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Jugend und Politik

Ghostwriting im Unterricht

Jugend und Politik: Ghostwriting im Unterricht
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 Fotos: Jens Volle 

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Datum:

Schüler:innen schreiben Reden für Gemeinderät:innen: Das war die Idee hinter einem Projekt, das heute im Stuttgarter Schriftstellerhaus vorgestellt wird. Die Jugendlichen formulierten ihre Anliegen und lernten dabei die Politik neu kennen.

"Alle waren ganz ruhig", ist Samuel Pitterle aufgefallen, Schüler am Eschbach-Gymnasium in Stuttgart-Freiberg. Das kommt sonst in der Schule nicht oft vor: "Weil man einfach schreiben konnte, was man will, und wie man es will." Die Schüler:innen sollten eine Rede für eine:n Kommunalpolitiker:in schreiben. Der Clou daran: Sie hatten zwar ein Interview mit ihr oder ihm gehört, wussten aber nicht, um wen es sich handelt oder welcher Partei er oder sie angehört. "Wenn man schreibt, vergeht die Zeit sehr schnell", bemerkt der 16-Jährige.

Am heutigen Mittwoch um 17 Uhr findet im Schriftstellerhaus Stuttgart das Finale des Projekts "Rede!" statt, "eine Show über die politische Stimmungslage junger Menschen" im Rahmen des Festivals "Stuttgart schreibt: Fiese Krise". An dem Abend kann man erfahren, was die Schüler:innen denken: Auszüge aus ihren Reden sind zu hören; vier von ihnen haben neue Reden geschrieben und tragen sie selbst vor; eine Lehrerin und ein Stadtrat werden zu dem Projekt befragt. Es ist nur eine vorläufige Abschlussveranstaltung, ein Zwischenstand, betont Nikita Gorbunov vom Verein "Ausdrucksreich", der mit der Kulturmanagerin Jana Kastner das Projekt konzipiert hat. "Wir planen fest, das Projekt weiter auszurollen."

"Rede!", der Titel ist doppeldeutig. Er versteht sich als Aufforderung an die Schüler:innen, ihre Gedanken in Worte zu fassen. Und er beruht auf der Idee, dass sie dies als Ghostwriter für Mitglieder des Gemeinderats ihrer Stadt tun. Beteiligt waren sieben Schulklassen aus Stuttgart und Waiblingen. 

Gorbunov und Kastner haben sämtliche Schulen im Großraum Stuttgart mit Klassen ab Stufe 10 angeschrieben. Die Workshops fanden im regulären Gemeinschaftskunde- oder Deutschunterricht statt. Entstanden sind über 150 kurze Reden für sieben Stadträt:innen, die sie nur indirekt kennengelernt hatten: Indem sie Interviews hörten, die Gorbunov und Kastner vorab mit den Kommunalpolitiker:innen geführt hatten.

Politik als etwas, an dem man mitwirken kann

Aber Ghostwriter zu spielen: Das war genau genommen zu viel verlangt. Normalerweise kennen Redenschreiber:innen die Abgeordneten, für die sie arbeiten, so gut, dass es sich anhört, als hätten diese ihre Rede selbst verfasst. Als Ghostwriter bleiben sie unsichtbar. Hier sollten dagegen die Schüler:innen ihre eigenen Anliegen formulieren – und wussten nicht einmal, welcher Partei die oder der jeweilige Politiker:in angehört. Ein missglücktes Konzept also, eine falsche Idee?

Für Ramon Schmid, Kommunikationspädagoge, der den Workshop mit Pitterle geleitet hat, ist das Konzept trotzdem aufgegangen: Weil die jungen Menschen einen Perspektivwechsel vollzogen haben. Politik lebt vom Streit. In Zeiten von Bots und Rechtspopulismus sind jedoch Debatten oft so polarisiert, dass Politiker:innen nur noch als Gegner wahrgenommen werden. Zu zeigen, dass Stadträte, gleich welcher Partei, ein Ehrenamt ausüben, um sich für ihre Stadt einzusetzen: Das war für Gorbunov ein wesentlicher Teil des Projekts. Weil die Schüler:innen auf diese Weise Politik anders kennenlernen: als etwas, an dem man mitwirken kann. 

