderschaft ab. Die Piusbrüder wetterten gegen die "Seuche des lehrmäßigen Pluralismus" und behaupteten, die katholische Kirche sei seit dem Reformkonzil von einem satanischen Geist infiltriert, so Jan-Heiner Tück, Professor für Dogmatik in Wien, jüngst in einem Interview mit der "Zeit". Die Piusbrüder sehen sich laut Tück als Hüter der wahren Tradition, nennen Juden noch immer Gottesmörder und verbreiten "antiökumenisches, antijüdisches und antidemokratisches Gedankengut".

Im Juni veröffentlichte die Piusbruderschaft ein eigenes Glaubensbekenntnis "zur Erleuchtung der Seelen angesichts der modernen Irrtümer", aus dem die theologischen Differenzen mit dem römischen Lehramt deutlich werden. Darin werden Liberalismus und Modernismus als "Irrlehren" verdammt: Diese "verderben die Sitten, schwächen den missionarischen Geist und zersetzen die christliche Gesellschaftsordnung".

Die Piusbruderschaft in Deutschland hat maßgeblich der gebürtige Schwabe Pater Franz Schmidberger mit aufgebaut. Er stand als Generaloberer an der Spitze der Vereinigung. Davor und danach war er als Distriktoberer verantwortlich für die Bruderschaft in der Bundesrepublik. In einem Interview beklagte Schmidberger 2025, dass die katholische Kirche zu einem "linksliberalen sozialen Verein" verkommen sei. Positive Worte fand er dagegen für die AfD: "Soweit ich das beurteilen kann, vertritt die AfD zum Beispiel in der Familienpolitik gesunde natürliche Prinzipien. In diesem Bereich zähle ich die AfD zum Teil des Christentums."

Schmidberger ist dem Gedankengut des Antijudaismus in Form der "jüdischen Ursünde" ergeben. 1998 führte er in einem Vortrag aus: "Mit dem Kreuzestod Christi ist der Vorhang des Tempels zerrissen, der Alte Bund abgeschafft, wird die Kirche, die alle Völker, Kulturen, Rassen und sozialen Unterschiede umfasst, aus der durchbohrten Seite des Erlösers geboren. Damit sind aber die Juden unserer Tage nicht nur nicht unsere älteren Brüder im Glauben, wie der Papst bei seinem Synagogenbesuch in Rom 1986 behauptete; sie sind vielmehr des Gottesmordes mitschuldig, so lange sie sich nicht durch das Bekenntnis der Gottheit Christi und die Taufe von der Schuld ihrer Vorväter distanzieren."

Die antijüdischen Positionen von Piusbrüdern sorgten immer wieder für Aufregung. So verursachte 2009 der von Marcel Lefebvre zum Bischof geweihte Brite Richard Williamson einen der größten Skandale im Pontifikat des deutschen Papstes Benedikt XVI.: Im Priesterseminar in Zaitzkofen bestritt er in einem Interview für das schwedische Fernsehen die Existenz von Gaskammern und die millionenfache Tötung von Juden durch die Nazis. Und 2013 sorgte der italienische Zweig der Piusbruderschaft weltweit für Schlagzeilen, als er eine seiner Kapellen für eine Trauerfeier für den NS-Massenmörder und vormaligen SS-Hauptsturmführer Erich Priebke zur Verfügung stellte. Priebke war 1944 an der Ermordung von 335 italienischen Zivilisten, darunter 75 Juden, in den Ardeatinischen Höhlen bei Rom beteiligt. Es war eines der schwersten NS-Massaker während des Zweiten Weltkriegs in Italien.

Baden-Württemberg/bundesweit: FPÖ als Vorbild für AfD im Kampf für "Remigration"

Aus Österreich bekam die AfD kürzlich einige Ratschläge: Die AfD-Bundesspitze täte "gut daran", von der FPÖ "zu lernen, wie man der 'Teile und herrsche'-Strategie des politischen Gegners entkommen" könne, ist in der aktuellen Ausgabe von "Info-Direkt" (Untertitel: "Das Magazin für Patrioten") zu lesen, das laut Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (DÖW) als "wichtigstes genuin rechtsextremes Printmedium in Österreich" gilt.

