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Hinter der Postkarte

Nix mehr mit Heilbronx

Hinter der Postkarte: Nix mehr mit Heilbronx
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 Fotos: Joachim E. Röttgers 

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Ein unsichtbarer Milliardär, ein hypermoderner Campus, ein abgewracktes Viertel namens Hawaii und dann noch das Käthchen – alles Heilbronn. Ein idealer Auftakt für die Kontext-Städteserie "Hinter der Postkarte".

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Hawaii liegt in Heilbronn. Warum ausgerechnet die verratzte Wohnsiedlung mitten im Industriegebiet zwischen Bahngleisen und Weipertstraße so blumig heißt, weiß keiner so genau. Nicht der Stadtarchivar, nicht die Zeitung vor Ort, nicht Cihan Acar, der das Problemviertel zum Roman gemacht hat. Auch Christine Arndt, kurz "Kiki" gerufen, nicht. Sie ist 55 Jahre alt, lebt seit Jahrzehnten hier und regt sich tierisch auf, wenn sie an einen Artikel im "Stern" denkt, der den schlechten Ruf von Hawaii in die Welt geblasen hat. Drogendealer, Prostituierte, die bezahlt worden seien, um für reißerische Fotos zu posieren.  Das ist schon Jahre her, aber immer noch gut für Adrenalinschübe. "Kiki ist der Boss hier", sagt Marianne Maier, 84, adrette Frisur und grinst.

Die beiden Frauen sitzen auf dem sommerschlappen Grün vor dem Haus, die eine wohnt hier, die andere einen Block weiter. Im Hintergrund bröckelt die Fassade, gegenüber verkündet "Speed Repair", dass hier günstig an Autos geschraubt wird, und unterm Plastikstuhl versteckt sich Sammy, der kleine Hund aus Ungarn, der sich vor Männern mit schwarzem Outfit fürchtet. "Schlechte Erfahrungen", sagt "Kiki". Christine Arndt ist keine Traumtänzerin. Sie weiß, dass ihr Viertel nicht zu den Vorzeigeplätzen der Stadt gehört. Etwa 1.000 Menschen leben hier, 90 Prozent haben eine Zuwanderungsgeschichte. Das Hawaii ist das Heilbronner Ghetto. "Die Bullen trauten sich nicht hier rein", erzählt sie, "hier gab es Schießereien zwischen den Drogengangs und zwischendrin spielten die Kinder."

Und heute? Nicht gut, aber besser. Wo früher die Drogendealer hausten, steht seit fünf Jahren die Probebühne des Stadttheaters. Heute gibt es hier Nachbarschaftsfeste und die zwei Moscheen liefern dafür Gemüse und Fleisch. Hawaii ist ein schillernder Begriff in Heilbronn und nicht alle mögen ihn. "Ich steh' dazu", sagt Arndt, die sich im Familienzentrum Augärtle engagiert. "Ich hasse den Namen", sagt Marianne Maier, die ihre kleine Wohnung penibel sauber hält.  Wie auch immer man dazu steht: Das Hawaii ist eine Welt für sich. Eine Welt jenseits der Bundesgartenschau, jenseits des Campus der Dieter-Schwarz-Stiftung, die ihr Füllhorn in einem Maße über der Stadt ausschüttet, dass sie fast darunter ertrinkt. Geschätzte 500 Millionen, so die "Süddeutsche" von 2019, allein in den Bildungscampus gesteckt.

Dieter Schwarz steckt selbst im ärmsten Viertel

Auf einen Laternenpfahl vor der türkischen Kneipe, die Ellwanger Straße weiter runter, haben die Spaßvögel von "Die Partei" einen Kleber gepappt: "Ehre wem Ehre gebührt: Universitätsstadt Dieter-Schwarz-Stadt." Am reichsten Mann Heilbronns kommt keiner vorbei. Auch nicht im ärmsten Viertel der Stadt.

Denn Heilbronn ist seine Stadt. Der milliardenschwere Lidl-Gründer  hat der Käthchenmetropole den Campus beschert, hat die Außenstelle der TU München hierher geholt und damit Heilbronn zur jüngsten Universitätsstadt Deutschlands gemacht. Seitdem steht das auf jedem Schild am Eingang der 125.960-Seelen-Stadt. Schwarz hat die Experimenta gebaut, auf seinem Campus tummeln sich rund 7.000 StudentInnen. Jeder kennt seinen Namen, aber nur wenige wissen, wie er aussieht. Der 81-Jährige gibt keine Interviews, scheut die Öffentlichkeit, die Zeitung vor Ort, die Fotos von ihm hat, passt auf, dass sie nicht an die Öffentlichkeit gelangen. Deutschlands drittreichster Mann lebt mit dem Ruf, das Phantom von Heilbronn zu sein, ein Ruf, den ihm nur die Ermittlungspanne um den Polizstinnenmord auf der Theresienwiese kurzzeitig streitig machte. Damals sorgten verunreinigte Wattestäbchen für wilde Spekulationen um den NSU-Mord auf der Heilbronner Festwiese. Aber das ist eine andere Geschichte.

