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16 Jahre "Schwarzer Donnerstag"

Der Elefant trampelt durch den Raum

16 Jahre "Schwarzer Donnerstag": Der Elefant trampelt durch den Raum
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Oft belächelt und doch die treibende Kraft: die Montagsdemos gegen Stuttgart 21. Woche für Woche. Jetzt zum 824sten Mal. Hunderte sind wieder zum Schlossplatz gekommen. Mehr als sonst, weil des "Schwarzen Donnerstags" vom 30. September 2010 gedacht wird.

Alle haben die Bilder noch im Kopf, die entfesselte Staatsgewalt im Schlossgarten, der blutüberströmte Dietrich Wagner. Wasserwerfer spritzten die Demonstrant:innen weg, die die vorgezogene Baumfällung für den Tiefbahnhof verhindern wollten. Dieter Reicherter, der frühere Richter und heutige Sprecher des Aktionsbündnisses gegen Stuttgart 21, erinnert an den Tag, und tut auch diesmal, was er seit vielen Jahren tut. Er berichtet von neuen Skandalen der S-21-Betreiber, aktuell von dem unglaublichen Stresstest-Fake, der als Grundlage der Volksabstimmung und der Legitimation der Jahrhundertbaustelle diente. Damit ist das Feld für Volker Lösch, den Regisseur und linken Aktivisten, bereitet. Die einstige Ikone des S-21-Protests ordnet den "Sarkophag der Dummheit" dort ein, wo er für ihn hingehört: in die Logik des Kapitalismus. Hier ist sein Text.
 

Am 30. September jährt sich der "Schwarze Donnerstag" in Stuttgart zum sechzehnten Mal. Ich war damals vor Ort. Ich habe miterlebt, wie die Polizei mit einem massiven Aufgebot, mit Wasserwerfern, Schlagstöcken und Pfefferspray äußerst brutal gegen tausende Demonstrierende vorging – darunter viele Jugendliche und ältere Menschen. Als Redner bei der darauffolgenden Demonstration stand ich vor über einhunderttausend Stuttgarter:innen. Ihre Gesichter werde ich nie vergessen: Ungläubigkeit, gepaart mit Wut und Entschlossenheit, die nach Antworten verlangte.

Wir ahnten bereits damals, dass es bei diesem Konflikt um weit mehr geht als um ein Bau- und Immobilienprojekt oder Milliardenkosten. Es geht um eine alte, fundamentale Frage der Demokratie: Wer entscheidet über eine Stadt? Ihre Bewohner:innen oder diejenigen, die politische und wirtschaftliche Macht besitzen? Wem gehört die Stadt eigentlich? Das Skandalprojekt "Stuttgart 21" wurde schnell zum Symbol für eine Politik, die Großprojekte gegen massiven gesellschaftlichen Widerstand durchdrückt und von den Bürger:innen bloße Akzeptanz erwartet. In Stuttgart haben wir über die Jahre schmerzhaft erfahren: Die Demokratie gerät in eine existenzielle Krise, wenn die Interessen des Kapitals gegen alle Vernunft über die der Bürger:innen gestellt werden.

Heute sieht man ihn plötzlich, den Elefanten im Raum. Er war die ganze Zeit da, ignoriert oder geleugnet. Sein Name ist Kapitalismus, und er wird zunehmend zum Problem. Sein Versprechen wurde viele Jahrzehnte lang geglaubt: Wachstum schafft Wohlstand, Leistung lohnt sich und wird mit sozialem Aufstieg belohnt, der Markt organisiert die Dinge besser als der Staat. Doch für immer mehr Menschen ist diese Erzählung nicht mehr relevant. Wohnraum wird unbezahlbar, Vermögen konzentriert sich nur oben, Arbeit garantiert keine soziale Sicherheit mehr und die öffentliche Infrastruktur wird dem Spar- und Renditedenken geopfert. Gleichzeitig eskaliert die Klimakatastrophe. Der Planet lässt sich nicht unendlich ausbeuten, doch das kapitalistische System erzwingt die permanente Ausweitung von Produktion und Konsum. Das alte Versprechen und die politische Ordnung, die uns über Jahrzehnte als alternativlos verkauft wurden, sind gescheitert.

