Manchmal etwas versteckt: Karl-Marx-Straßen (hier die in Heilbronn).

Manchmal etwas versteckt: Karl-Marx-Straßen (hier die in Heilbronn).

Ausgabe 370
Schaubühne

Wege zu Marx

Von Oliver Stenzel
Fotos: Joachim E. Röttgers
Datum: 02.05.2018
Karl-Marx-Straßen gibt's nur im Gebiet der ehemaligen DDR? Pustekuchen, auch im Westen tragen viele Straßen den Namen des Trierer Philosophen. Unter anderem in Heilbronn und in Ludwigsburg.

Auf nichts kann man sich mehr verlassen. Als die Stadt Trier vor einigen Wochen ein recht umfängliches Geschenk der Volksrepublik China erhielt – eine über fünf Meter hohe und 2,3 Tonnen schwere Karl-Marx-Statue aus Bronze, anlässlich des 200. Geburtstag des Philosophen, der am 5. Mai 1818 in der Moselstadt das Licht der Welt erblickte – da reagierte die lokale CDU nicht etwa mit der Forderung nach sofortiger Einschmelzung des Trumms. Stattdessen verteidigte der Trierer Baudezernent Andreas Ludewig (CDU) das Geschenk aus Fernost: Denn "Karl Marx hat Weltgeschichte geschrieben und ist der bekannteste Trierer". Das Denkmal bedeute keineswegs eine "Glorifizierung von Ideologie", sondern sei eine neue Sehenswürdigkeit und solle zur Auseinandersetzung mit Marx anregen.

Nun führen momentan in Trier sehr viele Wege zu Marx, die Stadt feiert ihren berühmten Sohn auf unterschiedlichste Weise. An zwei Ampeln weisen sogar Karl-Marx-Ampelmännchen den Fußgängern den Weg. Zwar nicht zum Sozialismus, aber doch über die Straße, weitere sollen folgen. Und das, während in Stuttgart nicht einmal ideologisch unbelastete Cartoonfiguren den Verkehr regeln dürfen. Bislang steht allerdings kein Marx-Ampelmännchen an einer Karl-Marx-Straße, obwohl es auch in Trier eine solche gibt – wie überhaupt im Westen Deutschlands erstaunlich viele. Zwar nicht so viele wie auf dem Gebiet der ehemaligen DDR, wo es um die 550 sein sollen, aber doch einige Dutzend. In Baden-Württemberg unter anderem in Heilbronn und Ludwigsburg.

Dem ein Ende bereiten wollte vor knapp zwei Jahren ein Mann, bei dem die Reflexe offenbar noch funktionieren: Wolfgang Steiger, Generalsekretär des Wirtschaftsrats der CDU. "Mehr als ein Vierteljahrhundert nach dem politischen und wirtschaftlichen Bankrott der DDR wird es Zeit, sich von den Ersatzheiligen des Kommunismus im Straßenbild in den neuen Ländern zu trennen", so Steiger im August 2016 in der "Bild"-Zeitung, die passend subtil mit "Weg mit allen Karl-Marx-Straßen!" titelte. Allein, es wurde nichts draus, die Initiative verlief im Sande.

Heilbronner überklebt Marx-Straßenschilder

Im Sinne Steigers handelte schon im November 2009 Fritz Schüler, ein in Heilbronn lebender ehemaliger DDR-Bürger. In der dortigen Karl-Marx-Straße im Stadtteil Böckingen überklebte er sämtliche Marx-Straßenschilder, weil diese seiner Meinung nach "eine überwundene kommunistische Terrorherrschaft verherrlichen". Und Marx mit seinen Schriften die Grundlage für spätere Diktaturen gelegt habe. "Da kann man ihn doch nicht mit Straßennamen ehren", so Schüler, der bei seiner Aktion mit selbst gefertigten "Chemnitzer Straße"-Aufklebern Abhilfe schaffen wollte.

Nach nur einem Tag wurden die Aufkleber wieder entfernt, die Kapitalistenhochburg Heilbronn (Heimat von Lidl-Gründer Dieter Schwarz) dachte gar nicht daran, den Straßennamen zu ändern. "Warum sollten wir die Straße umbenennen?" wurde Rathaus-Sprecher Christian Britzke von der "Heilbronner Stimme" zitiert. Marx sei eine "historische Figur", sein Kommunistisches Manifest habe er 100 Jahre vor Gründung der DDR geschrieben, so Britzke, und nicht zuletzt bedeute eine Umbenennung viele Änderungen für die Anwohner.

