KONTEXT Extra:
Fahrverbote: Unterstützung aus Bayern

Es wird immer enger für Dieselfahrzeuge. Seit Monaten kämpft Winfried Hermann hinter den Kulissen gegen eine Aushöhlung des Konzepts zur Luftreinhaltung in der Landeshauptstadt und damit auch für Beschränkungen an Feinstaubtagen. Jetzt hat der grüne Landesverkehrsminister Unterstützung ausgerechnet aus Bayern bekommen. Eine „Karte des Grauens“ nennen nicht nur Umweltschützer das Gutachten zur Luftqualität in München. Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU), so der Vorwurf der Deutschen Umwelthilfe (DUH), hat es über drei Wochen zurückgehalten. Jetzt wurde es publik und offenbart, dass an 260 (!) Straßen im Stadtgebiet der Stickoxid-Grenzwert von 40 Mikrogramm pro Kubikmeter überschritten wird. Darunter sind ein Viertel aller Hauptstraßen oder 123 von 511 Kilometern. An 50 Messstellen liegen die Werte sogar über 60 Mikrogramm pro Kubikmeter. Schon Anfang 2017 - nach einer Klage der DUH - ist der Freistaat nicht nur dazu verpflichtet worden, das Gutachten zu veröffentlichen, sondern auch ein Maßnahmenpaket zur Verbesserung vorzulegen.

Wie sich die Bilder gleichen: Seehofer und sein Südschienen-Partner Winfried Kretschmann (Grüne) möchten Fahrverbote für Dieselfahrzeuge verhindern. Die Realisten hingegen, darunter vorsichtig auch Münchens SPD-OB Dieter Reiter, halten diese Maßnahme angesichts des Ausmaßes der Luftverschmutzung ohnehin für nur noch schwer abzuwenden. Und Winfried Hermann wiederholt gebetsmühlenhaft, dass Fahrverbote nicht vom Tisch sind. Die EU weiß er an seiner Seite: Am Freitag wurde bekannt, wie die zuständige EU-Industriekommissarin Elzbieta Bienkowska alle manipulierten Fahrzeuge radikal aus dem Verkehr ziehen will – nicht irgendwann, sondern schon 2018. Zugleich nimmt die Polin die nationalen Prüfbehörden ins Visier und findet klare Worte: Die hätten versagt. (21.7.2017)


Der doppelte Martin

Wo war Martin Schulz am Montagabend? Die "Stuttgarter Zeitung" behauptet, der Kanzlerkandidat sei bei ihr gewesen. Bei "StZ im Gespräch". Die "Stuttgarter Nachrichten" schreiben, Schulz sei bei ihnen gewesen. Beim "Treffpunkt Foyer". Recherchen von Kontext haben ergeben, dass der Spitzengenosse tatsächlich bei beiden war. Zur gleichen Zeit am gleichen Ort bei den gleichen Besuchern. Gesagt hat er auch das Gleiche, nur die Überschriften waren anders. Bei der StZ greift Schulz die Kanzlerin scharf an, bei den StN bläst er zur Aufholjagd, und die Chefredakteure dürfen auf den Titelblättern verschieden von vorne gucken. Fritz Kuhn wiederum, der Oberbürgermeister, klatscht in beiden Zeitungen gleich. Es ist einfach immer wieder schön zu sehen, dass eine Gazette so tut als wäre sie zwei. Das ist wichtig, wegen der Presse- und Meinungsvielfalt. (18.07.2017)


