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Es waren einmal: Strompioniere

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Calw geriert sich als Öko-Stadt, macht in der Praxis das Gegenteil und genehmigt sich selbst ein paar Ausnahmen. Der Oberbürgermeister verweist zur Ehrenrettung auf ein Wasserkraftwerk in der Innenstadt – das bereits ein Jahrhundert alt ist.

Die "Schwarzwald Energy", eine Tochter der Calwer Energie, ist und bleibt eine Mogelpackung. Die mehrheitlich kommunale Stromanbieterin behauptet zwar in ihrem Internetauftritt mehrfach, sie setze sich für die Energiewende ein und stehe für Nachhaltigkeit und "echten" Ökostrom. In Wahrheit handelt das Unternehmen jedoch nur ein wenig mit Strom sowie sogenannten Herkunftsnachweisen von französischen Wasserkraftwerken. In neue Anlagen investiert sie nicht. Dieses für die Energiewende fast unnütze Modell steckt hinter den allermeisten der deutschen Ökostrom-Tarife.

Ausgabe 454, 11.12.2019

Der Ökostrom-Nepp

Von Ralf Hutter

Die meisten Stromanbieter haben auch "Ökostrom" im Angebot – mit Siegel, versteht sich. Da viele davon aber keine hohen Ansprüche haben, trägt kaum eines dieser Stromprodukte zur Energiewende bei. Zeigen lässt sich das an einem Beispiel aus Calw.

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"Ich sehe das nicht so kritisch wie Sie", betont dazu Calws neuer Oberbürgermeister Florian Kling gegenüber Kontext. Es sei ein "deutliches Zeichen" in Richtung Energiewende, sagt der Sozialdemokrat, wenn die "Schwarzwald Energy" nur Strom aus Wasserkraft verkaufe. Und wenn die Kundschaft mehr erneuerbare Energien nachfrage, dann steigere das die "Marktmacht dieser Energiequellen." Kling sieht sich selbst als "Verfechter der Dezentralisierung des Stromnetzes und einer nachhaltigen Energiewende". Die zu 51 Prozent der Stadt gehörende Firma, deren Aufsichtsrat er nun vorsitzt, sei an einem Windpark in der Nordsee beteiligt und treibe den Bau von Dach-Solaranlagen in der Stadt voran. Zudem betreibe sie in der Calwer Innenstadt ein Wasserkraftwerk.

Selbiges wurde aber vor über 100 Jahren errichtet, von "Strompionieren", wie Hans Necker weiß, der für die Neue Liste Calw im Stadtrat sitzt. Er kümmert sich seit elf Jahren um kommunale Umwelt- und Energiethemen und kritisiert die Stadt für ihr mangelndes ökologisches Engagement.  Neckers Fazit heute: "Die Aktivitäten der Energie Calw im Bereich erneuerbare Energien liegen weit unter dem, was andere Kommunen machen. " Und er nennt ein weiteres Beispiel: Kürzlich wurde das Rathaus umfassend umgebaut und dabei vom Fernwärmenetz getrennt. Es wird nun mit Gas beheizt. Wer eine neue Heizanlage baut, muss eigentlich laut dem Erneuerbare-Wärme-Gesetz mindestens zu 15 Prozent erneuerbare Energie verwenden, aber die Stadt hat sich da selbst eine Ausnahme genehmigt. "Andere Kommunen bauen derzeit ein Fernwärmenetz auf", sagt Necker, "und hier wird es zerstört, ohne genau zu analysieren, warum es defizitär ist, und die Probleme anzugehen."

Der Stadtrat hofft nun auf den neuen Bürgermeister, der erst seit kurzem amtiert und in die Propaganda vom letzten Jahr nicht verstrickt war. Damals verkündete die Stadt, sie fördere deutschlandweit den Ausbau des Ökostroms. Im Netz finden sich entsprechende Pressemitteilungen, in denen von einer "Vorreiterrolle bei der Energiewende" schwadroniert und "die Etablierung von Ökostrom" als "wichtiges Kernziel" der Energie Calw wird. Zudem sei "Großes geplant".


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