Das ist Feuerbach: vorne der Bahnhof, oben "der Bosch".

Das ist Feuerbach: vorne der Bahnhof, oben "der Bosch".

Ausgabe 236
Schaubühne

Feuerbach macht sich

Von Dietrich Heißenbüttel, Fotos: Joachim E. Röttgers
Datum: 07.10.2015
Feuerbach, ein beschauliches Weinbauerndorf, wurde durch die Industrialisierung um 1900 in kurzer Zeit zur wohlhabendsten Stadt Württembergs. Nun steht der Ort, heute Stuttgarter Stadtteil, erneut vor einem Wandel: An die Stelle der schlimmsten Dreckschleudern treten Kultur und Wohnungen.

Jahrzehntelang war der Feuerbacher Bahnhof durch das Fabrikgelände der Gebrüder Schoch von der eigentlichen Ortsmitte getrennt. Hartchrom Schoch, nach eigenen Angaben das führende Metallveredelungswerk Deutschlands, lebte wie viele Feuerbacher Betriebe von der Automobilindustrie. Kühlergrill, Scheinwerfereinfassungen, Stoßstangen, Radkappen, Markenemblem – alles musste in den 1950er-Jahren glitzern und glänzen. Was den schicken Karossen nicht anzusehen war: Bei der Produktion entstand auch ein unbeschreiblicher Dreck. Bereits 1975 wurden im Erdboden horrende Chromatwerte gemessen. Da Gerichtsprozesse ohne Erfolg blieben, ließ die Stadt das Grundwasser absaugen und filtern. Erst als Schoch 2004 Insolvenz anmeldete, bot sich die Chance, den Schandfleck zu beseitigen.

Eine bewusste Bodenpolitik stand am Beginn des rasanten Aufstiegs des Weinbauerndorfs zu einer der führenden Industriestädte Württembergs. Durch den Bau des Pragtunnels war Feuerbach seit 1846 mit Stuttgart verbunden. Der Bahnhof lag allerdings etwas entfernt vom heute noch recht beschaulichen Ortskern. Die Stadt kaufte in großem Maßstab Grundstücke links und rechts der Bahnlinie, um diese zu günstigen Preisen an Industriebetriebe weiterzugeben. 128 Unternehmen machten bis 1913 von diesem Angebot Gebrauch. Bosch war der größte Fisch, gefolgt von der Lederfabrik Roser. Die Einwohnerzahl stieg auf das Fünffache. 1907 wurde Feuerbach zur Stadt, 1933 von den Nationalsozialisten nach Stuttgart eingemeindet.

Weichende Industrie macht Platz für Neues

Große Areale sind in den letzten Jahren frei geworden: Roser meldete 1997 Konkurs an. Schoch wurde 2004 von einem Schweizer Konkurrenten übernommen. Zwei Jahre später war das Bauunternehmen Fahrion an der Reihe. Jenseits der Bahnlinie verkündete 2009 der Kühler- und Autoklimaanlagenhersteller Behr, ein wahrer Global Player, seine Stuttgarter Produktion aufgeben zu wollen. In den folgenden Jahren übernahm Mahle sukzessive die Mehrheit der Anteile.

Wo gebaut werden soll, sind die Investoren zur Stelle. Die Politik, vielfach in der Kritik, ist bestrebt, sich von ihrer besten Seite zu zeigen. Feuerbach hat bis heute mehr Arbeitsplätze als Wohnungen. Und eine aktive Bürgerschaft: 445 Mitglieder zählt der sehr rege Bürgerverein. Seit 2010 gibt es das Zukunftsforum, das unter anderem das "begehbare Feuerbacher Gedächtnis" entwickelt hat: Website und Broschüre mit Stelltafeln vor Ort zu mehr als 200 Baudenkmalen und anderweitig interessanten Gebäuden. Eine Arbeitsgruppe erarbeitet eigene Vorschläge zur städtebaulichen Entwicklung. Im Fall der Kreuzung Grazer und Stuttgarter Straße erteilte der Bezirksbeirat diesen freilich nach drei Jahren eine Absage.