Landesregierung zu Fahrverboten: Aus Ja wird Jein

Vier Tage vor dem nächsten Termin am Stuttgarter Verwaltungsgericht in Sachen Feinstaub steigt die Nervosität. "Bei der Diskussion um den Luftreinhalteplan steht der Gesundheitsschutz der Bürger im Vordergrund und das Gebot, die Luft, die wir alle atmen, sauber zu halten", sagt Andreas Schwarz, Fraktionschef der Grünen um Landtag. Und doch muss er zusehen, wie seiner Partei die schärfste Maßnahme, die Möglichkeit, Straßen an Feinstaubtagen für den Verkehr zu sperren, aus der Hand geschlagen wird. Bereits Anfang Juli hatte Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) darüber informiert, dass er streckenbezogene Fahrverbote für rechtlich nicht zulässig hält, wenn durch die Kombination dieser Straßen de facto eine Fahrverbotszone gebildet wird. Dementsprechend sah der Anwalt des Landes jetzt die Notwendigkeit, dem Verwaltungsgericht im Vorfeld des Verfahrens am kommenden Mittwoch mitzuteilen, dass am Instrument der Fahrverbote nicht weiter festgehalten wird.

Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) will im Kabinett am Dienstag dagegen durchsetzen, im Luftreinhalteplan einen solchen Rückzieher nur für den Fall festzuschreiben, dass die Nachrüstung älterer Diesel-Fahrzeuge jenes Minus an Emission bringt, das auch Fahrverbote bringen würden. "Der Luftreinhalteplan, wie er von beiden Koalitionspartnern und den betroffenen grün- und CDU-geführten Ministerien vorgesehen ist", erläutert auch Schwarz, "macht noch einmal klar: Verkehrsbeschränkungen würde es dann geben, wenn die Nachrüstung verschleppt wird oder nicht die erwartete Wirkung bringt." Und der Kirchheimer Abgeordnete, der die Fraktion seit gut einem Jahr führt, spielt den Ball zurück an Dobrindt: Jetzt sei der Bund in der Pflicht, denn der müsse "dringend alle technischen und rechtlichen Fragen zur Nachrüstung für verbindlich erklären und die Blaue Plakette einzuführen, denn sie ist das beste Mittel, um allgemeine Fahrverbote zu vermeiden". (15.7.2017)


AfD fühlt sich durch bunte Ballons angegriffen

Eine anonyme Dienstaufsichtsbeschwerde gegen den Rektor des örtlichen Schulverbunds sorgt seit gestern erneut für Turbulenzen in Burladingen. In einem Schreiben behauptet ein anonymer Verfasser, im Namen von zwölf weiteren Eltern zu sprechen, die sich gegen eine Luftballon-Aktion der Burladinger Schulen aussprechen. "Letztlich ging es hier um eine politische Aktion, die gegen die AfD gerichtet war", so der Text, das sei ein "klarer Missbrauch der Kinder für politische Zwecke".

Was war passiert? Am 28. Juni hatten sich mehrere Schulen, Kindergärten, das Theater Lindenhof und mehrere Privatpersonen an der Aktion "Burladingen ist bunt" beteiligt. Mit bunten Luftballons warben die Burladinger für Offenheit und Toleranz in ihrer Stadt, die derzeit gegen ihr rechtes Image kämpft (Kontext berichtete), erst recht seitdem der umstrittene Bürgermeister Harry Ebert Sympathiebekundungen für die AfD verlautbaren lässt. An der Aktion beteiligt waren alle drei Rektoren des Schulverbunds. Doch nur gegen Michael Linzner richten sich die anonymen Vorwürfe.

Für den zuständigen Schulamtsdirektor Gernot Schultheiß in Albstadt ein ungewöhnlicher Fall. Noch nie habe ihn eine anonyme Dienstaufsichtsbeschwerde erreicht, so Schultheiß gegenüber Kontext: "So habe ich ja niemanden, dem ich antworten kann." Ungewöhnlich auch, dass das Schreiben an das Kultusministerium in Stuttgart ging, an die beiden Lokalzeitungen und an das Tübinger Regierungspräsidium. Dringenden Handlungsbedarf sieht Schultheiß allerdings nicht. Kein Kind sei gefährdet, auf keinem der Ballons sei gestanden, "gegen die AfD", das ganze habe in der Pause statt gefunden und keiner habe die Kinder gezwungen, einen Ballon steigen zu lassen. Im übrigen sei Linzner seit Jahrzehnten als engagierter und erfolgreicher Lehrer bekannt, der für seine Überzeugungen stehe und kein Blatt vor den Mund nehme. "Interessant ist", schreibt der Schwarzwälder Bote, "dass Michael Linzner am Wochenende bei der Schulentlassungsfeier Kritik an Bürgermeister Harry Ebert geäußert hatte, weil dieser kurzfristig abgesagt hatte."

