KONTEXT:Wochenzeitung
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Dieter Reicherter

"Sisyphos? Nein."

Dieter Reicherter: "Sisyphos? Nein."
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Der Polizeieinsatz am 30. September 2010 im Stuttgarter Schlossgarten gab Dieter Reicherters Leben eine neue Wendung: Seitdem engagiert sich der ehemalige Richter gegen Stuttgart 21. Dass es immer wieder anders kommt als geplant, scheint eine Konstante in seiner Vita zu sein.

Idyllisch ist es hier. Der Waldrand 100 Meter entfernt, statt Autos brummen ein paar Wespen, und auf der gegenüberliegenden Seite des schmalen Sträßchens grasen zwei Pferde seelenruhig in einem Gatter. Dieter Reicherter wohnt am Rande von Fautspach, mitten im Schwäbischen Wald. Der zu Althütte gehörende Weiler hat rund 100 Einwohner:innen, zur Murrquelle sind es zu Fuß 20 Minuten, zum Ebnisee eine Stunde. Zum nächsten S-Bahn-Halt Backnang ist es etwas weiter, 15 Kilometer.

Dass Reicherter, 1947 geboren und in Stuttgart-Wangen aufgewachsen, hier lebt, hat auch etwas mit seiner Leidenschaft für Pop- und Rock-Musik zu tun. Mehrere Zehntausend Tonträger, größtenteils Vinyl und vor allem Langspielplatten, aber auch um die 30.000 Singles und etliche CDs lagern in seinem "Schallarchiv", das einen Großteil des Kellers in Beschlag nimmt. Ein bezahlbares Haus mit Platz dafür und für eine kleine Familie, das war im Raum Stuttgart schwer zu finden, und so zog Reicherter 2004 mit Frau und zwei Töchtern von Esslingen hierher. Inzwischen lebt er alleine, er ist geschieden und auch die zweite Tochter ist aus dem Haus. Das Schallarchiv wächst weiter. "Das mit den Platten ist schon etwas verrückt", sagt Reicherter und lacht, "denn anhören kann ich die ja nie alle."

Der ehemalige Richter liebt Musik auch live; um die 100 Konzerte besucht er pro Jahr, fährt dafür durch ganz Deutschland, in angrenzende Länder und auch mal nach Großbritannien. Seine Leidenschaft so auszuleben, scheint kein schlechtes Rezept: Reicherter wirkt meist heiter, lacht gerne und oft.

Begonnen hat es bei ihm, erzählt er, mit 14 oder 15 Jahren. Die Eltern einer Freundin hatten ein Café und darin eine Musikbox, "die aussortierten Singles haben sie für eine Mark verkauft". Das war der Anfang seiner Sammlung. Richtig los ging es mit den Beatles, und anders als viele Fans der Fab Four liebt Reicherter auch die Rolling Stones. The Who, die Beach Boys, The Zombies und und und. Die Sixties überwiegen in seiner Kollektion, aber auch für Neues ist er offen.

Der Strahl des Wasserwerfers änderte alles

Seine Platten kauft er mit Vorliebe bei "Second Hand Records" in Stuttgart. Dort war er auch am 30. September 2010, ehe er mit einer frisch gefüllten Stofftasche voller LPs in den Schlossgarten ging, um sich die Demonstration gegen die anstehenden Baumfällungen für Stuttgart 21 anzuschauen. Bald war er nass wie viele andere, der Strahl des Wasserwerfers traf ihn, obwohl er am Rande des Geschehens stand. "Sowas hatte ich noch nie erlebt", sagt Reicherter. Die Dusche und das brutale Vorgehen der Polizei gegen friedlich Demonstrierende änderten sein Bild vom Staat. "Ich war ja bis vier Wochen davor auf der anderen Seite und dachte, bei der Polizei kann man sich einigermaßen verlassen, dass sie Recht und Ordnung einhält – als Richter muss man das." Diese Gewissheit war dahin nach dem Tag, der bald "Schwarzer Donnerstag" genannt wurde.

