Aktivisten für Inklusion: Rainer Schmidt (links) und Friedrich Müller. Fotos: Jens Volle

Ausgabe 327
Politik

Auf Augenhöhe

Von Minh Schredle
Datum: 05.07.2017
Wer Menschen mit Behinderung gut betreuen will, muss ihre Perspektiven kennen, sagt Friedrich Müller. Der Vorsitzende des Stuttgarter Zentrums für selbstbestimmtes Leben will ganzheitliche Inklusion vorantreiben. Am Montag waren Stuttgarter Bundestagskandidaten zu Gast.

Behindert zu sein, das habe auch seine positiven Seiten, sagt Rainer Schmidt. Sicher sei jedenfalls: "Wenn man so seltsam aussieht wie ich und ständig angegafft wird, dann wird kein Tag langweilig." Im Publikum scheinen viele verunsichert, ob sie lachen dürfen. Einige können sich ein Glucksen nicht verkneifen. Der Kabarettist, Pfarrer und Tischtennisprofi Schmidt ist ohne Unterarme geboren worden. Auch schwierige, sensible Themen müsse man mit Humor angehen, sagt er. Ohne sie ins Lächerliche zu ziehen oder Menschen ihre Würde zu nehmen.

Am Dienstag Abend war der freischaffende Comedian zu Besuch im Stuttgarter Zentrum für selbstbestimmtes Leben (ZsL). Allerdings nicht, um Kabarett vorzutragen. Sondern um eine Debatte mit Stuttgarter Bundestagskandidaten zu moderieren, wie eine inklusive Gesellschaft aussehen kann und sollte. Diese Diskussionsrunden haben mittlerweile Tradition im ZsL, einer Beratungsstelle von Menschen mit Behinderung für Menschen mit Behinderung. Friedrich Müller, der Vorsitzende der Einrichtung, erklärt dazu, er habe auf Podiumsdiskussionen mit PolitikerInnen schon häufig die Erfahrung machen müssen, "viele schöne Bekräftigungen zu hören, und am Ende passiert doch nichts." Trotzdem will der 60-jährige Rollstuhlfahrer hartnäckig bleiben: "Wichtig ist, dass die Probleme der Betroffenen immer wieder in der öffentlichen Wahrnehmung auftauchen."

Schuldzuweisungen statt Lösungsansätze

Ginge es allein nach Worten, wären die Lebensbedingungen für Menschen mit Behinderung schon morgen paradiesisch. Vom CDU-Kandidaten Stefan Kaufmann bis zu Johanna Tiarks von der Linken versprachen alle Anwesenden, sich engagiert einzusetzen für mehr Barrierefreiheit, für bessere Bildungsangebote und Pflege, für mehr Unterstützung auf dem Arbeitsmarkt und mehr bezahlbaren Wohnraum. Wenn es dann jedoch um die Umsetzung geht, scheuen Regierungen den großen Kostenaufwand, das konsequent durchzuziehen – auf Bundes- wie auf Landesebene, zumindest im Südwesten.

So musste sich die grüne Kandidatin Anna Christmann vorhalten lassen, dass die baden-württembergische Landesregierung beim Ausbau der Inklusion im Schulwesen derzeit auf die Bremse tritt. Christmann schob die Schuld auf den Koalitionspartner und das CDU-geführte Kultusministerium. Das wiederum konnte der konservative Kaufmann nicht auf sich sitzen lassen: In Wahrheit sei der Sparzwang, den die grüne Finanzministerin verordnet hat, verantwortlich dafür, dass nichts vorangeht: "Frau Sitzmann hat nunmal kein großes Herz für Wissenschaft und Bildung, das ist bekannt". Abseits von gegenseitigen Schuldzuweisungen sickert durch: Im Südwesten gedenken derzeit weder Grüne noch CDU ernsthaft, nennenswert Geld in die Hand zu nehmen, um Inklusion weiter voranzutreiben.

Gefundenes Fressen für den SPD-Kandidaten Michael Jantzer, der die bisherigen Fortschritte beim Ausbau der Gemeinschaftsschulen prompt den Sozialdemokraten auf die Fahne schreibt. Sicher wäre dieser Weg fortgesetzt worden, sofern man denn mitregieren könnte. Auch Linken-Kandidatin Johanna Tiarks sprach sich eindeutig für mehr Gemeinschaftsklassen aus und betonte: "Menschen mit Behinderung ordentlich zu betreuen, kostet nunmal richtig Geld. Aber das muss es uns wert sein." Der FDP-Bewerber Jan Haylik hingegen hält Sonderschulen für den effizienteren Weg und warnt vor zu viel Gleichmacherei im Bildungssystem. Auch Kaufmann glaubt: "Gewisse Behinderungstypen würden unsere Systeme zum Einsturz bringen."