Die AfD-Landtagsfraktion sah sich heute zu einer Pressemitteilung herausgefordert: "Die Luftballon-Aktion, an der Michael Linzner als treibende Kraft beteiligt war, richtete sich laut anonymem Hinweis gezielt gegen die AfD". Schulamtsdirektor Gernot Schultheiß sieht auch dies gelassen: "Sicher nutzen das manche nur, um auf sich aufmerksam zu machen." Initiiert hat die Aktion übrigens nicht der Rektor, sondern die Burladinger Bürgerin Tipsy Peucker. (13.7.2017)

Dazu: Rechtsabbiegen in Burladingen, Kontext-Ausgabe 323


Hunde als Soldaten

Große Natur- und Tierfilme, unvergessliche Filmbilder und spannend erzählte Geschichten: 130 Produktionen zu Natur, Tier, Umwelt und Nachhaltigkeit sind beim 16. NaturVision-Filmfestival in Ludwigsburg vom 13. bis 16. Juli (Donnerstag bis Sonntag) in Ludwigsburg zu sehen - beim größten Naturfilmfestival in Deutschland. Neben den Vorführungen im Kino Central gibt es ein Open Air auf dem Arsenalplatz. Dazu ein umfangreiches Programm auch für ganz junge Filmfans.

Schwerpunktthema in diesem Jahr: Die Stadt und das Meer. Gezeigt wird dabei auch der schockierende amerikanische Dokumentarfilm "A Plastic Ocean". Bei den Tierfilmen ist "Hundesoldaten" zu sehen, ein Film der Stuttgarter Regisseurin Lena Leonhardt über Kampfhunde bei der Bundeswehr - ausgezeichnet mit dem renommierten Grimme-Preis. "Unser Filmprogramm will für die Natur begeistern und kritisch informieren.Wir wollen aber auch zeigen, dass ein gesamtgesellschaftliches Umdenken notwendig ist, um neue Wege in Sachen Umwelt und Nachhaltigkeit zu gehen", so Festivalleiter Ralph Thoms. (12.7.2017)

Infos: www.natur-vision.de


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Gerhard Seyfrieds wohl bekannteste und beliebteste Figur: der rauschebärtige Anarcho Zwille, hier in einer Zeichnung von 1977. Bild: Gerhard Seyfried

Gerhard Seyfrieds wohl bekannteste und beliebteste Figur: der rauschebärtige Anarcho Zwille, hier in einer Zeichnung von 1977. Bild: Gerhard Seyfried

Wurde zum Inventar vieler WGs: Seyfrieds erstes Buch "Wo soll das alles enden" (1978; 2015 neu aufgelegt) – eine Sammlung kurzer Comics und Cartoons, die er für das Münchner Stadtmagazin "Blatt" gezeichnet hatte. Bild: Gerhard Seyfried

Wurde zum Inventar vieler WGs: Seyfrieds erstes Buch "Wo soll das alles enden" (1978; 2015 neu aufgelegt) – eine Sammlung kurzer Comics und Cartoons, die er für das Münchner Stadtmagazin "Blatt" gezeichnet hatte. Bild: Gerhard Seyfried

Ausschließlich den Kabbeleien zwischen Linken und Staatsmacht widmet sich der Cartoon-Band "Freakadellen und Bulletten" (1979), hier das Cover-Motiv. Bild: Gerhard Seyfried

Ausschließlich den Kabbeleien zwischen Linken und Staatsmacht widmet sich der Cartoon-Band "Freakadellen und Bulletten" (1979), hier das Cover-Motiv. Bild: Gerhard Seyfried

