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EnBW und LNG

Deutschlands Gas, Louisianas Risiko

EnBW und LNG: Deutschlands Gas, Louisianas Risiko
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Die EnBW hat langfristige Verträge für Flüssigerdgas geschlossen. In Louisiana, wo ein Teil dieses Gases herkommt, sehen Aktivist:innen darin keine Brücke in die Energiewende, sondern die Fortsetzung eines fossilen Geschäftsmodells mit Folgen für Menschen, Küste und Klima.

Als Deutschland nach dem russischen Angriff auf die Ukraine neue Gaslieferanten suchte, kam die Lösung ziemlich schnell: Flüssigerdgas (LNG) aus den USA. Schnell war auch das Energieunternehmen EnBW dabei, dessen größter Einzelaktionär das Land Baden-Württemberg ist. Die EnBW schloss als erstes deutsches Energieunternehmen langfristige Lieferverträge für US-LNG ab. Der damalige Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) trieb den Aufbau der LNG-Infrastruktur bundesweit voran. Mit LNG wollte man sich Zeit kaufen für den Umbau des Energiesystems.

Ein Großteil des Gases kommt aus Louisiana. Der LNG-Boom hat die Golfküste in den vergangenen Jahren stark verändert: Es ist eine riesige LNG-Industrie entstanden, mit gewaltigen Anlagen, Bohrtürmen und einer Infrastruktur, die ganze Küstenabschnitte umprägt. Der Ausbau bringt zwar wirtschaftliche Impulse, hinterlässt aber auch zerstörte Strände, belastete Feuchtgebiete und spürbare Schäden für Mensch und Natur. Zugleich verschlechtert er die Luftqualität in der Region, weil beim Bau und Betrieb der Anlagen Emissionen und Schadstoffe freigesetzt werden.

Ein erheblicher Teil des US-Exportgases stammt aus Fracking, einer Fördermethode, die in Deutschland wegen Umweltrisiken stark eingeschränkt ist. Umweltorganisationen kritisieren schon lange, dass Risiken, die hierzulande politisch kaum akzeptiert wären, an Gemeinden in den USA ausgelagert werden. James Hiatt und Misha Mayeur sind aus dem Süden der USA nach Deutschland gereist, weil einer der deutschen Abnehmer dieses Gases EnBW heißt.

Der Preis der Versorgungssicherheit

"Die EnBW ist mitschuldig an den Schäden, die verursacht werden", sagt Hiatt. Hiatt kommt aus Lake Charles und arbeitete mehr als zehn Jahre selbst in der Öl- und Gasindustrie. Heute organisiert er mit "For a Better Bayou" Gemeinden, die sich aus der Abhängigkeit von dieser Industrie lösen wollen. LNG ist für ihn keine saubere Übergangstechnologie: "Es ist eine Brücke zur Fortsetzung der Profite einiger weniger auf Kosten aller."

Auch Misha Mayeurs Blick ist persönlich geprägt: Ihr Stiefvater arbeitete jahrzehntelang in der Öl- und Gasbranche und starb an Krebs. Heute sammelt sie als Aktivistin Geschichten von Menschen entlang der LNG-Infrastruktur. "Die Folgen sind längst im Alltag angekommen: Asthma, Herzkrankheiten, Krebs." Ein Anwohner direkt neben Venture Global habe seine Kinder seit Inbetriebnahme der Anlage 2022 rund 230 Mal zum Arzt bringen müssen – nach vier Arztbesuchen im Jahr davor, sagt Mayeur. In einigen Familien seien mehrere Angehörige an Krebs gestorben. Weil Behörden die Luftverschmutzung in Louisiana aus ihrer Sicht nicht ausreichend kontrollierten, hätten Aktivist:innen selbst gemessen: Nur zehn von 111 Tagen seien unauffällig gewesen, an mehr als 100 seien die Grenzwerte der Luftqualität überschritten worden. "Wirklich jeder erlebt Folgen", sagt Mayeur.