Die Stadt Stuttgart steht in Feuerbach wie immer auch vor Interessenkonflikten: Eine "lebendige, attraktive Kulturszene" wünscht sich wohl jeder Abgeordnete. Auch Wohnungen stehen weit oben auf der Agenda, vor allem geförderter Wohnraum. Wenn es aber um den Stadtsäckel geht, kommen plötzlich ganz andere Gesichtspunkte ins Spiel.

Auf dem Krempel-Areal entstehen derzeit 39 Eigentumswohnungen. Geförderten Wohnraum gibt es nicht, das Stuttgarter Innenentwicklungsmodell (SIM) kommt nicht zur Anwendung. Wo im Bebauungsplan drei bis vier Vollgeschosse stehen, zählt eine Gruppe verärgerter Nachbarn jedenfalls nicht weniger als fünf.

An der Ecke Stuttgarter/Tunnelstraße, wo bis 2010 der graue Klotz des Kühlhauses Krempels stand, hatte sich 1863 der erste Feuerbacher Industriebetrieb, die Jobst'sche Chinin-Fabrik niedergelassen. 1927 von Boehringer übernommen, wurde sie im darauf folgenden Jahr geschlossen.

Der Felsenkeller, 1880 erbaut, war als Gaststätte und Brauerei einst die führende Adresse Feuerbachs. Zur Stadterhebung spielte eine Militärkapelle. Später nutzte eine Polster- und Ledermöbelfabrik das Gebäude, dann bis 1999 eine Modellbauwerkstatt für Gussteile und -werkzeuge. Nach fünf Jahren Leerstand und ebenso langer Renovierung zog hier 2009 das Produktionszentrum Tanz und Performance ein.

Eines von zwei Gebäuden, die von der Lederfabrik C. F. Roser übrig geblieben sind, ist die heutige Wichtel-Hausbrauerei, ein Backsteinbau mit romantischem Stufengiebel, 1922 von Paul Bonatz als Maschinenhaus erbaut. Roser, seit 1872 in Feuerbach ansässig, war lange Zeit der zweitwichtigste Arbeitgeber nach Bosch. Das Unternehmen hatte einmal fast ein Monopol auf Autoleder, konnte dann aber der Konkurrenz aus anderen Ländern nicht standhalten und musste 1997 Konkurs anmelden.

Ein Baumarkt, ein Discounter und weitere gewerbliche Nutzungen besetzen heute den überwiegenden Teil des Roser-Areals. Im früheren Verwaltungsgebäude, ebenfalls von Bonatz wie auch die Wohnhäuser von Fritz und Hans Roser am Bismarckturm, befindet sich seit 2002 das Freie Musikzentrum. Ein weiterer Bonatz-Bau, eine für das Baujahr 1936 überraschend moderne Fabrik, wurde mit allen weiteren Gebäuden abgerissen.

St. Mariae Himmelfahrt, eine 1990 bis 1997 erbaute Barockkirche aus Stahlbeton, ist der deutsche Sitz der Piusbrüder. Sie zelebrieren den Ritus in lateinischer Sprache, pflegen beste Kontakte zu rechtsradikalen Kreisen und wurden 1988 exkommuniziert. Als der deutsche Papst Benedikt XVI. die Brüder 2009 rehabilitierte, leugnete Richard Williamson, einer ihrer Bischöfe, prompt zum wiederholten Male den Holocaust.

Hartchrom Schoch blockierte jahrzehntelang den Weg vom Bahnhof zur Ortsmitte. 2004 ging das Verchromungswerk pleite. 2009 erwarb der spätere Bürgermeisterkandidat Jens Loewe das Areal. Doch die Stadt machte von ihrem Vorkaufsrecht Gebrauch. Das Gelände war hoch kontaminiert. Gutachter Karl Noé sagt, einen so schlimmen Fall habe er in seinem weltweit tätigen Unternehmen erst einmal erlebt.

