Ausgabe 236
Kolumne

Wenn Söder salbadert

Von Peter Grohmann
Datum: 07.10.2015

Deutschland ist ein sicheres Herkunftsland. Von hier muss keiner abhauen, sollte aber, sagt Söder. Sintis zuerst.

Was wir wissen: Es gibt im ganzen schönen Land keine einzige Synagoge, die nicht geschützt werden müsste vor den Deutschen. Es gibt keine einzige jüdische Einrichtung, keinen Kindergarten, keinen Friedhof, die nicht regelmäßig von der Polizei beobachtet, bewacht und kontrolliert werden müssten – und trotzdem nie ganz sicher ist. Alle Einrichtungen sind darüber hinaus selbstverständlich mit Alarmsystemen und Videokameras ausgestattet, alle haben bruchsichere Scheiben, sichere Türen, Gitter vor den Fenstern. Jüdische Bürger laufen nur höchst ungern – und unsicher – in unserem sicheren Herkunftsland mit einer Kippa durch die Gegend.

Das ist unsere Heimat, das ist Deutschland 25 Jahre nach der Wiedervereinigung.

Auf der anderen Seite unserer Heimat dürfen wir aber von den Eindringlingen (das stammt aus dem Sprachschatz der christlichen Parteien, wird aber bald Allgemeingut) verlangen, dass sie sich anständig benehmen, keine Frauen schlagen (wie das bei uns noch gang und gäbe ist) und nicht religiös herumradikalisieren. Der Flüchtling sollte das Grundgesetz kennen und wissen, dass hierzulande die Würde des Menschen unantastbar ist, komme da, was wolle! Jeder Einheimische hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit! Und bei uns sind nahezu alle Menschen vor dem Gesetz gleich. Noch mehr Chancen gibt dem Flüchtling die Verfassung Baden-Württembergs, denn "das Volk von Baden-Württemberg bekennt sich darüber hinaus zu dem unveräußerlichen Menschenrecht auf die Heimat". Nun ist daraus das Recht auf Heimatlosigkeit geworden, und die Hoffnung, dass die verloren gegangene Würde zurückkehrt, irgendwie. Richtiger wäre also: "Die Würde des Menschen ist verletzlich, sie ist zu ermöglichen, zu achten, zu wahren und zu schützen." Das freilich ist nicht nur Verpflichtung aller staatlichen Gewalt, sondern Verpflichtung und Verantwortlichkeit von uns allen. Nicht schwer – aber wer das nicht kapiert, steht irgendwie nicht auf dem Boden des Grundgesetzes.

 

Peter Grohmann ist Kabarettist und Initiator des Bürgerprojekts Die Anstifter.


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4 Kommentare verfügbar

  • Peter Grohmann
    am 13.10.2015
    Liebe Leut', dies ist eine Glosse, ein Einwurf, und hat eher satirischen Charakter.
    Im übrigen genügt ein Blick in den deutschen Osten, was uns blüht - statt blühender Landschaften.
  • m. sastre
    am 08.10.2015
    Sehr geehrter Herr Grohmann,

    hinsichtlich der Schutzbedürftigkeit jüdischer Einrichtungen in Deutschland sind es aber nicht die wenigen verbliebenen Nazis oder Neonazis, von denen hier Gefahr ausgeht, sondern der neue islamische geprägte Antisemitismus, der sich derzeit stärker gegen jüdische Einrichtungen richtet, weil es zwischen Israel und seinen arabischen Nachbarn größeres Konfliktpotenzial gibt als zwischen Deutschland und arabischen Staaten. Das dies nicht so bleiben muss und wird zeigen die ebenfalls zunehmenden Brandanschläge auf Kirchen in moslemisch geprägten Gegenden Deutschland. Wer mit Kippa oder Israelflagge durch bestimmte Stadtteile Berlins geht, wird feststellen, daß die mit Sicherheit zur erwartenden Anfeindungen von Angehörigen zugewanderter Ethnien ausgehen und nicht von autochthonen Deutschen.
    Das hierbei der Palästina-Konflikt, und dieser Hinweis geht an Sie, Herr Rolf Schmid, nur eine vorgeschobene Rechtfertigung ist, müsste jedem klar werden, der die fehlende echte Solidarität, etwa der Golfstaaten aber auch der Anrheiner Israels betrachtet. Die Palästinenser sind in ihrer ausweglosen Situation im politischen Spiel lediglich ein Faustpfand. Das israelische Einrichtungen in Deutschland keine Dependancen des israelischen Staates sind und schon deshalb kein legitimes Ziel sein können ist genauso klar, wie der Umstand, daß islamkritische Karikaturen in Zeitschriften oder wie auch immer geartete Aussagen eines deutschen Papstes nicht als Rechtfertigung für die Ermordung von Christen in arabischen Ländern oder gar in Deutschland herhalten können.
  • Arnold Weible
    am 08.10.2015
    Geehrter Herr Schmid,
    es kann ja sein, dass vordergründig gewalttätige Personen in Deutschland tatsächlich jüdische Mitbürger für die Handlungen der israelischen Regierung verantwortlich machen. Daraus folgt jedoch keineswegs ein "unstrittiger" Zusammenhang israelischer Politik zu den erforderlichen Sicherheitsmaßnahmen für jüdische Einrichtungen.
    Ich z.B. bestreite ihn.
    Tatsächlich ist es in Deutschland nicht selbstverständlich, dass ausländische Bürger für die Politik ihres Heimatlandes verantwortlich gemacht werden. Angesichts der katastrophalen Politik, die zahlreiche Länder weltweit begehen, müssten fast alle ausländischen Einrichtungen von der Polizei bewacht werden; genauso wie übrigens auch deutsche Einrichtungen im Ausland.
    Tatsächlich ist es doch so, dass Judenhass in rechtsradikalen Kreisen Tradition hat. Diese Rechtsradikalen würden auch dann jüdische Einrichtungen bedrohen, wenn die israelische Politik makellos wäre.
    Ich sage nicht, dass diese Politik nicht zu kritisieren wäre, sie ist jedoch kein Grund (auch nicht für Neofaschisten) unschuldige Menschen zu bedrohen, nur weil sie den gleichen Glauben oder die gleiche Staatsangehörigkeit wie deren Urheber haben.
    Wenn Sie diesen Zusammenhang herstellen, machen Sie sich blind für die wahren Zusammenhänge.
    Mein Tipp: Schauen Sie sich mal genauer an wie sich die sozialen Verhältnisse in Deutschland entwickelt haben.
  • Rolf Schmid
    am 07.10.2015
    Geschätzter Peter Grohmann,
    bei Ihren Hinweisen auf die Sicherheitsmassnahmen für Juden und jüdische Einrichtungen in Deutschland vermisse ich den Versuch, auch deren offenkundigen Ursachen wenigstens anzudeuten: Die Besetzung ganz Palästinas und die gnadenlose, das Völkerrecht und alle UNO-Resolutionen seit Jahrzehnten missachtende Behandlung der Ureinwohner insbesondere im grössten Freiluftgefängnis der Welt, GAZA durch den Staat der Juden, Israel.
    Wer diesen unstrittigen Zusammenhang mit den leider erforderlichen Sicherheitsmassnahmen von und für Juden und jüdische Einrichtungen in der BRD nicht ebenfalls erwähnt, verstösst m.E. gegen die Pflicht zur möglichst objektiven Sachdarstellung.

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