Wem gehört die Heimat? Fotos: Joachim E. Röttgers

Wem gehört die Heimat? Fotos: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 415
Gesellschaft

Heimat für alle

Von Anna Hunger
Datum: 13.03.2019
Den einen rollen sich bei dem Begriff die Zehennägel hoch, die anderen möchten ihn zurückerobern – und die Stuttgarter? Die haben ihre Internationalen Wochen gegen Rassismus mutig mit dem Begriff Heimat überschrieben. Das könnte die verschiedensten Menschen anlocken.

Heimat hieß schon Heimat, bevor der Begriff heiß diskutiert wurde und einem das Wort sofort das schiefe Grinsen von Horst Seehofer ins Hirn pflanzte. 2014 war's, in der Planungsphase für den ersten Durchlauf, da hat Luigi Pantisano, Stuttgarter Stadtrat für SÖS-Linke-Plus vorgeschlagen, die Internationalen Wochen gegen Rassismus in der Landeshauptstadt eben mit dem Begriff "Heimat" zu überschreiben. Zum einen, weil der Begriff mit so unendlich Vielem gefüllt werden kann, zum anderen, weil der damals eher angestaubte, aber heute sehr provokante Titel vielleicht auch Menschen anlockt, die nicht unbedingt zu einer antirassistischen Veranstaltung gehen würden. Neue Filterblasen erschließen sozusagen. Behilflich ist dabei in diesem Jahr auch der Ex-Torhüter des VfB Stuttgart, Timo Hildebrandt, Veganer, Yogi, Menschenfreund mit Stiftung und einem sehr großen Netzwerk.

Die Stuttgarter Heimat wird in bunten Lettern geschrieben, ein schwarzer Vogel sitzt keck über dem "H". Sie hat nichts Tümelndes, keine Spur von Seehofer oder Kuckucksuhr, und blättert man das Programmheft durch, finden sich mehr als 80 Veranstaltungen, die man am liebsten alle besuchen würde. Heimat sei für sie nicht nur Namenszusatz oder Trend, sagen die Veranstalter, sondern eine Verpflichtung und die beiden Veranstaltungswochen (noch bis zum 24. März) seien ein Beitrag dazu, "dass Stuttgart eine Heimat für alle hier lebenden Menschen ist, bleibt und wird - frei von Diskriminierung und Rassismus."

Dreifaltigkeit gegen Rassismus

Im vierten Jahr finden die Internationalen Wochen gegen Rassismus nun in Stuttgart statt. Was 2016 als größtenteils ehrenamtliches Herzensprojekt Engagierter vor allem aus der städtischen Abteilung Integration, dem Stadtjugendring und dem Forum der Kulturen gestartet ist, hat sich mittlerweile institutionalisiert. Rund 50 Organisationen, vom Jungen Ensemble Stuttgart (JES), über den Geschichtenerzähl-Verein Ars Narrandi und der Caritas bis zum Lindenmuseum beteiligen sich am Programm. Und das ist in ausgewogener Dreifaltigkeit aufgeteilt: morgens für SchülerInnen, mittags gibt es Fortbildungen und Workshops für Pädagogen und alle, die sich in die Schublade "Multiplikatoren" einordnen lassen, am Nachmittag ist die Öffentlichkeit willkommen.

Das Orga-Team der "Heimat"-Wochen: Luigi Pantisano, der Integrationsbeauftragte Gari Pavković, Friederike Hartl, Susanne Belz, Markus Fricke, Anna Lampert, Corinna Mevißen, Alice Heisler. Foto: SJR Stuttgart
Das Orga-Team der "Heimat"-Wochen: Luigi Pantisano, der Integrationsbeauftragte Gari Pavković, Friederike Hartl, Susanne Belz, Markus Fricke, Anna Lampert, Corinna Mevißen, Alice Heisler. Foto: SJR Stuttgart

Die Aktion Mensch und der Kreisjugendring Rems-Murr beispielsweise erklären in einem Stationen-Spiel für Grundschulkinder das Thema Flucht. Mit "Sie sprechen aber gut deutsch" gibt es einen "Workshop für Fachkräfte of Colour". Die Podiumsdiskussion "MeToo! Me Two! WeTwo?" entwirrt "die Verflechtungen von Rassismus und Sexismus" und der kritischen Stadtspaziergang folgt den "Kolonialen Spuren in Stuttgart".

