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Heilbronn

Stadtumbau mit Dieter Schwarz

Heilbronn: Stadtumbau mit Dieter Schwarz
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Am Ende geht es um die Frage: Wem gehört die Stadt? Heilbronn plant, drei Sporthallen abzureißen und das Gelände an die Dieter-Schwarz-Stiftung zu verkaufen. Der Gemeinderat ist mehrheitlich dafür, eine Bürgerinitiative wehrt sich. Sie will wenigstens das Hallenbad Soleo retten.

Roland Muigg regt sich auf. "Das ist eine Sackgasse, hier fährt kein Bus. Das passt doch nicht." Der 56-Jährige steht vor dem Freibad an der Heilbronner Neckarhalde, zeigt auf den weißen Betonbau. Hier soll nach den bisherigen Plänen der Stadt das neue Hallenbad hin und so ein Kombibad entstehen. Denn das Innenstadtbad Soleo soll abgerissen werden. In dem Solebad erholen sich seit Anfang der 1970er-Jahren die Heilbronner:innen, Schulkinder lernen dort schwimmen. Nun soll es weg. Genauso wie die Eishalle und die Rollsporthalle. Alle drei liegen im sogenannten Hospitalgrün, einem grünen Streifen, der längs des Neckararms in die Innenstadt führt.

Umgeben von alten Bäumen und langen Spazierwegen ist das Hospitalgrün eine von nicht allzu vielen Grünflächen in der Innenstadt, die nach dem Zweiten Weltkrieg vorrangig mit eher gesichtslosen Häusern mit glatten Fassaden gestaltet wurde. Erst wurde die Innenstadt bombardiert, "und die Stadt entschied sich dann nicht für Wiederaufbau alter Substanz", sagt Muigg. Der schlanke, grauhaarige Mann stockt kurz, fährt fort. "In Heilbronn wird gerne abgerissen." Er ist unruhig an diesem Mittag, muss nochmal nach Hause, bevor er zum Infostand seiner Bürgerinitiative "Soleo retten" will. Die hat bei der Langen Nacht der Demokratie auf dem Rathausplatz einen Stand, um Unterschriften zu sammeln. Für einen Bürgerentscheid, um den Beschluss des Gemeinderats zu kippen.

Mit breiter Mehrheit hat der am 27. Juli der Vorlage der Stadtverwaltung zugestimmt, das Gelände von Soleo, Rollsport- sowie Eishalle zu verkaufen und die Hallen an anderer Stelle neu zu bauen. Als Begründung wird herangezogen, es sei gut für die Stadt, wenn der Dieter-Schwarz-Campus hier Platz für Erweiterung bekommt, so würde er mehr in die Innenstadt hineinwachsen und nicht weiter hinaus. Außerdem müssten alle drei Hallen früher oder später teuer saniert werden. Der Grundsatzbeschluss sieht vor, alle drei Bauvorhaben bis 2031 umzusetzen. Insgesamt geht die Stadtverwaltung von Kosten in Höhe von etwa 158 Millionen Euro aus. Was die Schwarz-Stiftung bezahlt, sagt Heilbronns Oberbürgermeister Harry Mergel (SPD) nicht: "Das machen wir nie." Auch die Schwarz-Stiftung hüllt sich da in Schweigen, erklärt, dass die Stadt auf sie zugekommen sei und dass die Campus-Institute stetig wachsen. Allerdings schreibt sie auf Kontext-Anfrage auch: "Konkrete Ausgestaltungs- oder Gebäudenutzungsplanungen für das Areal liegen zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht vor."

Kein selbstloser Mäzen

Der Lidl-Gründer Dieter Schwarz, 87 Jahre alt, ist Heilbronner und laut dem "Managermagazin" mit einem geschätzten Vermögen von 53,7 Milliarden Euro (ein Plus von 7,2 im Vergleich zum Vorjahr) der zweitreichste Mann Deutschlands. Neben Einzelhandel (außer Lidl gehört auch Kaufland zur Schwarz-Gruppe) ist Schwarz mittlerweile bekannt für die IT- und Digitalsparte Schwarz-Digits. Für den OB ist Schwarz ein Mann, der seiner Heimatstadt etwas Gutes tun will und gleichzeitig eigene Interessen verfolgt, nämlich gut qualifiziertes Personal auszubilden. Entsprechend gibt es auf dem Campus auch keine Geisteswissenschaften, die sich Mergel durchaus wünschen würde, wie er sagt.

