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Esslingen erfindet sich neu

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 Fotos: Joachim E. Röttgers 

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Lange Zeit war Esslingen gegenüber Stuttgart die größere und wichtigere Stadt im mittleren Neckarraum. Und eigentlich ist die Stadt ganz hübsch. Der mittelalterliche Kern, von Kriegszerstörungen verschont, bestimmt bis heute das Bild der Stadt und über allem trohnt die Burg, das Esslinger Wahrzeichen. Doch nun hat ausgehend vom Bahnhof der Stadtumbau begonnen.

Wie im Monopoly-Spiel schieben die Planer Häuser und Hotels, den Busbahnhof und die Hochschule auf dem Stadtplan hin und her. Wie im Monopoly-Spiel geht es dabei auch um Geld. Viel hat die Stadt der Deutschen Bahn zum Beispiel für das ehemalige Güterbahnhofsgelände bezahlt, so viel, dass angeblich kein Geld mehr übrig ist für geförderter Wohnraum. 10 Prozent Ein-, 50 Prozent Zwei- und nur 40 Prozent Dreizimmerwohnungen sollen auf dem Gelände entstehen, die ein Investor einzeln verkaufen und dann selbst verwalten will - mit garantierten Renditen.

Keine Sozialwohnungen, keine Baugemeinschaften, keine Mehrgenerationenhäuser: "Vorsichtig ausgedrückt scheint es ziemlich unsicher, dass die 'Jahrhundertchance' einer vielfältigen und attraktiven Stadterweiterung auf dem Gelände des aufgelassenen Esslinger Güterbahnhofs optimal genutzt wird", meint dazu der Planungsbeirat.

Seit dreißig Jahren hat Esslingen ein solches ehrenamtliches Beratungsgremium, als eine der ersten Städte in Baden-Württemberg. Die fast zwanzig Architekten befürchten, dass "undifferenzierte Monostrukturen entstehen und auch eine soziale Ausgewogenheit nicht zu erwarten ist."

Ursprünglich waren 600 Wohnungen geplant, nun will die Stadt aber im letzten der vier Baublöcke die Hochschule ansiedeln. Gefördert vom Land, welches das Grundstück im Tausch gegen den bisherigen Standort auf der Flandernhöhe erwirbt. Dort soll ein Wohngebiet entstehen. 6,7 Hektar Bauland stehen zur Verfügung. Gedacht ist an 400 bis 450 Wohneinheiten für 1000 Personen: also wiederum fast nur Ein- und Zweipersonenhaushalte.

Wer am Bahnhof ankommt, betritt die Stadt unter einem eleganten, leicht gewellten Dach. Da zwei Gleise wegfielen, verläuft die Straße nun zwischen Bahnhofsgebäude und Schienen. Der Zentrale Omnibusbahnhof (ZOB) ist näher an den Bahnhof gerückt.

Ankommen, umsteigen, weiterfahren: Ein integrierter Taktfahrplan sorgt für reibungslosen Anschluss von und zur S-Bahn nach Stuttgart. Zwei Minuten Verspätung aus Stuttgart sind einkalkuliert.

Schon am Bahnhofsvorplatz sind den Planern aber die Ideen ausgegangen: Eine kahle Fläche; viel leerer Raum, aber kaum Platz für Taxis; als Krönung in der Mitte ein schwarzes Klohäuschen.

Radiofachgeschäfte in Nebenstraßen können mit dem neuen Saturn am Bahnhof nicht mithalten.

Einsam und verloren steht das Alte Zollamt als letztes Überbleibsel auf dem ehemaligen Güterbahnhofsareal. Hier hätte nach einem Gemeinderatsbeschluss 2008 das Kulturzentrum Dieselstraße einziehen sollen. Doch dann kam die Finanzkrise. Ein anonymer Spender bot eine halbe Million Euro: Aber es half nichts. Das Kulturzentrum blieb an seinem alten Standort und hat nun das Problem, dass sein Publikum altert. Junge Besucher wären auf dem Güterbahnhofsareal leichter zu erreichen gewesen.

Hinter RVI verbergen sich die Raiffeisen- und Volksbanken aus dem Saarland. Die Wohnungen in der Weststadt von Esslingen will RVI einzeln verkaufen und selber verwalten. Zehn Jahre lang garantiert der Investor den Käufern stabile Renditen. Derweil bleibt unsicher, ob sich ein von RVI geplantes Hotel am Bahnhof wirklich lohnt.