Zwanzig Jahre Bindung an Venture Global

Damit zielt ihre Kritik direkt auf die EnBW. Denn der Karlsruher Energieversorger hat sich Gas von Venture Global gesichert, ausgerechnet von jenem Unternehmen, dessen LNG-Projekte in Louisiana für Hiatt und Mayeur zum Symbol einer zerstörerischen Industrie geworden sind.

Konkret geht es um Flüssigerdgas aus den Produktionsstätten Plaquemines und CP2 in Louisiana: zwei Millionen Tonnen LNG pro Jahr ab 2026, jeweils für 20 Jahre. Die EnBW begründet die Verträge mit Versorgungssicherheit. Erdgas sei in der Energiewende eine Übergangstechnologie, erklärt ein Sprecher auf Anfrage: weg von Kohle, hin zu erneuerbaren Energien und dekarbonisierten Gasen. Die Laufzeit entspreche dem Marktstandard für US-LNG.

Für die Aktivist:innen ist diese Laufzeit ein Teil des Problems. Was die EnBW als marktüblich und notwendig für Versorgungssicherheit beschreibt, sehen sie als eine langfristige Bindung an ein fossiles Geschäftsmodell. Während ihres Deutschlandbesuchs kündigte die EnBW weitere LNG-Käufe bei Venture Global an: rund 820.000 Tonnen pro Jahr für etwa fünf Jahre ab 2026. Wenn LNG nur eine Brücke sein soll, fragen sie, warum werden die Verträge dann immer weiter verlängert? Zumal entlang der Lieferkette Methan entweichen kann, ein kurzfristig besonders wirksames Treibhausgas.

Wie unterschiedlich die EnBW und die Aktivist:innen denselben Besuch bewerten, zeigt ein Treffen im November 2025. Nach Angaben des Unternehmens sprach eine Delegation in Louisiana mit Venture Global sowie mit lokalen Stakeholdern und Anwohner:innen über ökologische und soziale Aspekte. Mayeur erzählt von einem Treffen, das vor Ort große Erwartungen geweckt habe, besonders bei Fischern, die von Fangverlusten, verschmutzten Gewässern und ihrer Wut auf das LNG-Projekt berichteten. Danach sei jedoch vor allem Enttäuschung geblieben: Die EnBW habe die Verantwortung auf Venture Global geschoben. Für Mayeur greift das zu kurz: "Niemand will verantwortlich sein, dabei finanziert die EnBW das Ganze."

Die Frage nach der Verantwortung

Die Kritik von Hiatt, Mayeur und anderen Organisationen ist inzwischen auch in Deutschland angekommen. In Karlsruhe übergaben Mayeur und Hiatt ihre Kritik bei einem kürzlichen Besuch auch schriftlich: In einem Brief an den EnBW-Vorstand fordern sie, die LNG-Verpflichtungen nicht auszuweiten und die Gas-Einkäufe am Ziel der Klimaneutralität auszurichten. Zugleich erinnern sie daran, dass die EnBW fast vollständig in öffentlicher Hand liegt – und damit aus ihrer Sicht eine besondere Verantwortung trägt. Ein geplantes Treffen mit den EnBW-Verantwortlichen kam nicht zustande. Es ließ sich kein gemeinsamer Termin finden, so die offizielle Erklärung.

Die Deutsche Umwelthilfe (DUH) hat beim Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle Beschwerde gegen die EnBW eingereicht. Im Kern steht die Frage, ob der Konzern die Umwelt-, Gesundheits- und Menschenrechtsrisiken der LNG-Lieferkette ausreichend geprüft hat und ob aus den Vorwürfen Konsequenzen für die Verträge mit Venture Global folgen müssten. Auch die Vereinigung der Kritischen Aktionär:innen sieht die Lieferverträge als Teil einer fossilen Unternehmensstrategie.