Reicherter war entsetzt über das, was er gesehen hatte, und wieder entsetzt, wie darüber berichtet wurde: In den TV-Nachrichten am Abend wurde teils die Behauptung der damaligen Landesregierung unter Ministerpräsident Stefan Mappus (CDU) wiedergegeben, die Demonstranten seien gewalttätig gewesen und die Polizei habe einschreiten müssen. Als er am Morgen des 1. Oktober diesen Tenor auch in der Zeitung las, "habe ich mich im Schlafanzug an den Schreibtisch gesetzt und angefangen, meine Erinnerung aufzuschreiben." Daraus wurde eine Dienstaufsichtsbeschwerde, gerichtet an den damaligen Innenminister Heribert Rech (CDU). Er schickte sie auch an die Presse, an Landtags- und Bundestagsabgeordnete und an Freunde, irgendjemand stellte den Text ins Internet – "und plötzlich stand mein Telefon nicht mehr still."

Mit Stuttgart 21 hatte sich Reicherter bis dahin kaum auseinandergesetzt. Auch jetzt wollte er sich zunächst nur mit dem Schwarzen Donnerstag befassen und nicht mit dem ganzen Projekt. "Aber ich habe relativ schnell gemerkt, dass man das überhaupt nicht trennen kann. Dass bei S 21 genauso gelogen und betrogen wurde wie bei der Aufklärung des Polizeieinsatzes."

Bald nach dem 30. September erhielt er eine Einladung bei den "Juristen zu S 21" mitzumachen, seitdem "wurde es immer mehr". Seit Februar dieses Jahres ist Reicherter Sprecher des Aktionsbündnisses gegen Stuttgart 21. Sein Engagement hatte zuletzt dazu geführt, dass er durch eine jahrelang beantragte Akteneinsicht nachweisen konnte, wie manipulativ die Regierung Mappus 2010 bei Schlichtung und Untersuchungsausschuss zum 30.9. vorgegangen war (Kontext berichtete). Und dass Mappus im Ausschuss nicht die Wahrheit gesagt hatte. Den Ex-CDU-Ministerpräsidenten dafür strafrechtlich zu belangen, war zu spät – verjährt. Doch ohne Reicherters Beharrlichkeit und seine Kenntnisse als ehemaliger Richter und Staatsanwalt wären diese Details womöglich gar nicht ans Licht gekommen.

Jura war dritte Wahl

Dabei war die Juristerei nicht Reicherters erste Wahl. "Eigentlich hat mich Medizin interessiert. Aber ich konnte kein Blut sehen." Die zweite Wahl war Theologie – aber nachdem er als jüngstes Mitglied des Kirchengemeinderats in Esslingen hinter die Kulissen blicken konnte, "wollte ich auch nicht mehr Theologe werden." Also blieb, an dritter Stelle, Jura.

1966 fing er in Tübingen an zu studieren, die 68er warfen dort damals schon ihre Schatten voraus. Doch richtig dabei in der Studentenbewegung war Reicherter nicht, auch wenn er viele Forderungen teilte. Bei Aktionen wurde damals auch mal der Zugang zur Uni versperrt, "das hat mich abgeschreckt. Wenn ich eines nicht leiden kann, dann wenn mir andere sagen, was ich machen soll, wenn ich nicht die Chance habe, mich selbst zu entscheiden." Politisch fühlte er sich der SPD und ihrem Vorsitzenden Willy Brandt verbunden, der Einfluss des Vaters, SPD-Mitglied, aktiv in Gemeinde- und Kreisrat. "Aber ich selbst war nie Mitglied."

Anders gekommen als gedacht ist es immer wieder in Dieter Reicherters Leben. So wäre der Skandinavienbegeisterte während seiner Studienzeit fast nach Finnland ausgewandert, dort hatte er eine Freundin. Er lernte Finnisch, weil sie kein Englisch konnte, die Fernbeziehung fand ein Ende, als Reicherter seine spätere Frau kennenlernte.