Denn auch am ehemaligen ZOB soll ein Hotel entstehen. Der Betreiber des Parkhauses will das Areal übernehmen, der Rewe-Supermarkt, derzeit etwas abgeschirmt, soll näher an die Stadt heranrücken. Die Verwaltung verhandelt, der Gemeinderat darf nur noch abnicken.

Schönes mittelalterliches Fachwerkhaus? Die Alte Zimmerei auf der Neckarinsel entstand 1936 als Handwerksbetrieb eines Zimmermanns. Das vor kurzem renovierte Gebäude beherbergt nun eine Systemgastronomie: Allein in Deutschland betreibt L'Osteria Pizzerien an 44 Orten Restaurants. Ständig ist Hochbetrieb.

Marktplatz, Weinberg und Burg: So präsentiert sich Esslingen den Touristen. Die zwei Gebäude im Bildzentrum sind vor kurzem vorbildlich renoviert worden und beherbergen nun ein immer volles Café. Oben am Wahrzeichen, der Burg, häufen sich die Leerstände. Als der letzte Pächter des Restaurants "Dicker Turm", früher die erste Adresse der Stadt, 2012 aufgab, fand sich kein Nachfolger. Nun will die Initiative Turmwächter den Turm neu beleben. Auch die Hochwacht, links, steht leer. Hier hatten zu verschiedenen Zeiten die Maler Volker Böhringer und Heribert Glatzel ihr Atelier.

In der Nachkriegszeit wurde in die erhaltene mittelalterliche Bebauung die Ringstraße geschlagen. Sie gilt als größte Bausünde der Stadt. Als sich kürzlich herausstellte, dass die marode war, wurde sie schnell repariert. Dabei will Esslingen eigentlich den Umweltverbund stärken, also Fußgänger, Radfahrer und öffentlichen Verkehr.

Auch für den Fußgängersteg, der an der Frauenkirche die Ringstraße überbrückt, hatte die Stadt bisher kein Geld übrig. Wanderer, die durch die Weinberge nach Esslingen kommen, betreten die Stadt nun im Urinduft einer engen Unterführung.

2003 fusionierte das Esslinger Traditionsunternehmen Boley mit der europäischen Tochter des japanischen Unternehmens Citizen, beide Spezialisten für CNC-Langdrehmaschinen. Die Produktion findet seither in Japan statt. Die 38 Mitarbeiter in Esslingen sind nur noch für Vertrieb, Service und Ersatzteile zuständig. Die alten Ziegelbauten der Gründerzeit wurden abgerissen. Hier soll noch ein Hotel entstehen. Ein Betreiber lässt auf sich warten: Bestehende Hotels wie das Best Western im Neckarforum sind nur zu 60 Prozent ausgelastet.

Das ehemalige Studentenwohnheim hat das Wohnbauunternehmen Metzger & Co. erworben. Eine Ziegelfassade soll Bezug auf die Architektur der angrenzenden Weststadt nehmen. Die Eternitschindeln kommen weg. Metzger & Co will selbst in das Hochhaus einziehen. Entlang des Rossneckars will die Schwestergesellschaft Büroma-Apart Suites "anspruchsvolles Wohnen auf Zeit" anbieten: "hochwertigst komplett möblierte und eingerichtete Apartments".

Die Schelztorhalle auf der anderen Straßenseite, im September ein paar Tage lang Flüchtlingsunterkunft, gehört mit ihrem geschwungenen Sheddach zu den schöneren modernen Bauten Esslingens. Kürzlich erwog die Stadt den Abriss, aber ein Neubau wäre zu teuer gewesen.

So präsentiert sich der neue Bahnhofsvorplatz von Stadtseite: Am schwarzen Klohäuschen führt kein Weg vorbei.


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6 Kommentare verfügbar

  • S21-Nein-Danke
    am 29.12.2015
    Antworten
    Wo man hinschaut, sieht man Bausünden - sogar solche, die prämiert werden. Der Scharnhauser Park ist baulich ein "Wohlstandsghetto" - eine Wohnwüste in der die Natur wenig bis keinen Raum hat. Außer diese durchdesignten Säuleneichen und andere Kleinstbäume, die zum Klimaschutz nichts beitragen…
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