Tatsächlich hat die Partei seit Jahren enge Kontakte zur FPÖ und will von ihr lernen. In Europa ist keine Partei besser mit der AfD zu vergleichen als die österreichische FPÖ. Der Austausch ist intensiv, AfDler haben ihren FPÖ-Kameraden bei Wahlkämpfen zugesehen und ihre Methoden studiert. Vieles, was die AfD-Politik ausmacht, ihre Strategie, ihre Taktik, erinnert stark an die FPÖ. Auch ideologisch stehen sich die beiden Parteien in vielen Fragen nahe. Im Gegensatz zur AfD hat die FPÖ allerdings in Österreich auf Staats- und Landesebene bereits regiert. Aktuell ist sie an fünf Landesregierungen beteiligt, in der Steiermark stellt sie auch den Landeshauptmann (= Ministerpräsident).

Der Autor

Der Journalist Anton Maegerle recherchiert, sammelt und veröffentlicht seit mehr als 40 Jahren Informationen zum Thema Rechtsextremismus. Er ist einer der profundesten Kenner der Szene und hat ein riesiges Archiv. Teile davon hat Maegerle dem Generallandesarchiv Karlsruhe zur Verfügung gestellt. Sie sind Nukleus der Dokumentationsstelle Rechtsextremismus, die das Land Baden-Württemberg im Jahr 2020 dort eingerichtet hat.  (ana)

Von diesen Erfahrungen will die AfD profitieren. Und die FPÖ ist zur Entwicklungshilfe bereit.So war bei einem Strategietreffen der AfD-Bundestagsfraktion im April der FPÖ-Politiker Hubert Fuchs, ein ehemaliger Staatssekretär im Finanzministerium, eingeladen.

Bereits während des Bundestagswahlkampfes 2017 reisten die AfD-Spitzenkandidat:innen Alexander Gauland und Alice Weidel nach Wien zum damaligen FPÖ-Bundesvorsitzenden Heinz-Christian Strache. In einem Video für den YouTube-Kanal FPÖ TV sagte Gauland damals über die österreichischen Freunde: "Alles, was sie machen, ist für uns natürlich vorbildhaft." 2020 war der jetzige FPÖ-Chef Herbert Kickl in Berlin bei der AfD-Bundestagsfraktion zu Besuch und kündigte an, dass die Kontakte zwischen den beiden Parteien zukünftig intensiviert werden. Weidels Sprecher seit 2017 ist der Burschenschafter Daniel Tapp, zuvor Mitarbeiter der österreichischen FPÖ-Abgeordneten Barbara Rosenkranz. Anfang 2026 reiste eine AfD-Delegation, darunter auch der Spitzenkandidat der Partei in Sachsen-Anhalt, Ulrich Siegmund, nach Salzburg und holte sich von der dortigen FPÖ Tipps zum Regieren ab.

In ihrem Regierungsprogramm für die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt am 6. September bedient sich die dortige AfD des Begriffs der "Remigration". Die Forderung nach "Remigration" stellt ein zentrales politisches Ziel sowohl der AfD als auch der FPÖ dar. Seit etwa 2014 ist der Terminus in der verfassungsschutzrelevanten Neuen Rechten in Verwendung, insbesondere in der Identitären Bewegung (IB). Immer häufiger tauchte er in den letzten Jahren auch bei der AfD auf. Als Stichwortgeber und Vordenker fungiert der identitäre Aktivist und Publizist Martin Sellner. Der österreichische Rechtsextremist ist immer wieder auch im Südwesten zu Gast, am 28. März etwa sprach Sellner in einem Vereinsheim im badischen Ettlingen vor 190 Menschen darüber, wie er sich "Remigration" in der Bundesrepublik vorstellt. Veranstalter waren AfD-nahe Kreise.

Wenige Wochen zuvor beim AfD-Bürgerdialog in Ettlingen legte die brandenburgische AfD-Politikerin Lena Kotré ein Plädoyer zur "Remigration" ab. Bereits zum Jahreswechsel 2023/24 präsentierte der baden-württembergische AfD-Landtagsabgeordnete Miguel Klauß in den sozialen Netzwerken einen sogenannten "Abschiebekalender", wörtlich heißt es dartin auf einem Kalenderblatt: "Deutschland zuerst heißt Remigration".

Die AfD verfolge eine "Remigrationspolitik", die aufgrund ihres ideologisch stark fundierten Anspruchs an sehr hohe Abschiebezahlen und durch den Rückbau des Asylsystems für Schutzsuchende mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit zu Abschiebungen in Folter oder andere menschenunwürdige Behandlung führen würde, bilanziert das jüngst vorgelegte Gutachten der "Gesellschaft für Freiheitsrechte" (GFF). Die zentrale Aussage des Gutachtens: Die AfD ist verfassungswidrig. Und: Ein Verbotsverfahren hätte wahrscheinlich Erfolg.

