"Macht denn hier kein Zug einmal halt?", fragt der Journalist. "Macht, macht schon", antwortet der Bahnbeamte. "Nur Geduld." Er kontrolliert die Fahrkarte des Gastarbeiters. "Dieser Zug kommt nicht zu diesem Bahnsteig. Sie sind hier falsch." Der Journalist schaltet sich ein: "Er versteht die Sprache nicht, er ist Fremdarbeiter." Der Beamte: "Das sieht man, er ist auf dem falschen Bahnsteig." Der Journalist: "Von welchem Gleis fährt sein Zug?" Der Beamte: "Das ist unwichtig."
"Der Inhalt des Stücks", erkennt 1967 der Theaterkritiker der "Stuttgarter Nachrichten", sei "unzweifelhaft inspiriert vom absurden Theater mit Seitenblicken auf lückenlos strukturierte, sprachliche Kunstgebilde Samuel Becketts". In Borans Doktorarbeit bestätigt der Autor: "Becketts Einfluss ist unverkennbar, sechs Personen warten in diesem Stück auf einem deutschen Bahnsteig auf den Zug, der sie mitnehmen und in eine gute Zukunft bringen soll. Unnötig zu sagen, dass ihr Zug nicht ankommt."
Pazarkaya war kein Gastarbeiter. 1940 in Izmir geboren, kam er im Alter von 18 Jahren nach Stuttgart. Er studierte Chemie, wechselte zur Germanistik und gründete 1961 im Rahmen des Studium generale die Studiobühne: ein Studierenden-Theater, das mit Stücken von Bertolt Brecht bis Harold Pinter – ein anderer Autor des absurden Theaters – auf Festspielen von Erlangen bis Istanbul auftrat. Pazarkaya übersetzte Texte türkischer Autoren ins Deutsche und umgekehrt, er schrieb Artikel im Feuilleton verschiedener Zeitungen und war später Redakteur beim WDR in Köln, wo er bis heute lebt.
Ein Botschafter der türkischen Kultur
Beckett war ihm nicht fremd. Aber in einem Beitrag für den Süddeutschen Rundfunks versucht er schon 1969 nachzuweisen, dass das populäre, satirische türkische Karagöz-Schattentheater "zwar keine Vorwegnahme des epischen, grotesken und absurden Theaters ist, aber viele ähnliche Mittel und Elemente enthält."
Pazarkaya hat sich zeitlebens als "Botschafter der türkischen Kultur" verstanden, wie er 1982 im Vorwort seines Sammelbands "Rosen im Frost" ausführt. Besonders ärgerte ihn, dass die Türkei immer als kulturlos hingestellt würde. "Insbesondere die Volkskunstarten standen in höchster Blüte", schreibt er, "wovon die jahrtausendealte, einzigartige Kelim-Knüpfkunst, die heute noch begeistert, ein Zeugnis ablegt."
"Die Türken werden als Kulturvolk aus dem Bewusstsein verdrängt, als ob sie überhaupt nicht existierten", protestiert Pazarkaya 1982, ganz im Sinne der postkolonialen Kritik: "Sie sind ein beliebiges Objekt, aber niemals ein Subjekt." Die Ursache sieht er in der deutschen Kleinstaaterei des 19. Jahrhunderts: "Die Fähigkeit, den verhassten 'Fremden' bzw. 'Anderen' zu erfinden", analysiert er, "entwickelte sich schnell zu einem 'Mentalitätsmerkmal'."
Von Gast- oder Fremdarbeitern spricht heute niemand mehr. Ungefähr die Hälfte der Menschen mit Vorfahren in der Türkei, die heute in Deutschland leben, sind Deutsche. Während Pazarkaya vor sechzig Jahren zu den ersten gehörte, die darauf hinwiesen, dass sie keine kulturlosen Barbaren seien, widmen sich heute zahlreiche Einrichtungen wie das Deutsch-Türkische Forum in Stuttgart der Kulturvermittlung.
58 Jahre sind seit der ersten Aufführung des Stücks vergangen. In einem "imaginären Gespräch" mit dem Autor erinnert die kubanische Theaterwissenschaftlerin und Schauspielerin Karina Pino daran, was 1967 geschah. Es war das Jahr des Sechstagekriegs, der ersten Herztransplantation, der Erfindung der Computermaus und des "Summer of Love" in San Francisco. Benno Ohnesorg wurde ermordet. Pino endet mit einem Karaoke über Udo Jürgens' Lied "Griechischer Wein", Nikakis zu Ehren. Der ist begeistert – auch von der Schauspielerin.
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