Das waren Zeiten: Beim Auftritt von Nice in der Manufaktur im Januar 1970 tanzt Keith Emerson auf der Orgel. Fotos: Manufaktur

Das waren Zeiten: Beim Auftritt von Nice in der Manufaktur im Januar 1970 tanzt Keith Emerson auf der Orgel. Fotos: Manufaktur

Ausgabe 358
Kultur

Kleine Fluchten aus dem Mainstream

Von Oliver Stenzel
Datum: 07.02.2018
Die Schorndorfer Manufaktur, einst das Mekka der linken Gegenkultur, wird 50 Jahre alt. Das gesellschaftliche Klima mag heute weit weniger politisch aufgeheizt sein als damals, unpolitisch ist die Manu damit nicht geworden.

Dieser dunkle Keller in einem alten Fabrikgebäude war für viele Schorndorfer Bürger in den späten Sechziger- und den Siebzigerjahren wohl das Herz der Finsternis, politisch gesehen: ein Refugium für Staatsfeinde, Umstürzler und Kommunisten. "Anstand; Autorität und Würde unserer Jugend wird dort untergraben und zerstört", hieß es in einem Zeitungs-Leserbrief über die Manufaktur, dass "durch einseitige politische Seelenmassage" eine "Manipulation von Jugendlichen" erfolge, in einem anderen. Der Grund war nicht nur, dass sich an diesem Ort besonders viele umstürzlerisch aussehende, da langhaarige Jugendliche herumtrieben, sondern dass diese neben Konzerten noch langhaarigerer und ohrenbetäubend lauter Bands auch hier angebotene Marxismus-Seminare besuchten, an Kriegsdienstverweigerer-Beratungen oder Veranstaltungen zum Vietnam-Krieg teilnahmen. Auch der CDU-dominierte Schorndorfer Gemeinderat beäugte die Manufaktur mehr als zurückhaltend; Anträge auf Zuschussgelder von der Stadt wurden jahrelang zurückgewiesen.

Nicht nur das mit dem Geld hat sich mittlerweile geändert. Als Hort linker Umsturzgefahr wird die Manufaktur – oder Manu, wie die meisten sagen – 50 Jahre nach ihrer Gründung wohl selbst von eher konservativen Schorndorfern kaum noch gesehen. Jene Konflikte und Reibungen in der Gesellschaft, die damals heiß waren, sind sicher nicht komplett verschwunden, aber doch größtenteils stark abgekühlt. Dabei ist die Manufaktur noch heute vor allem das, was sie im Grunde immer schon war: Einer der interessantesten Auftrittsorte in der Region für Musiker, die sich abseits des Mainstream bewegen. Ob Alternative-Rock, Free Jazz, HipHop oder gänzlich Unkategorisierbares, mit einem Programm, das immer wieder auch Besucher aus der Schweiz oder Frankreich anlockt, wie etwa im vergangenen Oktober beim Konzert der amerikanischen Metal-Sonderlinge Melvins. Der große Unterschied ist, dass die einstige Oase der Gegenkultur damit heute selbstverständlicher Teil der Schorndorfer Stadtkultur geworden ist. In der Festschrift zum 50. Jubiläum, das am kommenden Samstag gefeiert wird und schon lange ausverkauft ist, heißt es: "Wir sind auf dem Weg, in der Mitte der Gesellschaft anzukommen."

Das Erbe von '68

So ein Satz kann für manche auch bedrohlich klingen. Weswegen sich die Frage aufdrängt: Verstehen die heutigen Manufaktur-MacherInnen ihr Schaffen noch als politisch? "Das tun wir sehr wohl", sagt Programmgestalter Werner Hassler, der kaum verhehlen kann, dass ihn schon die Vermutung aufregt, dies könne nicht mehr so sein. Man müsse nur mal einen Auszug aus dem Programm der letzten Monate anschauen: Ein Konzert "Laut gegen Rechte Gewalt", eine Podiumsdiskussionen zu den deutsch-türkischen Beziehungen, Veranstaltungen mit Autoren wie dem Politikwissenschaftler Jan-Werner Müller, der ein Buch über Populismus geschrieben hat, oder dem Journalisten Ömer Erzeren, der die Türkei unter Erdogan auf dem Weg in die Präsidialdiktatur sieht.

