"Die Arbeit ist extrem belastend", sagt Betriebsrat Thomas Ducks vor dem nächsten Journalistenstreik. Fotos: Joachim E. Röttgers

"Die Arbeit ist extrem belastend", sagt Betriebsrat Thomas Ducks vor dem nächsten Journalistenstreik. Fotos: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 377
Medien

"Lasst uns jeden Morgen vors Werkstor ziehen"

Von Josef-Otto Freudenreich (Interview)
Datum: 20.06.2018
Bei Zeitungen zu arbeiten, ist heute kein Vergnügen mehr. Dort Betriebsrat zu sein noch viel weniger. Thomas Ducks hat den Job zwölf Jahre lang gemacht, zuletzt als BR-Vorsitzender bei der Medienholding Süd, zu der die "Süddeutsche Zeitung" sowie die StZN gehören. Der 57-Jährige sagt, er müsse da jetzt raus.

Während des Gesprächs klingelt immer wieder das Mobiltelefon. Die Urabstimmung über den nächsten Journalistenstreik steht in dieser Woche (20.-22.6.) an. "Es sieht gut aus", sagt Ducks in der Kontext-Redaktion, beide Gewerkschaften, verdi/dju und Deutscher Journalistenverband djv, könnten mit breiter Zustimmung rechnen. Denn der Frust sei groß. Verständlicherweise. Der Verlegerverband BDZV weigert sich auch nach der sechsten Verhandlungsrunde, ein Angebot zu machen, das über der Inflationsrate liegt. Ducks' eigene Gemütslage ist ebenfalls verbesserungsfähig. Beim kommenden Streik ist er aber noch dabei.

Kollege Ducks, Sie haben den längsten Journalistenstreik in Deutschland angeführt, 96 Tage lang im Jahr 2011, waren danach immer vorne mit dabei, und jetzt ist Schluss. Warum?

Ich brauche eine Auszeit, einfach Ruhe, der Adrenalinpegel muss runter. Die Arbeit als Betriebsrat beim "Schwarzwälder Boten", in der Medienholding Süd und der Südwestdeutschen Medienholding ist sehr anspruchsvoll.

Schön ausgedrückt. Anstrengend wäre wohl klarer.

Sehr anstrengend sogar. Wir sind oft gegen die Wand gelaufen, aber auch hindurch, weil wir gemeinsam stark waren. Um etwas als Betriebsrat zu erreichen, musst du dich durch Schulungen professionalisieren und konsequent handeln. Es hilft nicht, in dem Konflikt zwischen Kapital und Arbeit so zu tun, als hätten wir uns alle lieb. Wir leben in einer kapitalistischen Welt, in der sich kein Arbeitnehmer darauf berufen kann, einmal Mitarbeiter des Monats gewesen zu sein. Wer dem Profit im Weg ist, wird entfernt.

"Es hilft nicht, in dem Konflikt zwischen Kapital und Arbeit so zu tun, als hätten wir uns alle lieb."
"Es hilft nicht, in dem Konflikt zwischen Kapital und Arbeit so zu tun, als hätten wir uns alle lieb."

Das gilt wohl auch für den Betriebsrat Ducks. In Kontext hatten wir von den Schikanen berichtet, denen Sie seitens der "Schwabo"-Geschäftsführung im vergangenen Jahr ausgesetzt waren. Damals sagten Sie, man wolle Sie "mürbe machen". Gelungen?

Zunächst mal schön, dass Kontext darüber berichtet hat. Das tun die wenigsten und ich weiß das zu schätzen. Meine Entscheidung zu gehen, hat aber mit den Ereignissen von damals nichts zu tun. Leben ist dynamisch. Nichts bleibt so, wie es ist. Richtig ist, dass diese Arbeit Spuren hinterlässt, die mit Dienstschluss nicht enden. Da geht es einerseits um Schicksale, um Existenzängste, um Arbeitsplatzverluste, andererseits um harte Auseinandersetzungen, die du führen und aushalten musst. Das ist alles seelisch extrem belastend, zumal dann, wenn diese Probleme zum Bestandteil des privaten Lebens werden.

Die Kapitalseite ist da weniger empathisch.

Anstatt nur an die Verzinsung ihres Kapitals zu denken, könnte die Kapitalseite überlegen, welchen Wert die Motivation ihrer Mitarbeiter hat. Die ist nämlich das größte Kapital eines jeden Unternehmens. Eine zufriedene Belegschaft schafft einfach lieber und mehr.

Sternzeichen Stier

Thomas Ducks, Jahrgang 1961, geboren in Nordhorn (Niedersachsen), Sternzeichen Stier, hat in Ethnologie promoviert, zuerst als Afrikanist beim Bremer Überseemuseum gearbeitet, danach beim "Schwarzwälder Boten" mit dem Volontariat (1992) begonnen. Seit 2006 ist er dort Betriebsrat, seit 2010 Vorsitzender und er kann für sich in Anspruch nehmen, den längsten Journalistenstreik der Nachkriegsgeschichte angeführt zu haben. Zusätzlich war er auch noch Chef des Konzernbetriebsrats der Medienholding Süd. Seine Nachfolge tritt Michael Trauthig von der "Stuttgarter Zeitung" an. (jof)

Die Angebote der Verleger spornen zu Höchstleistungen nicht an.

