KONTEXT Extra:
Klatsche für die AfD

Die "Alternative für Deutschland" (AfD) hat ihre vorübergehende Spaltung im baden-württembergischen Landtag zur Einsetzung des parlamentarischen Untersuchungsausschusses "Linksextremismus in Baden-Württemberg" nutzen wollen. Ihr dies zu verwehren, war nach einer Entscheidung des Verfassungsgerichtshofs vom Mittwoch rechtens. Zwar sei der Ausschuss im August 2016 wie gefordert von zwei – wenn auch nur vorübergehend bestehenden – Fraktionen aus AfD-Mitgliedern beantragt worden, heißt es in der Begründung. Als der Landtag im November 2016 allerdings über die Einsetzung abstimmte, habe es nur noch eine Fraktion gegeben.

Die AfD war mit großen Hoffnungen vor Gericht gezogen und mit der Argumentation, es sei nicht möglich rückwirkend Rechte abzuerkennen. Besonders peinlich für die Rechtspopulisten ist, dass entscheidende Fristen versäumt wurden, um im angestrengten Organstreitverfahren erfolgreich zu sein. Wie das Gericht erläuterte, hätte der Antrag bis zum 10. April 2017 gestellt werden müssen. Sei aber erst am 9. Mai 2017 eingegangen.

Der frühere Innenminister und parlamentarische Geschäftsführer der SPD-Landtagsfraktion sprach von einem "Sieg für den Parlamentarismus", der verdeutliche, dass "die AfD im Unrecht war und die öffentlichen Unterstellungen ausschließlich dazu dienen sollten, das Parlament zu verunglimpfen", sagte Reinhold Gall. "Wir waren von Anfang an der Meinung, dass die AfD nicht von einem Minderheitenrecht Gebrauch machen kann", erinnerte der Grünen-Fraktionsvize Uli Sckerl. Die Frist zu versäumen, stelle zudem "wieder einmal die unprofessionelle und schlampige Arbeitsweise" der AfD-Fraktion unter Beweis. (13.12.2017)


Demo gegen Abschiebungspolitik und Rassismus in Stuttgart

Am vergangenen Mittwoch fand wieder eine Sammelabschiebung nach Afghanistan statt, und obwohl seit dem Bombenanschlag vor der deutschen Botschaft in Kabul im Mai nur noch "Gefährder, Straftäter und hartnäckige Mitwirkungsverweigerer" (Bundesinnenminister Thomas de Maizière) abgeschoben werden sollen, waren unter den 27 Afghanen an Bord des in Frankfurt gestarteten Flugzeugs auch einige, auf die diese Kriterien nicht zutreffen. Um gegen die Abschiebungs- und Abschottungspolitk Deutschlands und der EU sowie die fortschreitende Verschärfung der Fluchtursachen zu protestieren, haben Organisationen aus ganz Baden-Württemberg zu einer Demonstration am Samstag, den 9. Dezember, in Stuttgart aufgerufen, das Motto: "Für eine Welt, in der niemand fliehen muss". Den Veranstaltern geht es dabei auch darum, gegen Rassismus und Racial Profiling zu demonstrieren. Denn "Tag für Tag sind geflüchtete Menschen aufgrund äußerer Zuschreibungen mit rassistischen Vorurteilen konfrontiert, ob bei Behörden, bei der Einreise an den Grenzen oder in ihrem Lebensalltag", sagt Karoline Schneider vom Offenen Treffen gegen Krieg und Militarisierung Stuttgart.

Die Demo beginnt um 14 Uhr in der Lautenschlagerstraße, gegenüber dem Hauptbahnhof, und geht nach einer Zwischenkundgebung am Schlossplatz zur Abschlusskundgebung an der Paulinenbrücke. Unter den RednerInnen sind Seán McGinley vom Flüchtlingsrat BW, der Geflüchtete Sadiq Zartilla aus Afghanistan, der Linken-Bundestagsabgeordnete Tobias Pflüger und die Asylpfarrerin Ines Fischer. Weitere Infos zur Demo gibt es hier. (8.12.2017)


