Festredner Oettinger: "Man kann ein Erbe nur ganz annehmen." Fotos: Joachim E. Röttgers

Festredner Oettinger: "Man kann ein Erbe nur ganz annehmen." Fotos: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 432
Gesellschaft

200 Jahre Pietismus

Von Rainer Lang
Datum: 10.07.2019
Wenn Korntal feiert, kann dies nicht unbeschwert sein. Seit der Missbrauchsskandal in den Kinderheimen der Evangelischen Brüdergemeinde vor fünf Jahren publik geworden ist, haben nicht nur fromme Christen keine Ruhe mehr. Auch die weltliche Gemeinde ist betroffen.

"Das heilige Korntal", wie die Hochburg des schwäbischen Pietismus gerne genannt wird, ist gewissermaßen zum Synonym für Trauma, Leiden und Prügel geworden. Denn der Name des Orts ist in gewisser Weise kontaminiert durch den sexuellen Missbrauch an Kindern. Vor diesem Hintergrund eine 200-Jahr-Feier auszurichten, ist sicherlich nicht einfach (Kontext berichtete).

Der Sonderstatus Korntals bei der Gründung als bürgerlich-religiöse Gemeinde wirkt bis heute fort. Im Herzen des Orts liegt der Saalplatz mit den Einrichtungen der Brüdergemeinde. Eher versteckt liegt dagegen die Stadthalle. Dorthin hatte die Gemeinde zum Auftakt eines Festwochenendes am Freitagabend die Bürger geladen. Mehrere Hundert waren der Einladung gefolgt, schließlich war als Festredner der EU-Kommissar für Haushalt und Personal angekündigt. Günther Oettinger ist im benachbarten Ditzingen aufgewachsen.

Der CDU-Politiker erzählte, dass er "auf dem Bolzplatz gekickt" hat und mehr als acht Jahre bis zum Abitur das Gymnasium Korntal besuchte. Wenn es zum Gottesdienst ging, mussten sich die Schüler der Größe nach aufstellen. "Ich war der Kleinste", erzählte Oettinger, der evangelisch ist, schmunzelnd. Und er bemerkte mit einem Augenzwinkern, dass die jungen Leute auch Wege fanden, die strengen Moralvorschriften aufzuweichen. So sei es "nicht immer nur heilig, sondern manchmal auch etwas scheinheilig zugegangen", erzählte der CDU-Politiker.

Besonderer Pietismus, besondere Verantwortung?

Oettinger, der mit einem flammenden Appell für die europäische Idee und die Partnerschaft mit Afrika warb, nannte die "Korntaler eine Ausnahme unserer Geschichte über Jahrhunderte hinweg". Ihn habe "das Ethos und die Bescheidenheit der Bürgerschaft immer beeindruckt". Korntal sei eine besondere Stadt, in der der Pietismus als besondere Ausprägung des evangelischen Christentums und als besonderes Bekenntnis zum christlichen Glauben auch heute noch zu Hause sei.

"Korntal ist und bleibt eine Vision", betonte Oettinger und verwies auf die vielen guten Eigenschaften des Christentums, das Hoffnung und Zusammenhalt biete. Und es seien Segen sowie Verantwortung damit verbunden, wenn ein Ort auf Christentum und Pietismus aufbaue wie kein zweiter. Doch bei allem Glück, das ein solches Fundament mit sich bringe, seien auch Christen nicht unfehlbar, wie die Kreuzzüge gezeigt hätten. Dies gelte auch für den Pietismus. Deshalb gehöre es für die Brüdergemeinde zu ihrem christlichen Bekenntnis dazu, "die Verletzung von Menschenwürde und Kindeswohl" einzugestehen. "Man kann ein Erbe nur ganz annehmen", fügte er hinzu.

Dieses Erbe ist 200 Jahre alt. In einer Zeit des Umbruchs und der Not ist Korntal entstanden. Der führende schwäbische Pietist Johann Albrecht Bengel hatte schon 1740 in seiner Schrift "Erklärte Offenbarung Johannis" die Wiederkunft Christi für das Jahr 1836 vorhergesagt. Verunsichert waren die frommen Christen nicht nur durch die Aufklärung. Die napoleonischen Kriege brachten viel Leid und hinterließen Tausende Witwen und Waisen. Und nach dem Ausbruch des Vulkans Tambora in Indonesien verdunkelte eine Aschewolke auch den Himmel über Europa, wo 1816 das "Jahr ohne Sonne" Missernten und eine schlimme Hungersnot mit sich brachte.