Wirklich gefährlich erscheinen die Gesetzeshüter dabei selten, wie hier der von einer Sponti-WG unsanft aus dem Haus beförderte "Kontaktbereichsbeamte" im Comic "Invasion aus dem Alltag" von 1980. Bild: Gerhard Seyfried

Wirklich gefährlich erscheinen die Gesetzeshüter dabei selten, wie hier der von einer Sponti-WG unsanft aus dem Haus beförderte "Kontaktbereichsbeamte" im Comic "Invasion aus dem Alltag" von 1980. Bild: Gerhard Seyfried

Bei aller Komik reflektiert Seyfried die Aufrüstung des Sicherheitsapparates und den Überwachungswahn des Staates als Reaktion auf den RAF-Terror – wobei dieser Cartoon von 1978 aktuell wirkt. Bild: Gerhard Seyfried

Bei aller Komik reflektiert Seyfried die Aufrüstung des Sicherheitsapparates und den Überwachungswahn des Staates als Reaktion auf den RAF-Terror – wobei dieser Cartoon von 1978 aktuell wirkt. Bild: Gerhard Seyfried

Mittlerweile herrsche zwischen ihm und der Polizei "Waffenstillstand", so Seyfried. Es würden sich sogar regelmäßig Beamte melden, die alte Polizistenposter kaufen wollen. Bild aus "Wo soll das alles enden" (1978), Gerhard Seyfried

Mittlerweile herrsche zwischen ihm und der Polizei "Waffenstillstand", so Seyfried. Es würden sich sogar regelmäßig Beamte melden, die alte Polizistenposter kaufen wollen. Bild aus "Wo soll das alles enden" (1978), Gerhard Seyfried

Mit dem Vorschuss zu "Wo soll das alles enden?" reist Seyfried 1978 nach San Francisco, wo er mit den Comiczeichnern Gilbert Shelton und Paul Mavrides ("Freak Brothers") arbeitet. Bild: Coffeehouse-Skizze, Berkeley; Gerhard Seyfried

Mit dem Vorschuss zu "Wo soll das alles enden?" reist Seyfried 1978 nach San Francisco, wo er mit den Comiczeichnern Gilbert Shelton und Paul Mavrides ("Freak Brothers") arbeitet. Bild: Coffeehouse-Skizze, Berkeley; Gerhard Seyfried

In Kalifornien entstehen Unmengen von Comics und Skizzen, darunter auch Gebäudestudien wie die Top-Dog-Bude in Berkeley. Bild: Gerhard Seyfried

In Kalifornien entstehen Unmengen von Comics und Skizzen, darunter auch Gebäudestudien wie die Top-Dog-Bude in Berkeley. Bild: Gerhard Seyfried

Neuer Stil: In den 1990ern veröffentlicht Seyfried gemeinsam mit Ziska Riemann die dystopischen Comicbände "Future Subjunkies" (daraus das Bild) und "Space Bastards", die Themen wie "Virtual Reality" vorwegnehmen. Bild: Seyfried / Ziska

Neuer Stil: In den 1990ern veröffentlicht Seyfried gemeinsam mit Ziska Riemann die dystopischen Comicbände "Future Subjunkies" (daraus das Bild) und "Space Bastards", die Themen wie "Virtual Reality" vorwegnehmen. Bild: Seyfried / Ziska

Seyfrieds Gespür für den gediegenen Wort-Bild-Kalauer blieb bestehen, wie hier in einer 2001 für die Schweizer Zeitschrift "Hanf" erstellten Neuversion eines alten Cartoons. Bild: Gerhard Seyfried

Seyfrieds Gespür für den gediegenen Wort-Bild-Kalauer blieb bestehen, wie hier in einer 2001 für die Schweizer Zeitschrift "Hanf" erstellten Neuversion eines alten Cartoons. Bild: Gerhard Seyfried