Haus der Geschichte: Geburtstag mit einem Geschenk für alle

Für einen ganz besonderen Tag wartet das "Haus der Geschichte Baden-Württemberg" mit einem ganz besonders Angebot auf: Es feiert am kommenden Mittwoch, den 13. Dezember 2017, seinen 15. Geburtstag - mit freiem Eintritt für alle Interessierten und vielleicht auch für jene, die bisher noch nie ihren Fuß über die Schwelle der Einrichtung gesetzt haben. Kunststaatsekretärin Petra Olschowski spricht von einem "Herzensanliegen". Seit Amtsübernahme sucht sie nach Wegen und Möglichkeiten, "die Museen und Sammlungen im Land einem breiten neuen Publikum zugänglich zu machen". Eine grundsätzliche Lösung für möglichst viele Häuser im Südwesten ist bisher, trotz sprudelnder Steuereinnahmen, allerdings an der Finanzierung gescheitert (Kontext berichtete). Erreicht hat Olschowski immerhin, dass das Landesmuseum Württemberg seine Schausammlung das ganze Jahr 2018 über für Besucher und Besucherinnen öffnet, ohne Eintritt zu verlangen. Untersucht wird parallel, auch dank des finanziellen Engagement der Würth GmbH, wer das neue Angebot warum annimmt. Auf Basis dieser Erkenntnisse will die Staatssekretärin einen weiteren Vorstoß unternehmen, um mehr Häusern die Chance zu bieten, "Barrieren zu senken". Und sie verspricht ein Gesamtkonzept der Landesregierung "zur Öffnung für ganz neue Zielgruppen". (7.12.2017)


Reuter und Hunger sprechen – nicht über VW

Das Reizvolle an dem Abend dürfte sein, dass die Beteiligten wissen, wovon sie sprechen. Anton Hunger, der lesende Autor, war früher Journalist, unter anderem bei der "Stuttgarter Zeitung", danach oberster Öffentlichkeitsarbeiter bei Porsche. Edzard Reuter, der fragende Autor, war einst Daimler-Chef, danach hat er Bücher geschrieben, unter anderem über seine Kaste, die darin nicht so gut weg kam. Und Journalisten kann er eigentlich nicht leiden.

Vor diesem Hintergrund werden die beiden über Hungers neues Buch "Der Pakt mit dem Teufel" (Klöpfer & Meyer) reden, in dem es um Geldwäsche, Korruption und Waffenschieberei geht. Kritisch untersucht vom Journalisten Tom Schollemer, der nicht nur die georgische Mafia, sondern auch noch einen blöden Chefredakteur aushalten muss. Goutiert im Übrigen von Matthias Müller, dem Boss von VW, der das Buch laut "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" mit großem Gefallen gelesen habe – nachdem klar war, dass der Krimi nicht in Wolfsburg angesiedelt ist.

Inwieweit Anton Hunger seine Erfahrungen als Porsches PR-Leiter verarbeitet hat, verrät er nicht. Vielleicht sagt er's seinem Gesprächspartner Edzard Reuter, der ihn gewiss zur Wahrheit ermahnen wird: Beide sitzen im Beirat von Kontext und im Kuratorium der Reportageschule Reutlingen. (3.12.2017)

Termin: Dienstag, 5. Dezember, 19 Uhr, Stiftung Geißstraße, Geißstraße 7 in Stuttgart.


Singen ohne Berührungsängste

Der Hiwar-Chor ist mehr als die Summe seiner einzelnen Stimmen. Hier treffen sich SängerInnen aus Deutschland und dem arabischen Raum. Sie sind Sunniten, Schiiten, Sufisten und Christen, und einer ist seit der ersten Stunde mit dabei: Jörg Lang, Anwalt, Autor und Verteidiger der ersten RAF-Generation. "Wir singen gemeinsam und wir diskutieren gemeinsam", erzählt er. Beides, davon ist er überzeugt, dient dazu, die Berührungsängste zwischen den Kulturen abzubauen. Sie singen Arbeiter- und Liebeslieder, Maria- und Sufiweisen.

