KONTEXT:Wochenzeitung
KONTEXT:Wochenzeitung

Pest und Cholera

Pest und Cholera
|

Datum:

An das alte Profil erinnert nur noch der Schriftzug ganz oben auf der Titelseite: Inzwischen sind fast 30 Tageszeitungen unter dem Dach der Neue Pressegesellschaft (NPG) aus Ulm versammelt. Ihre früheren Namen wie "Stuttgarter Zeitung" oder "Schwarzwälder Bote" haben die Blätter nach der Übernahme behalten dürfen. Ausgetauscht wurde der Inhalt, der nun vom Zentralversorger stammt. Statt echter Medienvielfalt gibt es in Baden-Württemberg heute eher eine große Einheitszeitung, die mit leichten Variationen im Layout überall die gleichen Texte druckt. Kuriose Folgen hat das zum Beispiel für die "Eßlinger Zeitung", die ihre Seite mit lokalen Nachrichten aus Esslingen aufgeben musste für eine Seite mit Berichten aus der Region.

Vielleicht gibt es derzeit einfach zu viele Krisenherde – zu allem Überdruss droht ja sogar die Pest mit einem Comeback, uff. In der Kontext-Redaktion herrscht trotzdem Verwunderung vor, wie geräuschlos sich im deutschen Südwesten ein Pressemonopol etablieren kann. Andererseits und nachdem die Konkurrenz größtenteils aufgekauft worden ist, bleibt ja auch kaum jemand, um darüber zu berichten. Kontext-Mitgründer Josef-Otto Freudenreich hat in dieser Ausgabe einen Nachruf auf die Zeitung verfasst, bei der er ein Vierteljahrhundert verbracht hat, zuletzt als Chefreporter: Seit 1. Oktober druckt auch die "Stuttgarter Zeitung" den Ulmer Einheitsbrei.

Problematisch ist die Entwicklung nicht nur, weil Meinungsvielfalt schwindet, wenn überall das Gleiche steht. Durch weniger Augen, Ohren und Münder fällt es der Presse auch zunehmend schwer, ihre Kontrollfunktion gegenüber den Staatsgewalten wahrzunehmen. Vor spärlichst besetzten Presseplätzen am Landgericht schilderte vergangene Woche ein Beamter des LKA, wie die Polizei nach friedlichen und legalen Demonstrationen KI benutzt, um herauszufinden, wer sich mit welchen Motiven beteiligt hat. Was nach einem eklatanten Rechtsbruch klingt, juckt bislang kaum jemanden. Gab ja auch keinen Bericht dazu im NPG-Konglomerat.

Eine Stütze könnte der öffentlich-rechtliche Rundfunk sein, doch aktuelle Programmreformen lassen schlimmstes befürchten. Auf das "ZDF Magazin Royale" mit Jan Böhmermann folgt ein neues Format mit Florian Schroeder – wie die "Süddeutsche Zeitung" berichtet, schweben dem Sender nun Gesprächspartner wie Alice Weidel und Peter Thiel vor. Der Anbiederungsopportunismus erreicht eine neue Qualität, die Normalisierung von Rechtsextremismus ist so weit gediehen, dass am vergangenen Dienstag in Sachsen-Anhalt erstmals AfD-Landtagspräsidenten gewählt worden sind – mit mehr Stimmen als denen der AfD. Die CDU wundert sich, wo sie hergekommen sind.

Der AfD-Abgeordnete Hans-Thomas Tillschneider, künftig Vize-Präsident im Landtag, bekam fünf Stimmen aus anderen Fraktionen. Bekannt ist er für enge Kontakte zu den formal aufgelösten rechtsextremen und völkisch-nationalistischen AfD-Organisationen Flügel und Patriotische Plattform, der Identitären Bewegung und dem ideologisch nahestehenden Kampagnenverein "Ein Prozent für unser Land". Den Islam bezeichnete er einmal als "Baumpilz am Stamm der deutschen Eiche". Wenn so einer gewählt wird, ist nicht mehr auf Hemmungen zu hoffen.

