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Gigantischer Schwindel

Sie nannte sich Cryptoqueen

Gigantischer Schwindel: Sie nannte sich Cryptoqueen
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Ruja Ignatova, 41, aufgewachsen in einfachen Verhältnissen in Schramberg, fährt im Rolls Royce vor, lässt Tom Jones auf ihrer Yacht singen, zieht Anlegern Millionen aus der Tasche und verschwindet. Und niemand weiß, wo sie ist.

"Ist das das neueste Must-have für Luxus-Appartements?", fragt die in London erscheinende "Mail Online" am 15. April 2016. Gemeint ist eine zweistöckige Penthousewohnung im Stadtteil Kensington: vier Schlafzimmer, Swimmingpool, zehn Meter lang, vier Meter breit, Gegenstromanlage und aufschiebbares Dach. Zuerst zu bewundern in den "National News" aus Dubai. Kostenpunkt der ultimativen Liegenschaft im Abbots House: 14 Millionen Pfund.

Einen dieser Artikel dürfte Ruja Ignatova damals gelesen haben. Sie war dem Schwarzwald längst entwachsen, unglaublich reich geworden. Auf ihrer Yacht gastierte Tom Jones. Ihr OneCoin-Geschäft hatte die "Cryptoqueen" zwei Jahre zuvor gestartet – es lief bereits fantastisch und war doch nichts anderes als ein Betrugssystem, an das in Deutschland 60.000 Menschen glaubten, weltweit 3,5 Millionen. Mehr als 20 Strafverfolgungsbehörden sind hinter ihr her, belegt ist, dass OneCoin allein zwischen Ende 2014 und Herbst 2016 3,4 Milliarden Dollar Umsatz gemacht hat. Den Gesamtschaden bis heute schätzen Rechtsanwälte auf 15 bis 20 Milliarden Dollar. Als Ignatova verschwand, soll sie über 500 Millionen Dollar verfügt haben. Insofern war der Kauf des Luxus-Appartements eher ein Fall fürs Klimpergeld.

OneCoin existierte nirgendwo

Die gebürtige Bulgarin hatte die neue Kryptowährung im Jahr 2013 zusammen mit dem Marketing-Spezialisten Sebastian Greenwood geschaffen. Es war eine mutmaßlich frei erfundene virtuelle Währung, die nirgendwo existierte, außer in ein paar Verkaufspräsentationen. Bei OneCoin erwarben die Kunden "Schulungspakete", die je nach Preis sogenannte Token enthielten und ihnen Bildung im Finanzsektor versprachen. Der "Premium Trader" kostete 12.500 Euro, das "Infinity Paket" 27.500 Euro. Die Token wollte die Organisation eines Tages in OneCoin umwandeln. Diese Pakete konnten mit Provisionen weiter-verkauft werden – oft an Freunde, Nachbarn und Arbeitskollegen. Ihr Geld ist weitgehend verloren, der versprochene Reichtum erreichte nur wenige. Tatsächlich, so legen es Aussagen von beiden OneCoin-Erfindern in E-Mails nahe, hatten sie von Anfang an vor, ihre Kundschaft auszunehmen. "Take the money and run, and blame someone else" – so beschrieb Ignatova ihre Exitstrategie. Nimm das Geld, tauche unter und gib jemandem anderen die Schuld.

Ein mutmaßlicher Tatort war die Firma IMS (International Marketing Services), eine unscheinbare Adresse in Greven im Münsterland. Hier zahlten Zehntausende aus Deutschland Geld ein, um an die "Schulungspakete" der "OneCoin Academy" zu kommen. Die beiden Grevener Manon H. und Frank R. sollen zwischen Mai 2015 und Juli 2016 als deutschlandweite Geldeinsammler für OneCoin und Ignatova aktiv gewesen sein. Das zuständige Landgericht Münster berichtet, dass 88.158 Zahlungsvorgänge und etwa 320 Millionen Euro registriert und laut Anklage über die IMS geschleust worden seien. Das Geld sei unter anderem auf die Cayman-Inseln geflossen. Dafür habe das Paar ein Prozent als Provision, also gut drei Millionen Euro, erhalten.

Und dabei hat alles ganz bescheiden angefangen. Die Familie Ignatov war in den 1990er-Jahren nach dem Zusammenbruch des Ostblocks aus Bulgarien in den Schwarzwald gekommen. In der Marktstraße wohnte Ruja mit ihren Eltern Plamen und Veska und ihrem fünf Jahre jüngeren Bruder Konstantin in einem Altbau über einer Metzgerei. Ihr Vater betrieb in Schramberg zeitweise einen Im- und Export für Autoräder.

Extravagante Adenauer-Stipendiatin

Bereits in ihrer Zeit als Gymnasiastin hatte Ruja einen Hang zur Extravaganz. High Heels, rot lackierte Fingernägel und knallrot geschminkte Lippen waren ihr Markenzeichen als Teenager, erinnern sich ihre früheren Klassenkameradinnen. Man wollte sie nicht in der näheren Umgebung haben, erzählen andere. Aber sie sei hoch intelligent, da sind sie sich einig. Ihr jüngerer Bruder war in der Skaterszene, Spitzname "Konsti Keks", unterwegs. Im Stadtteil Sulgen auf einem Skaterplatz traf er sich mit Kumpels. Einer erinnert sich an ihn als netten Typ: "Er war schon 16 und hat für uns Jüngere das Bier beim Edeka gekauft." Andere berichten von egoistischen Zügen, von einem Typ, der Kollegen hängen ließ, wenn es um seinen eigenen Vorteil ging. Bruder Konstantin sollte später noch eine wichtige Rolle spielen.