Ein Ortsbesuch. Zur Karl-Marx-Straße geht's vom Heilbronner Hauptbahnhof erst mal Richtung Westen, an der Theresienwiese vorbei über den Neckarkanal, auf die Wilhelm-Leuschner-Straße und dann die zweite nach rechts. Sie beginnt als beschauliche kleine Wohnstraße, viel grün, gesäumt von Schatten spendenden Bäumen – japanische Zierkirsche – und beidseits bebaut mit Ein- und Zweifamilienhäusern aus den 1930er-Jahren mit ihren für die Zeit typischen Zelt- und Walmdächern.

Ganz schön grün: Karl-Marx-Straße in Heilbronn-Böckingen.
Ganz schön grün: Karl-Marx-Straße in Heilbronn-Böckingen.

Eine ältere Dame im Trainingsanzug ist mit ihrer Französischen Bulldogge unterwegs. Kein Problem hat sie mit dem Straßennamen, und auch von Protesten weiß sie nichts. Sie wohne eh in der Wilhelm-Leuschner-Straße, vierspurig, da sei es ganz schlimm mit dem Durchgangsverkehr, "mir könnet zur Stroß koi Fenschder uffmache." Aber jetzt muss sie weiter, "jetzt kommt's Herrle", sagt sie zur Bulldogge, die übermütig zerrend signalisiert, dass sie nichts zu verlieren habe als ihre Ketten, respektive ihre Leine.

Für ihr erst gut 110-jähriges Bestehen hat die Straße schon oft ihren Namen gewechselt. Erst hieß sie Neckargartacher Straße, ab 1930 dann Rathenaustraße, ehe 1933 mit der Machtübernahme der Nazis auch ein NS-kompatibler Name folgte: Hermann-Göring-Straße. 1945, kurz nach Kriegsende, wurde die Straße dann in Marxstraße umbenannt. Neben 24 anderen Straßen in Böckingen, deren NS-Bezüge getilgt werden sollten – schon lange bevor der Alliierte Kontrollrat entsprechende Umbenennungen verordnete. 1948 dann die nochmalige Änderung in Karl-Marx-Straße. Rote Mehrheiten gab es bei keiner der beiden Umbenennungen in der Stadt. 1948 waren von 36 Heilbronner Gemeinderäten 14 von der SPD und drei von der kommunistischen KPD, also zusammen nicht einmal die Hälfte.

Aufgewachsen im real existierenden Sozialismus

Mahmut Kolca wohnt im südlichen Teil der Karl-Marx-Straße. Verbindet er irgendetwas mit dem Namen Karl Marx? "Nix Interesse", sagt Kolca, er sei Rentner, mit Politik beschäftige er sich nicht, das sei besser, "Ruhe im Kopf". Politik sei heute immer schlecht, auf der ganzen Welt, Kriege werden geführt, die eine Seite bombardiere, die andere fülle sich die Taschen. Als er vor rund 50 Jahren aus der Türkei nach Deutschland kam, mit 23 Jahren, da sei die Politik hier gut gewesen. Aber das heutige Deutschland sei nicht mehr wie damals, "viel zu viele Ausländer, viel zu viele Asylanten, viel zu viele Terroristen kommen." Dass Deutschland nicht mehr gegen die PKK tue, kann er nicht verstehen. Dort, in der Türkei, mache Erdogan gute Politik, schaffe viel Arbeit, baue Autobahnen. Aber jetzt seien auch dort viel zu viele Terroristen, die PKK und die Kommunistische Partei.

In ihrer Schulzeit wurde Marx verherrlicht, heute ist Mirjana Hüftle skeptisch.
In ihrer Schulzeit wurde Marx verherrlicht, heute ist Mirjana Hüftle skeptisch.

Ein paar Häuser weiter wohnt Mirjana Hüftle. Vor 20 Jahren kam die Kroatin, damals noch mit dem Nachnamen Matic, aus dem ehemaligen Jugoslawien nach Deutschland. Was ruft bei ihr der Name Karl Marx hervor? "Schwierige Frage", sagt sie. "Bei uns wurde er als Kommunist immer ganz groß dargestellt", auch in der Schule habe sie das so gelernt. Inzwischen, nach den Jugoslawienkriegen und zwei Jahrzehnten in Deutschland, habe sie eine andere Meinung. Der Kommunismus im früheren Jugoslawien, das sei einfach eine Diktatur gewesen, "es hat immer, bei allem geheißen: Das muss."

Nun mag man einwenden, dass weder der real existierende Sozialismus im ehemaligen Ostblock noch der im blockfreien Jugoslawien viel mit Marx' ursprünglichen Ideen zu tun hatte. "Ja, das war etwas ganz anderes", sagt sie, früher habe sie auch gedacht, dass Marx' Ideen gut seien, aber heute denkt sie das nicht mehr. Stört sie dann, in der Karl-Marx-Straße zu wohnen? Nein, sie habe so viel durchgemacht, den Krieg in den 1990ern erlebt, da stört sie so etwas wie ein Straßenname nicht.