Hürden durch Vorurteile

Nach der Diskussionsrunde erklärt Friedrich Müller, für die Arbeit mit behinderten Menschen sei es wichtig, deren Perspektive zu kennen. Nur dann sei es möglich, Verständnis zu entwickeln. Gelebte Inklusion bedeutet für ihn, sich auf Augenhöhe zu begegnen: "Dabei Vielfalt und Verschiedenheit zu respektieren, muss zur Selbstverständlichkeit werden." Oft ärgert er sich, wenn Behinderte unterschätzt werden. Etwa wenn SPD-Kandidat Jantzer meint, man müsse schauen, welche Beschäftigungen sinnvoll von wem übernommen werden könnten, und dann erzählt, er kenne da ein Hotel, wo Menschen mit Behinderung beispielsweise Wäsche waschen würden.

Hinter der Aussage steckt offensichtlich keine böswillige Absicht. Doch Müller hält es für einen großen Irrtum, Menschen mit Behinderung nur anspruchslose Aufgaben übertragen zu wollen. "Wir sind ja nicht alle geistig minderbemittelt", sagt der Rollstuhlfahrer und verweist auf Vorurteile, die wohl ihren Teil dazu beitrügen, dass Akademiker mit Behinderung trotz gleicher Qualifikation doppelt so häufig arbeitslos sind.

Von den Schwierigkeiten bei der Jobsuche kann auch Peter Epp aus eigener Erfahrung erzählen. Der gelernte Industriekaufmann, ebenfalls im Vorstand des ZsL, hat sich vielfach beworben und seine Behinderung zunächst verschwiegen: "Als ich dann im Rollstuhl zum Vorstellungsgespräch gekommen bin, hieß es sehr oft sofort: viel Glück beim nächsten Mal." Häufig seien die Ursachen, die eine Beschäftigung verhindern, pure Diskriminierung. Manchmal seien die Gründe aber auch sehr banal – etwa, weil ein Betrieb Barrierefreiheit beim Bau nicht berücksichtige.

Dass die Vorschriften in der Landesbauordnung in den vergangenen Jahren freundlicher für bewegungseingeschränkte Menschen gestaltet worden sind, findet Friedrich Müller grundsätzlich gut. Allerdings verschärften die strikteren Auflagen ein anderes Problem: Durch steigende Baupreise und Mieten wird bezahlbarer Wohnraum immer seltener. Für Menschen mit Behinderungen komme dabei erschwerend hinzu: "Manche Viertel können wir von Anfang an vergessen", sagt Müller. Etwa den Stuttgarter Westen. Allein schon, weil die etwas erschwinglicheren Altbauten in aller Regel weder über Aufzug noch Treppenlifte verfügen.

Kleine Schritte, große Strecke

In den vergangenen Jahrzehnten sei deutlich mehr für Menschen mit Behinderungen getan worden als davor, betont der ZsL-Vorsitzende – "aber eben immer noch nicht genug". Als Beispiel nennt er das Bundesteilhabegesetz, das bei Betroffenen in Kritik geriet. Mit dem Gesetz gebe es zwar in einigen Bereichen geringfügige Verbesserungen, aber noch immer würden in Deutschland die UN-Behindertenrechtskonventionen nicht umgesetzt. Der vielgelobte Beteiligungsprozess der Behindertenverbände sei in Wahrheit "grottenschlecht", ärgert sich Müller, insgesamt dränge sich der Eindruck auf: "Bei den entscheidenden Punkten hat der Gesetzgeber offensichtlich nicht verstanden, worauf es ankommt." Noch immer sei gute Pflege eine Frage des Geldbeutels.

Auch bei der Eingliederung in den Arbeitsmarkt hapert es laut Müller an allen Ecken und Enden. Eine Ausnahme stellt Rheinland-Pfalz dar: Wenn Betriebe dort Behinderte beschäftigen, können sie bis zu 70 Prozent der Kosten für die Stelle vom Staat erstattet bekommen. In Baden-Württemberg gebe es so etwas nicht, viele Erwerbstätige sind hier in isolierten Behinderten-Werkstätten angestellt. Dabei handle es sich oft "mehr um Beschäftigungstherapien als um richtige Arbeit", findet Müller. Dementsprechend falle auch die Bezahlung so gering aus, dass man mit seinem Lohn nicht anständig leben könne.

