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Stuttgarter Opernsanierung und Interim

Suche nach dem Goldrand

Stuttgarter Opernsanierung und Interim: Suche nach dem Goldrand
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Das Land Baden-Württemberg und der Oberbürgermeister der Landeshauptstadt Stuttgart halten an der Opernsanierung fest. Also wird weitergeplant – in der Hoffnung, erhebliche Einsparpotenziale doch noch heben zu können. Jedenfalls auf dem Papier.

Stuttgarts Oberbürgermeister Frank Nopper (CDU) sitzt ein Teil des Gemeinderats im Nacken, Landeskunstministerin Petra Olschowski (Grüne) sieht sich mit einem Koalitionspartner konfrontiert, der – O-Ton Manuel Hagel (CDU) – schon mal vorsorglich vor "Goldrandlösungen" warnt. Als hätten die jemals zur Debatte gestanden bei der Generalsanierung des 1912 erbauten Opernhauses, über die bald 30 Jahre diskutiert wird. Von vorangegangenen Landesregierungen und Gemeinderäten ist sie selbst in Zeiten sprudelnder Kassen nicht in trockene Tücher gebracht worden. Jetzt schauen die beiden paritätischen Träger der Staatstheater in leere Kassen. Und der Oper-Poker wird immer komplizierter. Denn schon vor acht Jahren, also vor Corona und Ukrainekrieg, war die stattliche Summe von einer Milliarde Euro veranschlagt worden. Inzwischen sind, wie die Stadt Stuttgart vorrechnet, allein die Baukosten um fast 50 Prozent gestiegen.

Möglicherweise wäre die Situation nicht ganz so verfahren, hätten die Verantwortlichen von Anfang an das finanzielle Engagement konsequent auf die pro Jahr anfallenden Belastungen heruntergebrochen. Aus einer Milliarde und den damals in den Blick genommenen zehn Jahren wären jeweils 50 Millionen Euro für Land und Stadt geworden. Aber die Zahl mit den sechs Nullen war plakativ, zu verführerisch, um das Interesse hochzuhalten, aber auch um die Skepsis zu verstetigen. 

Längst ist der Druck ein mannigfaltiger angesichts der Tatsache, dass die Stadt bei Kitas oder Sozialausgaben kürzen muss. Und angesichts der Tatsache, dass es bei einer Milliarde sicher nicht bleiben wird. Die Verdoppelung geistert nicht nur durchs Große Haus. Wer sich einmal die Risse in Sälen, Probezimmern und Garderoben und vor allem die elektrischen Leitungen hat zeigen lassen, vom abgedeckten Dach ganz zu schweigen, weiß, dass seriös bis zur Abschlussrechnung ohnehin niemand sagen kann, wie teuer die Grundsanierung tatsächlich wird. 

Interimsbau wird kleiner

Immerhin, eine konkrete Zahl wurde zu Wochenbeginn dem Verwaltungsrat der Württembergischen Staatstheater für den Interimsbau an den Wagenhallen präsentiert, in den der gesamte Betrieb umziehen wird, während der Littmann-Bau am Eckensee geschlossen ist. Er darf – Stand heute – nicht mehr als 289 Millionen kosten und wurde deshalb abgespeckt. Von wegen Goldrand: Das Gebäude soll noch lagerhallenähnlicher werden als bisher schon geplant. Und kleiner, mit nur noch etwas mehr als 1.000 Sitzplätzen. 

Weil die Auslastung aber traditionell sehr gut ist und die Erwartung groß, dass die Operncommunity mitzieht an die Heilbronner Straße, steht gerade das Thema Kapazität für den Drahtseilakt. Denn weniger Plätze heißt weniger Einnahmen. Und den Möglichkeiten, die Bühnendimension einzudampfen, sind erst recht Grenzen gesetzt, denn das Interim muss repertoirefähig sein, inklusive Graben für die große philharmonische Besetzung. Dazu zeigen die vorgelegten Zahlen vor allem eines: Auf der Basis der ursprünglichen Berechnungen wird die Stuttgarter Oper selbst nach Kürzungen immer teurer. 2018 sollten 100 Millionen Euro für das Interim reichen. Die lang diskutierte Lösung am Paketpostamt wurde wegen fehlender Nachnutzung und einer Kostenprognose von 116 Millionen Euro gestoppt. 