Warum sollen Leute glauben, ihre Arbeit werde wertgeschätzt, wenn sie wieder mit "Angeboten" abgespeist werden, die unter der Inflationsrate bleiben? Welchen Grund sollen sie haben, sich mit ihrer Arbeit und ihrem Arbeitgeber zu identifizieren? Sie haben eher den Eindruck, dass sie abgewertet werden.

Dieses Spiel läuft im Tageszeitungsgewerbe seit zehn Jahren so.

In der Tat, ich habe das bei mir selbst ausgerechnet. In den letzten zehn Jahren habe ich im Prinzip keinen Lohnzuwachs gehabt. Ich müsste heute 600 bis 800 Euro brutto pro Monat mehr verdienen – wenn ich nur ein Prozent über dem Inflationsausgleich bekommen hätte.

Jetzt bieten die Verleger immerhin schon Fahrräder und Essensgutscheine an. Oder anders ausgedrückt: Die Geringschätzung des Personals ist eklatant. Und das wiederum hängt mit dem bescheidenen Drohpotenzial desselben zusammen.

Das stimmt leider. Ein Streik wird nicht am Verhandlungstisch gewonnen, sondern vor dem Werkstor. Die Verhandler der Arbeitnehmer können nur so stark sein, wie ihre Unterstützung draußen ist. Und wenn ich dann sehe, wie wenig JournalistInnen deutschlandweit bereit sind, für ihre Tarifverträge auf die Straße zu gehen, dann wird's schon problematisch.

Wie viele sind es denn?

Schon die Zahl 13 000, die für die JournalistInnen an Tageszeitungen genannt wird, halte ich für unzutreffend. Wenn noch 8000 in tarifgebundenen Betrieben arbeiten, scheint mir das realistischer zu sein. Und wenn davon knapp 1000 streiken, sind wir bei zwölf, dreizehn Prozent. Das ist wohl zu wenig, um dauerhaft durchsetzungsfähig zu sein.

Und der Verleger kann sich entspannt zurücklehnen.

Sagen wir mal so: Er kann in Ruhe abwarten, was da kommt, und sich relativ unaufgeregt fragen, wie wohl diesmal die Performance seines Personals sein wird.

Die Performance ist häufig klagender Natur. Man fühlt sich in den Redaktionen nicht geachtet.

Ein paar mehr müssten schon antanzen zum Streik ...
Ein paar mehr müssten schon antanzen zum Streik ...

Das ist unterschiedlich ausgeprägt und liegt auch an der jeweiligen Unternehmenskultur und -geschichte. Es fällt bei der "Süddeutschen Zeitung" anders aus als bei der "Stuttgarter Zeitung", und nochmals anders beim "Schwarzwälder Boten".

Die KollegInnen der STZN fordern den Verhandlungsführer der Verleger, Georg Wallraf, jetzt brieflich auf, ihnen einen "wirklichen Reallohnzuwachs zuzubilligen", als "Zeichen der Wertschätzung". Wird ihn das beeindrucken?

Das weiß ich nicht. Das hängt sicherlich auch davon ab, ob es den Streikenden weiter gelingt, Druck aufzubauen. Etwas zu tun ist jedenfalls immer besser als nichts zu tun. Wenn ich nichts unternehme, werde ich auch niemals herausfinden, was tatsächlich möglich ist.

Die Wirkungsmacht solcher Aktionen scheint bei den Verlegern begrenzt zu sein. Auch nach sechs Tarifrunden bewegen sie sich einfach nicht.

Wenn wir nur noch wenige gallische Dörfer außerhalb Baden-Württembergs haben, ist das nicht verwunderlich. Warum soll sich ein Verleger in Niedersachsen, im Osten oder in Rheinland-Pfalz bewegen? Dort wird schon lange nicht mehr so gestreikt wie bei uns im Südwesten.

Was also tun?

Man muss als Gewerkschaft konsequent in die Betriebe gehen und dort für Tarifverträge werben. Sie sind ein hohes Gut, weil sie uns Arbeitnehmer vor Lohndumping schützen. Zweitens muss man sich die wachsende Gruppe der Betriebe vornehmen, die aus dem Tarif flüchten. Das lässt sich nicht am Telefon erledigen.

Beide Gewerkschaften, Verdi und DJV, werden sagen: kein Personal.

Und sie werden sagen: kein Mitgliederzuwachs, kein Geld. Diesen gordischen Knoten kann ich auch nicht durchschlagen.

Es ist noch nicht so lange her, da haben Sie erklärt, Sie fühlten sich von den Gewerkschaften "hinter die Fichte" geführt. Das war im Juli 2016, nachdem der Streik mit fulminanten 1,5 Prozent beendet wurde. Gefordert wurden fünf.