Unfreiwillig zum Strafrecht – und geblieben

Nach Studium und Referendarszeit wollte er eigentlich seine Doktorarbeit schreiben: über die Übernahme der freien Reichsstadt Esslingen durch das Herzogtum Württemberg 1803. Er hatte alles Material beieinander, da zwang ihn 1976 eine bevorstehende Stellensperre im Justizbereich, sich zu entscheiden: "Entweder jetzt anfangen bei der Justiz und die Dissertation vielleicht später fertig machen, oder jetzt fertig machen und keine Stelle kriegen." Er entschied sich für die Stelle.

Doch auch die – in der Assessorenzeit konnte er nicht wählen – entsprach nicht seinen Zielen. Verwaltungsrecht lag ihm, erzählt Reicherter, "und ich war todunglücklich, dass ich zur Staatsanwaltschaft musste." Dann fand er Gefallen am Strafrecht – und blieb dabei. Es folgten Stationen beim Amtsgericht Stuttgart, beim Landgericht Stuttgart in der Jugendkammer, wieder Staatsanwaltschaft, Amtsgericht in Ludwigsburg, dann wieder das Landgericht, das – nach weiteren Zwischenstationen – auch seine letzte Arbeitsstätte werden sollte, als Vorsitzender Richter einer kleinen Strafkammer.

Seine schönsten Erinnerungen hat er an Verfahren, in denen es zu keinen oder milden Strafen kam. Etwa, als sich herausstellte, dass ein per Überwachungskamera vermeintlich des Diebstahls Überführter doch nicht der Schuldige war, "und da habe ich ihn freigesprochen", sagt Reicherter. "Man stellt sich immer vor, als Richter müsse man zuschlagen, aber das stimmt überhaupt nicht."

Zum 1. September 2010 ging Reicherter in den Ruhestand, vorzeitig, mit 63 Jahren. "Hauptgrund war, dass meine Mutter pflegebedürftig war, um sie wollte ich mich mehr kümmern." Als angenehmste Erfahrung dieses neuen Lebensabschnitts nennt er: "am Wochenende keine Akten lesen müssen, am Montagmorgen entspannt frühstücken können." Dann kam der Schwarze Donnerstag. Seitdem liest er wieder viele Akten.

Sein Engagement führt zu einer Hausdurchsuchung

Nur sechs Wochen nach dem brutalen Polizeieinsatz gab es den ersten Untersuchungsausschuss des Landtags dazu, Reicherter wurde von den Grünen als Zeuge bestimmt, seine Befragung aber am Ende gestrichen. Beim zweiten U-Ausschuss zum Polizeieinsatz ab 2014 beriet er schon den Grünen-Obmann Uli Sckerl.

Einige Erlebnisse waren besonders eindrücklich in den zwölf Jahren, die er sich nun gegen das Projekt engagiert. Nicht für möglich gehalten hätte er etwa die Arbeit der Staatsanwaltschaft bei den Ermittlungen gegen am Schlossgarten-Einsatz beteiligte Polizeibeamte, besonders der politischen Abteilung 1 unter Oberstaatsanwalt Bernhard Häußler. Häußler kannte er aus seiner Berufszeit, hatte keine schlechte Meinung von ihm, was sich nun änderte. Oft sei die Wahrheit verdreht worden, um Einstellungen der Ermittlungsverfahren zu erreichen. "Es grenzt an Rechtsbeugung, was man da gemacht hat."

Weniger zimperlich war die Staatsanwaltschaft gegenüber den S-21-Gegner:innen. Und sie bescherte Reicherter im Juli 2012 eine Hausdurchsuchung (Kontext berichtete). Hintergrund war, dass ihm der sogenannte zweite Rahmenbefehl des damals SPD-geführten Landesinnenministeriums zugespielt worden war. "Ich war entsetzt über die Überwachung, die darin geregelt war", erzählt Reicherter, "alle Gruppen, die etwas mit dem Protest gegen S 21 zu tun hatten, waren aufgelistet, selbst Aktionen wie das 'Parkgebet', das war unglaublich."