Und nicht zuletzt erhöhten die prekären Arbeitsverhältnisse auch das Risiko, zum Opfer von Altersarmut zu werden. "Lange nicht alle Menschen mit Behinderung sind arbeitslos", sagt Müller. "Aber kaum einer hat eine durchgängige Erwerbsbiographie." Auch er selbst nicht: Als Lektor hat Müller, der als Tetraspastiker mit gelähmten Gliedmaßen zur Welt kam, zweieinhalb Jahrzehnte lang Beiträge in Sozialversicherungen eingezahlt, sich selbst versorgt. Vor Kurzem musste der Betrieb, der ihn beschäftigte, Insolvenz anmelden. Seitdem ist Müller, der den Vorsitz des ZsL ehrenamtlich übernimmt, arbeitssuchend. Dass er in seinem Alter noch einmal eine feste Anstellung findet, hält der 60-Jährige für unwahrscheinlich. Zuversichtlich bleibt er trotzdem: "Vielleicht mache ich mich selbstständig".


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1 Kommentar verfügbar

  • Andromeda Müller
    am 06.07.2017
    Der Artikel ist zunächst sehr undifferenziert . Um welche "Inklusion" , für welche Gruppe geht es denn überhaupt ?
    Nur um Körperbehinderte , Lernbehinderte , geistig Behinderte , stark geistig Behinderte , geistig und körperlich Behinderte ?
    Insofern hängt der Artikel in der Luft . Dem letzten Abschnitt "Kleine Schritte,große Strecke" ist aber uneingeschränkt zuzustimmen.
    Sofern es nur um Körperbehinderte geht ist der Artikel m.E. zutreffend. Körperbehinderte haben i.d.Regel eine große Motivation selbstständig zu leben .
    Insofern sind die Besorgnisse vieler Arbeitgeber unbegründet . Berufsunfähigkeit wegen
    psychischen Problemen oder Krebs sind doch sehr viel beeinträchtigender für Betriebe.
    Bzgl. Lernbehinderten und leicht geistig Behinderten empfehle ich die Dokumentation "Ich,du,Inklusion".
    Hier wird deutlich , daß dieses Modell eine außerordentliche Belastung und Überforderung für die Lehrer , die Mitschüler und auch für einige der vehaltensgestörten und lernbehinderten Kinder selbst darstellt und niemandem gerecht wird.
    Schüler , Lehrer und Eltern baden aus , was ideell verbrämt doch nur ein Einsparmodell
    im Bildungsbereich für die Kultusministerien aller Länder darstellt.
    Für einige wenige lernbehinderte Schüler ist das Modell in der Grundschule reell , wenn genug personal bereitgestellt werden würde.
    Wie die Dokumentation zeigt , bleiben aber die Personalschlüssel und die Antragsbürokratie
    ( 1/2 Jahr vergeht , bis ein lernbehindertes Kind auf Antrag der Eltern evtl.einen erhöhten Betreuungsschlüssel für 1(!) pädagogischen Bereich zugesprochen erhält , Freiwillige sollen Lesestunden und 1000 andere Sachen ehrenamtlich und unentgeltlich leisten)
    politisch gewollte Sparfaktoren bei der gleichzeitigen Einsparung von Sonderschulen.

    So wünschenswert eine bessere Integration von geistig Behinderten wäre , so sollte dies doch auf einem sekundären Arbeitsmarkt erfolgen mit gerne auch bewältigbaren höheren Anforderungen (Ketten von kleinen Genossenschaftläden,Hotelketten,Lieferantenservices etc. ).
    Wer mit geistig Behinderten zusammen gelebt und gearbeitet hat ist desillusioniert von der Idee man könne einfach so machen , als gäbe es diese Behinderung nicht.
    Eine Kampagne zur besseren Akzeptanz und zum richtigen Umgang mit Behinderten
    wäre wünschenswert. Kompliziert ist es nicht . Einfach nett und respektvoll , sowie falls notwendig erscheinend hilfsbereit und schützend auftreten , .... fertig ist das Konzept.
    ist doch das Gleiche wie bei Nicht-Behinderten.

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