Und ohne Samir Mansour wäre das nicht möglich. Der Chorleiter ist gebürtiger Syrer und lebt seit 1998 in Deutschland. Mansour war Mitglied im staatlichen syrischen Symphonieorchester in Damaskus, ist heute Professor für Weltmusik an der Popakademie in Mannheim und musikalischer Leiter des Hiwar-Chors. Er studiert mit den Laien seine Chors die schwierige arabische Musik und die Texte ein. Heute besteht der Chor aus rund 40 deutschen und arabischen SängerInnen, ihre gemeinsame Sprache ist die Musik. Sie singen zur Fastenwoche und zum Fastenbrechen, in Kirchen und in Schulen. Und am kommenden Samstag besingen sie ihr zehnjähriges Bestehen. (1.12.2017)

Jubiläumskonzert des Deutsch-Arabischen Hiwar-Chors am Samstag, 2.12. Beginn 19.30 Uhr, Altes Feuerwehrhaus Süd in Stuttgart Heslach. Eintritt: 12 Euro.


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Das ist Feuerbach: vorne der Bahnhof, oben "der Bosch".

Das ist Feuerbach: vorne der Bahnhof, oben "der Bosch".

Ausgabe 236
Schaubühne

Feuerbach macht sich

Von Dietrich Heißenbüttel, Fotos: Joachim E. Röttgers
Datum: 07.10.2015
Feuerbach, ein beschauliches Weinbauerndorf, wurde durch die Industrialisierung um 1900 in kurzer Zeit zur wohlhabendsten Stadt Württembergs. Nun steht der Ort, heute Stuttgarter Stadtteil, erneut vor einem Wandel: An die Stelle der schlimmsten Dreckschleudern treten Kultur und Wohnungen.

Jahrzehntelang war der Feuerbacher Bahnhof durch das Fabrikgelände der Gebrüder Schoch von der eigentlichen Ortsmitte getrennt. Hartchrom Schoch, nach eigenen Angaben das führende Metallveredelungswerk Deutschlands, lebte wie viele Feuerbacher Betriebe von der Automobilindustrie. Kühlergrill, Scheinwerfereinfassungen, Stoßstangen, Radkappen, Markenemblem – alles musste in den 1950er-Jahren glitzern und glänzen. Was den schicken Karossen nicht anzusehen war: Bei der Produktion entstand auch ein unbeschreiblicher Dreck. Bereits 1975 wurden im Erdboden horrende Chromatwerte gemessen. Da Gerichtsprozesse ohne Erfolg blieben, ließ die Stadt das Grundwasser absaugen und filtern. Erst als Schoch 2004 Insolvenz anmeldete, bot sich die Chance, den Schandfleck zu beseitigen.

Eine bewusste Bodenpolitik stand am Beginn des rasanten Aufstiegs des Weinbauerndorfs zu einer der führenden Industriestädte Württembergs. Durch den Bau des Pragtunnels war Feuerbach seit 1846 mit Stuttgart verbunden. Der Bahnhof lag allerdings etwas entfernt vom heute noch recht beschaulichen Ortskern. Die Stadt kaufte in großem Maßstab Grundstücke links und rechts der Bahnlinie, um diese zu günstigen Preisen an Industriebetriebe weiterzugeben. 128 Unternehmen machten bis 1913 von diesem Angebot Gebrauch. Bosch war der größte Fisch, gefolgt von der Lederfabrik Roser. Die Einwohnerzahl stieg auf das Fünffache. 1907 wurde Feuerbach zur Stadt, 1933 von den Nationalsozialisten nach Stuttgart eingemeindet.

Weichende Industrie macht Platz für Neues

Große Areale sind in den letzten Jahren frei geworden: Roser meldete 1997 Konkurs an. Schoch wurde 2004 von einem Schweizer Konkurrenten übernommen. Zwei Jahre später war das Bauunternehmen Fahrion an der Reihe. Jenseits der Bahnlinie verkündete 2009 der Kühler- und Autoklimaanlagenhersteller Behr, ein wahrer Global Player, seine Stuttgarter Produktion aufgeben zu wollen. In den folgenden Jahren übernahm Mahle sukzessive die Mehrheit der Anteile.

