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Grüne in Landesregierungen

Neuer Machtfaktor

Grüne in Landesregierungen: Neuer Machtfaktor
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Die einen pflegen vorrangig das bürgerliche Image, andere Parteifreund:innen kämpfen um eine progressive Wende. So oder so wollen die Grünen im Bundesrat neue Stärke demonstrieren. Baden-Württemberg fällt eine Schlüsselrolle auf der Suche nach Kompromissen zu.

Vielerorts wird nach den drei Landtagswahlen im September über das Auslaufmodell Volkspartei und die immer schmäler werdende politische Mitte diskutiert. Der Südwesten ist eine Ausnahme. Im vergangenen März sind zwei Parteien – Grüne und CDU – nach zehn Jahren gemeinsamer Regierung mit einer Zwei-Drittel-Mehrheit von der Wählerschaft im Amt bestätigt worden. Für die Ökopartei nahm mit der Festigung ihrer Macht hierzulande ein neuer Aufstieg seinen Anfang. Sie wird in Mecklenburg-Vorpommern und Berlin auf jeden Fall mit am Kabinettstisch sitzen, wieder in sieben der 16 Länder mitregieren und auf diese Weise über 35 der 69 Stimmen im Bundesrat mitbestimmen können.

Kleinere und größere Erfolge in der Vergangenheit und in ähnlichen Konstellationen sind dokumentiert. Aus dem CO2-Preis wurden 2019 dank des grünen Engagements in der Länderkammer 25 statt nur zehn Euro pro Tonne und manche Entscheidungen in der Migrationspolitik zumindest abgemildert. Das Klagerecht für Umweltverbände blieb erhalten, die Aufteilung von Steuerausfällen konnte zugunsten von Städten und Gemeinden verändert werden. Oft konnte die Ökopartei ihre Rolle als Scharnier zwischen Koalitionen mit SPD und Linken auf der einen und jenen mit der Union auf der anderen Seite überaus zweckdienlich nutzen. Zu Hochzeiten ging ohne die Landesregierungen, an denen Grüne beteiligt waren, und ihre 45 von insgesamt 69 Bundesrats-Stimmen wenig bis nichts.

2026 ist vieles komplizierter. Selbst wenn die Sitzung im Bundesrat am vergangenen Freitag ganz nach dem Geschmack machtbewusster Grüner verlief. Die konnten, weil der Union eine eigenständige Mehrheit fehlte, im Zuge der Modernisierung des Bundespolizeigesetzes die umstrittene KI-Überwachung in Echtzeit auf bestimmte Einzelfälle beschränken und eine Evaluation der neuen Vorgaben durchsetzen, samt Überarbeitung im Bedarfsfall. Und zum Tagesordnungspunkt 98, der Entschließung "Europas industrielle Zukunft stärken, europäische Industriearbeitsplätze gegenüber unfairen Wettbewerbspraktiken schützen, einseitige Abhängigkeiten reduzieren" vertraten allein Nordrhein-Westfalens Vize-Ministerpräsidentin Mona Neubauer und Baden-Württembergs Regierungschef Cem Özdemir (beide Grüne) die Positionen ihrer Landesregierung – immer darauf aus, über den Markenkern der eigenen Partei hinaus zu wirken.

"G-Länder" für Mehrheit nötig

In Bälde wird es dazu viele weitere Gelegenheiten geben. Denn ohne Beteiligung der Grünen kommen keine Mehrheiten im Bundesrat zustande. Und der Oberrealo Cem Özdemir beansprucht für den Südwesten die Führungsrolle. In seinen Reaktionen auf die Wahlergebnisse vom 20. September verweist er nicht nur auf die 35 Stimmen und die neue Stärke in der Länderkammer, sondern auch darauf, dass es natürlich an Baden-Württemberg liegt, den Kurs der Länder mit grüner Regierungsbeteiligung zu koordinieren. 

Schon früh hat sich die Heinrich-Böll-Stiftung mit dem Einfluss der Partei über die Beteiligungen an Landesregierungen befasst. Den von Union oder SPD geführten Koalitionen in den Ländern stehen die Grünen seit 2011, damals angeführt von Winfried Kretschmann in Baden-Württemberg, gegenüber. Rotgeführte Regierungen werden unter dem Buchstaben A zusammengefasst, schwarzgeführte unter dem Buchstaben B. Seit Kretschmann 2011 Ministerpräsident wurde, treffen sich vor den Sitzungen der Länderkammer die sogenannten G-Länder zur Abstimmung des Vorgehens und einzelner Positionen.