Tagesaktuelle politische Cartoons wie diesen von 2014 veröffentlicht Seyfried vor allem auf seiner Facebook-Seite, da es, wie er sagt, "keine Zeitung gibt, die sie will". Bild: Gerhard Seyfried

Tagesaktuelle politische Cartoons wie diesen von 2014 veröffentlicht Seyfried vor allem auf seiner Facebook-Seite, da es, wie er sagt, "keine Zeitung gibt, die sie will". Bild: Gerhard Seyfried

Der Künstler mit Stift, Foto von 2012. Bild: Meisterstein

Der Künstler mit Stift, Foto von 2012. Bild: Meisterstein

Ausgabe 249
Schaubühne

Pop! Stolizei!

Von Oliver Stenzel (Text), Gerhard Seyfried (Bilder)
Datum: 06.01.2016
Mit seinen Comics voll bekiffter Freaks und tumber Polizisten wurde Gerhard Seyfried zum zeichnerischen Chronisten der APO-Zeit. Nun widmet sich das Frankfurter Caricatura-Museum in einer Ausstellung dem Werk des Wahlberliners. Eine zwerchfellerschütternde Zeitreise.

Wer in den 1970ern und 1980er Jahren sozialisiert wurde und auch nur ansatzweise eine Nähe zur linken, alternativen Szene hatte – also im damaligen Sprachgebrauch zu den "Tagedieben" und "Bombenlegern" zählte –, der kennt mit einiger Sicherheit Gerhard Seyfrieds Comics und Karikaturen. Denn Seyfried war so etwas wie der zeichnerische, mit reichlich Sprachwitz gesegnete Chronist der APO-Zeit und der Sponti-Szene. Seine knollennasigen Freaks, Hippies und Anarchos und deren immer etwas dämlich wirkende Widersacher von der Polizei bevölkerten nicht nur Comicbände, sondern auch massenhaft Aufkleber, Plakate sowie Schüler- und Studentenzeitungen. Aus Seyfrieds Figuren wie dem rauschebärtigen Anarchisten Zwille wurden zigfach kopierte Ikonen, aus manchen Sprechblasentexten geflügelte Worte ("Pop! Stolizei! Äh: Stei! Polizop!").

Es waren vor allem drei kurz hintereinander erschienene Bände, die den Kultstatus des 1948 in München geborenen, seit 1976 mit kurzen Unterbrechungen in Berlin lebenden Seyfried begründeten: "Wo soll das alles enden" (1978), eine Zusammenstellung seiner Karikaturen und Comics für das Münchner Stadtmagazin "Blatt", "Freakadellen und Bulletten" (1979), eine Sammlung von Polizei-Cartoons, und "Invasion aus dem Alltag" von 1980, sein erster Comic in Albumlänge. In Letzterem schildert er die Erlebnisse einer latent bekifften Berliner Sponti-WG bei ihrer vermeintlichen Begegnung mit Außerirdischen, karikiert dabei mit reichlich Selbstironie die Alternativ-Szene, macht sich unter anderem über die "Freak-Aristokratie" lustig – aber noch mehr, erneut, über ausgesprochen tumbe, paranoide und schießfreudige Gesetzeshüter.

Mittlerweile habe sich sein Verhältnis zur Polizei beruhigt, sagt Seyfried, es herrsche "Waffenstillstand". Und es sei ja auch nicht so, dass die ganze Truppe komplett humorlos sei. "Ich hatte eine Zeitlang sehr viele Fans bei der Polizei – die hab ich immer noch, aber die sind jetzt meistens in Pension. Und es kam schon vor, dass Polizisten bei mir auftauchten und fragten, ob sie noch dieses oder jenes Polizeiplakat haben könnten." Das passiere inzwischen zwar seltener, aber immer noch regelmäßig, und er helfe dann natürlich gerne mit dem gesuchten Stück aus, sofern er noch eines habe.