Wo gebaut werden soll, sind die Investoren zur Stelle. Die Politik, vielfach in der Kritik, ist bestrebt, sich von ihrer besten Seite zu zeigen. Feuerbach hat bis heute mehr Arbeitsplätze als Wohnungen. Und eine aktive Bürgerschaft: 445 Mitglieder zählt der sehr rege Bürgerverein. Seit 2010 gibt es das Zukunftsforum, das unter anderem das "begehbare Feuerbacher Gedächtnis" entwickelt hat: Website und Broschüre mit Stelltafeln vor Ort zu mehr als 200 Baudenkmalen und anderweitig interessanten Gebäuden. Eine Arbeitsgruppe erarbeitet eigene Vorschläge zur städtebaulichen Entwicklung. Im Fall der Kreuzung Grazer und Stuttgarter Straße erteilte der Bezirksbeirat diesen freilich nach drei Jahren eine Absage.

Die Stadt Stuttgart steht in Feuerbach wie immer auch vor Interessenkonflikten: Eine "lebendige, attraktive Kulturszene" wünscht sich wohl jeder Abgeordnete. Auch Wohnungen stehen weit oben auf der Agenda, vor allem geförderter Wohnraum. Wenn es aber um den Stadtsäckel geht, kommen plötzlich ganz andere Gesichtspunkte ins Spiel.

Auf dem Krempel-Areal entstehen derzeit 39 Eigentumswohnungen. Geförderten Wohnraum gibt es nicht, das Stuttgarter Innenentwicklungsmodell (SIM) kommt nicht zur Anwendung. Wo im Bebauungsplan drei bis vier Vollgeschosse stehen, zählt eine Gruppe verärgerter Nachbarn jedenfalls nicht weniger als fünf.

An der Ecke Stuttgarter/Tunnelstraße, wo bis 2010 der graue Klotz des Kühlhauses Krempels stand, hatte sich 1863 der erste Feuerbacher Industriebetrieb, die Jobst'sche Chinin-Fabrik niedergelassen. 1927 von Boehringer übernommen, wurde sie im darauf folgenden Jahr geschlossen.

Der Felsenkeller, 1880 erbaut, war als Gaststätte und Brauerei einst die führende Adresse Feuerbachs. Zur Stadterhebung spielte eine Militärkapelle. Später nutzte eine Polster- und Ledermöbelfabrik das Gebäude, dann bis 1999 eine Modellbauwerkstatt für Gussteile und -werkzeuge. Nach fünf Jahren Leerstand und ebenso langer Renovierung zog hier 2009 das Produktionszentrum Tanz und Performance ein.

Eines von zwei Gebäuden, die von der Lederfabrik C. F. Roser übrig geblieben sind, ist die heutige Wichtel-Hausbrauerei, ein Backsteinbau mit romantischem Stufengiebel, 1922 von Paul Bonatz als Maschinenhaus erbaut. Roser, seit 1872 in Feuerbach ansässig, war lange Zeit der zweitwichtigste Arbeitgeber nach Bosch. Das Unternehmen hatte einmal fast ein Monopol auf Autoleder, konnte dann aber der Konkurrenz aus anderen Ländern nicht standhalten und musste 1997 Konkurs anmelden.

Ein Baumarkt, ein Discounter und weitere gewerbliche Nutzungen besetzen heute den überwiegenden Teil des Roser-Areals. Im früheren Verwaltungsgebäude, ebenfalls von Bonatz wie auch die Wohnhäuser von Fritz und Hans Roser am Bismarckturm, befindet sich seit 2002 das Freie Musikzentrum. Ein weiterer Bonatz-Bau, eine für das Baujahr 1936 überraschend moderne Fabrik, wurde mit allen weiteren Gebäuden abgerissen.

St. Mariae Himmelfahrt, eine 1990 bis 1997 erbaute Barockkirche aus Stahlbeton, ist der deutsche Sitz der Piusbrüder. Sie zelebrieren den Ritus in lateinischer Sprache, pflegen beste Kontakte zu rechtsradikalen Kreisen und wurden 1988 exkommuniziert. Als der deutsche Papst Benedikt XVI. die Brüder 2009 rehabilitierte, leugnete Richard Williamson, einer ihrer Bischöfe, prompt zum wiederholten Male den Holocaust.