Spiritus Rector ist Rudi Hoogvliet, Baden-Württembergs Bevollmächtigter beim Bund, einer der erfahrensten Grünen republikweit: als Manager zahlreicher Wahlkämpfe, als Fraktions- und Regierungssprecher. Er weiß auszutarieren und auszugleichen. Natürlich erinnert er sich, wie Kretschmann schon bald nach Amtsantritt durch seine Zustimmung in der Länderkammer den Weg frei machte für eine der ersten Verschärfungen in der Asylpolitik. Natürlich kennt er das Spannungsfeld, in dem die Grünen agieren. Özdemir schickt ohne Scheu klare Botschaften in die Bundeshauptstadt – in der Annahme, dass seine Ratschläge nicht als Schläge missdeutet werden.

Özdemir warnt vor Koalition mit Linken

Für ihn, der 20 Jahre in Kreuzberg gelebt hat, kommt eine Koalition mit der Linken in der Bundeshauptstadt nur in Frage, wenn sichergestellt ist, dass niemand "in die Nähe der Macht" komme, "wer mit Clankriminalität und Antisemitismus zu tun hat". Da gehe es nicht um Israels Regierungschef Netanjahu, den kritisiere auch er scharf für die Menschenrechtsverletzungen im Gazastreifen und die Siedlungspolitik in der Westbank. Etwas ganz anderes sei es, Israels Existenzrecht infrage zu stellen. Özdemir glaubt, von der Linken personelle Konsequenzen fordern zu können, also den Rauswurf von Mitgliedern. Indes hat der Berliner Landesverband der Grünen, wie der der SPD übrigens, bereits beschlossen, die Einladung der Spitzenkandidatin Elif Eralp (Linke) zu Sondierungen anzunehmen.

Kritik an der Kritik

Unbestreitbar hat die Linke den potenziellen Koalitionspartner:innen Steine in den Weg gelegt, unter anderem mit dem Auftritt des Rappers Dahablex und seiner Parole "Yalla Yalla Intifada, Westbank, Palästina, Gaza" beim Bezirksverband Neukölln, sowie dem Besuch der Wahlparty ebendort durch den Clanchef Issa Remmo. Aktuell bekannt ist, dass Parteifreund:innen ein Ausschlussverfahren gegen Hannah Bruns von der Landesarbeitsgemeinschaft Palästinasolidarität angestrengt haben. Sie will sich, wie dpa berichtet, juristisch und politisch wehren gegen die Anschuldigungen. Eine andere Politikerin, Vanessa Emde, die Staaten grundsätzlich ein Existenzrecht abspricht, weil nur Menschen ein Recht hätten, zu existieren, steht ebenfalls unter Antisemitismus-Verdacht und zugleich für das Spannungsfeld: Sie hat ihren Wahlkreis Neukölln I mit mehr als 46 Prozent der Stimmen gewonnen und zieht direktgewählt ins Abgeordnetenhaus ein.

Dass keineswegs die gesamte jüdische Stadtbevölkerung daraus Antisemitismus-Vorwürfe ableitet, belegt der Offene Brief der "Berliner Jüdinnen und Juden für eine soziale und sichere Stadt". Zitat: "Wir kommen aus unterschiedlichen Milieus; wir beten in unterschiedlichen Synagogen oder gar nicht; wir wählen unterschiedliche Parteien – und wir schreiben diesen Brief, weil wir in den vergangenen Wochen immer wieder dieselbe Behauptung gehört haben: Die Linke sei gefährlich für Juden, eine Koalition unter ihrer Beteiligung ein Sicherheitsrisiko für unsere Gemeinden." Dieser Darstellung werde widersprochen, "nicht, weil wir die Sorgen kleinreden, sondern weil wir sie ernster nehmen, als es plakative Warnungen tun". Eine der Initiator:innen, die in Berlin lebende Wiener Schiftstellerin Eva Menasse, kritisiert offensiv die Warnungen an die Adresse von Grünen und SPD vor einer Koalition mit der Linken. So sei zwar der Zentralrat der Juden in Deutschland, der die Linke kritisiert, eine religiöse und eine politische Vertretung, habe aber "aber schon lange nicht mehr die Deutungsmacht, das sehr vielfältige und komplexe Leben von Jüdinnen und Juden in Deutschland abzubilden oder gar zu vertreten". Unmissverständlich schlagen die Autor:innen zudem den Bogen zu jenem politischen Anliegen, auf dessen engagierte Umsetzung eine progressive Mehrheit der Wähler:innen jetzt wartet. Denn: "Steigende Mieten treffen jüdische Familien genauso wie alle anderen." (jhw)

Informelle Gespräche – Zwischenrufe aus dem Südwesten hin oder her – haben ohnehin schon stattgefunden. Das Verhandlungsteam steht bereits, zügig soll es zu offiziellen Treffen kommen. Viel für die Akzeptanz in Realo-dominierten Landesverbänden wird von der Konsequenz abhängen, mit der eigene Positionen durchgesetzt werden können. Diskutiert wird die Idee, dem Brandenburger Beispiel zu folgen und in die Berliner Landesverfassung aufzunehmen, dass "das Land das friedliche Zusammenleben der Menschen schützt, Antisemitismus sowie der Verbreitung rassistischen und fremdenfeindlichen Gedankenguts entgegentritt und die Stärkung jüdischen Lebens fördert". 

