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Asylrecht

Bett, Brot, Seife, Menschenwürde

Asylrecht: Bett, Brot, Seife, Menschenwürde
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Auf keinem anderen Feld haben sich demokratische Parteien derart von Rechtsradikalen treiben lassen wie in der Migrationspolitik. Jetzt ist das Gemeinsame Europäische Asylrecht (GEAS) in Kraft. Trotzdem geht der populistische Überbietungswettbewerb immer weiter.

Baden-Württembergs Landesregierung will GEAS "konsequent und menschenrechtskonform" umsetzen. So heißt es im grün-schwarzen Koalitionsvertrag. Das ist ein Versprechen mit dem Potenzial zur Drohung. Denn die Arbeitsübereinkunft, geschlossen "aus Verantwortung fürs Land", ist durchzogen von wachsweichen Formulierungen. Deren Auslegung wird erheblichen Ärger machen – in der Migrationspolitik schneller als gedacht.

Die Ausgangslage ist kompliziert. Diskutiert wurde schon seit der Jahrtausendwende und erst recht seit der Flüchtlingszuwanderung von 2015, wie ein gemeinsames Vorgehen aller EU-Mitgliedsstaaten aussehen könnte. GEAS sollte Druck aus dem Kessel nehmen. Offizielle Bekenntnisse zur Kongruenz gab es seit 2004. Drei Jahre später legte die Kommission eines ihrer Grünbücher, ein Diskussionspapier, mit dem Ziel vor, die Union "zu einem einheitlichen Schutzraum für Flüchtlinge zu machen, gestützt auf die vollständige und uneingeschränkte Anwendung der Genfer Konvention und die humanitären Werte, die allen Mitgliedstaaten gemeinsam sind". 

Wie viel zu oft in von der EU angestoßenen Verfahren kamen Kompromisse nicht zustande. Die einschlägigen Gespräche zogen sich. In den Corona-Jahren waren die Grenzen weitgehend geschlossen, und die Zahlen gingen zurück. Danach preschten die Innenminister:innen vor. Der Kompromiss kam zustande, weil die deutsche Nancy Faeser (SPD) schlussendlich zustimmte und vom Verlangen der Ampelkoalition abrückte, Familien von den neuen rigiden Verfahren samt Abweisung an den Grenzen auszunehmen.

Menschenwürde hat einen Mindeststandard

Besonders schwer fiel die Zustimmung den Grünen. Deren damalige Außenministerin Annalena Baerbock saß zwischen allen Stühlen, musste sich prügeln lassen von den Parteien mit dem C im Namen, denen die Verschärfungen nicht weit genug gingen. Und andererseits von Flüchtlingsräten, von Pro Asyl oder Menschenrechtsorganisationen. "Ein Nein oder eine Enthaltung Deutschlands zu der Reform hätte mehr und nicht weniger Leid bedeutet", rechtfertigte Baerbock ihr Ja vor drei Jahren. Mit der Einigung könne es nun erstmalig in der EU eine Registrierung aller Geflüchteten geben sowie eine auf Dauer angelegte verbindliche Lösung für einen Solidaritäts- und Verteilmechanismus.

Aussicht auf eine geordnete Umsetzung im Schulterschluss auf nationaler und europäischer Ebene hatte dieser Kompromiss nie. In einem populistischen Überbietungswettbewerb kombiniert mit gefährlichem Aktionismus wurden auch in der Bundesrepublik immer neue Einfälle vorgebracht. Allen voran solche aus dem Geiste des Slogans "Bett, Brot und Seife", also nach dem Motto, dass für das Allermindeste gesorgt werden müsse, mehr aber nicht. Die AfD warb schon lange für die radikale Streichung von Leistungen. Die Union zog nach, als GEAS endgültig beschlossen war. "Für Ausreisepflichtige soll der Grundsatz 'Bett, Brot und Seife' gelten", schreibt die CDU in einem Positionspapier im Sommer 2024 unter der Überschrift "Pull-Faktoren abstellen". Christian Lindners FDP wollte sich in der Ampelkoalition von SPD und Grünen mit einem Neun-Punkte-Plan abgrenzen. Der damalige Bundesvorsitzende und Finanzminister fand sogar ganz ähnliche Formulierungen wie AfD-Politiker:innen, als er den sogenannten Dublin-Flüchtlingen ein Zugticket in das zuständige Land zur Verfügung stellen wollte, "ansonsten gibt es null Sozialleistungen in Deutschland, null Geld vom Steuerzahler".