Hartchrom Schoch blockierte jahrzehntelang den Weg vom Bahnhof zur Ortsmitte. 2004 ging das Verchromungswerk pleite. 2009 erwarb der spätere Bürgermeisterkandidat Jens Loewe das Areal. Doch die Stadt machte von ihrem Vorkaufsrecht Gebrauch. Das Gelände war hoch kontaminiert. Gutachter Karl Noé sagt, einen so schlimmen Fall habe er in seinem weltweit tätigen Unternehmen erst einmal erlebt.

Schoch ist Geschichte. Der Erdboden muss bis zu einer Tiefe von zwölf Meter abgetragen werden. Grundlage der Planung sind nun eine Bürgerbeteiligung, eine Planungswerkstatt mit 60 Teilnehmern und ein Wettbewerb, den der Architekt Thomas Schüler gewann. 125 Wohnungen sollen entstehen, 37 davon als geförderter Wohnraum, also 25 Prozent: mehr, als das Stuttgarter Innenentwicklungsmodell (SIM) vorschreibt. Zum Vergleich: In München gilt für jedes Bauvorhaben ein Anteil von 30 Prozent, bei städtischem Besitz sogar 50 Prozent.

Heile Welt in der Kantine der Giftschmiede. Wenigstens die Wandbilder wollte ein Verein retten, nachdem Loewes Plan, einen Teil der Gebäude zu erhalten, nicht umzusetzen war. Aktueller Stand: Alle Bilder sind abgenommen, nachdem der Gewerbeverein zuletzt noch einmal einen Spendenaufruf verschickt hatte. Zur Restaurierung des größten, 5,59 Meter breiten Gemäldes fehlt noch ein Betrag von 7000 Euro. Die Bilder sollen künftig im IW8 zu sehen sein (siehe unten).

Als 1907 die Marke von 12 000 Einwohnern erreicht war, wurde Feuerbach zur Stadt und erhielt einen neuen Bahnhof. Das Empfangsgebäude der Architektensozietät Bihl und Woltz erinnert an Bauten Theodor Fischers wie etwa das Stuttgarter Gustav-Siegle-Haus. In einem Brief an OB Fritz Kuhn moniert der Bürgerverein massive Einschränkungen für die Fahrgäste wegen der Baumaßnahmen für Stuttgart 21. Die Bahn verspricht Abhilfe.

Bahnhofsvorfeld: Der Lackhersteller Klumpp, rechts, will sich im Zuge der Neubebauung des Schoch-Areals erweitern. Zu dem wichtigsten Stuttgarter Ensemble von Bunkern aus dem Zweiten Weltkrieg, links, bietet der Verein historische Schutzbauten Führungen an. Der nach seinem Erfinder benannte Winkelturm trug zur Tarnung tatsächlich bereits im Krieg ein rotes Ziegeldach.

Anlässlich der Stadterhebung entstand auch ein neues Rathaus, das 1909 eingeweiht wurde. Der Bau des damals führenden Büros Eisenlohr und Weigle orientiert sich ebenfalls am Heimatstil Theodor Fischers, der zu jener Zeit Stuttgart gerade den Rücken kehrte. Die Stadtbahn verschwand 1990 im Untergrund, immerhin mit viel Tageslicht an der Haltestelle.

In der Turn- und Festhalle veranstalteten Schüler des benachbarten Leibniz-Gymnasiums in den 1970er-Jahren Rockkonzerte mit internationalen Bands wie Quintessence aus England, Man aus Wales, MC5 aus Detroit oder – heute viel bekannter – sogar Kraftwerk. Damals wäre die Halle beinahe abgerissen worden, heute gilt sie als Kulturdenkmal. Der Architekt war Paul Bonatz, der zur selben Zeit auch am Wettbewerb für den Stuttgarter Hauptbahnhof teilnahm.

Die Turn- und Festhalle wurde 1912 mit einer Gewerbeausstellung eingeweiht. Drei Jahre zuvor war Bosch von Stuttgart nach Feuerbach gezogen: eine Entscheidung, die den Stadtteil bis heute prägt. Heute findet hier der Sportunterricht von fünf Schulen statt. Eigentlich nur eine Notlösung: Als nebenan die Kerschensteinerschule und weitere Berufsschulen gebaut wurden, dachte offenbar keiner an Sport.

