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Theaterstück "Ohne Bahnhof"

Warten auf den Zug

Theaterstück "Ohne Bahnhof": Warten auf den Zug
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 Fotos: Julian Rettig 

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Datum:

Das erste Theaterstück eines türkischen Autors auf einer deutschen Bühne war 1967 im Stuttgarter Theater der Altstadt zu sehen: der Einakter "Ohne Bahnhof" von Yüksel Pazarkaya, der beinahe in Vergessenheit geraten wäre. Nun folgt nach fast 60 Jahren eine zweite Aufführung.

In der Brennerstraße im Bohnenviertel, einem der beiden Quartiere der Stuttgarter Altstadt, folgt auf die Hausnummer 15 die 21. Dazwischen, in der Brennerstraße 17, befand sich in den 1960er-Jahren das Theater der Altstadt, das heute zwar immer noch so heißt, sich inzwischen aber am Feuersee im Stuttgarter Westen befindet. Sein erstes Domizil, eine hölzerne Baracke, ist 1969 abgebrannt.

Die fehlende Hausnummer wirkt wie ein Sinnbild für eine Lücke in der Theatergeschichte. Denn genau hier fand 1967 die Premiere des ersten Theaterstücks eines türkischen Autors in Deutschland statt. Es war nur einmal zu sehen, von der Uraufführung haben sich nur wenige Spuren erhalten: "Ohne Bahnhof" von Yüksel Pazarkaya. Außer dem Text existieren noch zwei Zeitungsartikel und zwei Schwarzweißfotos. Und einer der Darsteller: Andreas Nikakis.

Nach der einmaligen Aufführung 1967 geriet das Stück in Vergessenheit. Im Schaudepot im Stuttgarter Süden folgt nun am Samstag, 58 Jahre danach, die zweite Inszenierung. Die Räume sind allerdings ziemlich klein, nur 52 Quadratmeter. Es gibt keine Schauspieler, nur Publikum. Und die Welt hat sich seit 1967 stark verändert. Daher haben Melanie Mohren und Bernhard Herbordt – die Initiator:innen des Schaudepots – Gäste eingeladen, das Stück aus heutiger Sicht neu zu befragen.

"Heute. Hier. Jetzt. Gehen wir. Setzen wir einen Fuß vor den anderen", rezitiert die in Leipzig lebende Autorin Özlem Özgül Dündar während der Bauprobe im Oktober vor dem Hauptstaatsarchiv ihren Text "Ohne Bahnhof reloaded". Bauprobe nennt man im Theater eine Probe, bei der mit einfachen Mitteln die räumlichen Gegebenheiten durchgespielt werden. In diesem Fall ist die Bauprobe ein Stadtrundgang. Im Mai hat es bereits eine öffentliche Leseprobe, im Juli eine Konzeptionsprobe gegeben.

Der Bahnhof bleibt unerreichbar

"Liebes Publikum", wendet sich Dündar nun an die Teilnehmer:innen, "Stellen Sie sich hierhin. Schauen Sie nach Norden. Sehen Sie, was dort ist? Ja? Sehen Sie was ich meine? Ich meine, diesen Bahnhof. Da ist ein Bahnhof. Können Sie ihn gut sehen?" Der echte Hauptbahnhof ist nicht so gut zu sehen, daher hat sie einen Pappkarton mit einer Zeichnung mitgebracht. "Wie können wir da hineingelangen?" fragt sie. "Warum geht es nicht? Ah, es ist nur ein Bild. Wir können nicht in das Bild hineingelangen. Verstehe."

Doch in den echten Bahnhof kann die Gruppe auch nicht hineingelangen, denn er ist eine Baustelle. "Ist das der alte oder der neue Bahnhof?" fragt Dündar. Der neue Bahnhof kann ebenfalls noch nicht betreten werden, denn er ist noch nicht fertig. Dündar will aber den Text von Yüksel Pazarkaya in die Welt hinaustragen. Da dies offenbar scheitert, möchte sie ihn ins Archiv bringen. Doch das Archiv ist geschlossen. Und zeigt an Pazarkayas Text wenig Interesse. Deshalb zieht der Trupp nun weiter zum Theater der Altstadt.

"Haalt!" ruft Nikakis, der Schauspieler der Uraufführung, als Herbordt und Mohren in der Brennerstraße zwischen Nummer 15 und 21 nach der Nummer 17 suchen. "Das Theater der Altstadt war hier, auf der anderen Straßenseite!" Warum die ungeraden Hausnummern die Straßenseite gewechselt haben, kann er auch nicht erklären. Doch der über achtzigjährige Zeitzeuge ist mit Feuereifer dabei. Er hat seinen zweiten großen Auftritt.