Der Gemeinderat muss ab kommender Woche über die neuen Zahlen zur vorübergehenden Spielstätte beraten. Noch vor der Sommerpause hofft Nopper auf das endgültige Ja, das der Oberbürgermeister als Weichenstellung für das Gesamtprojekt verstanden wissen will. "Ein längerer Stopp der Planungen und der Umsetzungsmaßnahmen birgt aufgrund der maroden Bausubstanz vor allem das Risiko, dass das Opernhaus von einem Tag auf den anderen geschlossen werden muss", sagt er an die Adresse der zögerlichen unter den Räten. Vor allem an jene, die sich sogar einen vorübergehenden Planungs- und Baustopp vorstellen können. 

Olschowskis Trümpfe

Auch Olschowski drängt. Nur mit dem Fortführungsbeschluss im Gemeinderat wird möglich, 2032 oder 2033 an die Wagenhallen umzuziehen. Und all jene im Rathaus, die laut über eine Neuverteilung der finanziellen Lasten sinnieren, hält sie zwei Zahlen entgegen. Pro Jahr sind im gemeinsamen Etat für die notwendigsten Arbeiten während der Sommer-Schließung, um den Betrieb aufrecht und einigermaßen erhalten zu können, 4,5 Millionen Euro vorgesehen. Die Stadt hat da jetzt eine Million gestrichen. Ob und wie das Land einspringen will/kann, wird sich aber erst während der Beratungen des Haushalts 2027 herausstellen. 

Überhaupt wissen Nopper und mit ihm der Erste Bürgermeister Fabian Mayer (CDU) sowie Baubürgermeister Peter Pätzold (Grüne) um die Trümpfe, die Olschowski ziehen könnte, sollte sich der Gemeinderat tatsächlich aus Spargründen aus dem Württembergischen Staatstheater teilweise oder sogar ganz zurückziehen wollen. Stadt und Land sind nicht nur durch den Flughafen oder die Messe auf den Fildern miteinander verbunden. Das Land sorgt mit für die Attraktivität Stuttgarts – sogar auf eigene Rechnung, etwa durch die Wilhelma. Der zoologisch-botanische Garten wird als rechtlich unselbstständiger Landesbetrieb geführt. Oder durch die für den Talkessel so wichtige grüne Lunge vom Neuen Schloss bis zum Neckar, für die Pflege, den Erhalt und die Denkmäler im Schlossgarten. "Ich sage einmal so", lässt die Wissenschaftsministerin fast beiläufig auf der Pressekonferenz nach der dienstägigen Kabinettssitzung fallen, "wir haben Verbindung zur Stadt in ganz verschiedenen Bereichen." 

Oper kämpft um die Kreuzbühne

Gemeinsam geht auch die Suche nach Einsparpotenzialen weiter. Noch in diesem Jahr werden die Pläne zu Sanierung und Umbau rund um die Oper konkret. Alle Teilprojekte müssten weiterhin "mit aller Kraft" auf mögliche Kürzungen hin untersucht werden, verlangt Nopper. Hinter den Kulissen bereits heftig gezerrt wird um – angesichts der Summen – einen eher kleinen Betrag mit größter symbolischer Wirkung: um die Kreuzbühne. Die könnte zuerst zur Goldrandlösung stilisiert werden, um sie dann zu streichen und zu zeigen, wie der Rotstift tanzt. Dabei schlägt sie nach den Ursprungsberechnungen gerade mal mit etwa 25 Millionen Euro zu Buche. Vom künstlerischen Irrwitz ganz zu schweigen. 

Alle Beteiligten führen den Begriff vom Mehrspartenhaus im Munde, wenn sie das Große Haus über den grünen Klee loben, Nopper und Hagel, der neue Ministerpräsident Cem Özdemir und die Kunstministerin Olschowski. "Eine Erweiterung der Bühnenlandschaft ist wichtig, um schnell und effizient Umbauten und Kulissenwechsel vornehmen und mehr Vorstellungen bieten zu können – damit wären mehr Aufführungen für das Stuttgarter Ballett möglich", schreibt ihnen die Oper selber in einer ausführlichen Stellungnahme: "Dank einer Kreuzbühne könnte es künftig beispielsweise möglich sein, am Sonntagmorgen eine Opernvorstellung für Familien zu geben und am Abend eine Ballettvorstellung, am folgenden Montagmorgen kann eine Schulvorstellung stattfinden, anschließend eine Probe und abends eine Produktion aus dem Repertoire." In ruhigeren Zeiten würde ein Ass wie dieses stechen. In unruhigen sind vernünftige Lösungen unter Druck. Ausgerechnet. 

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