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FDP-Landesparteitag

"They are loving you"

FDP-Landesparteitag: "They are loving you"
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Sogar die erfolgsverwöhnte Südwest-FDP ist im Überlebenskampf. Verpasst sie am 8. März den Wiedereinzug in den Landtag, drohen dramatische Auswirkungen auf die Gesamtpartei. In Stuttgart beschwört sie deswegen "Freiheit!" und Radikalkuren à la Argentinien.

Jetzt hat es die Kettensäge doch geschafft: Vor einem Jahr beim traditionellen Dreikönigsparteitag musste der Parteinachwuchs noch draußen bleiben, weil die Security in der Fellbacher Schwabenlandhalle nichts von der Idee hielt, ein funktionsfähiges Stihl-Modell auf der Bühne zu präsentieren. Diesmal hatten die Jungen Liberalen eine chinesische Plastikvariante dabei, um ihrer Begeisterung für die Zerschlagung tradierter Strukturen zu unterstreichen. Und den Betriebsunfall aus dem Jahr 2025, als eine überraschende Mehrheit der Delegierten den Begriff "Kettensäge" aus dem Leitantrag herausstimmte, reparierte die Parteispitze auf ihre Weise: Mit Alejandro Cacace wurde einer der Ober-Deregulierer aus der Regierung des hochumstrittenen argentinischen Regierungschefs Xavier Milei als Gastredner geladen.

"They are loving you", freute sich Judith Skudelny, die Generalsekretärin, nach dessen heftig beklatschter Rede über die Abschaffung von Gesetzen, Paragrafen, Erlässen und Verordnungen, aber eben auch von demokratischen Grundsätzen. Die FDP scheut die Nähe zu den Radikalen dieser Welt also nicht mehr im angeblichen Bemühen, die Fahne einer Freiheit hochzuhalten, von der die Nachfahren eines Theodor Heuß oder eines Hans-Dietrich Genscher einen inzwischen mehr als seltsamen Begriff haben.

Noch nie war Dreikönig ein Ort der feinziselierten politischen Diskurse – nicht der traditionelle Landesparteitag am 5. Januar, nicht die Kundgebung mit den Auftritten der Parteiprominenz anderntags in der Stuttgarter Oper. Gerade bei letzterer ging es spätestens seit Guido Westerwelle um mehr als nur darum, zum Start ins neue politische Jahr Profil zu zeigen. Einpeitschen und aufrüsten hieß und heißt die Devise. 2026 ist die Frage nach dem Wozu schnell beantwortet: Die Freien Demokrat:innen wehren sich heftig strampelnd gegen den Untergang. Viel zu viel Inhaltliches bleibt dabei im Dunkeln oder zu widersprüchlich, zu einseitig und zu weit entfernt von der Wirklichkeit in einem Bundesland, das die Oppositions- und Besserverdienerpartei FDP reichlich schwarzmalt. 

Programmatisches Durcheinander mit Niveauverlust

Schon beim Landesparteitag liefern sich die Delegierten seltsame ideologiebefrachtete Scharmützel: Ja und Nein zum Ende vieler Verbeamtungen ab 2028, Ja und Nein zum Bodenschutz – "Bitte verzeihen Sie, ich bin Bodenkundler", leitet ein Delegierter seine Richtigstellungen ein –, Ja und Nein zur Subsidiarität. Irgendwann kollidiert der Parteitag endgültig mit der Realität: ausgerechnet bei einem Leib- und Magenthema aus den Tagen von Christian Lindner ("Digital first, Bedenken second"). Engagiert diskutiert wird über einen "Staat, der es einfach macht", konkret über den "zentralisierten Auswahlprozess für Verwaltungs- und Schulsoftware auf Landesebene". Unterstellt wird eine Vereinfachung von Prozessen auf der ganzen Linie, natürlich zur Entlastung der tagtäglich überaus bürokratiebelasteten Bürger:innen. Die Debatte steht für die Zwickmühle, in die sich die FDP selbst gebracht hat. Sollen Kommunen und Schulen mehr Freiheiten und Entscheidungsmöglichkeiten vor Ort erhalten, weil Konkurrenz das Geschäft belebt? Erst nachdem eine Bürgermeisterin klarmacht, dass hier längst eine zentrale Lösung existiert, die aber die Bedürfnisse vor Ort nicht mehr erfüllt, wird der Antrag knapp abgelehnt.