Sieht sich die Manu also immer noch dem Erbe von 1968 verpflichtet? Auch wenn man die damalige Zeit nicht mit der heutigen vergleichen könne, "ich glaube schon, dass es nach wie vor Parallelen gibt, dass wir immer noch in dieser Tradition arbeiten", sagt Andrea Kostka, seit 1987 aktiv in der Manu und inzwischen Geschäftsführerin. "Wir sehen es auch heute als unsere Aufgabe an, nach innovativen Strömungen zu gucken, interessante Veranstaltungen anzubieten und dabei Mainstream zu vermeiden."

The Nice in der Manufaktur, Januar 1970.
The Nice in der Manufaktur, Januar 1970.

Überhaupt, diese Verklärungen. "Ich finde gar nicht, dass es früher politischer war", sagt Hassler, der seit 2000 die Veranstaltungen der Manufaktur managt, "nur die Zeit war politisch aufgeheizter". Wer sich gegen den gesellschaftlichen Konsens gestellt habe, und sei es nur äußerlich, habe "allein schon durch seine Existenz provoziert". Seinen eigenen Raum einzufordern, heute eine Selbstverständlichkeit, sei damals quasi eine Revolution gewesen.

Eine Interpretation, die Manufaktur-Gründervater Werner Schretzmeier, heute Chef des Stuttgarter Theaterhauses, bestätigt. "Es gab damals in Baden-Württemberg praktisch nur eine Partei, und die war stockreaktionär". Aber eben das sei auch dem jugendlichen Bedürfnis, dagegen zu sein, enorm entgegen gekommen. Man musste nicht viel machen, "es reichte, wenn du die Zunge rausgestreckt hast", um anzuecken. "Das war natürlich toll für uns", erzählt er lachend. "Die Widerständler" hieß passenderweise die Kabaretttruppe, mit der Schretzmeier zwischen 1964 und 1968 das Land bereiste. Der Widerstand wurde dann mit der – formal ganz konservativen – Gründung des "Geselligkeitsclubs Manufaktur e.V." am 17. November 1967 und der ersten Veranstaltung am 10. Februar 1968 institutionalisiert und lokalisiert, in einer alten Porzellanmanufaktur in der Gmünder Straße.

Auch heute nicht alles eiapopeia

Ehe man die nun vermeintlich hyperliberale Gegenwart zu sehr verklärt: Es ist auch nicht so, dass der Gegenwind, der in den Anfangsjahren vom konservativen Bürgertum und der Stadtpolitik recht heftig wehte, komplett abgeflaut ist. "Noch heute ist die CDU im Gemeinderat in vielerlei Hinsicht massiv gegen uns", betont Hassler, "die Fraktion stimmt fast immer geschlossen gegen uns, wenn es um Zuschüsse geht, da gibt es nur eine Gemeinderätin, die auch mal ausschert." Von daher sei "nicht alles eiapopeia". Doch die Mehrheitsverhältnisse sind andere geworden, "und im Gemeinderat sitzen inzwischen auch die, die früher die langen Haare hatten." Dazu komme etwas, was Hassler eine Art "verdeckte Form von Stolz" nennt: Wenn auf dem Tourplakat einer Band "Hamburg – Berlin – Köln – Schorndorf" stehe, "dann sieht das auch ein konservativer Stadtrat." Oder wenn die Manufaktur, wie im vergangenen November, den Spielstättenpreis "Applaus" der Bundesregierung für ihr Livemusikprogramm erhält.

Anlass zu solch verstecktem Stolz hätte es auch schon und gerade in den Anfangsjahren gegeben, als in der Manu Bands und Musiker wie Black Sabbath, Uriah Heep, Man, Mott the Hoople, Rory Gallagher oder The Nice spielten und sich die Manufaktur den Ruf erwarb, "einer der heißesten Clubs weit und breit zu sein, sicher der beste in Südwestdeutschland, wenn nicht sogar in der ganzen Bundesrepublik", wie der Musikjournalist Christoph Wagner in seinem Buch "Träume aus dem Untergrund" schreibt. Stuttgart habe demgegenüber als Provinz gegolten. Hilfreich war dabei auch, dass Schretzmeier ab 1969 beim Süddeutschen Rundfunk arbeitete und in der Sendereihe "P" Popgruppen in szenischen Darstellungen präsentierte, im Grunde frühe Musikvideos. Viele englische Bands waren dabei, und wenn die schon mal in der Gegend waren, traten sie oft auch noch in der Manufaktur auf. In öffentlicher Förderungswilligkeit schlug sich dieser Ruf indes lange nicht nieder, weswegen die Manufaktur trotz eindrucksvoller Gäste und bestens besuchter Konzerte immer wieder an der Zahlungsunfähigkeit vorbeischrammte. Um das Aus abzuwenden, wurden zwischen 1978 und 1982 über 30 Benefiz-Konzerte veranstaltet, teils auch in der Stuttgarter Messehalle, mit Künstlern wie Udo Lindenberg und Wolf Biermann. Das half eine Zeitlang, um weiterzumachen.