Der Europäische Gerichtshof (EuGH) hat dieser Tage solchen Ideen eine Absage erteilt. Höchstinstanzlich entschieden – mit Auswirkungen auf die noch ausstehende konkrete Ausführungsgesetzgebung der Bundesländer zu GEAS – ist die Praxis gestoppt, Menschen mit einem menschenunwürdigen Minimum abzuspeisen. Ein Mann aus Afghanistan, für dessen Antrag nach geltenden Regeln Rumänien zuständig ist, zog bis vors Bundessozialgericht. Das wiederum legte dem EuGH den Fall vor. Und der entschied unmissverständlich: Ohne Kleidung als Teil elementarster Bedürfnisse und Geldleistungen lasse sich der tägliche Bedarf nicht decken (Az. C-621/24). Denn: Ein Minimum an Selbstbestimmung und Mindestmaß an Teilhabe müsse gewährleistet sein.  

Mit Stimmen von Rechtsaußen 

Fast zeitgleich fiel eine zweite Entscheidung. Im Trilog, dem üblichen Verfahren zwischen Kommission, Rat und Parlament, will eine bürgerlich-rechte Mehrheit in der EU den Kontinent immer weiter zur Festung umbauen. Ungeniert und allen Brandmauer-Beteuerungen widersprechend hat die Europäische Volkspartei (EVP) mit Teilen der Liberalen und dank der Stimmen von Rechtsaußen, sogar nach Vorabgesprächen mit der AfD, die neuen "Return Hubs", die Rückführungszentren außerhalb Europas auf den Weg gebracht. Und unter einigem anderen die Möglichkeit, Menschen ohne Bleiberecht bis zu zwei Jahren in Abschiebehaft zu nehmen.

Baden-Württembergs neue Landesregierung lässt ihre Koalitionsverhandlungskompromisse auf dem Bekenntnis zu GEAS fußen. Unter der Überschrift "Migration ordnen, steuern und begrenzen" wird ausdrücklich auf "das Grundrecht auf Asyl, die Genfer Flüchtlingskonvention und die Europäischen Menschenrechtskonvention" verwiesen. Darauf beruft sich die Landtagsabgeordnete Daniela Evers (Grüne) in ihrer Beurteilung der künftigen Zentren in Ländern wie Ruanda oder Uganda oder Ägypten – immer unter der Voraussetzung, rechtsstaatliche Abkommen kämen tatsächlich zustande. Und sie knöpft sich – ohne Namensnennung – die Union vor. "Dass der Kompromiss im EU-Parlament nur mit den Stimmen der Parteien des rechten Randes möglich ist, sagt viel über ihn aus und ist mit Sicherheit kein Qualitätsmerkmal", so die Freiburger Juristin auf Anfrage von Kontext. Offensiv stellt sie in Frage, dass "die Return Hubs in Drittstaaten überhaupt einen sinnvollen Beitrag zur Lösung der Migrationsfragen in unserem Land und der EU darstellen". Erhebliche Zweifel bestünden in Bezug auf menschenwürdige Bedingungen, rechtsstaatliche Verfahren und die Einhaltung internationaler Schutzstandards: "Diese offenen Fragen dürfen nicht einfach ausgeblendet werden."

Pauschale Unterstellungen

Einen "tiefen Blick", bescheinigt sich der Flüchtlingsrat Baden-Württemberg selbst, habe er in den Koalitionsvertrag der neuen Landesregierung geworfen. "Einzelne positive Ansätze im Bereich der gesellschaftlichen Teilhabe werden von sprachlichen Entgleisungen und einem starken Fokus auf Abschiebungen überlagert", heißt es unter anderem in dem elfseitigen, gerade veröffentlichten Papier. Sprache schaffe Realitäten, befördere Vorurteile "und beeinflusst letztendlich unser Handeln". Vor diesem Hintergrund sei besorgniserregend, wie präsent Erzählungen von "gefährlichen Ausländern" und "irregulärer Migration" im Koalitionsvertrag vertreten seien. Immer wieder werde "Asyl" im Gegensatz zu "Zuwanderung von Fachkräften" als unerwünschte Art der Migration konstruiert und Geflüchteten zum Beispiel pauschal unterstellt, "dass sie aufgrund von Sozialleistungen nach Deutschland fliehen würden". Ein Fazit: "Auf diese Weise ist versäumt worden, einen klaren solidarischen menschenrechtsorientierten Kurs in der baden-württembergischen Migrationspolitik einzuschlagen." 