Persönliches statt politische Positionierung

Eine wesentliche Rolle in dem Projekt spielen die Interviews mit den Gemeinderät:innen: fünf aus Stuttgart und zwei aus Waiblingen, weil auch das dortige Staufer-Gymnasium dabei war. Aus Stuttgart waren das: Sara Dahme (SPD), Thorsten Puttenat (Stadtisten), Marcel Roth (Grüne), Rose von Stein (Freie Wähler) und Isabelle Weichselgartner (CDU); aus Waiblingen Iris Förster (Grüne) und Hans-Ingo von Pollern (CDU). Ausgeschlossen waren nur Parteien, die vom Verfassungsschutz beobachtet werden, also die AfD. 

Normalerweise geben Politiker:innen in Interviews Auskunft zu aktuellen Themen, äußern ihre Meinung und die Positionen ihrer Partei. Gorbunov und Kastner stellten ganz andere Fragen. Es geht mehr ums Persönliche. Alle fünf Stuttgarter:innen sind Mitglieder im Kulturausschuss. Die hätten sie zuerst angefragt, erklärt Gorbunov, weil sie als Kulturschaffende mit ihnen bereits in Kontakt waren und davon ausgehen konnten, dass sie das Anliegen verstehen. Doch ungewöhnlich war es auch für ihn: "Es wurde kein einziges Mal über Geld gesprochen."

Ehrenamt Gemeinderat

Ein Gemeinderatsmandat gilt als Ehrenamt. Allerdings erhalten die Gemeinderatsmitglieder in Stuttgart eine monatliche Aufwandsentschädigung von 1.900 Euro und, je nach Dauer, ein Sitzungsgeld zwischen 80 und 240 Euro. In Waiblingen bekommen sie dagegen eine monatliche Pauschale von 120 Euro und für Sitzungen pro angefangene Stunde 15 Euro.

Gorbunov ist 1983 in Moskau geboren, hat seine Schulzeit in Stuttgart verbracht und ist seit zwanzig Jahren im Bereich Poetry Slam aktiv. Fast ebenso lang ist er in der kulturellen Bildung tätig. Als Vorstand des Vereins "Ausdrucksreich" arbeitet er viel an Schulen. "Wir wollen Klassenzimmer in Poesie-Werkstätten verwandeln”, heißt es auf der Website, und: "Seit unserer Gründung haben wir mit ca. 15.000 Teilnehmenden rund 800.000 Zeilen Poesie erschaffen." Politische Reden sind keine Poesie. Doch eigentlich ist Poetry Slam nur ein Mittel, ein Weg. Es geht um mehr: "Wir wollen die Sprach- und Sprechkompetenz junger Menschen fördern", so benennt der Verein sein erstes Anliegen.  (dh)

Zuerst fragen sie nach der Kultur. Welchen Film, welches Buch, welche Musiker:in würde das Ratsmitglied empfehlen? Das Jugendwort 2025 war "das crazy" – wie hieß es zu ihrer Zeit? Rose von Stein, Jahrgang 1958, sagt schnafte. Bei den anderen, im Alter zwischen 32 und 52, überwiegt geil, heute immer noch im Gebrauch. Auf die Frage nach dem größten politischen Ereignis ihrer Schulzeit nennt von Stein die Ostpolitik Willy Brandts, bei den Jüngeren überwiegt der Anschlag auf die New Yorker Twin Towers am 11. September 2001. Für die heutigen Jugendlichen, da sind sich fast alle einig, war es Corona.

Die Interviews wurden im Losverfahren zugeteilt – jede:r Schüler:in hat eines gehört. Schritt für Schritt lernen sie ihre Abgeordneten kennen: Warum sie in den Gemeinderat gegangen sind; wie ihre Arbeit dort aussieht; was sie mit den Abgeordneten der anderen Fraktionen verbindet; was ihnen wichtig ist. Das Mandat entspreche ungefähr einer 70-Prozent-Stelle, meint Dahme. Das könne sich nur leisten, wer wie sie Halbzeit arbeitet. Der Arbeitstag beginnt morgens um 8.30 Uhr mit Ausschusssitzungen und endet oft mit Abendterminen. Die CDU-Frau Weichselgartner sagt dagegen, in ihrer Fraktion gebe es fast nur Selbstständige. 