Im Reich des Patriarchen kursieren viele Erzählungen. Im "Beirut Falafel" am Campus wird eine gerne vorgetragen. Das internationale Paar Abdel (Libanon) und Audrone (Litauen) verkauft in dem grünen Haus nicht nur einen super veganen Döner, sondern hält auch die Augen offen.  Als die Fußgängerbrücke eingeweiht wurde, die den Campus der Dieter-Schwarz-Stiftung über die Bahngleise hinweg verbindet, hat Audrone nach einem betagten Herrn Ausschau gehalten, weil gemunkelt wurde, der edle Spender würde erscheinen. "Ich hab' ihn nicht gesehen", flüstert sie, "aber später haben sie gesagt, er sei mit dem Fahrrad dagewesen." Es heißt auch, er habe sich sehr aufgeregt, als im Württembergischen Kammerorchester nicht nur Musik, sondern auch ein Video abgespielt wurde, das nackte alte Menschen zeigte. Und dass ihm der Aldi, der seine Leuchtschrift frech in seinen Campus strahlen lässt, ein Dorn im Auge sei.

"Wenn schon tot, dann in Heilbronn"

Heilbronn, das war einmal schmerzhafte Langeweile. Auf die Frage, "Nennen Sie mir drei Gründe, warum Heilbronn liebenswert ist", antwortet mancher: "Geben Sie mir eine halbe Stunde Zeit". Die ehemaligen Kritiker sind milde geworden mit dem Alter und zunehmender Entfernung zu ihrer Heimatstadt. Der Hamburger Literaturhauschef Rainer Moritz etwa, der einst den schönen Begriff "stadtgewordener Scharping" prägte, ebenso wie der Frankfurter Ex-"Titanic"-Chef Oliver Maria Schmitt, der sich in seinen Kolumnen "Wenn schon tot, dann in Heilbronn" fast liebevoll seiner Heimatstadt widmet. Das findet sogar der OB gut, der heute Harry Mergel heißt, Sozialdemokrat ist und dem Satiriker Schmitt nicht nur Scharfzüngigkeit bescheinigt, sondern auch eine tiefe Liebesbeziehung zu seiner Heimatstadt.

Was ist hier los? Sind jetzt plötzlich alle verliebt in die Stadt, die einst verschrien war als "tapsige Provinzmetropole" (Schmitt), als "Bielefeld des Südens" (FAZ)? Alle betrunken vom Sog der sprudelnden Schwarz-Millionen?

Der Oberbürgermeister jedenfalls bekennt: "Ich bin schon stolz darauf, was hier gewachsen ist". Gut gelaunt empfängt Mergel in seinem Rathaus, seit 2014 sitzt der 65-Jährige hier, im Wahlkampf unterstützt vom reichsten Mann der Stadt, ob auch finanziell, verrät er nicht. In seiner Jugend hat Mergel das Gaffenberg Festival mitorganisiert und freut sich heute, dass Heilbronn wahrgenommen wird. Endlich. Zuletzt wegen der hohen Corona-Inzidenz, aber egal, die Maske kommt runter, man kann ja Abstand halten beim Reden. Und Mergel hat viel zu erzählen. Zum Beispiel über den Coup mit der Künstlichen Intelligenz, die nun auf dem Heilbronner Steinäcker wachsen darf. Unterstützt mit 50 Millionen Euro vom Land, ausgewählt zum Ärger von Tübingen und Karlsruhe, die sich weit vorne wähnten und jetzt feststellen müssen, dass in Heilbronn wahnsinnig viel Wissen herumschwirrt dank der Bildungsoffensive der Dieter-Schwarz-Stiftung.

Selbstverständlich weiß der Oberbürgermeister, wie sein Superdupermäzen aussieht. "Ganz sicher ist er nicht mit dem Fahrrad bei der Eröffnung der Campusbrücke gewesen", sagt er und lacht.  Alles Quatsch mit dem Phantom. Der Mann sei sogar samstags beim Einkaufen zu sehen. Und jetzt baut er sogar noch eine Internationale Schule, dort beim ehemaligen Buga-Gelände.  Noch mehr  Elite also? "Er hat versprochen, dass auch die Kinder des Stadtviertels dort zur Schule gehen können", sagt die Stadträtin und Landtagsabgeordnete Susanne Bay.  Die Grüne hat zum zweiten Mal das Direktmandat erkämpft, sehr zum Verdruss von Thomas Strobl. Der sitzt zwar so oft es geht bei den Heilbronner Feuerwehrfesten, doch für das Direktmandat in seiner Heimatstadt hat es nicht gereicht. Keine Häme bei Bay, allenfalls klammheimliche Freude.

Die Bundesgartenschau, das war "das emotionale Schlüsselerlebnis ", weiß Mergel. Mit Preisen wurden sie überschüttet vor zwei Jahren. Die Stadt am Fluss entstand in einer Form, um die sich andere seit Jahren bemühen.  Und auch im Hawaii sei alles bestens, versichert der Schultes, nix mehr mit Heilbronx,  es sie "doch okay, wenn die junge Szene das mit einem Augenzwinkern sagt". Christine Arndt fände eine ordentliche Sanierung der Häuser im Hawaii hilfreicher.

