Die Frage nach der Verantwortung
Die Kritik von Hiatt, Mayeur und anderen Organisationen ist inzwischen auch in Deutschland angekommen. In Karlsruhe übergaben Mayeur und Hiatt ihre Kritik bei einem kürzlichen Besuch auch schriftlich: In einem Brief an den EnBW-Vorstand fordern sie, die LNG-Verpflichtungen nicht auszuweiten und die Gas-Einkäufe am Ziel der Klimaneutralität auszurichten. Zugleich erinnern sie daran, dass die EnBW fast vollständig in öffentlicher Hand liegt – und damit aus ihrer Sicht eine besondere Verantwortung trägt. Ein geplantes Treffen mit den EnBW-Verantwortlichen kam nicht zustande. Es ließ sich kein gemeinsamer Termin finden, so die offizielle Erklärung.
Die Deutsche Umwelthilfe (DUH) hat beim Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle Beschwerde gegen die EnBW eingereicht. Im Kern steht die Frage, ob der Konzern die Umwelt-, Gesundheits- und Menschenrechtsrisiken der LNG-Lieferkette ausreichend geprüft hat und ob aus den Vorwürfen Konsequenzen für die Verträge mit Venture Global folgen müssten. Auch die Vereinigung der Kritischen Aktionär:innen sieht die Lieferverträge als Teil einer fossilen Unternehmensstrategie.
Die EnBW weist die Vorwürfe zurück. Das Unternehmen erklärt, es halte an seinen Klimaschutzzielen fest; LNG-Lieferverträge änderten daran nichts. Die Vorwürfe aus Louisiana seien bekannt und würden in Risikoanalysen berücksichtigt. Gegenüber Venture Global verweist die EnBW auf eine Geschäftspartnerprüfung, vertragliche Unternehmensverantwortungs-Regelungen und regelmäßigen Austausch. Wie diese Regelungen konkret aussehen, legt das Unternehmen nicht offen; zu Vertragsdetails äußert es sich unter Verweis auf Vertraulichkeit nicht.
Nach Darstellung der DUH hatte die EnBW im Februar 2025 eine anlassbezogene Risikoanalyse zu Venture Global eingeleitet und im Juli 2025 abgeschlossen. Ergebnis aus Sicht der EnBW: keine Verletzung der Sorgfaltspflichten nach dem Lieferkettengesetz. Neue Hinweise aus einer Beschwerde der Deutschen Umwelthilfe beim zuständigen Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (BAFA) werde man prüfen. Offen bleibt damit, wie die EnBW mit späteren Vorwürfen umgeht – etwa Berichten über Baggerarbeiten und Sedimenteinträge im Umfeld von CP2 im August 2025, nach denen Fischer:innen von geringeren Fangzahlen berichteten. Venture Global beantwortete mehrere Kontext-Anfragen zu diesen und anderen Punkten nicht.
Das BAFA bestätigt den Eingang der Beschwerde, äußert sich aber nicht zu Inhalten oder möglichen Verfahren gegen einzelne Unternehmen. Jede Beschwerde werde geprüft; dabei gehe es unter anderem darum, ob der Anwendungsbereich des Lieferkettengesetzes eröffnet sei.
Für die EnBW stellt sich damit eine Frage, die über einzelne Vorwürfe hinausgeht: Reicht es, Risiken zu prüfen und mit dem Lieferanten im Austausch zu bleiben oder müssten aus Hinweisen auf Schäden vor Ort auch Konsequenzen für langfristige Lieferbeziehungen folgen?
Der Appell an Deutschland
Für Mayeur ist das Problem größer als ein einzelnes Terminal. Viele Menschen in Louisiana fühlten sich in einem System gefangen, sagt sie, das längst von der Öl- und Gasindustrie geprägt sei. Unternehmen träten nach außen kaum in Erscheinung, Verantwortung werde weitergeschoben. Weder Venture Global noch die EnBW sprächen wirklich mit der Bevölkerung, kritisiert Mayeur: Sie versteckten sich "im Schatten". Zugleich wachse die LNG-Infrastruktur weiter: größere Schiffe, neue Anlagen, neue Eingriffe in eine Küste, an der Louisiana nach Darstellung der Aktivist:innen ohnehin alle 90 Minuten Land in der Größe eines Footballfeldes (rund 5.300 Quadratmeter) verliert.
Was bleibt, ist eine bittere Bilanz. LNG habe vor Ort nur wenige dauerhafte Jobs gebracht, sagt Mayeur, dafür seien öffentliche Flächen und Infrastruktur an die Industrie gegangen. Ein Beispiel sei für sie sinnbildlich: "Auf einem Grundstück wurde ein Spielplatz gebaut, dafür verschwand ein Krankenhaus." Von der US-Regierung erwartet Mayeur wenig. Unter Donald Trump werde der Ausbau von LNG weiter vorangetrieben. "Mir fällt nichts ein, wie wir die stoppen können", sagt sie über die Industrie.
Gerade deshalb richtet sich ihr Blick nach Deutschland. Sie glaube an die Deutschen: daran, dass sie bei der Energiewende den schwierigeren Weg wählen können und nicht den vermeintlich bequemeren. Die EnBW betont, LNG ändere nichts am Ziel der Klimaneutralität. Doch für die US-Aktivist:innen entscheidet sich genau daran, was Energiewende bedeutet. Ob die deutsche Energiewende nur neue fossile Lieferketten schafft – oder ob sie die Abhängigkeit von ihnen tatsächlich beendet.
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