Das entspricht den Erwartungen. Doch es gibt auch Überraschungen. Weichselgartner liebt Michael Jackson. Für Puttenat ist Anstand ein hoher Wert, ein Wort, das früher vor allem Konservative im Mund führten. Was von Stein, die älteste, mit Roth, dem Jüngstem verbindet, ist die Einschätzung, unsere Gesellschaft habe zu viel Angst vor Veränderungen. Roth beobachtet, dass man im Gemeinderat in der Regel gut miteinander auskäme, auch wenn sie sich manchmal scharf angehen. Mit Hannes Rockenbauch (SÖS) sei er nicht immer einer Meinung, doch er bewundere seine Redefertigkeit. 

"Oft nicht im Sinne von uns Jugendlichen"

Zuletzt fragen Kastner und Gorbunov die Politiker:innen, was in der Rede vorkommen sollte, welche die Schüler:innen für sie schreiben. Von Stein möchte gern wissen, wie sie sich die optimale Schule vorstellen. Puttenat will dagegen keine Vorschriften machen. Samuel Pitterle hat sich sein Thema selbst gesucht: Gerechtigkeit, insbesondere zwischen den Generationen. "Was Erwachsene als gerecht empfinden, ist für die Jugendlichen ungerecht", sagt er in seiner Rede. "Das beste Beispiel ist der momentane Rentenvertrag. Die Jugendlichen müssen alles für die Erwachsenen ausbaden. Alle ihre Fehler. Deswegen will ich Gerechtigkeit für die Jugendlichen und für die zukünftige Generation schaffen." 

"Cool. Interessant", antwortet Pitterle auf die Frage, wie er das Projekt fand. "Es war mal was Neues." Er gehört zu denjenigen, die sich freiwillig gemeldet haben, um den Abend im Schriftstellerhaus vorzubereiten und dafür eine weitere Rede zu schreiben. Sein Thema diesmal: Routine. Wie es ist, wenn man jeden Tag früh aufsteht, und wie, wenn das im Rentenalter plötzlich nicht mehr der Fall ist. Von den Gemeinderäten wird Thorsten Puttenat kommen, der nicht nur das Projekt, sondern Gorbunovs Arbeit auch sonst ganz toll findet. Isabelle Weichselgartner muss aus terminlichen Gründen absagen, betont aber: "Ich empfinde das Projekt als spannend und freue mich sehr, daran mitgewirkt zu haben."

Für Gorbunov selbst steht die aktuelle politische Situation im Vordergrund. Künstler:innen sind angewiesen auf Förderung. Was aber, wenn die AfD an die Macht kommt, fragt er sich nicht erst seit der Wahl in Sachsen-Anhalt. Er befürchtet, dass Veranstaltungen gegen den Rechtspopulismus am Ende doch nur diejenigen erreichen, die ohnehin einer Meinung sind. Deshalb geht er an die Schulen, durchaus passend zum Thema Routine: "Rede!", sagt er, sei "ein kleiner Versuch, etwas zu finden, was wir nicht schon immer tun."

Die Resonanz der Schüler:innen war positiv. Das Besondere an den Workshops für Ramon Schaller von der zwölften Klasse der Max-Eyth-Schule in Stuttgart: "Die Freiheit, über das schreiben zu dürfen, was mich wirklich beschäftigt." Dazu gehören die großen politischen Themen: "Unsere Zukunft hängt davon ab, ob Krieg oder Frieden herrscht", schreibt er in seiner Rede, "ob Millionen grausam ermordet werden, oder ob wir alle respektvoll miteinander umgehen und unsere Zukunft positiv gestalten können".

Seine Mitschülerin Johanna Spreng, wie Schaller 17 Jahre alt, hebt hervor, "dass es um eine Art des Schreibens ging, über die in der Schule ganz wenig unterrichtet wird, obwohl sie so präsent in unserem Alltag ist". Dabei wäre dies für die Schüler:innen wichtig. Denn, wie sie in ihrer Rede festhält: "Ich bin jetzt in diesem Alter, in dem ich oft miterlebt habe, wie die Politik nicht in dem Sinne von uns Jugendlichen handelt."


Die Veranstaltung "Rede!" findet um 17 Uhr im Schriftstellerhaus, Kanalstraße 6 am Charlottenplatz in Stuttgart statt. Das Festival "Stuttgart schreibt: Fiese Krise – und die Literatur?" tritt an die Stelle der bisherigen Reihe "Stuttgart liest ein Buch" und läuft noch bis 4. Oktober – Programm hier.

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