An Deutschland stört sie, "dass hier jeder so auf Geld fixiert ist", jeder wolle immer noch mehr. Das Wesen des Kapitalismus, könnte man sagen, dem Marx seine Utopie einer klassenlosen Gesellschaft ohne Privateigentum entgegenstellte. Doch die bessere Idee? Vielleicht, sagt Mirjana Hüftle und wiegt skeptisch den Kopf.

Die beiden Damen hoffen, dass die Straße irgendwann doch noch umbenannt wird.
Die beiden Damen hoffen, dass die Straße irgendwann doch noch umbenannt wird.

Noch ein paar Häuser weiter treffen wir erneut Menschen, die mit dem real existierenden Sozialismus aufgewachsen sind: Zwei ältere Frauen, die 1980 als Spätaussiedlerinnen aus Rumänien kamen, dort zur deutschsprachigen Minderheit der Siebenbürger Sachsen gehörten. Marx? Jaja, der mit dem Kommunismus, "Marx, Engels, Lenin, Stalin" folgt die ganze Ikonenreihe. Rumänien war das repressivste Regime des ehemaligen Ostblocks, die beiden Frauen können Karl Marx denn auch nichts abgewinnen; er steht für sie für das System, das sie konkret erlebten.

Das Großkapital will nicht in der Marxstraße logieren

"Die ganze Straße wollte eigentlich schon immer den Namen weg haben", sagt eine der beiden. Auch ein Antrag sei gestellt worden, für den man viel bezahlen musste, "und dann ist es doch so geblieben". Nun heiße die Straße eben noch so, was soll's. Und jetzt gerade, trotz des Namens, "ist es die schönste Straße, mit den Blüten der japanischen Kirsche überall." Außerdem wenig Lärm und Verkehr, mehrere Buslinien, eine gute Wohngegend. Und ein Teil der Straße sei ja immerhin vor einigen Jahren umbenannt worden, "und vielleicht, in ein paar Jahren, geht er doch noch weg, der Marx."

Nahm Karl Marx 2005 mehr als die Hälfte der Straße weg: Großkapitalist Karl Marbach GmbH.
Nahm Karl Marx 2005 mehr als die Hälfte der Straße weg: Großkapitalist Karl Marbach GmbH.

Besagte Umbenennung fand 2005 statt. Auf Bitte des Großkapitals, genauer, des in der Straße ansässigen Unternehmens Karl Marbach GmbH & Co. KG. Dieses ist Weltmarktführer im Bereich der Stanzformtechnik. Außerdem bietet die Firma auch diverse Hilfsmittel zum Stanzen an, darunter so genannte "Nutzentrennwerkzeuge". Nutzen trennen, das klingt irgendwie nach Entfremdung, und dass es dafür schon Werkzeuge gibt, hätte den alten Marx wohl schwer ins Grübeln gebracht. Dabei handelt es sich um eine kuriose Seitengasse des Sprachgebrauchs: In der Welt der Verpackungsmittelindustrie bezeichnet der Begriff "Nutzen" Zuschnitte, die nach dem Stanzen aus einem Kartonbogen voneinander getrennt werden müssen.

Sonderlich schön ist die Straße hier nicht mehr. Schon kurz bevor die Karl-Marx-Straße in die Karl-Marbach-Straße übergeht, hat sie sich von einer Wohn- zu einer Gewerbe- und Industriestraße gewandelt. An ihrem Ende hat die Filiale eines großen deutschen Möbelhauses seine Warenausgabe.

Seit der Abklebeaktion Fritz Schülers 2009 habe es übrigens keinerlei dokumentierte Protestbekundungen gegen den Restbereich der Heilbronner Karl-Marx-Straße gegeben, wie Stadtpressesprecher Anton Knittel auf Kontext-Anfrage mitteilt. Überhaupt keine je aufgetretenen Kontroversen sind von der Karl-Marx-Straße in Ludwigsburg bekannt, die im Westteil der Stadt liegt und seit 1952 ihren Namen hat. Das mag auch daran liegen, dass sie eine Sackgasse ist, was manch Barockstadt-Bourgeois womöglich als angemessene Metapher für das Wesen von Marx' Werk und Wirkung erachtet. Wobei sie auch für Marx-Anhänger eine versöhnliche Metaphorik bereit hält: Von ihrem Ende sind es nur wenige Schritte bis zur Friedensschule.

Zwischen Friedensstraße und Friedensschule: Karl-Marx-Straße in Ludwigsburg.
Zwischen Friedensstraße und Friedensschule: Karl-Marx-Straße in Ludwigsburg.

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