Das Runde muss aufs Eckige: Werkstattleiterin vom "Also" liebt farbige Tupfer.

Das Runde muss aufs Eckige: Werkstattleiterin vom "Also" liebt farbige Tupfer.

Der ungarische Stuhl lädt nicht zum Sitzen ein.

Der ungarische Stuhl lädt nicht zum Sitzen ein.

Die AktivistInnen vom Gmünder Bündnis für Vielfalt und Solidarität.

Die AktivistInnen vom Gmünder Bündnis für Vielfalt und Solidarität.

Das Gmünder Wappentier mal auf niedlich.

Das Gmünder Wappentier mal auf niedlich.

Die AfD wird nicht ins Gmünder Rathaus einziehen.

Die AfD wird nicht ins Gmünder Rathaus einziehen.

Johannisplatz am Prediger.

Johannisplatz am Prediger.

Manche mögen's bunt. Mehr Farbenfrohes gibt es per Klick aufs Bild. Fotos: Joachim E. Röttgers

Manche mögen's bunt. Mehr Farbenfrohes gibt es per Klick aufs Bild. Fotos: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 421
Gesellschaft

"Hei OB, was isch passiert?"

Von Susanne Stiefel
Datum: 24.04.2019
Schwäbisch Gmünd geht ohne AfD-Liste in die Kommunalwahl. Das feiert das Bündnis "Deine Stimme gegen Rechts" am kommenden Wochenende, während der OB lieber zur Tulpenaktion mit Geflüchteten geht. Der Gmünder Weg kennt manche Abzweigung.

Der eine Stuhl hat Flügel bekommen. Der andere spreizt sich in buntem Federkleid. Der dritte zeigt sich verschnürt und eher abweisend. "Das ist der ungarische Stuhl", sagt Anita Glass, grinst und spannt eine weitere Schnur quer über die Sitzfläche, "der lädt nicht zum Sitzen ein." Von Mutlangen ist sie an diesem Sonnentag nach Schwäbisch Gmünd gereist, auch den Federstuhl hat sie beklebt.

Beide sind Teil der Aktion "Ein Platz für Asyl in Europa". Am kommenden Samstag werden sie mit vielen anderen Stühlen auf dem dortigen Marktplatz stehen. Dann feiert das Aktionsbündnis für Vielfalt und Solidarität "Deine Stimme gegen Rechts" schon vor der Wahl, dass die AfD in der Kommune nicht zur Wahl steht. Und zeigt mit den Stühlen, wer willkommen ist und wer nicht.

Ein Stuhl mit blauen Flügeln – wie das Blau des Mittelmeers

Ein buntes Volk hat sich im Hinterhaus in der Goethestraße versammelt, wo das Gebrauchtmöbel-Kaufhaus der Arbeitslosenselbsthilfe "Also" seine Heimat gefunden hat. Das Sozialunternehmen gibt es seit fast 30 Jahren. An diesem Tag wird gesägt, Federn fliegen durch die Luft und Vorschläge, es riecht nach Klebstoff und guter Laune. Sara Schiran ist die Leiterin der Holzwerkstatt, macht aus Nachtkästchen hübsche Kinderherde, will Frauen fürs Holzhandwerk begeistern und hat heute schon den Stuhl mit blauen Flügeln verziert. Blau wie das Wasser des Mittelmeers, blau wie der Himmel darüber. "Ein Engelstuhl", findet eine Mitstreiterin. "Sich kreativ mit Flucht und Asyl auseinanderzusetzen", sagt Schiran, "ist mehr als nur drüber reden."

Im Aktionsbündnis haben sich von der örtlichen IG Metall über den AK Asyl bis zur evangelischen Kirchengemeinde Heubach 38 Organisationen und 200 Einzelpersonen zusammengeschlossen, die mit Konzerten, Veranstaltungen und Aktionen vor Rechts warnen und für Integration werben wollen. Die Asylstühle, eine Aktion der Diakonie, sind ein Teil davon. Ali Nagelbach, Chef von "Also" und treibende Kraft des Bündnisses, ist nicht so leicht zufriedenzustellen. Keine AfD-Liste zur Kommunalwahl? "Wir müssen trotzdem wachsam bleiben", sagt der 59-jährige, "schließlich stehen die Rechtspopulisten im Kreistag und bei Europa weiter in den Startlöchern." Er bedauert, dass Oberbürgermeister Richard Arnold nicht zu den offiziellen Unterstützern gehört. Schließlich ist der CDU-Mann der Gründer des Gmünder Wegs, der für gelungene Integration von Geflüchteten steht.

Mit spektakulären Aktionen hat Schwäbisch Gmünds OB die Stadt an der Rems bundesweit bekannt gemacht und ihren Ruf als Kommune mit Willkommenskultur begründet (Kontext berichtete). Vergangenes Jahr haben er und sein Team um das Integrationszentrum Pfiff dafür den Helga-und-Edzard-Reuter-Preis verliehen bekommen. Warum also steht sein Name nicht unter dem breiten Aktionsbündnis? "Als OB bin ich zur Neutralität verpflichtet", sagt er. Falls da doch Freude aufkommen sollte, dass sein Gemeinderat AfD-frei bleiben wird, so bleibt die heimlich. Aber Arnold wäre nicht Arnold, wenn er nicht doch noch eine Ansage zu machen hätte. Eine, die noch vor der Kommunalwahl für Aufmerksamkeit sorgen wird.

