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Jeder Stufe wohnt ein Zauber inne

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Der Treppenpapst war ein Avantgardist: Friedrich Mielke, dem Begründer der Scalalogie, graute es vor genormten Stufenhöhen – weil sie uns zu gedankenlos umherschlurfenden Zombies degradieren. Ein Plädoyer für Stolperfallen.

Normierte Abläufe normieren das Denken. Mit dem Morgenritual beginnt die Gewohnheitenpflege. Was folgt? Repitition auf allen Ebenen: Den Tages-, Wochen-, und Jahresverlauf kennzeichnet die Wiederkehr des Gleichförmigen. Wer fühlt sich schon im Hochsommer weihnachtlich und wer bekommt Frühlingsgefühle im Herbst?

Die Struktur der Außenwelt strukturiert auch das Innenleben: Immergleiche Situationen produzieren immergleiche Gedanken. Ein Abspulen des Eingespielten. Wer sich auf Ordnung einlässt, räumt auf mit Beweglichkeit. Der Geist sitzt fest im Gedankengefängnis und spürt seine Fesseln nicht, weil er sich nicht mehr bewegt. Wärter und Wegbereiter der großen Gleichförmigkeit: die deutsche Treppe. Denn Sein prägt das Bewusstsein, und die normierte Stufenhöhe zementiert es.

Gefährlicher Normierungswahn

21 571 Zeichen und mehr als 2900 Worte – das sind beinahe zwei vollgetextete Zeitungsseiten – zählt die DIN 18 065: Sie schreibt vor, wie Trittstufen, Setzstufen, Treppenwange, Treppenspindel, Treppenholm et cetera aussehen dürfen ("Die maximale Treppensteigung und der kleinste Treppenauftritt sind in jedem Fall einzuhalten"). Wofür das Ganze? "Benutzen Sie mal die ungenormte Treppe", fordert das Deutsche Institut für Normung heraus, "und Sie merken am eigenen Körper, wie Normen das Leben ein wenig sicherer machen."

Ausgabe 417, 27.3.2019

Treppenwitz

Von Minh Schredle

Seitdem der "Treffpunkt Rotebühlplatz" innen und außen Treppen hat, wird er schon als schwäbisches Pompidoule bezeichnet. Dabei ist das Stuttgarter Kulturzentrum nichts anderes als eine miese Baustelle, die voll ins Stadtbild passt.

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Was für eine groteske Verdrehung der Tatsachen! Denn ausgerechnet der vermutlich größte Treppenspezialist in der Menschheitsgeschichte behauptet das exakte Gegenteil und verzieht, wie es ein Porträt in der "Frankfurter Rundschau" beschreibt, schon "angewidert sein Gesicht", wenn er nur "DIN 18 065" hört: Das Archiv von Friedrich Mielke, dem Begründer der Scalalogie (=Treppenforschung), umfasst laut "Deutschlandfunk" (DLF) mehr als "10 000 Treppen aus aller Welt, einen Großteil hat er selbst vermessen". Die deutsche Treppennorm, so urteilt Mielke nach jahrzehntelanger Forschung, sei für die Industrie gemacht, nicht für den Menschen, der die Stufen steigt.

"Durch Unregelmäßigkeit wird der Treppenbenutzer gefordert, aufmerksam zu sein", führt der 2018 verstorbene Architekt und Denkmalpfleger im DLF aus. Dahingegen verführe gerade das Gleichmaß normierter Stufenhöhen zu gefährlicher Unachtsamkeit: "Man verlässt sich darauf." Bis etwas herumliegt, auf dem man ausrutschen kann, eine Zigarettenschachtel vielleicht, und dann? "Die Leute kommen zu Fall." Daher, informiert das Architekturmagazin "Baunetzwoche", lobt Mielke "die mittelalterlichen Treppen norwegischer Kirchen oder die sich schlängelnden Stiegen auf Berghängen der italienischen Cinque Terre eben aufgrund ihrer Unregelmäßigkeit".

Die Städte verlieren ihr Treppengesicht

Das Charakteristische erfordert Eigenart: Wenn Mielke, so schildert es ntv, die historischen Treppen in Eichstätt betrachtet, mit ihrem nach oben hin größer werdenden Abstand zwischen Stufen und Handlauf, so erkenne er sofort die Handschrift von Hofbaudirektor Gabriel de Gabrieli: Etwas vergleichbares "habe ich noch nirgendwo sonst in der Welt gesehen", teilt der Experte mit. Durch diese ortsspezifischen Eigenheiten habe schließlich "jede Stadt ihr eigenes Treppengesicht". Doch die Stufen- und Geländervielfalt ist akut bedroht vom international um sich greifenden Normierungswahn. Heutzutage, moniert Mielke, seien die Treppen von Sydney bis Singapur, von Moskau bis Maui fast baugleich, und "wirklich begeisterungsfähige Treppen" würden kaum noch gebaut.

Treppenfragen sind Grundsatzfragen: Wollen wir, ohne Augen für unsere Umgebung und ihre Stufenhöhen, brav, angepasst und gedankenlos einen nicht wirklich begeisterungsfähigen Einheitsbrei in uns hereinlöffeln und im Autopilot durch unser Leben schlurfen, wie es ansonsten nur den Zombies vorbehalten ist?! Oder halten wir es da eher mit Hermann Hesse? Der will lieber "heiter Raum um Raum durchschreiten", wie er in seinem Gedicht "Stufen" ausführt (das ist das mit dem berühmten Satz "Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne"). Weiter heißt es darin: 

Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
Er will uns Stuf´ um Stufe heben, weiten.

Wenn der Weltgeist die Ratschläge von Friedrich Mielke berücksichtigt, muss er darauf achten, dass dieser Steigeakt nicht zum einförmigen Trott, sondern zum begeisternden Höhenflug wird.


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