Vor allem Lehrkräfte haben sich für Heimat mit ihren Klassen angemeldet. "Im November war alles ausgebucht", erzählt Alice Heisler von der Stiftung Demokratie leben, die das Projekt koordiniert. "In Stuttgart gab es sowas nicht, kein Angebot für Schulen, da war eine große Lücke", sagt Luigi Pantisano. Bis zum Start der Heimat-Wochen 2016 exkursierten viele Schulen der Landeshauptstadt einmal im Jahr nach Waiblingen zum Schulprogramm der Jugendkulturwochen "Bunt statt Braun", sagt Pantisano. Er selbst hatte die Wochen 2005 initiiert, um Neonazis etwas entgegenzusetzen, die auf Schulhöfen Rechts-Rock-CDs verteilten.

Die Stuttgarter Polizei macht nicht mit

Dort ist beispielsweise auch das Waiblinger Polizeipräsidium als Veranstalter mit im Boot. Was für Stuttgart für die Zukunft noch zu wünschen wäre, erzählen die beiden. "An solche Strukturen kommt man aber nur sehr schwer ran", sagt Alice Heisler, die für 2019 zwar Anfragen gestellt hatte, aber keine Zusagen bekam. Dabei wären staatliche Stellen gerade derzeit wichtig mit einzubinden, wo immer mehr rechte Strukturen innerhalb dessen aufgedeckt werden, was sich in Deutschland Sicherheitsapparat nennt.

"Der NSU hat viele zum Umdenken gebracht", sagt Pantisano, "wie von staatlicher und behördlicher Seite mit dem Thema umgegangen wurde und wie damit noch umgegangen wird." Diese Erfahrungen, sagt er, seien mitunter auch der Motor gewesen, der das Projekt Heimat - Internationale Wochen gegen Rassismus im Jahr 2014 für Stuttgart in die Startlöcher geschoben hat.

Griff in die Flaggenkiste, etwa von Bildungsreformgegnern. Foto: Joachim E. Röttgers
Griff in die Flaggenkiste, etwa von Bildungsreformgegnern. Foto: Joachim E. Röttgers

Spät, aber immerhin. Denn die Wochen gegen Rassismus gibt es schon seit den Neunzigerjahren. Jürgen Miksch, Theologe, Soziologe, Träger des Bundesverdienstkreuzes und heute fast 80 Jahre alt, hat sie ins Leben gerufen. Ein Netzwerker für Menschenrechte und die gute Sache. 1986 gründete Miksch Pro Asyl, im selben Jahr den Bayrischen Flüchtlingsrat, zehn Jahre später mit BISS die erste von Obdachlosen verkaufte Obdachlosenzeitung Deutschlands, seit 2002 hat er in diversen Bundesländern Islamforen eingerichtet. Erst kürzlich war er in einem Twitter-Video für die Seenotrettungsorganisation Liveline zu sehen.

Die "Süddeutsche Zeitung" nannte Miksch in einem Porträt einmal den "Doyen und Diplomat der Asyl-Szene", der die Begriffe "ausländischer Mitbürger" und "multikulturelle Gesellschaft" erfunden haben soll. 1974 gründete er den Interkulturellen Rat in Deutschland. Seitdem koordiniert der Rat – seit 2016 nennt er sich Stiftung gegen Rassismus – die Aktivitäten rund um den Internationalen Tag gegen Rassismus.

115,5 Millionen Euro gegen Nazis und Rassisten

Als 2014 die damalige Familienministerin Manuela Schwesig das Förderprogramm Demokratie leben ankündigte, das ein Jahr später "für ein vielfältiges, gewaltfreies und demokratisches Mit­­einander" startete, wollte auch die Stadt Stuttgart "was zum Thema machen", erinnert sich Luigi Pantisano. Die damalige Integrationsministerin Bilkay Öney (heute Kadem) spendete 5000 Euro aus eigener Tasche, auch Laura Halding-Hoppenheit, linke Stuttgarter Stadträtin und Schwulenaktivistin, steuerte Geld bei und tut das noch immer.

Alle "Heimat"-Motive ...
Alle "Heimat"-Motive ...

Nach dem NSU kam die AfD als brisantes und demokratiegefährdendes Thema auf die Agenda, und mit ihr der Rechtsruck in Europa. Aus der Fördersumme des Familienministeriums von anfangs rund 30 Millionen Euro für 2015 sind mittlerweile 115,5 Millionen Euro für das Jahr 2019 geworden. Sich einzusetzen gegen Rassismus, gegen Menschenfeindlichkeit und Herabwürdigung ist wichtiger denn je. Und so finden in ganz Europa rund um den Tag gegen Rassismus am 21. März Veranstaltungen statt.

