Ausgabe 246
Schaubühne

Ein Reimemonster auf Wählerfang

Von Elena Wolf
Datum: 16.12.2015
Politiker gekonnt zu vergackeiern, ist die Königsdisziplin des Kabaretts. Was herauskommt, wenn das Original schon von Haus aus Comedy-Qualitäten hat, zeigen die MacherInnen der Comedy Stube in Tübingen in ihrer Talkshow "Anne Will doch Christine Darf".

"En Durchschnitts-Schwob wo koiner kennt: Ich bin Minischtrpräsident" – so stellt sich das der CDU-Spitzenkandidat Guido Wolf in der Talkshow "Anne Will doch Christine Darf" der Comedy Stube im Tübinger Sudhaus vor. "Wolf" Guido Wolf wird hier von Ulkbär Udo Zepezauer dargestellt, die verhinderte Anne Will mimt Christine Prayon – vielen StuttgarterInnen durch ihr Satire-Einlagen auf Montagsdemos bekannt, bei denen sie Tanja – "Es ischt vielen nicht klar, dass auch ich mal ein Mensch gewesen bin!" – Gönner vorführte.

Kurz darauf krallte sich die Heute-Show des ZDF die gebürtige Bonnerin, für die sie seit Oktober 2011 als durchgeknallte Reporterin Birte Schneider bundesweit über den Bildschirm flimmert. Das und viele andere TV-Aktivitäten hindern sie offensichtlich nicht daran, in der Tübinger Comedy Stube mitzumischen und das Kollektiv um Helge Thun, Udo Zepezauer und Jakob Nacken mit herrlich cleverem Schwachsinn zu unterstützen. Jeden Monat gibt's aktuelles Kabarett auf Ohren und Augen, Überraschungsgäste als Kirsche aufs Comedy-Sahne-Topping obendrauf.

Dass Guido Wolf durch die Quark-Mangel gedreht wird, war nur eine Frage der Zeit, eignet er sich doch ganz besonders als Satire-Opfer. Der Grund: "Wolf" Wolf hat tatsächlich 1998 ein Buch mit dem Titel "Politikergschwätz oder Die Kunst des richtigen Tons" veröffentlicht – ein Gedichtband mit selbstverfassten Mundart-Punchlines. Glauben Sie nicht? Dann schauen Sie sich, bevor sie das Video der Comedy Stube anschauen, diesen Clip an, indem sich Guido Wolf 2013 vor Schülern der Fürstabt-Gerbert-Schule in St. Blasien als passioniertes Reimemonster outet.

Haben die Schüler aus St. Blasien nach der wolfschen Showeinlage noch brav klatschen müssen, hätten sie sich beim Gedicht von Udo Zepezauer alias Guido Wolf wahrscheinlich gekugelt. Was anderes bleibt einem nämlich kaum übrig, wenn "Wolf" Wolf mit der "Frisur von Lurchis Igel" die Wahlkampftrommel mit einem grenzdebilden Gedicht rührt, während der nuschelnde Blabla-Literaturwissenschaftler Helge Slotterthun seinen (un)missverständlichen Senf dazu gibt. Film ab – und nicht vergessen, erst den originalen Dichterwolf in St. Blasien anschauen und dann die wunderbare Verarsche der Comedy Stube.

Kontext hat ganz oft gefragt,
Guido Wolf hat nix gesagt.


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