Die Jahre des größten Ruhms als Comiczeichner sind indes schon ein Weilchen passé. "Wo soll das alles enden" verkaufte sich mit allen Neuauflagen rund 500 000 Mal, "Invasion aus dem Alltag" immerhin 200 000 Mal – für deutsche Comics heute völlig unvorstellbare Auflagen. 1990 erhielt Seyfried noch den Max-und-Moritz-Preis, die höchste deutsche Auszeichnung im Comicbereich, doch in den darauf folgenden Jahren verhielten sich Käufer und Kritiker zurückhaltender. Fast scheint es, als habe sich die Orientierungslosigkeit der deutschen Linken nach Mauerfall und Ende des Kalten Krieges auch auf die Wertschätzung ihres einst liebsten Zeichners ausgewirkt. 

Seyfried will Neues ausprobieren – und verschreckt Fans

Wobei Seyfried damals ohnehin Neues ausprobieren, von Knollennasen und abgegrasten Themen wegkommen wollte. 1991 und 1993 erschienen, gemeinsam mit der Berliner Künstlerin Ziska Riemann verfasst, die Comicbände "Future Subjunkies" und "Space Bastards": Keine überdrehten Freaks-und-Bullen-Geschichten mehr, sondern eine dystopische Zukunftsvision irgendwo zwischen Ridley Scotts "Blade Runner" und William Gibsons Cyberspace-Romanen. Abgründig düster und mit nur wenigen bösen Gags, dazu mit einem neuen, abstrakteren Zeichenstil – "das war ein großer Schock für meine Fans", lacht Seyfried heute. Es folgten nur noch drei Comicbände seitdem, "Let the Bad Times Roll" (1997), "Starship Eden" (1999) und "Kraft durch Freude" (2010). Wird es noch einmal einen neuen Seyfried-Comicband geben? Geplant habe er Unmengen, sagt der Zeichner, aber er könne das nicht mehr alleine finanzieren. "Und die Vorschüsse der Verlage sind, höflich ausgedrückt, lachhaft." 

In den letzten Jahren hat sich Seyfried dafür verstärkt aufs Verfassen akribisch recherchierter historischer Romane verlegt. Den Anfang machte 2003 "Herero": Von einer Vortragsreise 1999 nach Namibia inspiriert, schildert er die Niederschlagung des Herero-Aufstands 1904 durch deutsche Kolonialtruppen. Mit der Spätphase des Deutschen Kaiserreichs beschäftigen sich auch "Der Aufstand der Boxer" (2008) und der Spionageroman "Verdammte Deutsche" (2012). Eine weitgehend autobiografische Geschichte über die linke Szene Münchens und Berlins Anfang der 1970er-Jahre erzählt er dagegen in "Der schwarze Stern der Tupamaros" (2004). 

Unterm Strich erfuhr Seyfried für seine Romane viel Kritikerlob, merkte aber auch, dass er davon genauso wenig wie von Comics allein leben konnte. Beides sei "ein teures Hobby", über die Runden komme er vor allem durch Auftragsarbeiten. Dazu gehörten in den letzten Jahren auch Wahlplakate für den Berliner Grünen-Bundestagsabgeordneten Christian Ströbele – auch wenn er ansonsten für die Grünen nicht mehr arbeiten will, "seitdem die zu Kriegseinsätzen Ja sagen." Aber Ströbele sei in seiner Partei eine Ausnahme, "der Last Man Standing". Zuletzt hat er auch für die Linke Wahlplakatmotive gemacht, weil die als "letzte Partei konsequent gegen Krieg ist", doch im Grunde halte er sich von politischen Parteien fern. "Ick hab mich immer als Anarchist bezeichnet", sagt Seyfried, in dessen Sätze sich trotz der im Vokabular spürbaren knapp 40 Berlin-Jahre immer wieder der melodische Münchner Akzent einschleicht. Ein so dezenter wie charmanter Sprach-Anarchismus.

