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Fußball als Philosophie

Manchmal gewinnt der Bessere

Fußball als Philosophie: Manchmal gewinnt der Bessere
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Fußball ist ein Spiegelbild der Zustände, im Bösen wie im Guten, meint unser Kolumnist. Wie konnte dieser grundöde Sport zu einem weltbewegenden Phänomen aufsteigen? Und was hat das mit der Steinzeit und englischem Frühstück zu tun?

3:3 in Dortmund. Wahnsinn! Wie meistens, wenn der VfB in Dortmund spielt. Dazu Undav mit drei Buden – Gerd Müller lebt! Allerdings sollte ich mich jetzt schleunigst dran erinnern, dass mich die Redaktion gebeten hat, über alles zu schreiben, aber bitte bitte nicht über irgendwelche Ergebnisse. Alles nur keine 1:0-Berichterstattung in dieser Kolumne, haben sie gesagt. Was ich grundsätzlich gut finde, schließlich ist diese Kickerei selten ein Fußballfest vor 80.000 Leuten. Ein 0:1 vor 3.000 Leuten trifft den Normalfall wesentlich besser. Insofern haben die Blauen recht, wenn sie behaupten, Fußball nach Waldauart sei die ehrlichere Version dieser Sportart. 0:1 gegen die SG Barockstadt Fulda-Lehnerz, so ist Fußball.

Ein einfaches Spiel

22 Mann, ein Ball – du kennst den Spruch. Tatsächlich passiert in einem herkömmlichen Kick nichts, was die Welt aus den Angeln hebt. Gelegentlich freuen sich die Leute an einem Tor. Manchmal flippst du aus. Manchmal die Anderen. Und manchmal gehst du mit einem traurigen 0:0 nach Hause. Ganz persönlich stelle ich nach fünf Jahrzehnten real existierender Fußballbegeisterung an mir fest: Kein Tor in der Nachspielzeit war je bedeutend genug, um den Grundzustand meines Seins mittelfristig zu verbessern. Selbstverständlich habe ich die Erfolgserlebnisse mitgenommen. Im Rausch! Ich weiß ja heute noch nicht, wie ich nach der Meisterfeier 2007 heimgekommen bin. Aber nüchtern betrachtet hab' ich am anderen Tag meinen Müll immer noch selber rausgetragen. Und kein Rückzieher von Undav war gut genug, meine Stromrechnung zu zahlen. Um es mit Ewald Lienen zu sagen: "Wenn Arminia Bielefeld absteigen sollte, ist das nicht schön. Aber wenn wir das mit dem Klima nicht schaffen, brauchen wir uns über alle anderen Dinge nicht zu unterhalten." Drum bezeichnet Joe Bauer seine Ausflüge ins Blaue "Stadtranderholung". Lakonisch eben. Mehr ist da nicht.

Fußball als Phänomen erscheint mir spannender. Denn die Stadien sind voller Erholungsuchenden. Nicht nur in Deutschland. Für Fernsehrechte werden Millionensummen geboten. Paramount zahlt für die Championsleague bald 2,5 Milliarden Euro pro Saison. Darum darf man sich schon fragen: Wieso lenken sich alle mit demselben Vergnügen ab? Irgendeinen verdammten Grund muss es doch geben, warum sich von acht Milliarden Leuten auf diesem Planeten schlappe drei Milliarden mit Fußball die Zeit vertreiben. Die FIFA will sogar fünf Milliarden Fußballfans gezählt haben. Wobei man zugeben muss, dass die Fußball-Weltregierung natürlich recht hat. Viel rechter hat als alle seriösen Erhebungen. Dem hochwohlgeborenen Weltverband will ich nicht widersprechen. Schließlich regiert die FIFA als absoluter Herrscher über den globalen Fußball, praktisch 196. Staat der Welt. Kein kleiner übrigens, eigentlich eine Fünf-Milliarden-Supermacht. Sogar Donald Trump hat das anerkannt. Als er neulich den Sportskameraden und FIFA-Boss Gianni Infantino zum "König Fußball" ernannte. Womit er letztgültig bestätigt, dass die wichtigste aller Fußballglatzen, also Infantino, in einer Liga mit Putin, den arabischen Prinzen und den anderen Autokraten spielt. Eigentlich logisch: Wenn die Welt despotisch ist, kann der Herrscher über fünf Milliarden Fans unmöglich ein Demokrat sein. Der Fußball mal wieder ein Spiegelbild der Zustände. Im Guten wie im Bösen. 