Auf dem Stiftungscampus residieren neben expliziten Schwarz-Einrichtungen unter anderem ein Max-Planck- und ein Steinbeis-Institut, eine Niederlassung der Technischen Uni München, die Duale Hochschule Baden-Württemberg (DHBW), die Heilbronner Hochschule sowie Labore, eine Kita, das ein oder andere Restaurant, eine Mensa. Das Gelände ist groß, blitzblank, die Gebäude sind hell, gepflegt, es sind viele Putzleute zu sehen, im Außenbereich gibt es Bäume, Bänke und viele Kameras. Im Gebäude der DHBW sitzen drei junge Studenten auf Sofas und Sesseln, wischen durch ihre Handys. Einer ist von Audi, einer von Kärcher, einer von Schwarz, wie er sagt, bevor er noch "IT" ergänzt, aufsteht und schnell geht. Die beiden anderen berichten, dass sie jeden Tag pendeln, "pro Weg eine Stunde". Das würden hier viele machen. Gehen sie abends manchmal noch in die Stadt? Beide schütteln den Kopf. "Fast nie", sagt der eine. "Was soll man da?", fragt der andere.

Eben das will OB Mergel ändern mit dem Verkauf der Sporthallengelände an die Dieter-Schwarz-Stiftung. "Der Campus soll näher an die Innenstadt wachsen." Das würde sie beleben. Ob es erst diese städteplanerische Idee gab oder erst die Ansage, dass das Soleo spätestens 2035 ganz kaputt ist und eine grundständige Sanierung extrem teuer würde, bleibt unklar. "Seit über einem Jahr diskutieren wir darüber", sagt Mergel, will betonen, dass hier nichts Geheimes im Rathaus ausgekaspert worden ist. Vor einem Jahr habe es die erste Bürgerinformationsveranstaltung dazu gegeben, am 22. Juli 2026 die zweite. Fünf Tage danach beschloss der Gemeinderat grundsätzlich den Verkauf der Grundstücke an die Dieter-Schwarz-Stiftung und den Neubau der Sporthallen an anderen Orten. "Immer in öffentlicher Sitzung", betont Mergel. Die Ausschusssitzungen zum Thema, also da, wo fachlich diskutiert wird, seien allerdings nicht öffentlich gewesen.

Die Stadt verändert sich rasant

Auf dem Weg zum Soleo geht es am Wollhauszentrum vorbei, ein Brutalismus-Bau aus den 70ern, der ziemlich heruntergekommen wirkt. "Da stand früher mal das alte Stadtbad, das 1972 abgerissen wurde", weiß Muigg. "Als Kind fand ich das Wollhaus toll, weil es so modern war." Heute stehe viel leer. Zuletzt berichtete die "Heilbronner Stimme", dass der aktuelle Eigentümer das Gebäude abreißen wolle. Entschieden ist das noch nicht. An der Allee Richtung Zentrum fällt gerade das alte Kinocenter Universum den Abrissbaggern zum Opfer, hier baut die Sparkasse neu.

Schließlich erscheint das Soleo, ein leicht erhöht liegender Flachdachbau mit Café, dicht am Neckar gelegen. Auf der breiten Treppe davor sitzen zwei Jugendliche, essen ihr Supermarkt-Sushi, vor ihnen sorgen im Sommer mehrere große Sonnensegel für Schatten. "Dann gibt es hier auch Wasserspiele, die lieben die Kinder", sagt Muigg. Er zeigt nach vorne, nach hinten, nach rechts, regt sich schon wieder auf. "Die Segel kommen dann auch weg, wenn das Gelände verkauft wird. Vier große Häuser sollen hier hin, sieben- bis 14-stöckig. Das wird massiv."

Nördlich erhebt sich so hoch wie die Bäume ein lang gestrecktes schmales Gebäude, das mit Holz verkleidet ist: Das Parkhaus Am Bollwerksturm, eröffnet 1999 und mit mehreren Architekturpreisen ausgezeichnet, soll ebenfalls der Campuserweiterung weichen.

Westlich vom Soleo entlang des Flusses schließt sich die klobige Eishalle an, noch ein paar hundert Meter weiter die Rollsporthalle, die gut ein wenig Farbe brauchen könnte und sogar Landesleistungszentrum Rollsport ist. An diesem Nachmittag trainiert ein junges Mädchen, Mutter Nicole Benedikt hat gehört, dass die Halle abgerissen, das Gelände verkauft werden soll. Wie findet sie den Plan? "Bescheiden." Am neuen Standort sei die ÖPNV-Anbindung schlecht, für sie als Neckarsulmerin würde der Weg noch weiter. "Wenn tatsächlich neu gebaut wird, sollte die Halle wenigstens beheizbar sein." Dass die Bürgerinitiative Unterschriften gegen den Abriss des Soleo sammelt, versteht sie, "wegen des Schulschwimmens". Aber da die Dieter-Schwarz-Stiftung mit drin hänge – Benedikt zuckt mit den Schultern. "Geld regiert die Welt."