Nun widmet sich das Frankfurter Caricatura-Museum in einer großen Ausstellung dem reichen zeichnerischen Schaffen des 67-Jährigen. Nicht die erste Werkschau, aber die bislang "größte und schönste", wie Seyfried betont, und die erste, die derart gründlich sein Werk reflektiere. Auf zwei Etagen werden frühe bis aktuelle politische Cartoons, Skizzen, Auszüge und Materialien zu seinen Comics, großformatige Wimmelbilder oder Plakate gezeigt, aber auch seine Anfangswerke aus der Werbegrafik und kuriose Gimmicks wie ein Polizeiautobastelbogen.

Von RAF bis NSU: Die Comics werden als Quellen wichtig

Die Frankfurter Schau macht auch deutlich, dass die Werke des Meisters so langsam als Quellen wichtig werden. "Wenn künftige Generationen von Soziologen das linksalternative Milieu der Siebziger- und Achtzigerjahre des 20. Jahrhunderts ergründen wollen, werden sie um das Gesamtwerk von Gerhard Seyfried nicht herumkommen. Es ist eine Fundgrube an gezeichneten Dokumenten und Analysen", schrieb bereits 2007 völlig zu Recht Lars von Törne im Berliner "Tagesspiegel".

In diesem Sinne wäre beispielsweise Seyfrieds "Wo soll das alles enden" sehr als Begleitlektüre zur bis vor knapp zwei Jahren im Stuttgarter Haus der Geschichte gezeigten RAF-Ausstellung zu empfehlen gewesen. Denn zu den dort etwas unterbelichteten Aspekten der Einschränkung der Grundrechte als Reaktion auf den Terror sowie der Aufrüstung des Sicherheitsapparates finden sich bei Seyfried ein paar sehr pointierte Reflexionen – mal von schwärzestem Humor geprägt, mal hemmungslos kalauerig. Einige Karikaturen zum Überwachungswahn des Staates könnte man auch heute wieder ohne größere Veränderungen veröffentlichen. Seyfried wurde damals selbst zur Sympathisanten-Szene gerechnet und musste regelmäßig Hausdurchsuchungen über sich ergehen lassen – nach eigenen Angaben mindestens 20 –, weil er mit Fritz Teufel und Juliane Plambeck befreundet war, beide Mitglieder der Bewegung 2. Juni. 

Das größte Vergnügen bei Seyfrieds Comics sind oft eher die kleinen Details, und mitunter kriegt man dabei auch Gänsehaut. In "Flucht aus Berlin" (1990) etwa lässt er die Protagonisten in der Berliner Kanalisation auf einen vergessenen Bunker stoßen, in dem ein Häuflein nach 1945 übrig gebliebener alter sowie einiger junger Nazis über eine erneute Machtergreifung fantasieren und dabei ihre Unterstützer in der Oberwelt aufzählen – übliche Verdächtige wie NPD, DVU, FAP und Wiking-Jugend sind dabei, aber auch "'Augenbraue' mit seiner NSU". NSU?! In einem Comic von 1990? Nur die Ruhe. Zumindest Zeitgenossen dürften noch draufkommen, dass "Augenbraue" der frühere CSU-Vorsitzende Theo Waigel sein muss – zumal die von der NSU schwärmende Comicfigur bayrische Tracht trägt – und das christliche "C" im Parteinamen kurzerhand durch ein nationales "N" ersetzt wurde. Aber Historiker späterer Generationen sind bei der Dechiffrierung nicht zu beneiden.

Info:

"Seyfried", Caricatura-Museum frankfurt – Museum für komische Kunst, Weckmarkt 17, 60311 Frankfurt am Main; noch bis zum 24. Januar; vorgezogene Finissage (Künstler ist anwesend) am 21. Januar, 19 Uhr. Mehr dazu unter diesem Link.

Gerhard Seyfrieds Homepage.


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Ausgabe 327 / Post an den MP / Monika Kremmer / vor 1 Tag 15 Stunden
Großartig ironischer Brief. Danke!



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