Und dann kommt Berlin. Der Wahlerfolg der Linken ist bemerkenswert. Ein Viertel der Wahlberechtigten einer Vier-Millionen-Stadt entscheidet sich für eine Partei, die die Eigentumsfrage stellt. Eine Partei, die die Vergesellschaftung großer Immobilienkonzerne fordert und das Wohnen dem Profitprinzip entziehen will. Wir in Berlin fragen uns, warum Wohnraum überhaupt ein renditegetriebenes Privateigentum sein muss. Die Stadt erlebt die Antwort des freien Marktes tagtäglich: horrende Mieten, Wohnungsmangel, Verdrängung und Spekulation. Wohnen wird zum Luxusgut. Der Elefant trampelt so enthemmt durch den Raum, dass man ihn nicht mehr übersehen kann.

Nach der Berlinwahl bekommt der Elefant Panik

Die Berliner Wahlentscheidung rüttelt am Fundament der Vorstellung, dass privates Eigentum und Profit die einzig logischen Organisationsprinzipien einer Gesellschaft seien. Und plötzlich bekommt der Elefant Panik. Neu ist nicht nur, dass er gesehen wird – man spürt deutlich seine Angst vor dem Machtverlust. Eine breite Allianz aus ehemaligen Volksparteien, der liberal-konservativen Hauptstadtpresse und Wirtschaftsverbänden spürt, dass ihre Vormachtstellung ins Wanken gerät. Sie fragen sich: Warum verliert die politische Mitte ihre Bindungskraft?

Aus Panik fängt der Elefant an zu wüten. Er versucht mit allen Mitteln, die Linke von der Macht fernzuhalten, und spielt seine stärkste Karte aus: den Antisemitismus-Vorwurf. Doch diese Kampagne ist zu durchsichtig. Natürlich gibt es Antisemitismus in der Linkspartei, so wie in allen gesellschaftlichen Gruppen – allen voran im rechtsradikalen Milieu. Aber der Elefant wütet nicht aus Sorge vor Antisemitismus. Er wütet, weil die Linke die Eigentumsfrage stellt. Der Vorwurf wird instrumentalisiert, um die Vergesellschaftung großer Wohnkonzerne und antikapitalistische Maßnahmen auf dem Wohnungsmarkt zu verhindern. Wir erleben in Berlin nichts weniger als den Überlebenskampf der politischen und medialen Mitte.

Für dieses Establishment ist nicht die Existenz einer radikalen Linken das Problem, sondern die Tatsache, dass deren Kritik mehrheitsfähig geworden ist. Sobald Menschen beginnen, Eigentumsverhältnisse zu hinterfragen, verändert sich alles. Über Steuersätze und Sozialprogramme lässt sich verhandeln. Doch die Frage, wem Wohnungen, Unternehmen und Produktionsmittel gehören – wer also über Investitionen und den gesellschaftlichen Reichtum entscheidet –, reicht tiefer. Das sind fundamentale Machtfragen. Sie rütteln an der Grundordnung unseres Lebens und bedrohen die Existenzberechtigung aller kapitalistischen Parteien, Akteure und Medien.

Aber der Elefant steht nicht nur hierzulande plötzlich im Fokus. Auch in New York wurde die Wohnungssituation zur Machtfrage. Auch dort steht zur Debatte, ob eine Stadt nach den Interessen von Immobilienbesitzern und Investoren organisiert werden soll oder nach den Bedürfnissen der Menschen, die in ihr leben. Berlin und New York markieren die Rückkehr zu einer Frage, die lange als erledigt galt: Darf Eigentum politisch wieder infrage gestellt werden?