Pazarkayas Stück hat die halbe Welt umrundet, bevor es wieder nach Stuttgart kam. Azadeh Sharifi hat Herbordt und Mohren darauf aufmerksam gemacht. Die gebürtige Iranerin ist Gastdozentin an der Universität von Toronto, wo auch der deutsch-türkische Germanist Erol M. Boran lehrt, der über die Geschichte des türkisch-deutschen Theaters und Kabaretts seine Doktorarbeit geschrieben hat. Sein wichtigster Informant war Pazarkaya.

Falscher Bahnsteig

"Ohne Bahnhof", schreibt Boran, kann als "erstes Bühnenwerk eines türkisch-deutschen Autors überhaupt gelten." Während Pazarkaya die meisten seiner literarischen Werke auf Türkisch geschrieben habe, sei "Ohne Bahnhof" direkt in deutscher Sprache verfasst. Was man dem Text an einigen etwas holprigen Formulierungen anmerkt. "Hier trat zum ersten Mal ein türkischer Gastarbeiter auf, völlig stumm vom Anfang bis zum Ende des Stücks", zitiert Boran den Autor. "Er spielt schweigend mit, weil er damals noch kein Wort Deutsch kann."

Den spielte Nikakis, damals Architekturstudent. Auf einem Bahnsteig sitzen fünf Personen auf einer doppelseitigen Bank und warten auf einen Zug: eine Arbeiterin und ein Journalist, ein Rentner, ein Arbeiter und eine Studentin. Der Gastarbeiter kommt dazu. Nur der Zug kommt nicht. Hier wirkt das Stück plötzlich sehr aktuell, was Dündar in der Bauprobe genussvoll ausschlachtet.

"Macht denn hier kein Zug einmal halt?", fragt der Journalist. "Macht, macht schon", antwortet der Bahnbeamte. "Nur Geduld." Er kontrolliert die Fahrkarte des Gastarbeiters. "Dieser Zug kommt nicht zu diesem Bahnsteig. Sie sind hier falsch." Der Journalist schaltet sich ein: "Er versteht die Sprache nicht, er ist Fremdarbeiter." Der Beamte: "Das sieht man, er ist auf dem falschen Bahnsteig." Der Journalist: "Von welchem Gleis fährt sein Zug?" Der Beamte: "Das ist unwichtig."

"Der Inhalt des Stücks", erkennt 1967 der Theaterkritiker der "Stuttgarter Nachrichten", sei "unzweifelhaft inspiriert vom absurden Theater mit Seitenblicken auf lückenlos strukturierte, sprachliche Kunstgebilde Samuel Becketts". In Borans Doktorarbeit bestätigt der Autor: "Becketts Einfluss ist unverkennbar, sechs Personen warten in diesem Stück auf einem deutschen Bahnsteig auf den Zug, der sie mitnehmen und in eine gute Zukunft bringen soll. Unnötig zu sagen, dass ihr Zug nicht ankommt."

Pazarkaya war kein Gastarbeiter. 1940 in Izmir geboren, kam er im Alter von 18 Jahren nach Stuttgart. Er studierte Chemie, wechselte zur Germanistik und gründete 1961 im Rahmen des Studium generale die Studiobühne: ein Studierenden-Theater, das mit Stücken von Bertolt Brecht bis Harold Pinter – ein anderer Autor des absurden Theaters – auf Festspielen von Erlangen bis Istanbul auftrat. Pazarkaya übersetzte Texte türkischer Autoren ins Deutsche und umgekehrt, er schrieb Artikel im Feuilleton verschiedener Zeitungen und war später Redakteur beim WDR in Köln, wo er bis heute lebt.

Ein Botschafter der türkischen Kultur

Beckett war ihm nicht fremd. Aber in einem Beitrag für den Süddeutschen Rundfunks versucht er schon 1969 nachzuweisen, dass das populäre, satirische türkische Karagöz-Schattentheater "zwar keine Vorwegnahme des epischen, grotesken und absurden Theaters ist, aber viele ähnliche Mittel und Elemente enthält."