Wir haben daraus gemeinsam gelernt und gesagt, wir wollen an der Planung des nächsten Streiks frühzeitig beteiligt sein. Das ist auch so geschehen. Nur ist damit das Grundproblem nicht gelöst: Die Truppen fehlen. Wenn wir sie hätten, wäre der Tarifstreit längst beendet.

Es war schon immer schwierig, mit Menschen zusammen zu kämpfen, die sich als Individualkünstler verstehen.

... so wie hier in Esslingen am 25. April.
... so wie hier in Esslingen am 25. April.

Das ist im Journalistenberuf weit verbreitet – wie übrigens auch die vermeintliche Lizenz zur Selbstausbeutung oder die Vorstellung, persönlich der Leserschaft rund um die Uhr verpflichtet zu sein. Ich muss den schreibenden KollegInnen immer wieder sagen, dass sie heute in erster Linie einmal abhängig Beschäftigte sind wie jede andere Berufsgruppe auch. Dass sie keinen Sonderstatus haben. Manche meinen, sie seien von immenser Bedeutung, sowohl für das Unternehmen wie für diese Republik. Dies einmal etwas selbstkritischer und nüchterner zu betrachten, wäre schon sehr hilfreich.

Wenigstens dem Ego tut's gut.

Bitte sich nichts vormachen. Es ist ja schön zu glauben, man sei bedeutsam und mache etwas Bedeutsames. Aber das ist Quatsch. Die Wahrheit ist: jeder ist austauschbar.

Was haben wir – vor diesem Hintergrund – an Kampfeslust zu erwarten?

Die Urabstimmung wird ihre Mehrheit finden, aber dann ist die Frage, was in den folgenden ein, zwei, drei, vier Wochen passiert. Wenn du keinen Plan dafür hast, kann etwas sehr Zerstörerisches anfangen: das Grübeln. Bin ich auf dem richtigen Pfad oder soll ich doch lieber arbeiten gehen? Und einen unbefristeten Streik mit der weißen Fahne zu beenden, das ist verheerend.

Egal, ob 2011 oder 2013 oder 2016 – jedes Mal war der Frust groß.

Das wird in diesem Jahr vermutlich nicht anders sein. Auf der anderen Seite muss jedem klar sein: wenn wir uns nicht wehren, nehmen uns die Verleger auch noch das letzte Zehntel, das wir ihnen jetzt wieder einmal mühsam abringen müssen. Ohne unsere Streikbereitschaft würden wir nämlich gar nichts bekommen – und damit der Reallohnsenkung tatenlos zusehen. Insofern ist auch ein überschaubarer Zuwachs ein positives Resultat.

Nun sind die Verleger kein monolithischer Block. Manche wären wohl bereit, ein höheres Angebot vorzulegen.

"Wenn wir uns nicht wehren, nehmen uns die Verleger auch noch das letzte Zehntel."
"Wenn wir uns nicht wehren, nehmen uns die Verleger auch noch das letzte Zehntel."

Das hören wir von der SWMH, die wohl gerne den Sack zumachen würde. Als größtes Konglomerat im Land ist sie immer am meisten von Streiks betroffen. Baden-Württemberg ist nun mal Hochburg und Motor des Streiks. Auf der anderen Seite haben wir Hardliner in den Reihen der Verleger, die uns das nicht gönnen.

Die SWMH scheint es sich auch locker leisten zu können. Ihr Geschäftsführer Richard Rebmann gehört zumindest nicht zu denen, die das Hungertuch bemühen.

Und das heißt, dass es seinem Laden gut geht. Aber wir haben keinen genauen Einblick in die Bücher. Der Tendenzschutz verwehrt uns das. Wenn ich so mit den Geschäftsführern zusammen hocke, habe ich immer den Eindruck, dass sie da sehr entspannt sitzen und zufrieden sind. Ich habe es mir zur Gewohnheit gemacht, sie zu fragen, ob wir Geld verdient haben, um dann gemeinsam festzustellen, dass wir nicht in einem insolvenzgefährdeten Unternehmen arbeiten. Kurzum: dem Betrieb geht es augenscheinlich gut.

Was heißt das konkret?

Natürlich gibt es heute keine Umsatzrenditen von 25 Prozent mehr. Aber so wie ich die Verleger und Manager erlebe, vermitteln sie mir immer noch den Eindruck, dass sie gutes Geld mit unserer Arbeit verdienen. Und davon wollen wir unseren Anteil.

Also, Kolleginnen und Kollegen, hört die Signale ...

Beim Streik habt ihr nicht frei. Wenn ich unbefristet streike, heißt das nicht, dass ich den Rasen mähe oder ins Freibad gehe. Ja, ich verweigere meine Arbeitspflicht, aber ich habe stattdessen ein tägliches Arbeitsprogramm für den Streik. Lasst uns jeden Morgen geschlossen und entschlossen vors Werkstor ziehen und der Chefetage zeigen, dass es uns gibt.

 

Info:

In einem Brief an den Verlegerverband BDZV wollen die KollegInnen der "Stuttgarter Zeitung" und der "Stuttgarter Nachrichten" klar machen, wie ihre Motivation durch die rigide Haltung der Zeitungseigner kaputt gemacht wird. Hier ist er nachzulesen.

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