Tausende fromme Christen suchten in dieser Zeit ihr Heil in der Auswanderung nach Russland und Amerika. In dieser Situation erwirkte der kaiserliche Notar Gottlieb Wilhelm Hoffmann ein königliches Privileg zur Gründung eines "Bergungsorts" für fromme Christen. Mehrere solcher bürgerlich-religiösen Gemeinden sollten entstehen. Doch nach Korntal im Jahr 1819 entstand nur noch Wilhelmsdorf bei Ravensburg 1824. Seit 1975 ist Korntal Teilort der im Strohgäu gelegenen Doppelkommune Korntal-Münchingen mit knapp 20 000 Einwohnern.

So entstand die "Privilegierte Brüdergemeinde Korntal". Hier wurden immer strenge Moralvorschriften angelegt. Die kirchlich konservativen Pietisten haben auch heute einen Sonderstatus in der Kirche. Als freie evangelische Gemeinde gehören sie zur Württembergischen Evangelischen Landeskirche. Doch diese Konstellation hat immer wieder zu Konflikten geführt. So hatte ihr Wortführer Rolf Scheffbuch in den 1990er Jahren wiederholt mit dem Austritt aus der Landeskirche gedroht.

Unter dem kirchlichen Dach war nach Ansicht der moralisch strengen Pietisten zu viel Liberalität eingezogen. Das machten sie am Umgang mit der Homosexualität und dem viel zu freizügigen evangelischen Kirchentag fest, dem sie mit einer glaubensfesten Gegenveranstaltung Konkurrenz machten. Beklagt wurde der Verfall der Moral.

Missbrauchsopfer beim Festakt namentlich begrüßt

Umso größer war das Entsetzen, als der Missbrauchsskandal in den Kinderheimen in Korntal sowie in Wilhelmsdorf bekannt wurde. Lange war dies hinter einer Mauer des Schweigens verborgen worden. Detlev Zander, ein ehemaliges Heimkind, machte 2014 Missbrauchsfälle öffentlich, was die Brüdergemeinde bis ins Mark traf. Nach zwei gescheiterten Anläufen zur Aufklärung gab es schließlich 2018 einen umfassenden Bericht. Heimopfer erhielten Anerkennungsleistungen von bis zu 5000 Euro.

Beim Festakt in der Stadthalle Korntal begrüßte Bürgermeister Joachim Wolf ausdrücklich auch Detlev Zander. Dieser habe "eines der dunkelsten Kapitel aufgedeckt". Wolf sprach von "tiefer Betroffenheit". Dieses öffentliche Bekenntnis wurde auch von den Besuchern positiv bewertet. Verwundert zeigte sich allerdings mancher, dass kein hoher Repräsentant der Württembergischen Evangelischen Landeskirche den Weg nach Korntal gefunden hatte. Und Zander merkte nach dem Festakt an, dass die Brüdergemeinde bei der Veranstaltung insgesamt glimpflich davongekommen sei. Tatsächlich waren die Anmerkungen eher allgemeiner Natur, sie gingen nicht auf die konkreten Vorfälle ein.

Auf Bitten Zanders hatte sich Oettinger mit diesem vor dem Festakt im Rathaus getroffen. Der CDU-Politiker wolle die weitere Aufklärung sowie die Prävention unterstützen und sowohl die Evangelische Kirche in Deutschland als auch die Württembergische Landeskirche darauf ansprechen, so Zander. Denn die Brüdergemeinde allein sei mit der Aufarbeitung überfordert, habe der EU-Kommissar im Gespräch mit ihm geäußert.

Oettinger habe sich erschrocken gezeigt über "das Ausmaß des Missbrauchs unter dem Deckmantel des Christentums", fügte Zander hinzu, der das ganze Festwochenende in Korntal verbrachte. Ein Filmteam begleitete ihn, um eine Dokumentation über sein Leben zu erstellen. Zander ist zur Galionsfigur der Heimopfer geworden. Die Begegnung mit Oettinger bewertete er als "großen politischen Erfolg" für sein Bestreben nach weiterer Aufarbeitung. Schließlich hätten sich nach dem Aufklärungsbericht weitere Opfer gemeldet, betonte er.

Gruppe ehemaliger Heimkinder will ein Symbol der Erinnerung

Zanders Einzelaktionen sind anderen ehemaligen Heimkindern aus Korntal ein Dorn im Auge. So trat die Selbsthilfegruppe Heimkinder Korntal am Festwochenende mit einem ökumenischen Gottesdienst und dem Diakonie-Jahresfest der Brüdergemeinde getrennt von Zander auf. Angelika Bandle, Sprecherin der Gruppe, berichtete von vielen persönlichen Gesprächen mit Korntaler Bürgern, bei denen es sehr stark um das Thema der schleppenden Aufklärung ging. Beobachter haben der Brüdergemeinde immer wieder Verzögerung und Verschleppung bei der Aufarbeitung vorgeworfen. Auch die Verharmlosung der Vorgänge in den Kinderheimen ist ein Vorwurf, den die Selbsthilfegruppe in den Gesprächen bestätigt fand.