Schoch ist Geschichte. Der Erdboden muss bis zu einer Tiefe von zwölf Meter abgetragen werden. Grundlage der Planung sind nun eine Bürgerbeteiligung, eine Planungswerkstatt mit 60 Teilnehmern und ein Wettbewerb, den der Architekt Thomas Schüler gewann. 125 Wohnungen sollen entstehen, 37 davon als geförderter Wohnraum, also 25 Prozent: mehr, als das Stuttgarter Innenentwicklungsmodell (SIM) vorschreibt. Zum Vergleich: In München gilt für jedes Bauvorhaben ein Anteil von 30 Prozent, bei städtischem Besitz sogar 50 Prozent.

Heile Welt in der Kantine der Giftschmiede. Wenigstens die Wandbilder wollte ein Verein retten, nachdem Loewes Plan, einen Teil der Gebäude zu erhalten, nicht umzusetzen war. Aktueller Stand: Alle Bilder sind abgenommen, nachdem der Gewerbeverein zuletzt noch einmal einen Spendenaufruf verschickt hatte. Zur Restaurierung des größten, 5,59 Meter breiten Gemäldes fehlt noch ein Betrag von 7000 Euro. Die Bilder sollen künftig im IW8 zu sehen sein (siehe unten).

Als 1907 die Marke von 12 000 Einwohnern erreicht war, wurde Feuerbach zur Stadt und erhielt einen neuen Bahnhof. Das Empfangsgebäude der Architektensozietät Bihl und Woltz erinnert an Bauten Theodor Fischers wie etwa das Stuttgarter Gustav-Siegle-Haus. In einem Brief an OB Fritz Kuhn moniert der Bürgerverein massive Einschränkungen für die Fahrgäste wegen der Baumaßnahmen für Stuttgart 21. Die Bahn verspricht Abhilfe.

Bahnhofsvorfeld: Der Lackhersteller Klumpp, rechts, will sich im Zuge der Neubebauung des Schoch-Areals erweitern. Zu dem wichtigsten Stuttgarter Ensemble von Bunkern aus dem Zweiten Weltkrieg, links, bietet der Verein historische Schutzbauten Führungen an. Der nach seinem Erfinder benannte Winkelturm trug zur Tarnung tatsächlich bereits im Krieg ein rotes Ziegeldach.

Anlässlich der Stadterhebung entstand auch ein neues Rathaus, das 1909 eingeweiht wurde. Der Bau des damals führenden Büros Eisenlohr und Weigle orientiert sich ebenfalls am Heimatstil Theodor Fischers, der zu jener Zeit Stuttgart gerade den Rücken kehrte. Die Stadtbahn verschwand 1990 im Untergrund, immerhin mit viel Tageslicht an der Haltestelle.

In der Turn- und Festhalle veranstalteten Schüler des benachbarten Leibniz-Gymnasiums in den 1970er-Jahren Rockkonzerte mit internationalen Bands wie Quintessence aus England, Man aus Wales, MC5 aus Detroit oder – heute viel bekannter – sogar Kraftwerk. Damals wäre die Halle beinahe abgerissen worden, heute gilt sie als Kulturdenkmal. Der Architekt war Paul Bonatz, der zur selben Zeit auch am Wettbewerb für den Stuttgarter Hauptbahnhof teilnahm.

Die Turn- und Festhalle wurde 1912 mit einer Gewerbeausstellung eingeweiht. Drei Jahre zuvor war Bosch von Stuttgart nach Feuerbach gezogen: eine Entscheidung, die den Stadtteil bis heute prägt. Heute findet hier der Sportunterricht von fünf Schulen statt. Eigentlich nur eine Notlösung: Als nebenan die Kerschensteinerschule und weitere Berufsschulen gebaut wurden, dachte offenbar keiner an Sport.

