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Out of Altensteig

Perle ohne Bahnanschluss

Out of Altensteig: Perle ohne Bahnanschluss
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 Fotos: Jens Volle 

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Datum:

Altensteig liegt mitten im Schwarzwald. Der Bus fährt eher selten, traditionell wird CDU gewählt, die AfD ist stark und der Landkreis Calw Heimat der Pietisten. Hartes Pflaster. Aber wer sucht, findet selbst dort einen Linken. Eine Ortsbegehung vor der Landtagswahl, Postkartenpanorama inklusive.

Direkt an der Hauptstraße hat Hermann Unsöld seine Kunsthalle eingerichtet. Bis 1980 war in dem denkmalgeschützten Haus eine Schmiede, eine Wäscherei und Metallbau Bühler, einer der großen Player am Ort. Heute steht, wo einst die Pferde beschlagen wurden, ein Don Quijote aus Metall, der vorwitzig auf die Straße lugt. 10 000 Autos fahren jeden Tag an ihm vorbei, so viele, wie Altensteig Einwohner hat. Draußen unter seiner Terrasse fließt die Nagold vorbei, am Gebäude gegenüber steht der Dualismus des Seins von Paul Valéry - "Manchmal denke ich, manchmal bin ich" – nach dem dritten Bier fand auch der Nachbar, dass dieser Spruch sich gut machen würde an seiner Hauswand.

Hermann Unsöld ist ein zackiger, geschäftiger Mann, der viel zu erzählen hat. 37 Jahre lang war er Leiter des Tiefbauamts. Nach seiner Pensionierung wollte er eigentlich nach Köln umsiedeln und berühmt werden. Das habe sich aber sehr anstrengend angelassen, und so sei er in Altensteig geblieben. Seiner Stadt. "So klein und so groß, dass die ganze Welt sich hier abbildet." Man kennt sich, alles ist überschaubar, und doch muss keiner die Stadt verlassen, weil es einfach alles gibt. Schulen, Ärzte, Supermärkte, Klamottengeschäfte, einen türkischen Gemüsehändler, ein hübsches Café, eigene Wasser- und Gasversorgung, eigene IT-Versorgung, eigene Nahwärmeversorgung. "Um all das beneiden uns vergleichbare Städte."

Wenn man Unsöld nach Politik fragt, kommt er sofort auf Europa zu sprechen. "Angehen müssen wir gesamtheitlich eigentlich alles", sagt er. Er haut auf den Tisch, da liege das Problem, seine Hand kreist, und dann müsse man es lösen. "Wir verrennen uns in Detailfragen und verlieren uns gegenseitig aus den Augen, Klimaschutz – ein Riesenthema, Migration – ein Riesenthema. Erhalt der Arbeitsplätze, die sich ändern müssen – ein Riesenthema." Seine Partei ist die CDU, auch aus Pragmatismus in einem der schwärzesten Landkreise Baden-Württembergs. Hier wird CDU gewählt.

Auch zur Landtagswahl, denn wenn einer gesetzt ist fürs Direktmandat, dann Thomas Blenke, CDU-Abgeordneter für den Wahlkreis Calw seit 2001. 34,2 Prozent zur Landtagswahl 2016 gab’s für die CDU, 18,7 für die Grünen, 11,4 für die SPD. Blenke kann sich seiner Sache so sicher sein, dass kaum ein Plakat von ihm zwischen all den AfD-Plakaten hängt, die die Straßen im und um den Ort säumen. 2016 hat die AfD in Altensteig 21,9 Prozent geholt. Der Landkreis Calw ist bekannt für seinen Konservatismus. Zu bundesweiter Bekanntheit hat er es durch die rechten Umtriebe beim Kommando Spezialkräfte in Calw gebracht. Und als Wahlkreis von Saskia Esken, SPD-Bundesvorsitzende seit Ende 2019 und der Sozialdemokratie große Hoffnung.

Altensteig, sogenannte Portalgemeinde zum Naturpark Nordschwarzwald, besteht aus zehn kleinen Stadtteilen, zusammengelegt in den Siebzigern, und jeder Stadtteil, so sagt es Manfred Keller, hat etwas mitgebracht. Die einen die Forellen, die man aus dem glasklaren Wasser des Zinsbachs angeln kann, der andere die Mühle, die Erzgrube, Radwege, tolle Luft, Töpferkurse, Sportangebote ohne Ende, der örtliche Reitlehrer ist gerade sogar neuer Bundestrainer der Ponyvielseitigkeitsreiter geworden. Wer Keller zuhört, möchte sofort hier Urlaub machen.

Keller hat Schriftsetzer gelernt, dann irgendwann bei Boysen gearbeitet, einem der größten industriellen Arbeitgeber im Landkreis mit einem futuristischen Hauptsitz am Eingang der Stadt, der aussieht wie ein Ufo. Da machen sie Abgassysteme, weltweit, 2,4 Milliarden Euro Umsatz im Pandemiejahr 2020, das sei "Bestmarke" verzeichnet der Boysen-Chef auf der Homepage der Firma, die mit ihrer Gewerbesteuer zu einem großen Teil die Stadt finanziert, in der Manfred Keller so gerne lebt.

