Kulturschaffende und Sympathisanten protestieren gegen das nationalistische Volkszählungs-Vorhaben der AfD am 1. Juli in Stuttgart. Foto: Jens Volle

Kulturschaffende und Sympathisanten protestieren gegen das nationalistische Volkszählungs-Vorhaben der AfD am 1. Juli in Stuttgart. Foto: Jens Volle

Ausgabe 432
Debatte

Keine Munition für Ressentiments

Von Dietrich Heißenbüttel
Datum: 10.07.2019
Sollten Kultureinrichtungen Informationen zur Staatsangehörigkeit ihrer Beschäftigten rausrücken, wenn rechtsaußen sich danach erkundigt? Die Stuttgarter Staatstheater hätten mitgemacht, auf Anfrage der AfD. Unser Autor fordert mehr Zivilcourage.

An mangelnder Bereitschaft wäre es nicht gescheitert. "Wenn eine Anfrage aus dem Landtag an das Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst (MWK) gestellt wird, unterstützen die Staatstheater das Ministerium grundsätzlich bei der Erfüllung seiner Informationspflicht." So antwortete Marc-Oliver Hendriks, geschäftsführender Intendant der Stuttgarter Staatstheater, am 26. Juni auf die Frage, ob er Informationen über die Staatsangehörigkeiten von Künstlern bereitstellen werde, die in seinen Einrichtungen arbeiten. Die AfD will die Nationalitäten von Kulturschaffenden in Baden-Württemberg erfassen (Kontext berichtete) und stellte im Landtag eine kleine Anfrage ans MWK. "Die Entscheidung, wie [die Anfrage] gegenüber dem Landtag beantwortet wird", zog sich Hendriks aus der Verantwortung, "liegt dann wiederum beim MWK."

Auch Thomas Koch, der Kommunikationschef des Hauses, wurde in der "Stuttgarter Zeitung" mit den Worten zitiert, "dem Auskunftsgesuch der AfD" werde "trotz interner Widerstände Folge geleistet. In den nächsten Wochen werde die Auswertung fertig sein; das Haus könne die gewünschte Abgabefrist einhalten."

Die Bereitschaft, die Informationen bereitzustellen, hat auch im eigenen Haus erhebliche Unruhe ausgelöst. Dass Hendriks anschließend noch ein wenig ins Räsonieren geraten war, ändert wenig: "Wollte man sie [die AfD-Anfrage] näher betrachten, führte dies wohl zu der Überlegung, was überhaupt der künstlerische oder kunstpolitische Erkenntnisgewinn aus ihrer Beantwortung sein könnte. Es fällt uns schwer, dem ein edles Motiv zu unterstellen."

"Edel sei der Mensch, hilfreich und gut", meinte schon der alte Geheimrat Goethe. Haben die AfD-Abgeordneten ihren nationalen Vorzeigedichter nicht richtig gelesen? Sind sie jemals im Theater oder in der Oper gewesen? Sie fragen nach "Ballett-Companien" – der Duden sagt Kompanie oder Compagnie – und Tänzern, Musikern der Staatlichen Orchester sowie Mitgliedern von Opernstudios. Opernstudios sind jedoch keine Vereine, in denen man Mitglied werden kann, sondern zusätzliche Ausbildungsprogramme der Opernhäuser zur Förderung junger Talente.

Einen Rechtsstreit riskieren?

Ausgewählt wird nicht nach Staatsangehörigkeit, sondern selbstverständlich nach künstlerischer Qualität. Alles andere würde nicht nur bedeuten, freiwillig auf erstrangige Musiker und Tänzer zu verzichten, sondern auch zu einer Zusammensetzung der Ensembles führen, die in keiner Weise der Gesellschaft entspricht. In Stuttgart haben nach amtlicher Statistik 44 Prozent der Einwohner einen Migrationshintergrund. Ziel der Kulturpolitik ist, dass die Ensembles die gesellschaftliche Vielfalt widerspiegeln, kulturelle Differenzen ansprechen und zur Integration von Menschen anderer Herkunft beitragen.