F wie Fahrion: Auf dem Grundstück der Bauunternehmung soll jetzt eine Sporthalle entstehen, dazu eine Mensa, eine Freisportfläche und Wohnungen. Das Areal gehört aber seit Fahrions Insolvenz 2006 dem Möbelhaus XXXL Lutz, das damals in Stuttgart expandieren wollte. Nun bevölkern Zwischennutzungen das Terrain, und XXXL Lutz feilscht mit der Stadt um den Preis. Der Bezirksbeirat hat den Fall ganz oben auf die Prioritätenliste für den nächsten Doppelhaushalt im Gemeinderat gesetzt.

In der letzten Runde war das Hallenbad an der Reihe. Der von Manfred Lehmbruck, dem Sohn des Bildhauers Wilhelm Lehmbruck, 1958–1959 errichtete Bau ist lange genug vernachlässigt worden und wird nun endlich renoviert. Neben Liederhalle und Fernsehturm ist das Stadtbad einer der wenigen herausragenden Bauten der Nachkriegszeit in Stuttgart. Die Stützkonstruktion ist so schlank, dass das hängende Dach auf Glaswänden zu ruhen scheint. Die Scheiben sind bemalt von HAP Grieshaber.

Auch bei Bosch wird gebaut. Etwas abseits gelegen, fällt das große Werksgelände des wichtigsten Arbeitgebers im Stadtteil gar nicht so sehr ins Auge. Nur das Logo ist von überall her erkennbar. Von den historischen Firmengebäuden ist kaum noch etwas übrig. Was im Krieg nicht kaputtging, wurde später abgerissen und durch Neubauten ersetzt.

Im August 2013 erwarb der türkische Bäcker Halil Selvi mit seinem Kompagnon Halil Aydin das ehemalige Werk 8 des Kühler- und Klimaanlagenherstellers Behr, das seit 2010 leer stand. Von ihm beauftragt, entwickelte Sevil Özlük, die in Esslingen eine Marketingagentur betreibt, ein Konzept für ein Kulturareal. Die Politik blieb zunächst gespalten: Woher haben die türkischen Investoren das Geld?, wollten die Freien Wähler wissen. Im Bezirksbeirat stimmten sie dann aber doch zu. Auch die SPD war dafür, doch im Gemeinderat hatte sie Bedenken. Bei CDU und FDP verhielt es sich genau umgekehrt. Schließlich rang sich der Gemeinderat zu einer auf fünf Jahre befristeten Ausnahmegenehmigung durch. Die gilt nur für Künstler. Betriebe auf dem Gelände haben eine unbegrenzte. Bei der Eröffnung des Areals IW8 im Mai 2014 wollte es sich kein Politiker nehmen lassen, dabei zu sein. Um die zehn Künstler und Designer zogen ins Kreativzentrum, inzwischen sind es mehr als zwanzig. Doch Özlük will auch die Hallen nutzen, für Veranstaltungen und als Proberäume unter anderem für die freie Tanz- und Theaterszene. Im Moment wartet sie noch auf die Baufreigabe, dann kann der Ausbau beginnen.

Einfacher hat es der Schrotthändler Jürgen Karle, der Ende 2012 vom Stuttgarter Inneren Nordbahnhof auf den Feuerbacher Güterbahnhof umgezogen ist. Das Schick-Areal gehört ihm, was er nicht oder noch nicht braucht, vermietet er weiter. An Künstler wie den Fotografen und Hells-Angels-Präsidenten Lutz Schelhorn oder Wolfgang Seitz, früher Betreiber der Galerie Eigen.art am Nordbahnhof und heute einer Kunsthalle im Schick-Areal.

 

Die historischen Abbildungen stammen von Jörg Kurz, der ein Buch über Feuerbach geschrieben hat ("Feuerbach", 2010, Hampp-Verlag). Für die Abbildungen der Wandbilder geht der Dank an den Verein zur Rettung der Wandbilder im Schoch-Areal.

 


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