Arnold will eine Charta der Gemeinsamkeiten präsentieren

Doch erst mal muss er eine Geschichte loswerden, die ihm vor wenigen Tagen passiert ist. Da hat es ihn am Bach in Herdtlingsweiler, seinem Wohnort, "brutal auf die Schnauze gehauen". Mit zerschundenem Gesicht und Verband am Arm ging er am nächsten Tag mit dem Polizeipräsidenten über den Gmünder Marktplatz und zwei Albaner fragten ihn: "Hei OB, was isch passiert?" – "Ich hatte eine Schlägerei mit der Polizei." Der Polizeipräsident grinste, die Albaner waren erschrocken und Arnold lachte sich scheckig. Das ist der eine Arnold. Der andere, der staatstragende, hat mal wieder einen Coup geplant. Drei Tage vor der Europa- und Kommunalwahl und genau zum 70-jährigen Jubiläum des Grundgesetzes am 23. Mai, wird Schwäbisch Gmünd eine kommunale Charta der Gemeinsamkeiten präsentieren. Und als Festredner hat CDU-Mann Arnold ("Ist das nicht toll?") den SPD-Mann Edzard Reuter gewonnen.

Wieder mal ein gelungener PR-Gag aus dem Rathaus also? "Nein, das ist praktizierte Bürgernähe", sagt Arnold. Seit zwei Jahren wird an diesem Projekt schon gearbeitet, auch er hat sich auf eine OB-Tour a la Charta gemacht und in Schulen und Versammlungen nach den Wünschen gefragt. Er hat den Schülern der Mozartstraße, 60 Prozent Ausländeranteil, vor allem Russen und Türken, erzählt, dass ihr OB schwul sei, einen Mann geheiratet habe und dann über individuelle Freiheit und Toleranz, über Erdogan und Putin geredet. Und in zehn Stadtteilversammlungen wurden BürgerInnen gefragt, was ihnen im Zusammenleben in ihrer Stadt wichtig ist und wie die zwölf Forderungen dieser Gmünder Charta aussehen sollen.

Die letzte Station ist die Südstadt, 3800 Menschen leben hier. Der Neu-Gmünder Jo Frühwirth gehört zu denen, die sich selbst angemeldet haben und nicht durch Zufallsgenerator bestimmt wurde. Bei Salzstengeln, Erdnüssen und Apfelsaftschorle sitzt der frühere SWR-Talkprofi mit zwölf weiteren BürgerInnen um den Tisch im Stadtteilzentrum Süd, Altersschnitt 70, was von allen bedauert wird. Die Stadtteilkoordinatorin ist da, der Sozialbürgermeister, der schon bei vielen Treffen dabei war und ein wenig müde wirkt, als er den Prozess erklärt. Und eine Moderatorin, die das Gespräch leitet und die Forderungen der BürgerInnen aus der Südstadt einsammelt.

Des Bürgermeisters täglich Brot ist der Hundekot

Das beherrschende Thema ist Sauberkeit, Müll und vor allem Hundekot im und außerhalb des Beutels. Frühwirth erhofft sich, dass der Gemeinderat Kritik nicht länger als Sand im Getriebe betrachtet, sondern als Diskussionsbeitrag, anders als bei der Auseinandersetzung ums Hallenbad. "Aber zu einem guten Zusammenleben gehören neben Toleranz und Integration eben auch Sicherheit und Sauberkeit", sagt er. 

Und Richard Arnold, der als Vertreter des Landes Baden-Württemberg einst mit Giscard d'Estaing und Erwin Teufel an einer europäischen Verfassung saß, lässt sich von Niederungen des kommunalen Alltag nicht beirren. "Du musst klein anfangen", sagt er gelassen und kontert mit Manfred Rommel: "Des Bürgermeisters täglich Brot, das ist und bleibt der Hundekot." Am Ende wird es darum gehen, wie die Charta gelebt wird. Dann wird sich weisen, ob sie mehr ist als ein gewiefter Schachzug vor den Wahlen und den Feierlichkeiten zum Grundgesetz.

Jedem Neu-Gmünder jedenfalls solle sie bei der Anmeldung in die Hand gedrückt werden, sagt Franka Zanek, Leiterin von Pfiff und Charta-Projektkoordinatorin. Mit der Pädagogischen Hochschule zusammen ist ein Projekt geplant. Und auch der Federstuhl, der Engel- und der ungarische Stuhl, die in der Holzwerkstatt von "Also" so sinnreich verziert wurden, werden nicht nur am kommenden Samstag auf dem Gmünder Marktpatz ihren Auftritt haben. Sie werden zur großen Aktion der Diakonie, mit vielen anderen in Stuttgart für das Asylrecht werben. Und am Weltflüchtlingstag im Juni wieder zurück nach Schwäbisch Gmünd reisen – zu einer Ausstellung auf der Remstal-Gartenschau. Daran tüftelt Franka Zanek derzeit, sowie an weiteren Aktionen zum Weltflüchtlingstag in Schwäbisch Gmünd. Mehr will sie derzeit nicht sagen. Nur soviel: "Es geht um ein Boot."

An diesem Wochenende ist der Gmünder Marktplatz fest in der Hand des Aktionsbündnisses. Ob Richard Arnold wohl vorbeischaut bei dem bunten Treiben für Vielfalt und Solidarität? "Was dort auf den Fahnen steht, das leben wir ja in Schwäbisch Gmünd", sagt der OB und geht lieber in die Tulpen. Die Blumenbeete müssen fit gemacht werden für die Remstal-Gartenschau, das Alte muss raus, das Neue rein. Am 10. Mai geht's los und Arnold ruft ganz Schwäbisch Gmünd auf zur Tulpenaktion: "Die Zwiebel rausholen, auch mit den Asylis, das ist konkrete Kommunalpolitik." Die wird, das weiß man in der Stauferstadt schon vor der Wahl, weiter ohne die AfD gemacht.


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