Die Gruppe fordert von der Brüdergemeinde 500 Euro monatlich Aufschlag zur Rente wegen entgangener Bildungschancen. Dies ist den ehemaligen Heimkindern ein besonderes Anliegen. Nicht nur durch den Missbrauch, auch durch die ständigen Prügel im Unterricht und durch Medikamente zum Ruhigstellen seien ihnen die Möglichkeiten zur besseren Bildung verbaut worden. Mit Experten gibt es dazu am 3. November im LKA Longhorn in Stuttgart-Wangen eine Diskussions-Veranstaltung von 16 bis 19 Uhr.

Im Blick auf weitergehende Forderungen verwies der Pressesprecher der Brüdergemeinde, Gerd Sander, auf bestehende Vereinbarungen. Dies sei der Rahmen, an den sich die Brüdergemeinde halte. Sander sicherte der Selbsthilfegruppe jedoch die Beteiligung an der Ausarbeitung eines Symbols der Erinnerung zu, das auch den ehemaligen Heimkindern ein großes Anliegen ist. Der Missbrauch gehöre zur Geschichte der Brüdergemeinde, sagte Sander, und verwies darauf, dass dies auch in der Ausstellung zur Geschichte der pietistischen Brüdergemeinde dokumentiert sei.

Missbrauchsskandal in Korntal

Ein Kontextartikel verschaffte den Missbrauchsvorwürfen ehemaliger Heimkinder Gehör. Doch die Evangelische Brüdergemeinde tut sich schwer mit der Aufarbeitung.

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2 Kommentare verfügbar

  • Ulrich Hartmann
    am 11.07.2019
    "Als freie evangelische Gemeinde gehören sie zur Württembergischen Evangelischen Landeskirche." Dieser Satz enthält einen Widerspruch. Als freie evangelische Gemeinde gehört die Korntaler Brüdergemeinde eben nicht zur Landeskirche. Sie ist selbständig, auch wenn ihre Mitglieder zugleich als Mitglieder der Landeskirche gezählt werden. Es gibt seit 1959 auch eine landeskirchliche Gemeinde in Korntal, mit eigener Kirche.
    Die Selbständigkeit der Gemeinden in Korntal und Wilhelmsdorf ist aber innerhalb des Pietismus eine Ausnahme. Der erwähnte Rolf Scheffbuch, zuletzt Prälat in Ulm, galt zwar einst als Wortführer der Pietisten in Württemberg, aber war nie Leiter oder Sprecher der Korntaler Brüdergemeinde.
  • Ludwig Pätzold
    am 10.07.2019
    Leider wird in dem Artikel nicht erwähnt, dass seit einem Jahr eine Dokumentation der Aufklärung vorliegt. Zu finden auf aufklaerung-korntal.de . Kontext hat damals darüber berichtet. Zander hat 20.000 € als Anerkennungsleistung von der Brüdergemeinde erhalten.
    In der Dokumentation werden schwere Misstände geschildert. So hat der Aktenaufklärer Prof. Hafeneger aus Protokollen des Vorstandes zitiert, in denen es um den Verdacht des sexuellne Missbrauchs durch den Hausmeister ging. Der Vorstand hat sich um die Arbeitskraft des Hausmeisters gesorgt. Mit ihm wurde gesprochen, mit den Kindern nicht. Als Jahre später ein Kind sich beim Heimleiter über sexuelle Übergriffe des Hausmeisters beschwerte, hat dieser das Kind mit einem Rohrstock auf den nackten Hintern geprügelt und die Gruppenleiterin hat das Kind noch einmal verprügelt.
    Bevor man eine weitere Aufklärung fordert, sollte man die Dokumentation ganz lesen. Mit ihren ständig wiederholten Forderungen nach weiterer Aufklärung sorgen Zander und Bantle dafür, dass die Brüdergemeinde in der Öffentlichkeit glimpflich davon kommt. Ich habe den Eindruck, dass es den beiden nicht um die Sache, sondern um ihr Ego geht.
    Ich würde mich freuen, wenn sich die Presse inhaltlich mit den Ergebnissen der Aufklärung beschäftigen würde.

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