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Manchmal bleibt keine Gelegenheit für eine letztes Lebewohl.

Herr Degen erzählt gerne Geschichten. Auch die, dass er SS-Mitglied war. Sicher ist hingegen, dass er für Frau Lechner alle Einkäufe erledigt hat, so lange sie lebte.

Frau Weiss lebt noch in ihrer Wohnung. Sie weiß nicht, welches Jahr wir haben, welche Jahreszeit oder welchen Wochentag. Sie hat ihre Erinnerungen verloren.

Frau Fink wartet Tag für Tag auf ihren Sohn. Darauf, dass er nach Hause kommt.

Freitags stinkt es nach Fisch.

Die einzige Tochter von Frau Lechner starb schon vor langer Zeit.

Nach den Mahlzeiten fragt Herr Feller nach der Bedienung. Er will die Rechnungen bezahlen. Manche Krankenschwestern lächeln dann. Ein rührender Mann.

"Ich werde bald sterben."

1942 war Frau Licht 18 Jahre alt und lebte noch im Elternhaus. Ihr Vater stellte Apfelwein her, mit den Äpfeln aus dem Obstgarten. Niemand hat das Zeug je trinken wollen, bis die Russen kamen.

Frau Schauseil hat es geliebt, mir von ihrer Lebensweise zu erzählen: "Joschi, wo soll ich denn noch hin in diesen Tagen" – so fing sie für gewöhnlich an. Als ich sie das letzte Mal besuchte, war ihre Tür verschlossen und sie von uns gegangen.

Früher war Frau Fein einmal sehr beliebt. Heute ist sie es nicht mehr.

Frau Raab will nach Hause.

Einige Erinnerungsstücke an lange vergangene Zeiten hängen noch in den Appartements.

"Als mein Mann noch lebte, war alles noch viel besser. Er starb vor 13 Jahren. Manchmal bleibt keine Gelegenheit für ein letztes Lebewohl."

Ausgabe 239
Schaubühne

"Ich habe so viel gesehen und noch zu wenig"

Von Zoltán Jókay (Text und Fotos)
Datum: 28.10.2015
Zunächst arbeitete unser Autor als Quartierbetreuer in einer Münchener Sozialbausiedlung. Er war Ansprechpartner für Menschen, die dort Hilfe suchten. Als seine Stelle gestrichen wurde, ließ er sich zum Demenzbetreuer fortbilden und arbeitet seitdem in einem Pflegeheim. Hier berichtet er von seiner Arbeit.

Anfangs hatte ich kein besonderes Interesse an alten Menschen. Lebensnotwendigkeiten haben mich schließlich als Demenzbetreuer in ein Alten- und Pflegeheim gebracht. Nach einiger Zeit habe ich bemerkt, dass mich die alten Menschen mit allen ihren Eigentümlichkeiten in meinem Innersten anrühren.

Diese Menschen sind am Ende ihres Lebens. Sie befinden sich in einer Notlage. Das macht den Kontakt mit ihnen auf eine besondere Weise intensiv und nicht alltäglich. Sie sind Überlebende, die letzten ihres Jahrgangs. Zumeist ist der Partner tot, manchmal sogar das Kind. Es ist kein leichtes Los, in einem Heim zu wohnen. Wenn es möglich wäre, dann würden einfach alle wieder nur nach Hause wollen.

Der Beruf des Pflegers wurde systematisch kaputtgemacht. Es geht nur noch darum, Kosten zu sparen. Die Arbeit mit Alten ist Arbeiten am Fließband. Meine Kollegen sind in Ordnung, aber sie stehen zeitlich und auch sonst unter großem Druck.

Aber die Alten brauchen Zeit. Sie brauchen Langsamkeit und Geduld. Sie brauchen unsere Zuwendung.

An Demenz erkrankt sein, heißt vergessen. Aber der Weg bis zur Auslöschung ist zumeist lang. Und auf diesem langen Weg begegnen uns all diese Menschen mit ihren Eigenheiten, Schwächen und bewundernswerten Stärken.

An Demenz erkrankte Menschen werden oft unterschätzt. Sie sind immer mehr als das, was sie zu sein scheinen.

Letzte Woche hat mir eine Frau, die bei komplizierteren Erzählungen schon nicht mehr die Worte findet, diesen einfachen, klugen Satz gesagt: "Ich habe so viel gesehen und noch zu wenig."

Und das finde ich bemerkenswert.

 

Zoltán Jókay zeigt in der Ausstellung "Mrs Raab wants to go home" Fotografien, die er in den Jahren 2009 bis 2012 aufgenommen hat. Sie sind bis 28. Februar 2016 montags bis samstags 8 bis 20 Uhr im Kloster Obermarchtal zu sehen.


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3 Kommentare verfügbar

  • Rolf Steiner
    am 30.10.2015
    Mein Vater hat bis zu seinem Tod filterfrei geraucht. Der Arzt, der ihn behandelte, sagte mir: "... was wollen wir bei Ihrem Vater noch erreichen außer einem friedlichen Lebensabend und den sollte er mit seinen Orient-Zigaretten genießen."

    Ich habe vor 20 Jahren das Rauchen aufgegeben, aber ich hasse es, wenn fanatische Nichtaucher ihr Feindbild kultivieren und sich in unkultivierten Hassausbrüchen hochkochen wollen.
  • Rosalinde
    am 30.10.2015
    1. Das Ex-Raucher immer am lautesten schreien...

    2.. Ich finde das Foto gelungen, weiß jetzt auch nicht ob Kontext schon oft Kippen-Bilder hatte.

    3. Sie sollten den Mailanbieter wechseln.
  • mit Kippen-Klick zur Fotostrecke
    am 29.10.2015
    Eigentlich habe ich keine Lust jedes Mal wenn ich diese Kontext aufschlage eine Kippe im Mund eines abgemergelten kranken Altersheim-Model zu sehen. Kriegt ihr für die Abbildung von Rauchern auf Seite1 eigentlich Geld für Schleichwerbung vom Verband der Zigarettenindustrie? Bei Fußballkameramännern und Regisseuren scheint es ja so zu sein. An WM-Löw mit glühender Kippe in der VIP-Lounge oder Effenberg mit Kippe und Bier (zuletzt gesehen bei gmx.de) kommt ihr zwar nicht dran, aber mich nervt als Ex-Süchtiger auch dieses Bild schon. Lasst das, Bitte.

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