Ausgabe 421
Editorial

Auferstanden zu Ostern

Von unserer Redaktion
Datum: 24.04.2019

Als Minister für Satire und Dada überzeugt Andreas Scheuer, der Mann von der CSU, mit Performance-Kunst. Unvergessen, wie sich der begnadete Politik-Parodist für die hanebüchenene Milchmädchenrechnung eines Ruheständlers bedankt, der sich als Lungenfacharzt ausgibt. Damit wollte Gaudibursche Andi die Debatte um Fahrverbote für Diesel versachlichen. Großartig!

Als er dann auch noch forderte, auf dieser Grundlage die wissenschaftlichen Grenzwerte der EU neu zu bewerten, haben das manche Kritiker für eine geniale Persiflage auf intakte Urteilskraft und damit für sein Opus magnum gehalten. Etwas vorschnell, wie sich nun zeigen sollte: Bei der Interpretation einer aktuellen Studie verrenkt sich der Andi so abenteuerlich, dass seine Darbietung nur als ebenso liebevolle wie brillante Hommage an das langstrumpfige Credo verstanden werden kann: "Ich mach mir die Welt, widdewidde wie sie mir gefällt." Dabei mimt er den Politiker so täuschend echt, dass ihm sogar Kontext-Redakteur Oliver Stenzel auf den Leim gegangen ist. Er schreibt von einer "Steilvorlage", den Minister als "autoschmusenden Lobbyisten mit strategisch selektiver Wahrnehmung in fast schon intelligenzbeleidigendem Ausmaß bloßzustellen". Den Feinstaub in Feenstaub zu verwandeln, das schafft nur er. 

Über all das ließe es sich unbeschwerter lachen, wenn die deutsche Verkehrspolitik nicht so tödlich wäre: Pro Jahr enden 43 000 Leben in Deutschland vorzeitig, allein wegen der hohen Feinstaub-Belastung. Dennoch wird die Gefahr nach Kräften verharmlost, und ignoriert, wo es denn geht. Im geplanten Stuttgarter Tiefbahnhof etwa wird die Luft noch viel schlechter sein als am Neckartor, der schmutzigsten Straßenkreuzung der Republik. Was die Bahn dagegen zu tun gedenkt? "Die allgemeinen Grenzwerte für Feinstaub in der Außenluft gelten nicht für Bahnhöfe", lässt ein S-21-Sprecher auf Anfrage von Kontext-Autor Arno Luik wissen. Na dann. 

Während wissenschaftliche Untersuchungen einhellig zum Ergebnis kommen, dass die Risiken durch Feinstaub und Stickoxide eher noch unter- als überschätzt werden, hat sich in der baden-württembergischen Landeshauptstadt eine Protestbewegung formiert – um den "den spezifisch deutschen Selbstzerstörungsirrsinn der Grünen und Linksdebilen zu beenden". Tapfer leisten sie Widerstand gegen die Versuche, den Ausstoß giftiger Substanzen zu reduzieren und die Umwelt für künftige Generationen zu bewahren. 

Vergangene Woche berichtete Kontext über einen Brandanschlag auf eine Messstelle, die eigentlich nichts weiter getan hat, als die Schadstoff-Belastung am Stuttgarter Neckartor zu dokumentieren. Damit muss sie irgendwie den Zorn militanter Dieselschützer provoziert haben, wurde die unschuldige Station doch am 6. April angezündet, worauf die Polizei ein politisches Motiv vermutete, das Böse aber noch nicht zu fassen kriegte. Eine gute Nachricht gibt es trotzdem: Pünktlich zu Ostern ist "Messi" für 250 000 Euro wieder auferstanden. Einschüchtern lässt sie sich nicht. Sie misst bereits munter Emissions-Werte, die auf der Website der Landesanstalt für Umwelt einzusehen sind.


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1 Kommentar verfügbar

  • Peter Meisel
    am 24.04.2019
    Ach du dickes Ei! Andreas Scheuer, ein Name als Aufgabe? Ein Verb? Das habe ich gefunden:
    Bei den Themen Dieselskandal und Fahrverboten ist vieles kompliziert und verwirrend. Wie gut, dass wenigstens eines klar ist: Die Rolle des Verkehrsministers Andreas Scheuer. Er - so betont er gerne und oft - stehe fest an der Seite der Autofahrerinnen und -fahrer. Und selbstverständlich sei er nicht der "Buddy der Bosse" oder gar "Sprecher der Automobilindustrie". Die Anliegen der Kundinnen und Kunden haben für ihn oberste Priorität. Er richtet sogar eigens ein Bürgertelefon ein, beantwortet höchstpersönlich die Fragen der verunsicherten Dieselfahrer: "Andreas Scheuer hier, wie kann ich Ihnen helfen?"
    In Bayern nagelt man den Jesus am Kreuz über die Amtsstubentüren. Ob das hilft?
    Wie wäre es mit eigenem denken? In unserer Republik regieren wir uns souverän selbst!
    Als Minister für Satire und Dada überzeugt Andreas Scheuer nicht einmal meine Hühner.
    Da lob ich mir Greta Thunberg
    In Rom beim Papst Ostern 2019:
    „auf der Piazza del Popolo, dem barocken Platz im Herzen Roms.“
    Wenn immer Politiker und Politologen sich über den Zustand einer modernen res publica Gedanken machen, drängen Reminiszenzen an das alte Rom sich auf.
    Über die Entstehung der res publica aus dem Geist der Empörung
    frei nach: Peter Sloterdijk, Der Profi-Bürger
    Das römische Brot- und Spiele-System wird seit dem 20. Jahrhundert als "Massenkultur" bezeichnet. Die Wende von der Sozialen Marktwirtschaft zum postrepublikanischen Theaterstaat mit einem kaiserlichen Mimen im Zentrum. Dieser Übergang entspricht heute der spätrömischen Dekadenz als Kehrseite der politischen Bürgerausschaltung, die mit der Machtübernahme durch eine Junta von imperialen Berufspolitikern einhergeht.
    Die Lucretia-Legende handelt von der Geburt der res publica aus dem Geist der Empörung. Das Epiphänomen des Bürgerzorns entspricht der Zurückweisung einer politischen Infamie. Politik ist ein Derivat des Ehrsinns und der stolzen Regung gewöhnlicher Menschen. Der Gedanke, dass Bürgerbeteiligung durch die höhere Kompetenz politischer Spitzenentscheider eingespart werden kann. scheint ein Merkmal der heutigen "Postdemokratie" zu sein. Dass Politik hierzulande immer mehr dem Monolog eines Artistenclubs nahekommt.
    Ein korrupt-klientelistisches System kann von den Akteuren sehr wohl als gemeinwohlförderlich angesehen werden.
    Das Land ist dabei, in eine tiefe Depression zu stürzen. Viel Err-Volk!

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