F wie Fahrion: Auf dem Grundstück der Bauunternehmung soll jetzt eine Sporthalle entstehen, dazu eine Mensa, eine Freisportfläche und Wohnungen. Das Areal gehört aber seit Fahrions Insolvenz 2006 dem Möbelhaus XXXL Lutz, das damals in Stuttgart expandieren wollte. Nun bevölkern Zwischennutzungen das Terrain, und XXXL Lutz feilscht mit der Stadt um den Preis. Der Bezirksbeirat hat den Fall ganz oben auf die Prioritätenliste für den nächsten Doppelhaushalt im Gemeinderat gesetzt.

In der letzten Runde war das Hallenbad an der Reihe. Der von Manfred Lehmbruck, dem Sohn des Bildhauers Wilhelm Lehmbruck, 1958–1959 errichtete Bau ist lange genug vernachlässigt worden und wird nun endlich renoviert. Neben Liederhalle und Fernsehturm ist das Stadtbad einer der wenigen herausragenden Bauten der Nachkriegszeit in Stuttgart. Die Stützkonstruktion ist so schlank, dass das hängende Dach auf Glaswänden zu ruhen scheint. Die Scheiben sind bemalt von HAP Grieshaber.

Auch bei Bosch wird gebaut. Etwas abseits gelegen, fällt das große Werksgelände des wichtigsten Arbeitgebers im Stadtteil gar nicht so sehr ins Auge. Nur das Logo ist von überall her erkennbar. Von den historischen Firmengebäuden ist kaum noch etwas übrig. Was im Krieg nicht kaputtging, wurde später abgerissen und durch Neubauten ersetzt.

Im August 2013 erwarb der türkische Bäcker Halil Selvi mit seinem Kompagnon Halil Aydin das ehemalige Werk 8 des Kühler- und Klimaanlagenherstellers Behr, das seit 2010 leer stand. Von ihm beauftragt, entwickelte Sevil Özlük, die in Esslingen eine Marketingagentur betreibt, ein Konzept für ein Kulturareal. Die Politik blieb zunächst gespalten: Woher haben die türkischen Investoren das Geld?, wollten die Freien Wähler wissen. Im Bezirksbeirat stimmten sie dann aber doch zu. Auch die SPD war dafür, doch im Gemeinderat hatte sie Bedenken. Bei CDU und FDP verhielt es sich genau umgekehrt. Schließlich rang sich der Gemeinderat zu einer auf fünf Jahre befristeten Ausnahmegenehmigung durch. Die gilt nur für Künstler. Betriebe auf dem Gelände haben eine unbegrenzte. Bei der Eröffnung des Areals IW8 im Mai 2014 wollte es sich kein Politiker nehmen lassen, dabei zu sein. Um die zehn Künstler und Designer zogen ins Kreativzentrum, inzwischen sind es mehr als zwanzig. Doch Özlük will auch die Hallen nutzen, für Veranstaltungen und als Proberäume unter anderem für die freie Tanz- und Theaterszene. Im Moment wartet sie noch auf die Baufreigabe, dann kann der Ausbau beginnen.

Einfacher hat es der Schrotthändler Jürgen Karle, der Ende 2012 vom Stuttgarter Inneren Nordbahnhof auf den Feuerbacher Güterbahnhof umgezogen ist. Das Schick-Areal gehört ihm, was er nicht oder noch nicht braucht, vermietet er weiter. An Künstler wie den Fotografen und Hells-Angels-Präsidenten Lutz Schelhorn oder Wolfgang Seitz, früher Betreiber der Galerie Eigen.art am Nordbahnhof und heute einer Kunsthalle im Schick-Areal.

 

Die historischen Abbildungen stammen von Jörg Kurz, der ein Buch über Feuerbach geschrieben hat ("Feuerbach", 2010, Hampp-Verlag). Für die Abbildungen der Wandbilder geht der Dank an den Verein zur Rettung der Wandbilder im Schoch-Areal.

 


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