In Sachen "Remigration" ist die österreichische Schwesterpartei der AfD allerdings noch einen Schritt voraus. Kürzlich hat die FPÖ der Öffentlichkeit den Song "Airbert One – Der Remigrationssong" präsentiert, mit dem sie zeigen will, dass sie den Terminus nicht nur verteidigt, sondern auch positiv besetzt sehen möchte. Darin heißt es etwa: "Zu den Kriminellen sagen wir bye-bye, Airbert One hebt ab, die Problemfälle sind dabei".

Stuttgart: Staatsschutz übernimmt Ermittlungen zu mutmaßlich rechtsextremistisch motiviertem Angriff

Am 24. April wurde in Stuttgart-Nord ein 44-jähriger Mann mit einem Springmesser angegriffen und dabei lebensgefährlich verletzt. Er überlebte nur dank einer Notoperation. Kurz nach der Attacke wurden noch am gleichen Abend zwei Männer, 19 und 21 Jahre alt, festgenommen. Am 20. Mai schließlich teilten die Generalstaatsanwaltschaft und die Polizei mit, dass mindestens einer der beiden Beschuldigten der rechtsextremen Szene zuzuordnen sei. Seitdem hat der Staatsschutz die Ermittlungen übernommen.

Die beiden mutmaßlichen Täter sollen nach den bislang vorliegenden Erkenntnissen ihr Opfer bei der Tat als angebliches Mitglied der Antifa angesprochen haben. Ob der 44-Jährige tatsächlich der linken Szene zuzuordnen ist, sei noch unklar, sagte ein Sprecher der Generalstaatsanwaltschaft. "Er wurde von den beiden Beschuldigten jedenfalls als linksdenkend ausgemacht." Laut der Gewerkschaft Freie Arbeiter:innen-Union (FAU), die am 18. Juli mit dem Bündnis Stuttgart gegen Rechts zur Kundgebung aufruft, soll er FAU-Mitglied sein. Die Staatsanwaltschaft vermutet ein politisches, rechtsextremes Motiv hinter der Tat.

Bei Ermittlungsverfahren zu Taten, denen eine extremistische oder terroristische Motivation zugrunde liegt, kann das Staatsschutzzentrum bei der Generalstaatsanwaltschaft Stuttgart diese übernehmen. Über den weiteren Verlauf der Ermittlungen ist bislang nichts bekannt.

Wir brauchen Sie!

Kontext steht seit 2011 für kritischen und vor allem unabhängigen Journalismus – damit sind wir eines der ältesten werbefreien und gemeinnützigen Non-Profit-Medien in Deutschland. Unsere Redaktion lebt maßgeblich von Spenden und freiwilliger finanzieller Unterstützung unserer Community. Wir wollen keine Paywall oder sonst ein Modell der bezahlten Mitgliedschaft, stattdessen gibt es jeden Mittwoch eine neue Ausgabe unserer Zeitung frei im Netz zu lesen. Weil wir unabhängigen Journalismus für ein wichtiges demokratisches Gut halten, das allen Menschen gleichermaßen zugänglich sein sollte – auch denen, die nur wenig Geld zur Verfügung haben. Eine solidarische Finanzierung unserer Arbeit ermöglichen derzeit 2.500 Spender:innen, die uns regelmäßig unterstützen. Wir laden Sie herzlich ein, dazuzugehören! Schon mit 10 Euro im Monat sind Sie dabei. Gerne können Sie auch einmalig spenden.


Gefällt Ihnen dieser Artikel?
Unterstützen Sie KONTEXT!
KONTEXT unterstützen!

Verbreiten Sie unseren Artikel
Artikel drucken


0 Kommentare verfügbar

Schreiben Sie den ersten Kommentar!

Kommentare anzeigen  

Neuen Kommentar schreiben

KONTEXT per E-Mail

Durch diese Anmeldung erhalten Sie regelmäßig immer Mittwoch morgens unsere neueste Ausgabe unkompliziert per E-Mail.

Letzte Kommentare:






Die KONTEXT:Wochenzeitung lebt vor allem von den kleinen und großen Spenden ihrer Leserinnen und Leser.
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!