Die EnBW weist die Vorwürfe zurück. Das Unternehmen erklärt, es halte an seinen Klimaschutzzielen fest; LNG-Lieferverträge änderten daran nichts. Die Vorwürfe aus Louisiana seien bekannt und würden in Risikoanalysen berücksichtigt. Gegenüber Venture Global verweist die EnBW auf eine Geschäftspartnerprüfung, vertragliche Unternehmensverantwortungs-Regelungen und regelmäßigen Austausch. Wie diese Regelungen konkret aussehen, legt das Unternehmen nicht offen; zu Vertragsdetails äußert es sich unter Verweis auf Vertraulichkeit nicht.

Nach Darstellung der DUH hatte die EnBW im Februar 2025 eine anlassbezogene Risikoanalyse zu Venture Global eingeleitet und im Juli 2025 abgeschlossen. Ergebnis aus Sicht der EnBW: keine Verletzung der Sorgfaltspflichten nach dem Lieferkettengesetz. Neue Hinweise aus einer Beschwerde der Deutschen Umwelthilfe beim zuständigen Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (BAFA) werde man prüfen. Offen bleibt damit, wie die EnBW mit späteren Vorwürfen umgeht – etwa Berichten über Baggerarbeiten und Sedimenteinträge im Umfeld von CP2 im August 2025, nach denen Fischer:innen von geringeren Fangzahlen berichteten. Venture Global beantwortete mehrere Kontext-Anfragen zu diesen und anderen Punkten nicht.

Das BAFA bestätigt den Eingang der Beschwerde, äußert sich aber nicht zu Inhalten oder möglichen Verfahren gegen einzelne Unternehmen. Jede Beschwerde werde geprüft; dabei gehe es unter anderem darum, ob der Anwendungsbereich des Lieferkettengesetzes eröffnet sei.

Für die EnBW stellt sich damit eine Frage, die über einzelne Vorwürfe hinausgeht: Reicht es, Risiken zu prüfen und mit dem Lieferanten im Austausch zu bleiben oder müssten aus Hinweisen auf Schäden vor Ort auch Konsequenzen für langfristige Lieferbeziehungen folgen?

Der Appell an Deutschland

Für Mayeur ist das Problem größer als ein einzelnes Terminal. Viele Menschen in Louisiana fühlten sich in einem System gefangen, sagt sie, das längst von der Öl- und Gasindustrie geprägt sei. Unternehmen träten nach außen kaum in Erscheinung, Verantwortung werde weitergeschoben. Weder Venture Global noch die EnBW sprächen wirklich mit der Bevölkerung, kritisiert Mayeur: Sie versteckten sich "im Schatten". Zugleich wachse die LNG-Infrastruktur weiter: größere Schiffe, neue Anlagen, neue Eingriffe in eine Küste, an der Louisiana nach Darstellung der Aktivist:innen ohnehin alle 90 Minuten Land in der Größe eines Footballfeldes (rund 5.300 Quadratmeter) verliert.

Was bleibt, ist eine bittere Bilanz. LNG habe vor Ort nur wenige dauerhafte Jobs gebracht, sagt Mayeur, dafür seien öffentliche Flächen und Infrastruktur an die Industrie gegangen. Ein Beispiel sei für sie sinnbildlich: "Auf einem Grundstück wurde ein Spielplatz gebaut, dafür verschwand ein Krankenhaus." Von der US-Regierung erwartet Mayeur wenig. Unter Donald Trump werde der Ausbau von LNG weiter vorangetrieben. "Mir fällt nichts ein, wie wir die stoppen können", sagt sie über die Industrie.

Gerade deshalb richtet sich ihr Blick nach Deutschland. Sie glaube an die Deutschen: daran, dass sie bei der Energiewende den schwierigeren Weg wählen können und nicht den vermeintlich bequemeren. Die EnBW betont, LNG ändere nichts am Ziel der Klimaneutralität. Doch für die US-Aktivist:innen entscheidet sich genau daran, was Energiewende bedeutet. Ob die deutsche Energiewende nur neue fossile Lieferketten schafft – oder ob sie die Abhängigkeit von ihnen tatsächlich beendet.

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