Finanziell bis Ende der 80er immer wieder klamm

Die öffentlichen Töpfe öffneten sich erst Anfang der Achtziger allmählich. Werner Schretzmeier hatte damals für einen Kredit bei der Volksbank Schorndorf selbst mit 20 000 D-Mark gebürgt, "und diese Bürgschaft hat die Stadt Schorndorf 1983 abgelöst", erinnert sich Karl-Otto Völker, damals Zweiter Vorsitzender des Manu-Vereins. Ermöglicht wurde dies, so Völker, durch die Gemeinderatsstimmen von SPD, FDP, Freien Wählern, Grünen – und einer von der CDU. In trockenen Tüchern war sie auch damit noch lange nicht, die tiefste Krise kam erst noch, Ende der Achtziger.

Gründer Schretzmeier hatte sich zu seinem neuen Baby, dem Theaterhaus Stuttgart, verabschiedet, andere soziokulturelle Zentren schossen im ganzen Land wie Pilze aus dem Boden und machten der einstigen Rockhauptstadt des Landes Konkurrenz.

Da war Ozzy Osbourne (r.) noch ein Strich in der Landschaft: Black Sabbath in der Manufaktur am 20. Dezember 1969.
Da war Ozzy Osbourne (r.) noch ein Strich in der Landschaft: Black Sabbath in der Manufaktur am 20. Dezember 1969.

Die Manu war tief verschuldet und darüber hinaus musste sie auch in absehbarer Zeit aus ihrem Domizil in der Gmünder Straße raus – die ehemalige Porzellanmanufaktur sollte abgerissen werden. Es war dann ausgerechnet CDU-Oberbürgermeister Winfried Kübler, der Umzug und Neubau an der jetzigen Adresse im Hammerschlag einfädelte. "Ein stockkonservativer Typ, aber irgendwie hat er gemerkt: Wenn wir das Gebäude abreißen, müssen wir den Leuten auch etwas anderes bieten", erzählt Hassler. Nach der Entscheidung für den Neubau, in den die Manufaktur 1993 einzog, "war der Damm gebrochen", erinnert sich Otto Alder, der damals im Vereinsvorstand saß. "Seitdem war es auch insgesamt ein bisschen ruhiger", sagt Alder, denn man habe in Schorndorf akzeptiert, dass die Manu eine permanente Einrichtung ist und ein Bedürfnis vieler Menschen deckt.

Kurios ist dennoch zuweilen, wie der weitere Weg der Akzeptanz verlief. Kurz nachdem Günther Oettinger 1991 Fraktionsvorsitzender im baden-württembergischen Landtag geworden war, machte er sich stark dafür, die Förderung der soziokulturellen Zentren erstmals als Posten in den Landeshaushalt einzustellen. Noch einmal 20 Jahre, bis zum grün-roten Regierungswechsel 2011, sollte es aber dauern, bis die Höhe dieser Förderung erstmals berechenbar wurde. Seitdem gibt es eine Zwei-zu-eins-Förderung, "das bedeutet, für einen Euro kommunalen Zuschuss bekommt man 50 Cent Landeszuschuss", erklärt Andrea Kostka. Davor waren die Grade der Landeszuschüsse nicht stabil, "man hatte nie Planungssicherheit".

Und mittlerweile ist es sogar, Sensation, im vergangenen Jahr erstmals vorgekommen, dass die CDU im Gemeinderat nicht gegen eine Zuschuss-Erhöhung stimmte. Für Werner Hassler hängt die zunehmende Akzeptanz auch damit zusammen, dass "wir viele kommunale Aufgaben übernehmen". Denn neben dem Musik- und Bühnenprogramm bietet die Manufaktur diverse Musik-, Tanz- und Sportkurse an, hat eine Kneipe und mit dem Kino "Kleine Fluchten" auch ein Programmkino – was seit nunmehr fast zehn Jahren nicht einmal Stuttgart hat. "Ich glaube, deswegen fällt es manchen nicht mehr so schwer, uns einen Zuschuss zu gewähren", sagt Hassler und fügt lachend hinzu: "Der immer noch viel zu klein ist." 


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