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Podcast Siller fragt

"Wir haben Schulden bei der Erde"

Podcast Siller fragt: "Wir haben Schulden bei der Erde"
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Quadratisch, praktisch, nachhaltig? 2018 wurde der Schokoladenhersteller Ritter Sport zum nachhaltigsten mittelgroßen Unternehmen in Deutschland gewählt. Das hat auch mit der Kakao-Farm in Nicaragua zu tun. Aber nicht nur, wie Geschäftsführer Andreas Ronken im Gespräch mit Stefan Siller erläutert.

Seit 1912 gibt es Ritter Sport. Hundert Jahre später, seit 2012, hat der Schokoladenhersteller aus Waldenbuch eine eigene Kakao-Farm in Nicaragua. Für Geschäftsführer Andreas Ronken hat das auch mit dem Leitbild der Firma zu tun, "dass wir mit der Natur und den Menschen in Einklang wirtschaften sollen." Und mit der Farm in Nicaragua habe Ritter Sport ganz konkret beweisen wollen, "dass Kakao und Nachhaltigkeit zusammengehen".

Die Nachhaltigkeit beziehe sich nicht nur auf Anbaumethoden, sondern auch auf den Umgang mit den einheimischen MitarbeiterInnen. Diese bekommen auf der Ritter-Sport-Farm laut Ronken mehr Geld als bei anderen Farmen in der Region, "wir zahlen über dem Mindestlohn und wir versuchen, die Menschen immer mehr zu qualifizieren." Das gehe einher mit den Bemühungen, von der bislang sehr stark manuell geprägten Arbeit auf den Plantagen wegzukommen – etwa davon, dass Kakaofrüchte mit Macheten geöffnet werden. Das mache bei einer Ernte von 60 Millionen Früchten pro Jahr keinen Sinn, stattdessen würden Kakao-Öffnungsmaschinen eingesetzt. "Wir haben uns gesagt: Wir sind Schwaben, wir müssen etwas mitbringen, dass es irgendwie besser wird", so Ronken, und: "Wir müssen humanere Arbeitsplätze generieren."

Bei diesem Thema ist man schnell beim neuen Lieferkettengesetz der Bundesregierung. Ronkens Euphorie darüber hält sich in Grenzen: Der Grundsatz sei gut gewesen, aber was am Ende herauskam, entspreche eher dem Spruch: "Der Berg kreißte und gebahr eine Maus. Ich glaube, man hätte das weitreichender machen können." Für Ronken ist klar: "Jeder Produzent muss die Verantwortung über die Lieferkette übernehmen. Das ist der einzig richtige Weg."

Die ersten Jahre der Farm seien dabei keine einfachen gewesen: "Wir haben sehr viel Lehrgeld bezahlt", sagt Ronken, "und wir haben erschreckenderweise auch miterlebt, wie schwer die Auswirkungen der Klimaveränderungen am Äquator sind – noch deutlich mehr als hier." Zwar hätte man extra eine Region ausgesucht, die keine Bewässerung brauche, doch trotzdem sei in zwei Jahren die Regenzeit komplett ausgefallen – "eine Katastrophe" – und sie hätten Überschwemmungen erlebt, wie sie die Einheimischen in den letzten 80 Jahren nicht gesehen hätten.

2018 wurde Ritter Sport mit dem Deutschen Nachhaltigkeitspreis in der Kategorie "Mittelgroße Unternehmen" ausgezeichnet. "Im Wesentlichen für unsere Initiative im Kakaobereich, speziell in Nicaragua", sagt Ronken. Ritter Sport sei in Deutschland CO2-neutral, "aber unser Ziel ist, dass wir CO2-positiv werden." Schließlich müsse man 100 Jahre negative Bilanz aufholen, betont Ronken. "Wir haben ordentlich Schulden bei der Erde."

Das Bemühen um Nachhaltigkeit kann bisweilen auch seltsame Folgen haben. Vor Kurzem hat Ritter Sport eine Schokolade auf den Markt gebracht, die nicht Schokolade genannt werden darf. Der Grund: Sie ist mit Kakaozucker von der eigenen Farm erzeugt, "und der hat nicht genügend Süßkraft, um nach der Zuckerverordnung ein Zucker zu sein." Und in der Schokoladenverordnung wiederum stehe, dass Schokolade einen zugelassenen Zucker enthalten müsse, um sich auch so nennen zu dürfen. Für Ronken nicht weiter schlimm, im Gegenteil: "Wir haben unser Ziel erreicht: Es beschäftigen sich jetzt die Gremien damit, ob das so bleiben soll."

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2 Kommentare verfügbar

  • Kurt Werner
    am 18.08.2021
    Antworten
    Das Bemühen von Rittersport, um nachhaltige und faire Herkunft ist ein positives Beispiel für unsere Wirtschaft.
    Grundsätzlich ist eine Wirtschaftsweise möglich, die den Erhalt unserer Existenzgrundlagen schützt und erhält. Leider sind wir davon noch weit entfernt.
    Unternehmen sollten neben einer…
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