Während also Rechtsextremisten mit konservativer Beihilfe zu Landtagspräsidenten werden, arbeiten sich große Teile von Presse und Politik lieber an der Linkspartei in Berlin ab. Tillschneider relativiert den Holocaust – aber hey, diese Elif Eralp war mal bei Roten Hilfe!!!!! So wie der überzeugte Sozialist Albert Einstein, der sich dafür aussprach, die "räuberische Phase menschlicher Entwicklung" zu überwinden, als welche er den Kapitalismus identifizierte. Dass an dieser Diagnose von 1949 noch viele Jahrzehnte später was dran ist, zeigt ein Blick auf die Vermögensentwicklung der Milliardäre. Der zweitreichste Deutsche, Dieter Schwarz, konnte seinen Reichtum binnen eines Jahres von 46,5 Milliarden Euro auf 53,7 Milliarden Euro steigern und nutzt das Geld, um seine Heimatstadt Heilbronn nach seinen Vorstellungen zu formen.

Einstein übrigens hielt auch nach dem Grauen zweier Weltkriege und Atombombenabwürfen an der Vision des Weltfriedens fest, ein Standpunkt, der heute seltsamerweise als kontrovers gilt. Der Böblinger Pfarrer und Friedensaktivist Paul Schobel warnt davor, "was für ein schreckliches Erbe wir da unseren Kindern und Enkeln hinterlassen": Klima, Schulden, KI – und nicht zuletzt Kriege, bei denen ein atomares Inferno droht. Da sei es leicht, als Naivling oder Dummkopf belächelt zu werden, wenn man sich für Abrüstung einsetze, erklärte Schobel vergangenen Samstag zur Friedensdemo am Tag der Deutschen Einheit in Stuttgart vor mehreren tausend Menschen: "Ich meine, die Scham muss die Seiten wechseln. Schämen müssen uns nicht wir, sondern die ewig Gestrigen, die immer noch glauben, man könne Gewalt nur mit Gewalt überwinden." Seinen Redebeitrag dokumentiert Kontext hier.

Wir brauchen Sie!

Kontext steht seit 2011 für kritischen und vor allem unabhängigen Journalismus – damit sind wir eines der ältesten werbefreien und gemeinnützigen Non-Profit-Medien in Deutschland. Unsere Redaktion lebt maßgeblich von Spenden und freiwilliger finanzieller Unterstützung unserer Community. Wir wollen keine Paywall oder sonst ein Modell der bezahlten Mitgliedschaft, stattdessen gibt es jeden Mittwoch eine neue Ausgabe unserer Zeitung frei im Netz zu lesen. Weil wir unabhängigen Journalismus für ein wichtiges demokratisches Gut halten, das allen Menschen gleichermaßen zugänglich sein sollte – auch denen, die nur wenig Geld zur Verfügung haben. Eine solidarische Finanzierung unserer Arbeit ermöglichen derzeit 2.500 Spender:innen, die uns regelmäßig unterstützen. Wir laden Sie herzlich ein, dazuzugehören! Schon mit 10 Euro im Monat sind Sie dabei. Gerne können Sie auch einmalig spenden.


Gefällt Ihnen dieser Artikel?
Unterstützen Sie KONTEXT!
KONTEXT unterstützen!

Verbreiten Sie unseren Artikel
Artikel drucken


0 Kommentare verfügbar

Schreiben Sie den ersten Kommentar!

Kommentare anzeigen  

Neuen Kommentar schreiben

KONTEXT per E-Mail

Durch diese Anmeldung erhalten Sie regelmäßig immer Mittwoch morgens unsere neueste Ausgabe unkompliziert per E-Mail.

Letzte Kommentare:





Ausgabe 809 / Um den Verstand genormt / Armin / vor 4 Tagen 10 Stunden
Klasse Artikel!

Die KONTEXT:Wochenzeitung lebt vor allem von den kleinen und großen Spenden ihrer Leserinnen und Leser.
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!