Jetzt wichtige Frage: Wie um alles in der Welt, wie konnte dieser grundöde Fußball zu so einem weltbewegenden Phänomen aufsteigen? Wenn du das fragst, erhältst du meistens zwei Antworten. Beide nicht falsch. Erstens: Weil die Regeln so einfach sind. Da ist was dran. Obwohl ich aus eigener Erfahrung berichten kann, dass man beim Tischtennis die Regeln kapiert, wenn man im Freibad nur zwei Minuten beim Pingpong zugeguckt hat. Außerdem hab' ich noch keinen gesehen, dem an der Platte ein Punkt zurückgepfiffen wurde wegen Abseits oder sowas. Zweite häufige Antwort: Weil die Engländer den Fußball erfunden haben. Auch da ist was dran. Die haben es sogar geschafft, dass du in jedem x-beliebigen Hotel rund um den Globus ein englisches Frühstück bestellen kannst – und das obwohl es geschmacklich nicht gerade auf den vorderen Plätzen rangiert. Tatsächlich gibt es noch einen dritten, einen ziemlich versteckten Grund, der erklärt, warum sich die Leute so gerne mit Fußball ablenken. Das ist der Zufall. Ganz genau: schlichter, purer Zufall. Und das mein' ich ernst! Weil Fußball dem Zufall alle Chancen lässt, ins Spiel reinzupfuschen. Was zur Folge hat, dass sich sogar Curaçao für die WM qualifizieren kann. Also das Land, nicht das blaue klebrige Zeugs. 

Der Fuß, das ungelenke Wesen

Fangen wir mal ganz von vorne an. Du spielst den Ball mit dem Fuß. Was das bedeutet, ist schon seit der Steinzeit bekannt. Du trittst mit dem Körperteil gegen den Ball, dem du zwar deinen aufrechten Gang verdankst. Aber dafür opferten deine Urvorfahren die Fähigkeit zu greifen. Während du beim Handball die Kugel so fest packen kannst, dass sie dir keiner wegschlagen kann, funktioniert das beim Fußball eben nicht. Nicht mal dann, wenn du Messi heißt. Selbst als Messi kann dir der Gegner die Pille klauen, also wegspitzeln, abgrätschen oder einfach schneller sein – und all das ist regeltechnisch total legal. Du kannst sogar dem Messi die Pille abnehmen, also theoretisch, weil sogar der Messi normale Zehen an den Füßen hat – und keine Finger. Drum kann sogar der beste Kicker aller Zeiten auf der Höhe seiner Schaffenskraft einen Zweikampf verlieren. Absolute Kontrolle über den Ball gibt’s im Fußball nicht. Es sei denn, du holst den Ball hinten aus dem Netz. Sagen wir so: Du darfst den Ball mit allen Körperteilen spielen – mit Ausnahme dieses einen Körperteils, das sich am besten dafür eignen würde: die Hand. 

Mit diesem einfachen Kniff lässt dieser Sport dem Zufall alle Chancen. Das hat der Fußballgott mit Absicht so eingerichtet. Diese hochspezialisierte Gottheit gibt’s ja nur, weil die Leute jemanden brauchen, dem sie ihr Pech in die Schuhe schieben können. Du kannst so talentiert sein wie du willst und noch so viel trainieren. Aber du wirst es nie schaffen, den Ball mit dem Fuß so zu kontrollieren, dass du den Zufall komplett ausschalten kannst. Und genau darum ist dieses Gebolze mit den Füßen so faszinierend. Weil selbst Leverkusen mit seiner Alonso-Supermannschaft in Bielefeld verlieren kann und die Bayern in einer tiefgefrorenen Nacht in Kiel. Das wiederum hängt mit den Toren zusammen. Also damit, dass kaum welche erzielt werden. Sogar ein tristes Null-zu-Null ist als Ergebnis erlaubt. Schau dir bitte mal den Vergleich von Fußball und Handball an. Fußball-Bundesliga, letzte Saison, etwas mehr als 3 Tore pro Spiel. Handball-Bundesliga, letzte Saison, fast 60 Tore pro Spiel. Bedeutet: Im Fußball kannst du mit einem Tor ein Spiel gewinnen. Im Handball brauchst du schon ein paar mehr. Wenn du dann noch weißt, dass im Fußball bis zu 40 Prozent aller Tore nicht zwingend aus dem Spielverlauf resultieren, also eher zufällig zustande kommen – sei es durch abgefälschte Schüsse, unabsichtliche Torvorlagen, Torwartfehler, vermeidbare oder fragwürdige Elfmeter oder gar Eigentore –, dann wird dir klar: Im Fußball ist der Zufall ein viel größerer Faktor als in jeder anderen Sportart. Da hat der Philosoph aus der bekannten Denkerschule Köln-Süd schon recht. Podolski jetzt. Der gab nach dem verlorenen Halbfinale bei der WM 2006 zu Protokoll: "So ist Fußball. Manchmal gewinnt der Bessere."