Früher kämpften hier Drogenbanden

In der Kneipe mit der zerschossenen Leuchtschrift "Ufo-Reisen" über dem Eingang hat keiner Lust auf Augenzwinkern. Hier in der Ellwangerstraße im Hawaii hat der türkische Sportverein einen Treff eingerichtet. Die einzige Frau hier, Karmen, steht am Tresen und schenkt Chai und Bier aus. An den Tischen sitzen alte Männer, die türkisch Rommé spielen und kaum die Worte finden, das Spiel auf deutsch zu erklären. Suat, Alt-Hawaiianer, Narben im Gesicht und auf der Seele, füttert den Spielautomaten. Zur Entspannung, nach der Arbeit. "Ich arbeite mal hier, mal da", sagt der 54-Jährige vage. Er ist hier aufgewachsen, erst Kindergarten, dann Dammschule über den Bahngleisen, später Berufsschule. Er kennt die wilde Zeit der Drogenkämpfe, doch weg will er nicht vom Hawaii. "Hier kennt jeder jeden", sagt er, "auf dem Dorf hast du nur Häuser, aber keine Menschen." Und klar, die Miete ist günstig.

Es ist eine Männerwelt hier, alle haben einen türkischen Migrationshintergrund. Der Ton ist rau, die Geschichten aus dem frühen  Hawaii sind schauerlich, der Freund wurde in die Mülltonne gesteckt, erstochen, das wird eingestreut wie Plätzchen. Aber so genau erinnern können und wollen sie sich auch nicht, sagen sie:  Suat grimmig, Halil, der freundliche Lastwagenfahrer,  lächelnd. Die Drogendealer seien verschwunden, im Knast, auf dem Friedhof oder in der Türkei.

Und ja, der Autor des Buches "Hawaii" war hier, Cihan Acar, "der hat viele Fotos gemacht", berichtet der Kneipenbesitzer  und Automatenaufsteller Yunus Odabas, der nur auf die Konzession wartet, um hier im Hawaii noch mehr Spielautomaten aufstellen zu können. Der Treffpunkt für Männer musste im Roman wohl eher herhalten als verblasste Erinnerung an das alte, das gefährliche Hawaii.

Davon erzählt auch Hanspeter Hagen gern. Der 77-Jährige hat sich mit seiner Kaffeerösterei am Rand des Problemviertels niedergelassen, samt Kaffeehaus und Kulturbühne, und sorgt mit seinem "Hagen" seit 1994  dafür, dass das Hawaii inzwischen gar mancherorts als schick gilt. Draußen hat ein Graffiti-Künstler die Wand verschönert mit der Botschaft, dass fair gehandelte Qualität ok ist und halt ihren Preis hat. "Billiger Kaffee macht arm", steht da, und der Hausherr posiert gerne davor, umweht vom Duft der gerösteten Bohnen. Der Alt-68er ist ein Pionier, aber, wie er betont, kein Hasardeur, sondern einer, der das Risiko kalkuliert.

Also hat er sich in der Heilbronner Bronx niedergelassen, und nach drei, vier Jahren war der Laden voll. Hagen baut auf fairen Kaffeehandel,  Qualität und seine regionalen Abnehmer, ein kleinerer der größeren Röster mit rund 40 Mitarbeitern. In seinem Kaffeehaus kann man nicht nur Kaffee und Tee kaufen, sondern auch diskutieren. Im September wird es  bei den Kaffeehausgesprächen um Rechtsextremismus und den Mord an Michèle Kiesewetter 2007 auf der Heilbronner Theresienwiese gehen.

Heute kommt der Mann, der sich ungern als Salonsozialist sieht, fast ins Schwärmen, wenn er von seiner Stadt spricht: "Ordentliche Landschaft, regionale Landwirtschaft". Und klar kennt er den Großen, den Dieter Schwarz, das Phantom, und ist sogar per Du mit ihm. Das Käthchenspektakel dagegen findet er "saublöd, das ist nicht volkstümlich, das ist volksdümmlich", da könnte er direkt in Rage geraten. 

Wenn er sauer ist, setzt er sich ans Klavier im Kaffeehaus und haut in die Tasten. Bis in die Tiefe des Hawaii, dort wo die Fassaden nicht aus Klinker sind und die Männer beim türkischen Rommé sitzen, dringen die Töne nicht vor. Zu weit weg.


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2 Kommentare verfügbar

  • Holger Westermann
    am 19.08.2021
    Antworten
    Nicht wegen, sondern trotz Herrn Mergel ist Heilbronn in den letzten beiden Jahrzehnten (so weit kann ich das beurteilen, denn so lange lebe ich in der Stadt) charmanter geworden: Universitätsstadt mit mehreren tausend zugezogenen Studenten (nicht wie vormals ausschließlich Zu-Hause-Wohnende, in der…
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