Hendriks sah sich am Tag nach seiner ersten Stellungnahme im Interview mit dem "Deutschlandfunk" zu einer Klarstellung veranlasst: "Ich glaube, dass wir es hier mit einer konzertierten Aktion zu tun haben. Das hat alles Methode. Da werden über das Instrument der parlamentarischen Anfrage Länderparlamente und Verwaltungen immer wieder beschäftigt und okkupiert. Der Erkenntnisgewinn ist gleich null. Es geht um Provokation." Die Bereitschaft, die Daten zu liefern, hat er allerdings nicht widerrufen.

"Wir sind als Gewerkschaft der Auffassung, dass solche Listen gar nicht erst erstellt werden dürfen", meinte dagegen der Verdi-Landesbezirksleiter Martin Gross. "Auf eine juristische Auseinandersetzung mit der AfD-Fraktion, ob eine solche Auskunftspflicht für die staatlichen Bühnen besteht, würden wir es ankommen lassen."

Das Ministerium hat sich eine Woche Zeit gelassen – vielleicht um solche juristischen Fragen zu klären –, dann aber erfreulich deutlich geantwortet: "Die internationale Ausrichtung der baden-württembergischen Theater und Opernhäuser steht für die Exzellenz und Vielfalt unserer Kulturszene sowie für Toleranz und Weltoffenheit." Denn: "Kunst lebt vom Austausch, Kunst braucht Internationalität."

Zivilcourage ist gefragt

Nähere Auskünfte zur Herkunft der Mitarbeiter gibt das Ministerium nicht. Es macht lediglich allgemeine Angaben, wie etwa, laut SWR: "In den Ballettcompagnien in Stuttgart und Karlsruhe seien 63 Tänzerinnen und 33 Tänzer aus 24 beziehungsweise 13 Nationen beschäftigt." Das geht nicht darüber hinaus, was etwa die Mitarbeiter der Karlsruher Staatstheater auf einem Transparent selbst mitteilten: "Wir sind stolz auf unsere Mitarbeiter*innen aus 46 Nationen!"

Das ist gut so, denn die AfD lässt nicht locker. Sie will nun ein Internetportal zum Verpfeifen vermeintlich Linksradikaler einrichten. Es sollte klar sein, worum es geht: Dass die rechte Partei mit ihrer Anfrage Einfluss auf die Personalpolitik der Kultureinrichtungen nehmen kann, ist kaum zu erwarten. Aber sie versucht, Ressentiments zu bedienen bei all denen, die zeitgenössische Kunst ohnehin ablehnen, Hochkultur als elitär empfinden oder Menschen anderer Herkunft ausgrenzen wollen.

Listen zur Staatsangehörigkeit anzufertigen, hätte bedeutet, solchen Ressentiments Munition zu liefern, und dazu beigetragen, die Gesellschaft weiter zu spalten. Dem lässt sich nur mit Bertolt Brecht begegnen: "Wo Recht" – in diesem Fall das Recht der Abgeordneten auf Auskunft – "zu Unrecht wird, wird Widerstand zur Pflicht." Zivilcourage ist gefragt. Oder kurz: Wehret den Anfängen!
 

Auch die Anstifter sagen: "Jetzt reicht's!" Unter diesem Titel wollen sie am 19. Juli in der "Stuttgarter Zeitung" und den "Stuttgarter Nachrichten" eine Anzeige veröffentlichen. Die erforderlichen 10 000 Euro sind schon fast beisammen. Weitere Spenden sind jedoch willkommen auf das Konto: AnStifter / GLS-Bank / IBAN DE31 4306 0967 7000 5827 01 / Kennwort Jetzt reicht's.


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1 Kommentar verfügbar

  • Steiner
    am 12.07.2019
    Leider hat nicht jede/r das Format und den Mut eines Volker Lösch.

    Sind wir jetzt schon wieder von Angsthasen umgeben. die bei einer "Machtübernahme" bereitwilligst applaudieren?

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