Der grüne Berliner Spitzenkandidat Werner Graf hat bekannt gemacht, dass zum Einstieg über Sicherheit und den Schutz jüdischen und queeren Lebens gesprochen wird, über den Kampf gegen Rassismus und Antisemitismus. Der 45-jährige gebürtige Oberpfälzer ist als Pragmatiker vom linken Flügel anerkannt, einer jedoch mit der Hypothek einer Niederlage. Der zweite Blick auf das Berliner Ergebnis unterstreicht das Ausmaß: Alle Innenstadtbezirke gingen an die Linken, der Grünen-Anteil bei Erst- und Zweitwählern sank auf elf Prozent; im Vergleich zu 2023 verlor die Ökopartei fast ein Viertel ihrer Wähler:innen. Und sie befindet sich im 47. Jahr ihrer Geschichte im Sandwich wie selten zuvor.

Denn CDU und CSU versuchen, unterstützt gerade durch Stimmen aus dem baden-württembergischen Landesverband, erheblichen Druck aufzubauen, um eine rot-grün-rote Mehrheit im Abgeordnetenhaus zu verhindern und doch noch den CDU-Spitzenkandidaten Stefan Evers ins Amt des Regierenden Bürgermeisters zu hieven. Thorsten Frei, glückloser Kanzleramtsminister und seit einigen Wochen Unionsfraktionschef im Bundestag, appelliert an Grüne und SPD, "auf Lockangebote" nicht hereinzufallen. Berlin als Hauptstadt und Schaufenster Deutschlands in aller Welt dürfe "nicht in die Hände der Linkspartei fallen, die eine eklatante Gefahr für unsere Sicherheit darstellt".

Grüne müssen Haltung finden

Im Zusammenspiel mit zahlreichen Medien, allen voran der Springer-Presse, wird jede Distanzierung der Linken-Spitzenkandidatin, etwa beim Sonderparteitag vom vergangenen Freitag ("Keine Gewaltaufrufe von unseren Bühnen und keine Aussagen, die jüdischen Menschen Angst machen, das ist absolut inakzeptabel"), als Lippenbekenntnis abgetan. "Gebt Elif Eralp eine faire Chance!", hält der "Tagesspiegel" dagegen – mit Verweis auf das Plus von 13,5 Prozent und darauf, dass erstmals eine Frau mit migrantischem Hintergrund ins Rote Rathaus einziehen könnte, was "für viele in unserer diversen Stadt ein wichtiges Zeichen wäre, dass auch ihre Interessen beteiligt werden".

Die Grünen, gerade die mit den Ratschlägen, werden sich schnell verhalten müssen zu solchen Stimmen und zur Aufnahme von Koalitionsverhandlungen. Wollen sie wieder ein Machtfaktor werden in der Länderkammer, müssen sie vor allem ihre Haltung zu den anstehenden heiklen Themen wie Rente, Steuer und Pflege finden. Wesentliche Teile der Reformpakete kann die schwarz-rote Bundesregierung nur mit Zustimmung der Länderkammer auf den Weg bringen. In ihrem Koalitionsvertrag haben Grüne und CDU im Südwesten jedenfalls versprochen, "bei Abstimmungen im Bundesrat in der Regel eine Positionierung des Landes herbeizuführen". Enthaltungen solle es "nur noch in Ausnahmefällen und bei Fragen von grundsätzlicher Bedeutung geben".

Was zu beweisen sein wird, und zwar zügig. Union und SPD möchten erheblich in Länderrechte eingreifen mit der Idee, per Bundesgesetz die Vergesellschaftung von Wohnungsbeständen zu verbieten. Wer den Ton unter den Grünen angeben will, muss sich dazu positionieren. An Argumentationshilfen speziell zu Fragen der Vergesellschaftung ist kein Mangel. Özdemir kann seinem politischen Lebensmotto in Anlehnung an den Philosophen Hans Gadamer zu einer erfolgreichen Praxisanwendung verhelfen, also das Gespräch mit dem linken Flügel der Grünen und der Linkspartei suchen im Bewusstsein, "dass der andere Recht haben könnte". Könnten Linke, SPD und Grüne sich tatsächlich auf eine Koalition verständigen und auf einen Kompromiss in Sachen Wohnungspolitik, würden die Auswirkungen weit über Berlin und Deutschland hinausreichen. Auf dem Linken-Sonderparteitag vom Freitag berichteten Vertreter:innen der Initiative "Deutsche Wohnen & Co. enteignen" über zahlreiche interessierte und hoffnungsfrohe Anfragen aus anderen Großstädten – von Barcelona bis Bueno Aires.

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