Intransparent ist in Heilbronn vieles

Eben das ist neben dem Erhalt des Soleo ein weiterer Punkt für die Bürgerinitiative. Es sei ja gut, dass Schwarz in die Stadt investiere und Heilbronn mittlerweile Hochschulstadt sei, sagt Roland Muigg. Aber wer weiß, wie viel einst städtischer Grund und Boden heute der Stiftung gehört? Öffentlich zugänglich sind derartige Daten nicht. Das hat die NGO "Frag den Staat" vor ein paar Jahren erfahren, als sie versuchte, mit mehreren Anfragen nach dem Informationsfreiheitsgesetz mehr über die Stiftung herauszubekommen. Fast alle wurde abgelehnt.

Auch eine Analyse des Wirtschaftsmagazins "Surplus" zu Lidl und dem Einfluss von Dieter Schwarz stößt an ihre Grenzen: "Die öffentlich sichtbaren Aktivitäten in Heilbronn werden vor allem durch eine weitere gemeinnützige Stiftung und vier gemeinnützige GmbHs mit dem irreführenden Namen "Dieter Schwarz Stiftung" finanziert, die keine Anteile an der Schwarz-Gruppe halten – und ebenfalls nicht offenlegen, wie viel Geld ihnen zur Verfügung steht und wofür sie es ausgeben."

Ronald Muigg von der BI fragt auch: "Wem gehört die Stadt?" Wenn die Stadt an die Stiftung Grund und Boden verkauft, wird öffentlicher Grund zu Privatbesitz. "Wer weiß denn, was passiert, wenn Dieter Schwarz mal stirbt", fragt er. Und: "Was will die Stadt verkaufen, wenn die Sporthallen in 30, 40 Jahren dann wieder sanierungsbedürftig sind?"

Der Fraktionsvorsitzende der Grünen Volker Kimmerle weiß um das Problem. "Vielen erscheint der Einfluss von Dieter Schwarz zu groß." In der Fraktion hätten sie das Thema Grundstücksverkauf, Abriss und Neubau intensiv diskutiert. "Aber künftig wird der CO₂-Fußabdruck der drei Hallen kleiner sein", ist er überzeugt. Weil besser gebaut werde. Ja, im Prinzip seien die Grünen auch nicht dafür, dass die Stadt ihren Grund verkauft. Aber in diesem Fall, "habe ich kein Problem damit, weil es für eine Universität passiert". Wie auch der OB betont Kimmerle, dass die Stadt über Verträge Wegerechte und öffentliche Zugänge auf dem zusätzlichen Campusgelände absichere. Dass die Bürgerinitiative nun Unterschriften sammelt, um den Gemeinderatsbeschluss zu kippen, sei für die Grünen hart. "Da sind auch Leute aus unseren Reihen dabei." Vielleicht hätte man mehr mit der Bevölkerung diskutieren müssen, räumt der Sonderpädagoge ein.

Auf dem Marktplatz ist die Lange Nacht der Demokratie mittlerweile gut besucht. Auf der Bühne spielt eine Inklusionsband Rock, am Stand vom Jugendgemeinderat steht Abdurahman Alptekin. Der 15-Jährige ist seit einem halben Jahr im Gremium, macht auf der Gemeinschaftsschule seinen Realschulabschluss und kümmert sich an diesem Nachmittag darum, dass Jugendliche auf Zettel schreiben, was ihnen in der Stadt fehlt. Dass das Soleo abgerissen werden soll, findet er persönlich nicht gut, da gingen doch viele Jugendliche hin. "Und wenn das dann zu Schwarz gehört, ist das Gelände ja privat", kritisiert er. Ob der Jugendgemeinderat um eine Stellungnahme zu dem Thema gebeten wurde, weiß er nicht genau. "Seit ich dabei bin, nicht."

Am Stand der Bürgerinitiative sammelt eine Handvoll Älterer weiter Unterschriften. "Läuft ganz gut", sagt Helmut Stockmar. Bis zum 24. Oktober will die Initiative mindestens 6.000 Unterschriften gesammelt haben, am 27. Oktober müssen die Listen im Rathaus abgegeben werden. Wenn's reicht, müsste die Stadt einen Bürgerentscheid ansetzen mit dem Ziel, den Beschluss des Gemeinderates, das Gelände zu verkaufen, zu kippen und das Soleo zu erhalten.

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Ausgabe 809 / Um den Verstand genormt / Armin / vor 4 Tagen 10 Stunden
Klasse Artikel!

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