Nach der neuesten Statistik aus dem zuständigen Justizministerium für die ersten fünf Monate 2026 stehen den knapp 4.000 Einreisenden mit dem Ziel, Asyl in Baden-Württemberg zu erhalten, 1.150 Abschiebungen entgegen, darunter 449 Straftäter oder, wie es offiziell heißt, "Personen, bei denen Erkenntnisse über eine strafrechtliche Verurteilung vorlagen".  (jhw)

In der Führung der Südwest-CDU gibt es ganz andere Stimmen. Christina Stumpp, MdB aus Waiblingen und stellvertretende Generalsekretärin der Bundespartei, bejubelt die neuen Möglichkeiten als "konsequenten Abbau von Abschiebehürden". Genau davon geht Gerald Knaus, Migrationsforscher und Berater des neuen Ministerpräsidenten Cem Özdemir (Grüne), indes nicht aus. Kein EU-Innenminister, auch nicht Alexander Dobrindt von der CSU, wisse, wie die Zentren aussehen sollen, sagt der gebürtige Salzburger. "Was ist das?", fragt er rhetorisch, "ein Hotel oder eine Metapher?" Jedenfalls erwartet er von den jüngsten Entscheidungen keineswegs weniger "irreguläre Migration". Ein anderer Österreicher, der zuständige EU-Kommissar Magnus Brunner, hat seinen Ausweg aus der Misere schon gefunden: Die Aufgabe der Kommission sei gewesen, die "rechtliche Basis" für Abschiebezentren zu schaffen, zuständig für die Umsetzung seien nun allein die Nationalstaaten.

Vorkrisenniveau erreicht

Die allerdings sind erst einmal mit GEAS befasst. Auf nationaler Ebene hat das gemeinsame europäische Asylsystem mit der Bundesratszustimmung im März die letzte Hürde genommen. Jetzt müssen die Länder im Detail die Ausführung regeln. Grüne und CDU kommen – siehe Evers und Stumpp – aus geradezu gegensätzlichen Richtungen. Und der Flüchtlingsrat Baden-Württemberg verlangt von der Koalition ohnehin, die Spielräume auszunutzen, Wohlfahrtsverbände, Fachberatungsstellen, Kommunen, Selbstorganisationen und Betroffene "früh und kontinuierlich" einzubinden, auf "geschlossene oder haftähnliche Einrichtungen" zu verzichten sowie der Zusammenführung von Familien den Vorrang zu geben. 

Zu den letzten beiden Punkten immerhin lässt sich aus dem Koalitionsvertrag durchaus Positives herauslesen: Sogenannte Sekundärmigrationszentren, wie von Teilen der CDU auch im Land favorisiert, sind hier nicht vorgesehen. Und ein seit Monaten strittiges Thema ist gelöst: Der neue Innenminister Manuel Hagel (CDU) hat seinen Widerstand gegen die Aufnahme von Jesiden aufgegeben. "Zum Familiennachzug des abgeschlossenen Sonderkontingents Jesidinnen und Jesiden wollen wir die im Nordirak noch aufhältigen 20 bis 35 Angehörigen aufnehmen", versprechen Grüne und CDU.

Letztere könnte insgesamt abrüsten, gerade in puncto Rhetorik. Nach der aktuellen Statistik des zuständigen Justizministeriums ist der Zugang schon vor einem Jahr regelrecht eingebrochen. Im Mai 2026 kamen gerade mal 650 Menschen mit dem Ziel, Asyl in Baden-Württemberg erhalten. Eine Realität, die ein Umdenken befördern könnte. Denn im Landtagswahlkampf verlangte Manuel Hagel die migrationspolitische Kehrtwende, um "den Zustand von vor 2014" wiederherzustellen. Und diese zentrale Forderung ist ausweislich der vorliegenden Zahlen erfüllt.

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