Etwa 15 Jahre später – Ignatova hat inzwischen in Konstanz in Wirtschaftswissenschaften promoviert, unterstützt von der Konrad-Adenauer-Stiftung, und ein Jurastudium in Oxford abgeschlossen – ist sie Gründerin eines mutmaßlich gigantischen Schwindels.

Mitgeholfen haben soll dabei ein Münchner Rechtsanwalt, Martin B., der am 14. Dezember 2014 ein Rechtsgutachten erstellt, wonach OneCoin ein "rechtmäßiges Produkt" sei. Ein knappes halbes Jahr später soll er Direktor der OneCoin Limited in Gibraltar geworden und das bis Heiligabend 2015 geblieben sein. Seit Mitte September 2021 sitzt er regelmäßig dienstags und donnerstags in einem Saal des Landgerichts Münster und muss sich wegen Geldwäsche verantworten. So soll er im Mai 2016 von der IMS in Greven 20 Millionen Euro auf sein Konto erhalten und dann auf Weisung der OneCoin-Chefin an eine Londoner Anwaltskanzlei weitergeleitet haben, die dafür zwei Wohnungen kaufen sollte. So soll es auch geschehen sein: das bereits erwähnte Penthouse und eine etwas bescheidenere Immobilie im fünften Stock für ihre bulgarischen Leibwächter, die laut BBC 1,9 Millionen Pfund gekostet haben soll.

Bodyguards fürs Tütenschleppen

Sie sollen es nicht leicht gehabt haben. Wie ein früherer Portier des Abbots House der BBC berichtete, sei sie gerne im Rolls Royce vorgefahren, und ihre Bodyguards seien nach einem Einkaufstrip durch Londoner Designer-Boutiquen "ziemlich außer Atem" gewesen. Jeder habe "mindestens 20 Tüten" zu schleppen gehabt. In ihrer Wohnung habe ein Lenin-Bild von Andy Warhol über dem Kamin gehangen, ein weiterer in einem Regal gelegen. Die Eigentümerin selbst sei jedoch nicht häufig präsent gewesen. Sie besitze Immobilien in Bulgarien, in Dubai, in der Nähe von Frankfurt: an der Auffahrt zur Autobahn, weniger als zehn Minuten zum Flughafen.

Doch im Jahr 2017 zog sich die Schlinge langsam zu. In den USA ermittelte das FBI gegen sie und OneCoin. In Deutschland hat die Bundesanstalt für Finanzaufsicht (Bafin) der IMS in Greven verboten, weitere Zahlungstransfers vorzunehmen. Ihren Bruder Konstantin hat sie inzwischen zu ihrem persönlichen Assistenten gemacht, er berichtet von einem Nervenzusammenbruch seiner Schwester. Am 25. Oktober fliegt sie mit Ryanair von Sofia in Bulgarien nach Athen – und ward nicht mehr gesehen. Zwei russisch sprechende Männer sollen sie in Empfang genommen haben.

Bruder Konstantin wird neuer Chef

Konstantin Ignatov bleibt zunächst in Sofia. Als neuer OneCoin-Chef reist er um die Welt, tritt in Südostasien, in Uganda, in Südamerika auf. Einmal besucht er das Apartment in London, wie er in einem Gerichtsprozess in New York aussagt. Von hier aus postet er auf Instagram am 20. Juli 2018 ein Selfie. Die BBC-Reporter vergleichen das Bild mit ihren Daten und sind sicher, dass es aus Abbots House stammt. Sie finden andere Aufnahmen aus einem Immobilienprospekt und entdecken eine Porzellanschale auf dem Küchentisch. Unverkennbar darauf: das Porträt von Ruja Ignatova. Ein führender OneCoiner soll es ihr geschenkt haben, sie habe es gehasst, erfahren die BBC-Reporter.

Konstantin Ignatov ist des Betrugs angeklagt und nach einem Deal mit der Staatsanwaltschaft zum Kronzeugen gegen andere OneCoin-Beschuldigte geworden. Er berichtet von Büros in Dubai und Hongkong, in denen "Hunderte von Millionen" an Bargeld gebunkert seien. Seit Februar 2019 sitzt er in den USA fest. Erst befindet er sich in Untersuchungshaft, seit Januar 2021 unter Hausarrest in New York. Was mit ihm geschehen wird? Bisher schweigen die US-Ankläger dazu. Ein "sentencing control date" hatte Richter Ramos auf den 12. November festgesetzt, wo es um das Verhalten eines Verurteilten geht, um seine persönlichen Verhältnisse und Vorstrafen. Erst danach legt der Richter das Strafmaß fest und verkündet es. Daraus ist erstmal nichts geworden. Das Verfahren ist auf den 12. Mai 2022 verschoben, Ignatov wird also weiter seine elektronische Fußfessel tragen müssen, bleibt aber von einer Zelle im Metropolitan Correctional Center (MCC) in Manhattan verschont.

Und wo ist Ruja Ignatova? "Das ist die Millionen-Dollar-Frage", sagt einer der Anwälte in Münster, wo über die Greven-Connection verhandelt wird. Nur eines ist sicher: Sie ist nicht in ihrem Penthouse in Kensington.


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