Allein in Deutschland hat Jürgen Mikschs Stiftung unter dem Motto "100 Prozent Menschenwürde - zusammen gegen Rassismus" mehr als 1500 Veranstaltungen in ihrem Online-Kalender verzeichnet - unter anderem in Bielefeld, in Dresden, in Frankfurt, München, Heidelberg.

"Rassismus muss aus ganz vielen Perspektiven bearbeitet werden", sagt Stadtrat Pantisano. Es geht darum Sensibilität zu schärfen für Altagsrassismen wie Blackfacing, Russenbrezeln und Chinesen-Kostüme. Aber auch um den Platz neben der Frau mit Kopftuch oder dem Mann mit dunkler Haut in Bus oder Bahn, der oft frei bleibt. Oder um Dieter Bohlen, der in einer Casting Show vor Millionen-Publikum dauernd nochmal nachfragen muss, wo denn ein Mädchen nun wirklich herkommt, weil es ihm nicht reicht, dass sie "aus Herne" sagte. "Natürlich ist nicht jeder, der einen anderen nach seiner Herkunft fragt, ein Neonazi. Aber es braucht ein Bewusstsein dafür, dass der Fragende einmal diese Frage stellt, der Gefragte sie aber im Laufe der Lebens tausende Male beantwortet", sagt Pantisano.

... gibt's auch als Postkarten. Fotos: SJR Stuttgart
... gibt's auch als Postkarten. Fotos: SJR Stuttgart

"Herkunftsdialoge" nennt das Jagoda Marinic, die Leiterin des Interkulturellen Zentrums Heidelberg. Im Kontext-Gespräch sagte sie einmal: "Man muss als Mensch mit Migrationsgeschichte nach wie vor drei Mal so viel bieten, um gleich viel zu erhalten." Für die Stiftung für die Internationalen Wochen gegen Rassismus sitzt sie, gemeinsam mit Jürgen Miksch, im Vorstand.

Eine, die sich sehr gut auskennt mit Anfeindungen durch die AfD, ist Muhterem Aras. Die baden-württembergische Landtagspräsidentin mit türkischen Wurzeln, die sich ständig von den rechtsradikalen Pöblern im Landtag beleidigen lassen muss. Sie ist die diesjährige Schirmherrin der bundesweiten Aktion. In ihrem Amt sei sie neutral gegenüber allen Parteien, sagte sie kürzlich dem SWR. "Aber bei Antisemitismus oder Rassismus beziehe ich klar Stellung - auch im Landtag." Ihre erste Erfahrung mit rassistischer Diskriminierung in Deutschland machte sie bei der Wohnungssuche vor mehr als 30 Jahren. "Da habe ich gemerkt, dass der türkische Name nicht sehr hilfreich ist."

Der Schwarze Vogel über dem "H"

Luigi Pantisano kann Ähnliches erzählen. Und das ist keine 30 Jahre her. Pantisano setzt sich seit langem gegen Rassismus ein und manchmal fragt er sich: Ändert sich denn auch mal was? "Momentan habe ich das Gefühl, dass es immer schlimmer wird." Oder rückt das Thema langsam aus seinem eigenen Schatten und wird, wie eine Erkältung, erst noch einmal schlimmer, bevor es besser wird?

Das Wort Heimat jedenfalls stand bis 2014 noch braun und angestaubt in der rechten Ecke, NS-Zeit besetzt, konnotiert mit blonden Zöpfen im deutschen Weizenfeld. Heute möchte sich ein linker Ministerpräsident wie Bodo Ramelow die Heimat "von keinem Nazi wegnehmen" lassen, der Grüne Robert Habeck möchte für den Begriff kämpfen, Horst Seehofer ist Heimatminister und manchen rollt es die Zehennägel hoch, alleine beim Gedanken an eine solche Diskussion.

Luigi Pantisano sagt: "Ich hätte nicht gedacht, dass dieses Wort mal so hitzig diskutiert wird." Er grinst und schiebt den Heimat-Wochen-Veranstaltungskalender über den Tisch. Neugierig und selbstbewusst hält der Schwarze Vogel über dem "H" den Schnabel in den Wind, als würde er gespannt schnuppern, was in den kommenden Wochen in Stuttgart so passiert.


Info:

Das Programm der Heimat-Wochen – sie dauern noch bis 24. März – findet man unter www.heimat-wochen.de.


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