Ausgabe 242
Schaubühne

Von der Poesie des Unsinns

Von Anna Hunger (Text), Martin Stiefel und Wolfram P. Kastner (beide Video)
Datum: 18.11.2015
Der Berliner "Tagesspiegel" nennt sie "Plage" und "Bild" forderte sogar einen "Blow-Stop!". Laubbläser haben keine gute Lobby. Die ILFA (International Federation of Leafblow Association), zu Deutsch: der Welt-Laubblas-Verband, mit Sitz in München möchte das ändern.

Umweltverbände klagen über weggepustete Kleinstorganismen und – im Falle des Laubansaugens statt -blasens – zerhäckselte Igel. Feinstaubgegner gehen auf die Barrikaden, weil die Laubbläser mit Pustgeschwindigkeiten von teils dreihundert Kilometer pro Stunde (vgl. einen Porsche 911, getunet) massenhaft Staub, Pollen und Mikroorganismen aufwirbeln. Laubbläser sind zudem gefährlich: Es sollte nur mit Atemschutzmaske gearbeitet werden, ein Ganzkörperschutzanzug wird auch empfohlen – gegen umherfliegende Steine und Unrat. Gehörschutz ist bei bis zu 120 Dezibel Lautstärke (vgl. Presslufthammer) absolut notwendig für den Laubbläserführer. Und eigentlich auch für seine Umwelt.

Das, weiß Martin Stiefel von der ILFA, sei eines der größten Probleme der Laubbläser-Gemeinschaft. Der unsagbare Lärm. Erst kürzlich kürte die "Süddeutsche Zeitung" den Laubbläser zu den "ärgerlichsten Gegenständen der Gegenwart". Laut der Umfrage eines Hörgeräte-Herstellers steht das Laubblasen an fünfter Stelle der unbeliebtesten Geräusche des Landes – geschlagen nur von "schrillen Frauenstimmen" und "Besteck, das über Porzellan kratzt". Im österreichischen Graz sind Laubbläser sogar ob der Lärmentwicklung verboten. Wer trotzdem bläst, zahlt Strafe.

Laubbläser haben keine gute Lobby. Außer in den USA, berichtet die "Huffington Post". Da würden die Laubbläser-Gegner von der Laubbläser-Befürwortern als Rassisten diffamiert, seien doch die Beschwerdeführer oft reich und weiß und die Laubbläser Latinos aus den unteren Einkommensschichten.

In Deutschland allerdings ist einzig NDR Extra 3 aufseiten der Bläser. Diesem Trauerspiel möchte der Welt-Laubblas-Verband mit einem einzigartigen, sportlichen Großevent ein Ende setzen. Es soll sichtbares, fühlbares und hörbares Zeichen sein für eine gesellschaftliche wie politische Anerkennung der Laubbläserei, für eine höhere Wertschätzung der Laubbläser-Führer und gegen deren Stigmatisierung.

Am Freitag, den 12. August 2016, findet in München im Marienhof von 11 bis 13 Uhr (dann Mittagsruhe) und von 14 bis 16 Uhr die International Leaf Blowing Competition statt. Weltweit zum ersten Mal richtet der Welt-Laubblas-Verband um die beiden Künstler Martin Stiefel und Wolfram Kastner ein Geschicklichkeits- und Geschwindigkeits-Rennen aus. "Der Einsatz von Laubbläsern erscheint vielen als Umweltbelastung, als völlig unnötig und absurd", schreiben die Veranstalter. "Den Vorwurf der Absurdität greifen wir in diesem Projekt auf und verbinden sie mit verschiedenen Aspekten wie Effizienz, Geschicklichkeit und Geschwindigkeit."

Drei Wettbewerbe wird es geben. Den leichten Parcours mit einem Zehn-Stationen-Slalom – die Anforderung: ein Blatt vom Start über 50 Meter ins Ziel blasen, einen Hindernis-Parcours mit Hürden, Röhren und Toren über 50 Meter Distanz für Ehrgeizige und das 100-Meter-Zeit-Blasen. Auf zwei nebeneinanderliegenden Bahnen treten die LaubblasgeräteführerInnen in Ausscheidungswettbewerben gegeneinander an. Die jeweiligen SiegerInnen kommen eine Runde weiter. Den WettbewerbssiegerInnen winken Prämien.

Eingeladen sind Gartenbesitzer, Hausmeister, Parkanlagenpfleger, Grünflächenbetreuer, Friedhofsgärtner, Freiflächen-, Biergarten- und Landschaftsreiniger aus ganz Deutschland. Vor allem Laubbläserinnen sind herzlich willkommen, denn: "Laubblasen ist tatsächlich noch eine Männerdomäne", sagt Martin Stiefel. "Dieses phallische Rohr, das da so ein Mordsgetöse macht, ist doch sehr männlich." Zugegeben, sagt Stiefel, Laubblasgeräte seien durchaus martialisch angesichts des zarten Blattmaterials, das sie da fortpusten. "Aber dennoch: es ist eine reine Freude, Laub zu blasen", schwärmt er von seinem Selbstversuch.

Und darum geht es bei der International Leaf Blowing Competition: Vorurteile abzubauen. "Jeder kann sich dort aktiv einen Eindruck verschaffen, der auch eine erfahrungsgeleitete Beurteilung ermöglicht."

Veranstalter Stiefel rät, sich schon jetzt nach einem passenden Blatt umzusehen. Zwar wird sich die Organisation um einen ausreichenden Vorrat kümmern, aber das Blatt verhält sich zum Laubbläser wie der Ball zum Minigolfer: Gutes Sportgerät trennt auch hier die Spreu vom Weizen. "Es sollten Herbstblätter sein, die eignen sich am besten", sagt Stiefel. "Bunt, aber trotzdem stabil. Am besten blasen sich solche Blätter, die relativ frisch vom Baum gefallen sind. Gerade ist eine sehr gute Zeit, eines zu sammeln." Die Konservierung bis Mitte 2016 sei allerdings anspruchsvoll, da sei er selbst noch in der Findungsphase.

Über unzulässiges und wettbewerbsverzerrendes Geräte-Tuning oder gar Blatt-Doping machen sich die Veranstalter derzeit noch keine Sorgen. "Momentan sehe ich das Problem noch nicht. Aber natürlich, wenn sich die International Leaf Blowing Competition zu einem internationalen Phänomen auswachsen sollte, kann es schon sein, dass da Leute mit Turbo-Blättern antreten. Dagegen müssen wir vorgehen, wenn es an der Zeit ist."

 

Hier gibt's mehr vom Laubbläser-Künstler Martin Stiefel.


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