Keller ist Täle-Schultes, ein Titel, den man nur mit dem Ableben loswird, weil der Schultes das Altensteiger Weihnachtsfackeln organisiert, entstanden vor 3.000 Jahre aus Sonnwendfeuern der Kelten. Doch im Herzen ist er Gewerkschafter, ein alter SPDler, mittlerweile eher ein Linker, sagt er. Es gebe eine Riesenmacht der Arbeiterbewegung, aber was mache die SPD draus? Nix! Sei ein Trauerspiel. Kein Wunder, sei die AfD so stark. „Ein Unding, wieviel Prozent die hier kriegen", sagt Keller. "Aber eine gesunde Demokratie muss irgendwie mit denen zurechtkommen."

Er steht auf dem Aussichtsplatz, kuckt übers Tal auf den Hang, an dem die Altensteiger Altstadt hinaufsteigt. Rokoko, original und so hübsch, dass die Lufthansa mal mit genau dieser Ansicht auf Plakaten im Ausland geworben hat. Irgendwann vor Jahren wollte der Touristikkonzern Tui in den alten Häuser, die keine Gärten haben und nur wenige Parkplätze, ein Dorf-Hotel am lebenden Objekt einrichten. "War eine Luftnummer", sagt Keller, und winkt ab.

Das Bäck-Schwarz steht mittendrin in dem, was da Touristenhochburg hätte werden sollen. Seit Jahrzehnten ist Christa Brakopp hier Wirtin, eine etwas schüchterne Frau, 52 Jahre alt, und jetzt, in der Pandemie, vollständig lahmgelegt. Manchmal bestelle einer einen Flammkuchen, das wars. "Wie soll man denn davon leben?" Immerhin hat der Verpächter ihr die Miete erlassen und die Hilfen kommen an. Ein paar Tausend Euro musste sie schon zurückzahlen. Sie begreift sich nicht als politische Frau, das will sie, sagt sie, anderen überlassen. Aber eines treibt sie um: "Dass es für die Rente reicht, was die Politik versichert hat." Wer wusste denn zu Beginn, dass er die Corona-Hilfen zurückzahlen muss? Brakopp zuckt hilflos mit den Schultern.

An der Wand hängt ein Foto von Udo Lindenberg, der war 2009 mal hier, weil er in der Nähe eine Ausstellung hatte. Nett sei er gewesen. Und klein! Tom Buhrow hat sich auch in ihrem Gästebuch verewigt und Carl Herzog von Württemberg, "Und da, kucken Sie, der Fuchtel steht auch drin."

Hans-Joachim Fuchtel ist Bundestagsabgeordneter des Wahlkreises Calw für die CDU. Er war mal Griechenland-Beauftragter von Angela Merkel. 2013 kam es in Thessaloniki zu Ausschreitungen, nachdem Fuchtel gesagt hatte, dass 1.000 deutsche Arbeitnehmer die Arbeit von 3.000 faulen Griechen leisten würden. Fuchtel hat auch die Marburger Erklärung unterschrieben, "Für Freiheit und Selbstbestimmung – gegen totalitäre Bestrebungen der Lesben- und Schwulenverbände". Das war 2009. Ein paar Jahre später wurde der Kreis Calw bekannt, weil ein Lehrer aus Nagold, zehn Kilometer Luftlinie von Altensteig, eine Petition gegen sexuelle Vielfalt an Schulen gestartet hatte. Der Kreis Calw ist Hochburg evangelikaler Christen, und auch in Altensteig gibt es Charismatiker, die glauben, die Welt sei in sieben Tagen entstanden. Aber mit Kritik halten sie sich hier zurück. Auch mit Kritik an der AfD. Weil man jeden irgendwie kennt und der AfD-Wähler oder der Evangelikale auch Nachbar ist, Vereinskollege, Kunde oder womöglich zuständig für was, was man nochmal brauchen kann.

Die Sache mit der Petition war 2015. Damals hat Klaus-Peter Lüdke, evangelischer Pfarrer in Altensteig, versucht, mit jedem zu sprechen, der da seine Unterschrift drunter gesetzt hatte. Weil der Blick so viel differenzierter würde, wenn man echte Menschen vor Augen hat. Lüdke und seine Familie wissen, wovon sie sprechen. Eines ihrer Kinder wurde im Körper eines Mädchens geboren und ist doch ein Junge. James heißt Lüdkes Sohn heute. Das war Thema im Ort. Ausgerechnet in der Pfarrersfamilie! Ausgerechnet hier im Mutterland der Pietisten.

Auch böse Briefe gab es anfangs. Aber die Familie hat weitergemacht, weiter aufgeklärt. "Das Gute an einer Kleinstadt ist, dass man sich nicht aus dem Weg gehen kann", sagt Lüdke. Im Guten und Schlechten. Das wünscht er sich auch von der Politik. "Das Menschen gewählt werden, die zuhören können. Und die sich Zeit nehmen, etwas gemeinsam mit Bürgern zu entwickeln. Top Down, das geht nicht mehr. Und das gilt für jede Partei."

