Veronique. Angekettet muss sie sich gegen zudringliche Kinder wehren. Zur Schaubühne geht es mit Klick auf das Bild.

Andre Dembele in seiner Hütte.

Andre Dembele wird gewaschen.

"Wie ein Hund wurde ich an einen Holzpfahl gekettet, vor einem Gebetszentrum. Dort musste ich essen, schlafen, pinkeln. Das waren endlos lange Monate. Glücklicherweise hat mich meine Familie nie im Stich gelassen, trotz meiner schizophrenen Attacken."

Benjamin konnte nur rittlings auf dem Baumstamm, an den er gefesselt war, durch sein Dorf robben.

"Sie nannten mich die Verrückte. Eine Narbe an meinem Handgelenk erinnert mich an das Eisen, mit dem ich an einen Baumstamm fixiert war. Eineinhalb Monate lang hielten sie mich gefangen, ich konnte nicht einmal aufstehen."

Marcellin.

"Gott hat mich gerettet, ich hätte das sonst nicht überstanden. Ein Jahr lang war ich unter einem Mangobaum festgekettet, weil ich Halluzinationen hatte. Ich war dem Regen ausgesetzt, der Sonne, der Einsamkeit - und konnte nur wenige Schritte gehen."

Der Mittelpunkt der Frauenpsychatrie ist eine in die Jahre gekommen Kirche. Die Frauen schlagen ihre Matten rund um den Altar auf. Tagsüber wird hier gegessen, gespielt und gesungen.

"Der Priester sagte, die Dämonen in mir würden mit Gebeten und Fasten verschwinden. Das stimmte nicht. Ich wurde nur immer schwächer – aber die Traurigkeit und Leere blieb. Heute weiß ich, dass ich depressiv bin. Tabletten helfen dagegen."

Ausgabe 240
Schaubühne

Gesprengte Ketten

Von den Fotografen Heinz Heiss und Uli Reinhardt
Datum: 04.11.2015
Es gibt Geschichten, die bleibende Spuren hinterlassen. Nicht nur bei den Lesern, sondern auch bei denen, die sie geschrieben und fotografiert haben. Zwei Fotografen, ein Reporter und eine Reporterin machen sich mit ihrem Verein St. Camille in Reutlingen für "Kettenmenschen" stark, psychisch Kranke, die in Westafrika eingesperrt, angekettet und misshandelt werden. Eine Ausstellung in Göppingen dokumentiert die Arbeit des Vereins und die Schicksale der Geschundenen.

Zehntausende Menschen in Westafrika sind betroffen: Sie leiden an Psychosen, Demenz, Alzheimer, Schizophrenie und anderen psychischen Krankheiten. Meistens wird ihnen nicht geholfen. Stattdessen werden sie eingesperrt oder festgekettet. Familienangehörigen, Freunden und Bekannten wird von Heilern Glauben gemacht, die Kranken seien von Dämonen und bösen Geistern befallen.

Die "Kettenmenschen" werden von staatlicher Entwicklungshilfe und den großen deutschen Hilfsorganisationen weitgehend ignoriert. Kaum jemand interessiert sich bislang für ihre Schicksale. Ausnahmen sind die Organisation St. Camille de Lellis und ihr Direktor Gregoire Ahongbonon, die fast im Alleingang aktiv Hilfe leisten und das schon seit mehr als 20 Jahren: In Elfenbeinküste und auf dem Benin haben sie insgesamt 16 Behandlungszentren geschaffen, in denen die psychisch Kranken therapiert werden.

Die ReporterInnen und Fotografen Heinz Heiss, Christine Keck und Wolfgang Bauer waren vor Ort, haben die Geschichten der Geschundenen dokumentiert und sind selbst zu Helfern geworden. Mit dem Verein Freundeskreis St. Camille in Reutlingen, ein Zusammenschluss von Privatleuten, unterstützen sie die Arbeit von Gregoire Ahongbonon, versuchen große Hilfsorganisationen zu gewinnen, machen Lobbyarbeit für die Kettenmenschen, die keine Lobby haben, sondern verschwiegen und verheimlicht werden.

Vom 4. November bis zum 8. März 2016 zeigt der Verein in Zusammenarbeit mit dem Psychiatriemuseum MuSeele in der Göppinger Klinik Christophsbad, Faurndauer Straße 6, die Sonderausstellung "Kettenmenschen - Vom Umgang mit psychisch Kranken in Westafrika", die mittwochs zwischen 16 Uhr und 18 Uhr und sonntags zwischen 14 Uhr und 16 Uhr geöffnet hat. 

 

Info:

Mehr zum Verein ist unter diesem Linkzu lesen.

Mehr zur Ausstellungfinden Sie hier.


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3 Kommentare verfügbar

  • Gela
    am 10.11.2015
    Ja, @ Bareiss, die Fesselung von psychisch Kranken ans Bett ist auch schrecklich und unwürdig und wäre nur in extrem seltenen Fällen notwendig , wenn es genügend kompetentes Personal in den Kliniken und auch schon im ambulanten Bereich gäbe. Aber die Fesselung an einen Baum außerhalb der Dorfgemeinschaft und ohne jegliche Behandlung und Hoffnung ist auch nicht besser.

    In Deutschland gibt es schon auch PsychiaterInnen, die sich für ihre PatientInnen einsetzen! Aber möglicherweise haben Sie besonders viel Pech gehabt. Doch warum sollen wir dann auch den ReporterInnen und Photographen von Kontext nicht trauen, die sich vor Ort ein Bild von dem Schicksal der Kranken und der Arbeit von Gregoire Ahongbonon ein Bild gemacht haben und das dokumentieren?
  • Bareiss
    am 09.11.2015
    Ich bin etwas skeptisch ob dies auch so stimmt und ob das Geld für die Befreiuung dieser Menschen tatsächlich eingesetzt wird oder ob das nicht etwa in die eigene Tasche gewirtschaftet wird.
    Da Psychiater selber Menschen fesseln und Patienten mit ihren Arzneien vollpumpen bis zum geht nicht mehr.

    Ich habe bisher noch keinen Psychiater kennengelernt, der einem Menschen helfen möchte. Für diese Menschen stehen Versuche im Vordergrund. Was kann ein Mensch aushalten und wie lange können es diese Menschen aushalten.

    Ob da jetzt ein Mensch an einen Baum gefesselt wird oder ins Krankenbett gefesselt wird. Ich finde, dass eine Fesselung ans Krankenbett um einiges schlimmer ist als an einen Baum.
    Am Baum kann man wenigstens noch seine Hände bewegen und auch seinen Oberkörper.
  • Gela
    am 06.11.2015
    Mein Kommentar: SPENDEN!

    3 Freiburger Psychiaterinnen haben vor einigen Jahren ebenfalls einen Verein gegründet, weil sie das Elend nicht tatenlos ansehen wollten; sie haben mehrere von den Kranken befreit und , soweit ich mich erinnere, auch mit Spenden eine Behandlungsstätte geschaffen - leider konnten sie später die Arbeit nicht fortsetzen. Deshalb bin ich froh, in Kontext von diesem Freundeskreis zu hören.


    Freundeskreis St. Camille e.V.
    Kontonummer: 9795
    BLZ 640 500 00
    Kreissparkasse Reutlingen

    Der Verein ist als gemeinnützig anerkannt. Auf Wunsch stellen wir gerne Spendenbescheinigungen aus. Bitte senden Sie uns Ihre Adresse.

    Bei Überweisungen aus dem Ausland:
    IBAN: DE65 6405 0000 0000 0097 95
    BIC: SOLADES1REU

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