Reicherter zitierte mehrfach aus dem Dokument, was offenbar das Interesse der Staatsanwaltschaft weckte. Als diese in Fautspach anrückte, war er auf Konzertreise in England. Beim Frühstück bekam er einen Anruf von der Polizei: Er solle sagen, wo die Unterlagen sind, dann ginge es am schnellsten. Reicherter sagte nichts, hatte die Unterlagen auch gut genug versteckt. Zwei, drei Tage später kam er zurück, seine Wohnung war auf den Kopf gestellt. "Das Schlimme war, dass meine Mutter kurz davor verstorben war", erzählt er, "und durchwühlt waren auch ärztliche Unterlagen von ihr. Das hat mich am meisten getroffen." Juristische Konsequenzen hatte die Sache für Reicherter immerhin nicht.

Seinen aktivistischen Unruhestand lebt Reicherter nicht nur gegen S 21 aus. So half er etwa der AG AtomErbe Neckarwestheim, Einsicht in Akten des Umweltministeriums zu bekommen. Kürzlich schickte er wegen Zweifeln an der Sicherheit des AKW Neckarwestheim II einen Brief an die Grünen-Bundesvorsitzende – und Abgeordnete seines Wahlkreises – Ricarda Lang. Wird all das auf Dauer nicht anstrengend? "Echt viel" sei es schon, "aber ich habe unheimlich viele tolle Leute kennengelernt, es haben sich neue Freundschaften ergeben", sagt Reicherter. "Ich kann anderen helfen, und es kommt was zurück dafür – das ist einfach schön."

Es gibt noch viel Unheil abzuwenden

Und doch müssten einige Erfahrungen ambivalent sein. Stuttgart 21 wurde noch nicht gestoppt, und so groß etwa der Erfolg war, dass die neusten Akteneinsichten gewährt wurden, sie kamen zu spät, um politische oder strafrechtliche Wirkungen zu entfalten. Kommt er sich da nicht manchmal vor wie Sisyphos? "Nein, gar nicht", sagt Reicherter. Es gebe noch genügend kommendes Unheil abzuwehren. Etwa die geplanten Zusatzprojekte bei S 21 wie den Pfaffensteigtunnel. Die seien auch verheerend und würden "wieder mit den gleichen Lügen" begründet: dass man sie brauche, dass sie nicht so teuer würden – "das muss den Menschen klargemacht werden."

Und wenn auch hier am Ende kein Erfolg steht? "Dann kann ich zumindest sagen, ich hab' mein Bestes gegeben, um – das sehe ich aus der beruflichen Sicht – für die Wahrheit und Gerechtigkeit zu kämpfen", sagt der Ex-Richter. Und er sei weiterhin nicht überzeugt, dass das Projekt fertig werde.

Was sicher ist: Dass Dieter Reicherter auch weiterhin seiner Musik-Leidenschaft frönt, Platten kauft, auf Konzerte geht. Seine Hauptbeschäftigungen begegnen sich an einer Wand in seinem Haus: Zwischen Band- und Konzertpostern hängt eine Übersichtskarte zu den S-21-Planungen. Helfen ihm die Konzerte beim Abschalten? "Abschalten wäre falsch. Bei guten Konzerten kann ich sehr gut nachdenken und habe immer gute Ideen." Und bei besonders guten entsteht dann im Kopf ein ganzer Schriftsatz für ein juristisches Verfahren? "Ja, das ist wirklich so", sagt Reicherter und lacht.


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1 Kommentar verfügbar

  • Lowandorder
    vor 4 Tagen
    Antworten
    Moinmoin - Chapeau •

    Mit Schmunzeln & viel Kopfnicken gelesen.
    Ein spätberufener dennoch 68er - der den Mut & die Ausdauer hat - dranzubleiben!
    Die abgefuckte Welt der Politikaster & deren staatstragenden Hintersassen & Mietmäulern - ein wenig die angefaulte Maske der erlogenen…
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