Lüdke preist die Vielfalt der Stadt, deren Modernität, das schnelle Internet, um das sie umliegende Gemeinden beneiden würden. Und dann der Kantorei-Chor, international unterwegs, der die Johannespassion auswendig singt und dazu auch noch tanzt! "Das ist Weltniveau", sagt Lüdke begeistert. Aber er weiß auch, dass viele Junge von hier wegziehen. Vor allem wegen der üblen Nahverkehrsanbindung. Der Bus von Herrenberg nach Altensteig am Abend oder gar nachts? Da fährt nichts mehr. Einmal habe es sogar ein Theaterstück gegeben, in dem die S-Bahn einfach endete. "Unterbewusste Träume der Altensteiger haben auf jeden Fall mit dem ÖPNV zu tun", sagt der Pfarrer.

Ursula Utters hätte deshalb gerne einen Bus, der alle Stunde durch den Ort fährt. Von unten nach oben und zurück. Utters, die Fraktionsvorsitzende der SPD im Gemeinderat, steht in der Altstadt unterhalb des evangelischen Gemeindehauses. In einem Fenster gegenüber hängt ein Kinderbild mit Regenbogen: "Alles wird gut" hat einer draufgeschrieben. Sehr optimistisch für die gebeutelten Altensteiger Einzelhändler. Zwei Jahre lang hätten die, sagt Utters, wegen der Sanierung des Marktplatzes schon mit gesperrten Straßen zu kämpfen gehabt, und kaum war der Platz fertig, kam Corona. Utters steht kurz darauf oben am Schloss. Ein kleines Museum gibt es, der Weihnachtsmarkt findet hier statt. Das kleine Amphitheater hinter dem Schloss wurde im Sommer 2019 fertig. "Dann gab es zwei Aufführungen und dann kam der erste Lockdown". Utters seufzt.

Birgit Heintel ist eine, die zurückgekommen ist. Sie ist Schauspielerin, arbeitet am "Regionentheater aus dem schwarzen Wald" in Simmersfeld nebenan und lebt in Altensteig. Früher gab es dort mal ein kleines Kellertheater unter dem Dach der katholischen Kirche, das "Theater im Hades" wurde aber wegen fehlendem Brandschutz vor ein paar Jahren geschlossen. Jetzt spielen Heintel und ihre Truppe in der Gemeindehalle, im Bürgersaal, auch mal im alten Wasserwerk und wenn die Pandemie vorbei ist wieder im Amphitheater am Schloss. "Im Moment ist Totalkatastrophe", sagt sie. "Sehr bitter." Und dennoch möchte sie nicht meckern, weil es so viele Menschen gibt, denen es schlechter geht als ihr.

In Altensteig ist sie aufgewachsen, dann Schauspielschule in Berlin, dann wieder Altensteig. Sie sei eben ein "Scharzwaldkind", sie liebe das Weite, "dass ich raus kann und Wald, Berg und Tal um mich herum habe." Altensteig sei sehr kulturell geprägt, eine Musikstadt, aktuell verstrickt in einen kleinen Skandal, weil die Stadtverwaltung dem langjährigen Musikschulleiter gekündigt hat und keiner genau weiß, warum. Das sei "ungut", sagt Heintel. Generell würde sie sich von der Politik mehr Transparenz wünschen, ab von den großen Themen wie Klimawandel und Umweltschutz, die über allem stehen müssten. Aber Transparenz, die sei vor allem auch im Kleinen wichtig. Auch würde sie gerne wissen, woher die vielen Infektionen kommen, die den Landkreis Calw über lange Zeit zum Hotspot auf der Corona-Karte machten. Derzeit steht sogar das Kreisklinikum in Calw unter Quarantäne.

Birgit Heintel hat eine Stele vor dem Rathaus aufgestellt, um die Corona-Toten zu ehren, die bis vor kurzem noch so weit weg und nur Zahlen waren. Mittlerweile kommen die Einschläge näher. "Man verdrängt das", sagt sie. "Wir diskutieren um alles mögliche, aber wir sprechen nicht über die Toten." Anfangs standen unter der Stele nur drei Kerzen für die Menschen, die Birgit Heintel persönlich kannte. Mittelweile sind es 16, die jeden Abend brennen. Eine Flamme für jeden Corona-Toten dieser Stadt.


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1 Kommentar verfügbar

  • Veit Haug
    vor 1 Woche
    Antworten
    Schöner Artikel! Aber der wirtschaftlich und gesellschaftlich weltweit einflussreichste Altensteiger fehlt in dem Artikel: Hartmut Esslinger, dem wir das noch heute tragende Apple Designlinie verdanken und der seinem Freund Steve Jobs damals das Iphone vorgeschlagen und entworfen hat. Nebenbei auch…
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