Noch schwerer als das programmatische Durcheinander wiegt der Eindruck eines markanten Niveauverlusts. Zwar steht Dreikönig schon lange nicht mehr für seriöse Politik-Unterhaltung. Diesmal aber treibt es vor allem Hans-Ulrich Rülke, der FDP-Spitzenkandidat, der so gerne Wirtschaftsminister und stellvertretender Ministerpräsident unter dem CDU-Kandidaten Manuel Hagel werden will, doch zu arg. Um Cem Özdemir und Winfried Kretschmann zu verunglimpfen, muss der Pfleger in Italien herhalten, der verkleidet als seine tote Mutter die Rentenweiterzahlung erschwindeln wollte. "Aus dem Dekolleté quoll ihm das Brusthaar", weiß der über den Dichter Friedrich Gottlieb Klopstock promovierte Ex-Studienrat. Jetzt ermittle die dortige Staatsanwaltschaft. Und dann: "Meine Damen und Herren, warum erinnert mich das bloß an den Landtagswahlkampf der Grünen?" Es werde so getan, als träte Winfried Kretschmann wieder an, meint Rülke. Im Hintergrund sind Bilder der beiden Grünen an die große Bühnenrückwand geworfen.

Dafür gibt es Lacher und Applaus im keineswegs vollbesetzten Großen Haus. Ebenso wie für die Storys, die sich Rülke über Spitzenkandidat Özdemir zusammengebastelt hat. Zum Beispiel die von der problematischen Analysesoftware Gotham von Palantir. Denn selbstverständlich hat nicht etwa, wie vom FDP-Hoffnungsträger behauptet, der Grüne ins Wahlprogramm hineingeschrieben, "wir müssen die Software Gotham von Palantir in der Landesverwaltung wieder abschaffen", während die Grünen-Fraktion vor Weihnachten der Einführung zustimmte. 

Im Stammland

Zwei Besonderheiten heben die Südwest-Liberalen aus dem Reigen der sechzehn FDP-Landesverbände heraus. Nirgends sonst stellte die Partei schon einmal einen Ministerpräsidenten: Reinhold Maier von 1952 bis 1953. Außerdem ist die FDP in Baden-Württemberg noch nie aus dem Parlament geflogen. Auch diesmal stehen die Chancen, wieder in den Landtag zu kommen, trotz der bundesweiten Baisse gar nicht so schlecht. Die Herbstumfragen wiesen immerhin zwischen fünf und sieben Prozent aus. Spitzenkandidat Hans-Ulrich Rülke kann darauf verweisen, dass seine Partei Ende 2020 bei mageren sieben Prozent festhing, dann aber am 13. März 2021 mit 10,5 Prozent und dem drittbesten Ergebnis seit einem Vierteljahrhundert vergleichsweise strahlend in den Landtag einzog. Wenig spricht hingegen dafür, dass es in zwei Monaten tatsächlich für die Wunschkoalition mit der CDU reicht. In aktuellen Umfragen ist Schwarz-Gelb weit entfernt von der 40-Prozent-Marke. Anders 2011: Schuld am damaligen Machtwechsel war nicht die CDU von Ministerpräsident Stefan Mappus mit ihren satten 39 Prozent, sondern die FDP, die mit gut fünf Prozent entscheidend schwächelte. Am Ende fehlten beiden nur drei Mandate zur Mehrheit im Landtag.  (jhw)

Im Wahlprogramm steht einzig: "Spätestens bis zum Jahr 2030 muss – zum Beispiel ausgehend von einer europäischen Entwicklungsausschreibung – eine verfahrensübergreifende Recherche- und Analyseplattform von europäischen Unternehmen bereitstehen, auf die unsere Sicheheitsbehörden umsteigen." Eine Position, die nicht nur der Grüne, sondern sogar die CDU, namentlich Innenminister Thomas Strobl, vertritt. Und damit einer der noch führenden Köpfe jener Partei, mit der die Südwest-Liberalen in Bälde regieren wollen, um endlich für eine "bürgerliche Wende" zu sorgen.