In diesem Vakuum wächst die extreme Rechte. Die AfD liefert auf soziale Unsicherheit eine nationalistische Antwort. Nicht die Eigentumsverhältnisse stehen in ihrem Fokus, sondern die Ausgrenzung nach außen. Migrant:innen, Geflüchtete und Queere werden zu Sündenböcken für soziale Missstände erklärt. Solange diese Lügen und Scheinlösungen geglaubt werden, bleibt das System unangetastet. Eine antikapitalistische Perspektive dreht diese Logik um: Nicht die Menschen mit wenig Besitz sind das Problem. Die Frage ist, warum eine extrem reiche Gesellschaft ihren Reichtum so ungleich verteilt. Nicht Migration verursacht die Wohnungsnot, sondern die Verwertungslogik des Wohnraums. Nicht gesellschaftliche Vielfalt zerstört den Zusammenhalt, sondern der erzwungene Konkurrenzkampf um Wohnungen, Zeit und soziale Sicherheit trotz steigender Produktivität.

Der Elefant ist das Privateigentum

Viele Berliner:innen sind gedanklich schon weiter. Sie fragen sich: Was wäre, wenn wirtschaftlicher Fortschritt nicht mehr an Profiten gemessen würde? Was wäre, wenn Wohlstand bedeutete: bezahlbarer Wohnraum, gute Bildung, funktionierende Krankenhäuser, freie Zeit, intakte Natur, soziale Sicherheit und demokratische Kontrolle über unsere Lebensbedingungen? Das ist keine Sehnsucht nach alten Sozialismusmodellen. Es ist der Versuch, die Demokratie endlich auf den Bereich auszudehnen, der sich ihr bisher entzieht: die Wirtschaft. Warum sollen Beschäftigte nicht über ihren Betrieb bestimmen? Warum muss ein Krankenhaus Rendite abwerfen? Und warum soll eine Gesellschaft akzeptieren, dass ihre Lebensgrundlagen zerstört werden, nur weil es sich für wenige kurzfristig rechnet?

"Stuttgart 21" ist der Konflikt um ein konkretes Projekt. Doch dahinter steht der Streit: Wem gehört die Stadt? Berlin stellt diese Frage auf einer fundamentaleren Ebene: Wem gehört die Gesellschaft? Der Elefant im Raum steht für eine unbequeme Erkenntnis: Eine Gesellschaft, die fast jeden Lebensbereich der Verwertbarkeit unterwirft, stößt an ihre sozialen, demokratischen, ökologischen und legitimativen Grenzen.

Die antikapitalistische Antwort darauf ist keine romantische Verklärung der Vergangenheit. Sie beginnt mit der Weigerung der Mehrheit, bestehende Eigentums- und Machtverhältnisse als Naturgesetz zu akzeptieren. Berlin hat diesen Diskurs wieder geöffnet, New York übersetzt ihn in konkrete Politik, und Stuttgart erinnert daran, dass er schon früher geführt wurde. Der Kapitalismus verschwindet dadurch nicht über Nacht. Aber sein wichtigstes Dogma wankt: die Behauptung, es gäbe keine Alternative.

Vielleicht befinden wir uns gerade am Scheitelpunkt einer Zeitenwende. Eine solidarische, demokratische und sozialistische Gesellschaft steht zwar nicht morgen vor der Tür. Aber die Menschen beginnen wieder, sie sich vorzustellen, zu wünschen. Die Frage, die damals in Stuttgart über hunderttausend Menschen auf die Straße trieb, war im Kern eine Eigentumsfrage, auch wenn wir es damals nicht so genau wussten. Heute wird sie in Berlin offen und von einer Mehrheit gestellt. Und ich bin wieder vor Ort. Und kann berichten: Der Elefant randaliert nicht nur im Raum – er tritt auch auf der Stelle. Und alle sehen ihn, das ist sein größtes Problem. Jetzt geht es darum, ihn zu vertreiben.

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