Ein verdienter Sieg

Von der ungebrochenen Macht des Zufalls profitiert die Sportart gleich doppelt. Zum einen bleibt das Spiel spannend – selbst dann, wenn das Niveau der Darbietung überschaubar ist. Schließlich könnte jederzeit etwas Bedeutendes passieren, am Ende ein Tor, welches das Ergebnis auf den Kopf stellt. Eventuell gegen jeden Spielverlauf. Zum anderen lässt sich wunderbar darüber diskutieren, warum Mannschaft A heute besser war als Mannschaft B. Weil sich in einem Punkt alle Besserwisserinnen und Besserwisser einig sind: Zufall war’s nicht.

Niemand kann zugeben, dass Zufall – auch Glück oder Pech genannt – eine dermaßen zentrale Rolle spielt. Die sportlich Verantwortlichen schon gar nicht. Es wäre eine viel zu schlichte Wahrheit angesichts ihres Superbrains und ihrer allumfassenden Expertise, die die Reichtümer rechtfertigt, die sie in der kurzen Zeit anhäufen. Bevor sie mit komfortablen Abfindungen gefeuert werden. Die fünf Milliarden Fußballfans wollen es auch nicht hören, dass der Zufall mächtig mitgemischt hat. Das hat mit dem Confirmation Bias zu tun, auf Deutsch: Bestätigungsfehler. Falls du Fußball im Fernsehen schaust, ist dir gewiss auch schon aufgefallen: Egal wie das Tor fällt, es ist immer verdient. Absolut verdient sogar, schreien Reporterinnen und Analysten im Chor. In mindestens der Hälfte aller Fälle folgen danach beliebige Fußballfloskeln, die zusammengenommen totalen Quatsch ergeben. Bestätigungsfehler eben. Dazu ein kurzer Ausflug in die Steinzeit.

Fußballfans sind ja auch nur Menschen – und die haben ziemlich früh entdeckt, dass es hilfreich ist, wenn sie begreifen, was Ursache ist und was Wirkung. Das hat sich seit Millionen Jahren bewährt, wenn du eine logische Erklärung hast für das, was gerade passiert. Gerade wenn du draußen in der Natur allein durch die Steinzeit wanderst. Überlebensstrategie schwacher Begriff. Darum tut es dir so unfassbar gut, wenn du dir Sieg oder Niederlage logisch erklären kannst. Das gibt dir Sicherheit, bringt deine Welt in Ordnung. Dafür ist dir jede Erklärung recht, außer: Zufall. Weil du aus dem Zufall nichts lernen kannst für deine nächsten Spaziergänge durch die Steinzeit. Wenn der Verein verliert, der für dich die Welt bedeutet, brauchst du einen einleuchtenden Grund, warum das gerade schiefging. Schließlich bist du als Fan unter Erklärungsdruck. Du musst ja schließlich anderen erklären, warum es dich so fasziniert, dass du 90 Minuten lang 22 Spielern dabei zuguckst, wie sie hinter dem Ball herlaufen – und das auch noch vergeblich. Du bist halt verloren, wenn du am Ende keine halbwegs überzeugende Theorie präsentieren kannst, warum dir der Fußball so wichtig ist. Außerdem wirst du es nie schaffen, eine Kolumne zu schreiben, die diese Wochenzeitung tatsächlich veröffentlicht. Also dort, wo du sogar auf Leserinnen oder Leser treffen könntest, die noch gar nichts mitbekommen haben von Undavs endgeilem Rückziehertor in Dortmund.


Veranstaltungshinweis für Fußballstrategen und Sportphilosophinnen: Christoph Biermann ist am Donnerstag, 4. Dezember um 19 Uhr zu Gast beim VfB-Fanprojekt. Der Chefreporter des Fußballmagazins "11Freunde" spricht über den Zufall im Fußball und die Strategien, ihn unter Kontrolle zu bringen. Hauptstätter Straße 41 in Stuttgart-Mitte, Eintritt frei, mehr Info hier. Kontext-Kolumnist Bernd Sautter moderiert. 

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5 Kommentare verfügbar

  • Klaus
    at
    Reply
    Das wird noch massiv vom „öffentlichen Rechtlichen“ unterstützt! In fast jeder Tagesschau wird über Fußball gelabert, in jeder Nachrichtensendung gibt es einen Beitrag zu irgendeinem sch… Fußballspiel, manchmal dauert die Nachrichtensendung insgesamt 4 Min., davon dann 2 Min. Fußball. Alle anderen…
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