Ausgabe 233
Kolumne

Das große Willkommen

Von Peter Grohmann
Datum: 16.09.2015

Wie schön: Die ganze Welt klopft uns auf die Schultern, weil wir so menschlich sind – und die anderen nicht. Endlich mal keine Polizeikontrollen mehr an den Bahnhöfen für die schwarzen Brüder (aber der Anfangsverdacht bleibt natürlich!) –, sondern ein herzliches Grüß Gott in München. Und weiter südwärts dann die Grenzen wieder dicht.

Das große Willkommen rührt ans Herz. Aber was kommt danach? Brandanschläge oder Hassgesänge? Der Schulterschluss der Ossis aus Polen, Tschechien, der Slowakei und Un-gern gegen den Strom? Wahltriumphe der Nationalsozialisten? Sprachreisen ins Niemandsland macht nur der Mittelstand, den Willkommengeheißenen wünscht man die Heimat zurück, lieber heute und morgen. Jetzt mal ganz unter uns Tippelbrüdern, wie meine Omi Glimbzsch aus Zittau seinerzeit die Völkerwanderer nannte, die aus Polen und der Armut kamen. Es genügt natürlich nicht, an den Bahnhöfen alte Klamotten abzulagern und Stullen zu schmieren. Das wissen wir. Aber sonst schmiert ja keiner, das mit dem ehrlichen Grüß Gott und dem warmen Tee und dem Teller Reis und dem Stullenschmieren kriegt ja nur die Zivilgesellschaft hin. Freilich, wir müssen schon mehr bieten, wenn wir wollen, dass es vorwärts geht, wo's doch kein Zurück gibt. Deshalb muss es nach unseren ersten Liebesbeweisen heißen:

Vorwärts und nicht vergessen,
worin unsere Stärke besteht!
Beim Hungern und beim Essen,
vorwärts und nie vergessen:
die Solidarität!    
(Bertolt Brecht)

Mehr bieten heißt: Ein offenes, ein deutlicheres Wort an Europa, von der Etsch bis an den Belt. Ein ehrliches Wort an alle, die erfreulicherweise zu Hause in der warmen Stube bleiben können – und keine regierungsamtlichen Halbwahrheiten mehr in den Reden ans Volk, das man nicht erschrecken will. Seht, wie der Zug von Millionen endlos aus Nächtigem quillt: Das wäre die ganze Wahrheit. Sie kommen, weil wir ihnen den Boden unter den Füßen weggezogen haben. Sie sind willkommen, weil es andernorts null Perspektive für sie gibt. Andernorts warten der IS mit dem Fallbeil, Hunger, die Bomben der Koalition, Seuchen. Wenn wir noch länger warten, werden die Massenlager zu Todeslagern. Jetzt heißt es: hingestanden, Zivilcourage, Solidarität und Barmherzigkeit. Barmherzigkeit übrigens ist der Begriff von gestern für die menschlichen Tugenden von heute. Sichere Herkunftsländer erfinden und Schiffe versenken ist leichter.

 

Peter Grohmann ist Kabarettist und Initiator des Bürgerprojekts Die Anstifter.


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2 Kommentare verfügbar

  • Peter Grohmann
    am 18.09.2015
    hast ja recht, aber dafür haben wir ja viele andere gute beiträge - aber das alles in einer glosse, halbwegs kabarettisch zu bearbeiten? mit 2200 zeichen? machs vor.
    lieben gruss
  • invinoveritas
    am 16.09.2015
    lieber peter,

    sorry, aber mit dem satz "sie kommen, weil wir ihnen den boden unter den füßen weggezogen haben" erweist du aufklärung und seriöser kritik einen bärendienst.

    das ist billige selbstbezichtigung von "uns", die sich der einfachheit halber um die wesentlich weniger platte wirklichkeit nicht kümmert. und insofern den dumpfbackigkeiten von rechts ein willkommenes vorbild liefert.

    schon die unterschiedlichkeit der vielen herkunftsländer, von afghanistan oder äthiopien bis zum kosovo, verbietet definitiv eine derart pauschale betrachtungsweise.

    zwar ist es höchste zeit für "uns", endlich zu begreifen, dass "wir" auf unterschiedlichste weise massiv zum elend in vielen armen ländern dieser welt beitragen, vor allem durch von westlichen interessen einseitig dominierte wirtschaftbeziehungen. und natürlich hat bushs irak-krieg den startschuss zur auflösung staatlicher strukturen im ganzen nahen und mittleren osten gegeben.

    dennoch bleibt die beliebte monokausale perspektive auf "uns" als die ursache allen übels abwegig:

    dass assad seinem machterhalt zigtausende seiner landsleute opfert, dass korruption im kosovo fast jeden fortschritt verhindert, dass unfähige "eliten" und stammesegoismen länder wie mali ruinieren, dass religiöser fanatismus das gemetzel zwischen schiiten und sunniten befeuert - diese und andere fluchtursachen kurzerhand "uns" anzulasten - oder sie zu ignorieren bzw. zu unterschlagen -, das ist so schlicht, so manipulativ und so abgesoffen im pseudo-linken mainstream, dass es mich schmerzt und deiner, lieber peter, nicht würdig ist.

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