Pazarkaya hat sich zeitlebens als "Botschafter der türkischen Kultur" verstanden, wie er 1982 im Vorwort seines Sammelbands "Rosen im Frost" ausführt. Besonders ärgerte ihn, dass die Türkei immer als kulturlos hingestellt würde. "Insbesondere die Volkskunstarten standen in höchster Blüte", schreibt er, "wovon die jahrtausendealte, einzigartige Kelim-Knüpfkunst, die heute noch begeistert, ein Zeugnis ablegt."

"Die Türken werden als Kulturvolk aus dem Bewusstsein verdrängt, als ob sie überhaupt nicht existierten", protestiert Pazarkaya 1982, ganz im Sinne der postkolonialen Kritik: "Sie sind ein beliebiges Objekt, aber niemals ein Subjekt." Die Ursache sieht er in der deutschen Kleinstaaterei des 19. Jahrhunderts: "Die Fähigkeit, den verhassten 'Fremden' bzw. 'Anderen' zu erfinden", analysiert er, "entwickelte sich schnell zu einem 'Mentalitätsmerkmal'."

Von Gast- oder Fremdarbeitern spricht heute niemand mehr. Ungefähr die Hälfte der Menschen mit Vorfahren in der Türkei, die heute in Deutschland leben, sind Deutsche. Während Pazarkaya vor sechzig Jahren zu den ersten gehörte, die darauf hinwiesen, dass sie keine kulturlosen Barbaren seien, widmen sich heute zahlreiche Einrichtungen wie das Deutsch-Türkische Forum in Stuttgart der Kulturvermittlung.

58 Jahre sind seit der ersten Aufführung des Stücks vergangen. In einem "imaginären Gespräch" mit dem Autor erinnert die kubanische Theaterwissenschaftlerin und Schauspielerin Karina Pino daran, was 1967 geschah. Es war das Jahr des Sechstagekriegs, der ersten Herztransplantation, der Erfindung der Computermaus und des "Summer of Love" in San Francisco. Benno Ohnesorg wurde ermordet. Pino endet mit einem Karaoke über Udo Jürgens' Lied "Griechischer Wein", Nikakis zu Ehren. Der ist begeistert – auch von der Schauspielerin.

Was wird aus Theaterstücken, wenn sie nicht mehr aufgeführt werden? Damit sie nicht völlig aus der Welt verschwinden, haben Herbordt und Mohren, zunächst für ihre eigenen Produktionen, das Schaudepot eingerichtet, wo nun am kommenden Samstag eine neue Version von "Ohne Bahnhof" eingespielt wird, die dort dann immer wieder abgerufen werden kann.

Zuvor stehen in der Stadtteilbibliothek Heslach Karina Pino und andere Künstler:innen als lebende Bücher aus Brasilien, Argentinien und Kuba bereit, von widerständigen Tanzformen oder auch von "Ohne Bahnhof" zu erzählen. Im Schaudepot wird danach Özlem Özgül Dündar ihre Lesung fortsetzen, gefolgt von Karina Pino. An der anschließenden Neuinszenierung war Pazarkaya selbst beteiligt. Sechs Personen nehmen auf einer doppelseitigen Bank Platz und können, so sie wollen, auch eine Rolle übernehmen. Das wiederholt sich, bis alle Anwesenden an der Reihe waren. Die anderen werden solange verköstigt.

"Hier ist der Abgrund", sagt in Pazarkayas Stück die Studentin. "Die Schienen liegen tief im Abgrund." Soviel zu den prophetischen Gaben des Autors – mit Stuttgart 21 werden Bahnhof und Gleise wirklich in den Untergrund verlegt. Dass man auf einen Zug wartete und der nicht kam: Das gab es 1967 eigentlich noch gar nicht. Heute sind dagegen, wie der grüne Bundestagsabgeordnete Matthias Gastel weiß, allein in Baden-Württemberg 28 Städte, die einmal an die Bahn angeschlossen waren, ohne Bahnhof.


Am Samstag, 29. November folgt ein "Schaudepot – Spezial XVI", das Programm: Von 11 bis 13 Uhr stehen in der Stadtteilbibliothek Heslach, Böblinger Straße 92, Jorge Alencar und Neto Machado von der Dance Library in Salvador de Bahia, Brasilien, Emilia Dorr aus Argentinien und Karina Pino als lebende Bücher bereit. Um 14 Uhr kann man an einer Führung durch das Schaudepot in der Altenbergstraße 10 teilnehmen. Um 15 Uhr werden Özlem Özgül Dündar und Karina Pino ihre Lesung und ihr imaginäres Zwiegespräch fortführen. Und ab 16 Uhr folgen im halbstündigen Rhythmus die Aufführungen von "Ohne Bahnhof".

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