Freiheit heißt Nacktfotos

Zu einer solchen Wende gehört laut Christian Dürr selbstredend dieses ganze neue Verständnis von Freiheit, das Deutschland angeblich unbedingt braucht und das selbstredend nur die FDP liefern kann. Für den Lindner-Nachfolger gehört dazu, dass Männer ein Anrecht darauf haben, über ihrem Arbeitsplatz Kalender mit Nacktfotos von sich auf Autos räkelnden Frauen aufzuhängen. Spätestens an dieser Stelle der ersten Rede des neuen Bundesvorsitzenden dürften sich Anhängerinnen nach Westerwelle oder Lindner zurückgesehnt haben. 

Vom Vorgänger will sich Dürr, früher Fraktionschef im niedersächsischen Landtag, aber ohnehin abnabeln durch die Neupositionierung als "echte, auch radikale Reformkraft in der Mitte". Dazu feuert er Rülke an, an dessen weitreichenden Plänen zum Staatsumbau festzuhalten. Schon wieder tun sich die Widersprüche auf: Gerade Urgesteine der Südwest-FDP wie Andreas Knapp warnen vor der von Rülke geforderten Abschaffung der Regierungspräsidien. Der langjährige Abteilungsleiter des Landesrechnungshofs wirft die interessante Frage auf, wer denn eigentlich für Bürokratieabbau durch Digitalisierung und Vereinfachung sorgen soll und für den verbindlichen Einsatz von Software in der Verwaltung, wenn große Einheiten mit Durchgriffsrechten gar nicht mehr da sind. 

Liberale feiern argentinische Staatszerstörung

Der argentinische Gastredner entwirft das Bild eines Staates, in dem schon hinderlich ist, sich überhaupt solche Gedanken zu machen. Dabei sind Cacaces konkrete Beispiele für Deregulierung an Dürftigkeit kaum zu überbieten: Wassermelonen für den Export müssen nicht mehr in Luftpolsterfolie verpackt werden. So mancher Importeur hat sich sicher schon sehr gefreut über den gelieferten Matsch. Und Knoblauchknollen – Glückwunsch zur derart viel Durchschlagskraft – werden nicht mehr nach Größe vorsortiert. Zentrale Themen, die seine Heimat spalten, spart der Jurist lieber aus, weil sie nicht ins Bild der heilbringenden Deregulierung passen: Ohne Donald Trumps Finanzspritze wäre die 46 Millionen Einwohner:innen zählende Nation im Herbst zahlungsunfähig gewesen; Milei und Familienangehörige sehen sich Korruptionsvorwürfen ausgesetzt; dem Abbau in der Verwaltung steht der Ausbau der Geheimdienste gegenüber.

Außerdem tobt in Argentinien zurzeit ein Kampf um die Stellung der Gewerkschaft: Die Tarifautonomie und Arbeitnehmer:innenrechte sollen massiv beschnitten werden. Ein erster Anlauf dafür ist im Abgeordnetenhaus gescheitert. Ein zweiter soll im Februar folgen. Judith Skudelny, die frühere Bundestagsabgeordnete aus Stuttgart, stilisiert Cacace als einen der Vorkämpfer dieser Deregulierung der Wirtschaft dennoch – oder deshalb – sogar zum Bildhauer: Weil es in Argentinien gelinge, dank der "richtigen Anwendung" der Kettensäge ein Kunstwerk zu schaffen.

Die übliche, für eine kleine Partei ohnehin überdimensionierte Verbreitung solcher und anderer Weisheiten ist übrigens Geschichte: Die Ereigniskanäle haben sich von der Live-Übertragungtradition des Freiheits-Hochamts zu Dreikönig verabschiedet. "Aber solange die 'Heute Show' noch da ist", weiß die liberale EU-Abgeordnete Marie-Agnes Strack-Zimmermann, "ist alles in Ordnung, denn die gehen als letzte von Bord."

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